Essaouira

Das Wetter ist günstig für uns, der Wind weht nicht mehr aus Süden und die Wellen gehen zurück, ein Auslaufen aus Rabat ist nun möglich. Nach etwas Warterei beim Ausklarieren weist uns das Pilot-Boot wieder den Weg in den Atlantik. Nach zwei Nachtfahrten erreichen wir in der Früh Essaouira, das bekannte Künstler- und Fischerdorf. Wir sind die einzige Yacht und gehen längsseits an ein uraltes Schiff der Küstenwache. Freundliche Beamte und ein umständliches Ausfüllen von Formularen bei der Küstenwache, der Polizei und dem Hafenmeister. Der erste Eindruck in Essaouira ist Fisch, der zweite, dritte und vierte ebenso und dann hat vorerst einmal kein weiterer Eindruck Platz. Wir liegen mitten im Fischerhafen, dem ältesten Hafen Marokkos, Fischmarkt ist überall, es hat ein unvergessliches Fischaroma, Jonas im Walbauch muss es ähnlich gegangen sein, Fisch, Fisch, Fisch, Fisch. Die ganze Welt besteht aus Fisch und Fischkutter und Möven und Katzen und Fisch. Der Fang wird an Ort und Stelle verkauft, geputzt, ausgenommen, gekocht, gegessen oder in Kühltransporte verladen. Es gibt riesige Aale, Unmengen an Sardinen, Hummer, Meeresspinnen, Riesenkrabben, Haie. Das Meerwasser im Hafen ist eine ölige braune Suppe, was dort hineinfällt verschwindet wohl auf Nimmerwiedersehen, und dennoch springen ein paar Jugendliche hinein. In der Nacht zwängt sich ein Fischkutter nach dem anderen in den Hafen, es wird geschlichtet wie Autos auf eine griechische Fähre, unglaublich wie sich diese riesigen Rostkähne einer nach dem anderen hineinquetschen – mir wird ganz schwindlig, wenn die riesigen Stahlnasen wenige Zentimeter an unseren Wanten vorbeifahren. Die Kutter sehen aus wie ein schwimmender Autofriedhof, nicht zu vergleichen mit den hübschen bunten Fischerbooten im Mittelmeer. Kurz nach uns kommt der österreichische Katamaran FLORIMELL (www.florimell.at) mit Connie, Harald, Franziska und Simon in den Hafen, wir legen uns „auf ein Packerl“ und verbringen einen netten gemeinsamen Abend, mein Geburtstag wird mit einem Abendessen (Fisch in Salzkruste) im Chez Sam und einer Flasche Rotwein auf der FLORIMELL gefeiert. Ein Spaziergang durch die Stadt am nächsten Tag eröffnet dann ganz andere Eindrücke, außerhalb vom Hafen gibt es eine saubere, touristisch erschlossene und sehr hübsche Stadt, Künstlerläden in engen Gassen, romantische Restaurants, ein riesiger Sandstrand, auf dem Tadeja zu einem Kamelritt eingeladen wird; berittene Polizisten auf Berberhengsten patrouillieren am Strand und Touristen liegen in der Sonne und baden im kühlen Atlantik. Es ist unser letzter Eindruck von Marokko, wir haben schon ausklariert, die Zollformalitäten erledigt und werden am Sonntag in der Früh zu den Kanaren aufbrechen.

Essaouira, Crowd
Essaouira, Crowd
Essaouira, gejagter Jäger
Essaouira, gejagter Jäger
Essaouira, Stilleben
Essaouira, Stilleben
Essaouira, Fischkutter
Essaouira, Fischkutter
Essaouira, Fischereiflotte
Essaouira, Fischereiflotte
Essaouira, KALI MERA Liegeplatz
Essaouira, KALI MERA Liegeplatz
Essaouira, Restaurant und Speisekarte
Essaouira, Restaurant und Speisekarte
Essaouira, Kaffeekränzchen
Essaouira, Kaffeekränzchen
Essaouira, Fischer
Essaouira, Fischer
Essaouira, Fuchur und Tadeja
Essaouira, Fuchur und Tadeja
Essaouira, Schiffe der Wüste
Essaouira, Schiffe der Wüste
Essaouira, Gemüsemarkt
Essaouira, Gemüsemarkt
Essaouira, Oliven
Essaouira, Oliven

Marrakesch

Wir haben einige Tage gemütlich in Rabat verbracht, ich habe wieder ausreichend am Schiff herumgeschraubt, der Fokus liegt nun nicht mehr auf Reparaturen sondern ich habe einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (Schiffs KVP) eingeleitet. Mit unseren Stegnachbarn Bill und Judy von BE-BE machen wir einen Ausflug in die Medina zum Staunen und Essen, zum Großeinkauf überfallen wir den Carrefour in Sale.

Dann machen wir uns wieder auf und reisen bequem mit der Bahn erster Klasse nach Marrakesch. Unsere Unterkunft ist ein Riad mitten in der Medina, wir nehmen ein Taxi vom Bahnhof. Diesmal sind wir gut vorbereitet, mit Google maps und einem Navigationsprogramm habe ich schon genau markiert wo wir hin müssen. Wir ignorieren die ersten Taxi-Schlepper direkt am Bahnhof, die uns für nur 50 Dirham zur Medina bringen wollen (very cheap mister), halten ein Taxi auf und überreden den Fahrer sanft, das Taxameter einzuschalten (es ist doch nicht kaputt, man muss nur probieren und alles geht wieder). Wir haben unser Taxi Lehrgeld in Fes bezahlt, 100 Dirham (10 Euro) hätte der vom Hotel organisierte Taxi Transfer gekostet, 50 Dirham haben wir dann als Festpreis einem Taxifahrer bezahlt um dann am Rand der Medina abgesetzt zu werden, 10 Dirham hat die Rückfahrt zum Bahnhof mit Taxameter gekostet. Wir haben also so eine Art Taxigast-grundausbildung mitgemacht und damit werden wir um 25 Dirham in Marrakesch direkt in das Herz der Medina gefahren, in die Nähe vom Hotel und soweit das Taxi halt wegen der sehr engen Gassen fahren kann. Ein großzügiges Trinkgeld zaubert dann ein Lachen in das Taxler-Gesicht und wir sind alle sehr zufrieden.

Die Medina ist vielfach autofrei, aber wohl einfach deswegen, weil die Straßen zu eng zum Durchkommen sind. Aber alles was fahren kann und schmäler ist als eineinhalb Meter bewegt sich mit Höchstgeschwindigkeit, Eselkarren, Pferdekutschen, Handwagen, Fahrräder und Mopeds sowie diverse andere Gefährte für die es im Westen noch keine Namen gibt. Mopeds knattern mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Menschenmassen, es ist für uns Europäer völlig unverständlich warum es nicht ununterbrochen zu Zusammenstößen kommt, im letzten Moment wird gebremst, es werden Haken geschlagen, abenteuerliche blitzschnelle Ausweichmanöver durchgeführt und millimetergenau an den Zehen vorbeigefahren. In vielen Jahrhunderten hat sich hier wohl durch die Medinaevolution und harte Auslese ein besonderes Zusammenleben zwischen Mopeds, Eselkarren und Fußgängern entwickelt, Marrakesch ist so eine Art Moped-Galapagos. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Moped-Trickfahren – die ersten hundert kämen alle aus der Gattung MMM (Marrakesch Medina Mopedfahrer).

Wir erhalten von unserer französischen Riad-Wirtin eine gute Einführung in Marrakesch, die ersten Ausritte in der Medina machen wir mit ihr als Vorreiter, dann werden wir mit vielen Tips zum Einkaufen und mit allgemeinen Verhaltensregeln zum Umgang mit Taschendieben und Soukverkäufern alleine auf die Reise geschickt. Wir (pluralis majestatis) wollen gar nichts kaufen, am Ende des Tages kommen wir (siehe oben) wie ein Packesel bepackt zurück.

Wir streifen auf „dem grossen Platz“ herum, machen einen Bogen um die dressierten Affen und die armen beschwörten Schlangen, hören einem Märchenerzähler zu (vielleicht war es auch ein kostümierter arabischer Lokalpolitiker bei einer Wahlrede, wir haben ja nichts verstanden), bewundern die Akrobaten und Musiker und nachdem wir ungefähr 27 mal „maybe tomorrow“ (gefühlte mindestens 1179 mal) zu einem der Lokalschlepper gesagt haben essen wir an einem der appetitlichen und bunten Stände in der Gastronomie-Meile eine traditionelle Suppe, die kostet 3 Dirham und gewährt uns für die Dauer der Einnahme Schutz.

Wir haben wunderbare marokkanische Lederschlapfen im 1001 Nacht Design erworben, vorne aufgebogen wie ein türkisches Krummschwert und sehr bequem. Wenn ich mir nun noch einen Kaftan zulege dann sehe ich aus wie ein mit Wachstumshormonen behandeltes Heinzelmännchen.

Wenn wir irgendwo stehen bleiben, in den Stadtplan schauen oder einfach nur ein ratloses Gesicht machen (was einem hier schnell passiert) dann ist blitzartig jemand zur Stelle um uns zu helfen. In der Medina sind es Kinder, die uns den Weg zum Riad zeigen wollen, mit viel Intuition folgt wir dem der uns dann auch richtig führt und nicht dem der schon von vornherein sorgenvoll erklärt „it is closed“. In den Souks haben wir plötzlich – ohne es zu wollen – einen Führer, der wie ein wandelndes Leuchtfeuer immer 10 Meter vor uns marschiert und uns den Weg zum Gewürzbasar weist. Wir biegen dann sehr zu seinem Missfallen nach rechts ab und kommen wirklich zum Gewürzbasar, zu welchen Gewürzen er uns geführt hätte möchte ich gar nicht wissen. Soviel offene und aktive Hilfsbereitschaft ist mir als eigenbrötlerischen Gebirgsbewohner schon fast etwas zu viel, aber ignorieren hilft nichts, man wird so lange traktiert bis man eine Antwort gibt. Das Zauberwort heisst „maybe later“ und damit können beide Seiten ohne Gesichtsverlust weiter gehen. Bietet einem jemand freundlich Hilfe an, dann kann man davon ausgehen, dass er etwas vorhat, das einem die Brieftasche erleichtert, und dennoch sind wir davon überzeugt, dass man, bräuchte man wirklich Hilfe, diese auch sofort bekommen würde.

Marrakesch beansprucht alle unsere Sinne, so intensiv, dass es anstrengend ist. Es ist laut, Mopeds knattern, es wird überall getrommelt und gesungen, Knaller werden gezündet, Waren werden lautstark angepriesen, es blinkt und glitzert in den Geschäften und dann kommt noch ein ganzes Universum an Gerüchen dazu, eine wilde Mischung aus Parfum, Kochdüften in allen Varianten, Gemüse, Obst und Schlachtgerüchen, Fisch, Fleisch und Blut, Leder, Mopedabgasen, Müll und diversen menschlichen und tierischen Ausscheidungen. Der nicht endend wollende Verkehr gibt mir den Rest, nach so einem Tag in der Medina bin ich erledigt und falle ins Bett, wenn ich die Augen zumache dann zischen noch die Mopeds umher und überall bewegt sich alles.

Die Medina von Marrakesch folgt keinem logischen Aufbau, vernünftig breite Straßen enden an einer Mauer, winzige Durchgänge sind Hauptverkehrsadern, wo man links gehen sollte muss man rechts gehen, oben ist unten und vorne hinten. Und ein Wunder geschieht – Tadeja, die sonst immer sofort die Orientierung verliert und links und rechts vertauscht, bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das Chaos, während ich mit meinem eingebautem Navigationssystem ins Stolpern komme. Es muss sich um eine Drehung des Logik – Raum – Kontinuums handeln, eine Marrakesch Singularität, die durch eine übermäßige Anhäufung von technischen Universitäten in anderen Teilen der Welt ausgeglichen wird.

Das Zentrum von Marrakesch ist der Platz der Gehenkten, hierher kommen am Abend die Menschenströme aus allen Richtungen zusammen um ins Leben einzutauchen. Es wird gegessen, getrunken und getanzt, Lampen, Schildkröten, Gewürze und allerhand Tand wird verkauft, Menschen mit und ohne Pferd, Moped und Esel bewegen sich in alle Richtungen, und wenn dann die Trommeln einsetzen dann beginnt der Platz wie ein großes uraltes Wesen zu leben, eine Energie wogt hin und her und wie ein großes Herz halten die Trommeln den Kreislauf in Bewegung. Wir sitzen auf der Dachterrasse des Cafe de France und lassen uns von der Stimmung gefangen nehmen, eine unbestimmte Sehnsucht ergreift uns und wir werden eins mit der Umgebung.

Wir sind nun schon seit genau einem halben Jahr unterwegs, vor sechs Monaten bin ich in die Türkei auf die KALI-MERA übersiedelt. Die Zeit ist rasend schnell vergangen, auch wenn es im Rückblick ein sehr langer Zeitraum war. Wir haben so viel Neues erlebt und die Zeit war intensiv, in der Erinnerung dehnt sie sich weiter aus. Und auch wenn wir uns anfangs offen gelassen haben wie lange wir wirklich unterwegs sein wollen, vorerst ist von Rückkehr noch keine Rede…

Sale, Flagge
Sale, Flagge
Marrakesh, Markt in den Souks
Marrakesh, Markt in den Souks
Marrakesh, lokales Trike
Marrakesh, lokales Trike
Marrakesh, Kasbah-Moschee
Marrakesh, Kasbah-Moschee
Marrakesh, Gewürze
Marrakesh, Gewürze
Marrakesh, Gemüsemarkt
Marrakesh, Gemüsemarkt
Marrakesh, Gegenverkehr
Marrakesh, Gegenverkehr
Marrakesh, Einkauf
Marrakesh, Einkauf
Marrakesh, Dachgarten beim Fotografie-Museum
Marrakesh, Dachgarten beim Fotografie-Museum
Marrakesh, auch im Hinterhof wird gekocht
Marrakesh, auch im Hinterhof wird gekocht
Marrakesh, Touristenverkehr
Marrakesh, Touristenverkehr
Marrakesh, Strassenbild
Marrakesh, Strassenbild
Marrakesh, Transport
Marrakesh, Transport
Marrakesh, Schlangenbeschwörerin
Marrakesh, Schlangenbeschwörerin
Marrakesh, Mond und Moschee hinter 'dem Platz'
Marrakesh, Mond und Moschee hinter ‚dem Platz‘
Marrakesh, Medina von oben
Marrakesh, Medina von oben
Marrakesh, Medina nach dem Regen
Marrakesh, Medina nach dem Regen
Marrakesh, Sonnenuntergang 'am Platz'
Marrakesh, Sonnenuntergang ‚am Platz‘
Marrakesh, Lampenverkäufer
Marrakesh, Lampenverkäufer
Marrakesh, Trommeln 'am Platz'
Marrakesh, Trommeln ‚am Platz‘
Marrakesh, Mond und Moschee hinter 'dem Platz'
Marrakesh, Mond und Moschee hinter ‚dem Platz‘

Fes

Wir wollen mehr von Marokko, packen also unsere Rucksäcke und steigen in die gar nicht hierher-passen-wollende hochmoderne und sehr saubere Tram zum Bahnhof von Rabat. Nach einer angenehmen Zugfahrt bringt uns ein Taxi bis zur alten Stadtmauer der Medina, denn innerhalb sind nur Esel als Beförderungsmittel erlaubt – es würde ein Auto aber auch schwerlich hindurchpassen. Wohin jetzt? Unsere Ratlosigkeit wird bemerkt, noch ehe sie uns selbst bewusst wird, und schon hat uns ein hilfsbereiter Wegsucher gefunden (im wahrsten Sinne des Wortes), der uns im flotten Tempo dreimal die Medina im Kreis führt, bis er uns im Gewirr der neuntausend Gässchen an unser Ziel bringt. Fes hat uns regelrecht aufgesogen, und wir genießen es vom ersten Augenblick an!

Unsere Unterkunft erweist sich als ein Palast aus 1001-er Nacht – ein märchenhaftes Riad, eines der vielen meist von Ausländern renovierten alten Herrschaftshäuser mit Innenhofgärten. Hinter unscheinbaren Mauern liegen ungeahnte Schätze verborgen, die in Staunen versetzen – bunte mit Mosaik geschmückte Böden und Stuckaturen an den Wänden, reich verzierte Fensterläden und vorgewölbte Haremsfenster, durch die die Frauen ungesehen das Treiben auf den Straßen beobachten konnten – gemütlich ist es aber nicht!

Umso gemütlicher unser stimmungsvolles und köstliches Abendessen inmitten einer grünen Oase, mit kunstvoll gestaltetem Hausbrunnen und allerlei museumswürdigen Einrichtungsgegenständen.

Nach einem ultra-verwöhn-wahnsinns-bauchvollstopf-Frühstück sind wir reif, uns unter der Führung von Samira Fes einzuverleiben. Die verwinkelten Gassen winden sich bergauf und bergab, zeigen sich in buntem Gewand oder kahl und tonlos, verschwinden manchmal im Nirgendwo und geben Pracht unmittelbar neben Armut preis. Unsere Riechorgane erleben wahre Geruchskaskaden – duftende Gewürze wechseln sich mit Gestank nach rohen Tierfellen (unvorstellbar!) ab, herber Kamelfleischgeruch weht uns entgegen, ein von oben baumelnder Kamelkopf mit langen Wimpern weist unmissverständlich auf die Quelle hin, Eselsdung und Katzenpisse wetteifern mit süßem Weihrauch und türkischem Honig.

Wir dürfen einen Schritt in einen Kindergarten oder eine Art Vorschule tun, sechs Kinder sitzen mit verschränkten Armen vor der Lehrerin und sagen einstimmig Koranverse oder Poesie auf – und für den Besuch wird gleich ein begeistertes „Bruder Jakob“ auf Marokkanisch angestimmt.

Wir werfen verstohlene Blicke in für Nicht-Muslime verbotene Moscheen, auch die prachtvoll verzierte älteste Koranschule und Universität aus dem 9. Jh. ist nur bis zum Vorhof zugänglich.

Dafür darf man sich die Gerberei und das dazugehörende Ledergeschäft nach Herzenslust zu Gemüte führen, was leider trotz mitgelieferter „Gasmaske“ (ein Minzezweig) nur beschränkt möglich ist – es stinkt bestialisch!

Der angeblich letzte verhutzelte Bearbeiter von Horn – inzwischen lieben alle Marokkaner Plastik – wird uns vorgeführt, wir bewundern teuren Berberschmuck und filigrane Holzarbeiten mit Kamelknochenintarsien, während zwischen unseren Füssen streunende Katzen in Miniformat hindurchhuschen.

Metallisches Klopfen kündigt schon von Weitem das Viertel der Kupfertreiber an – wunderschön glänzendes Kochgeschirr – zu unserem Glück fehlt weder die Geschicklichkeit der Teppichweberin mit den geschwinden Fingern, noch die Hochzeitsmöbel aus weiß und gold getünchtem Zedernholz, weder Kaftane und Dschellabas in allen Farben und Ausführungen, noch Arganöl und Kajalpulver – und noch ganz viel Tand und Ramsch, an dem nur die Packesel unbeeindruckt vorbeitrotten, kurz, ein perfekter Basar!

Den Abend verbringen wir mit Geschichtenhören in einem literarischen Kaffeehaus, vorgetragen von einem echten Geschichtenerzähler und seinem epischen Nachwuchs. Obwohl die Geschichten teilweise auf Arabisch erzählt werden, nehmen sie die Zuhörer gefangen und zaubern allen, ob jung oder alt, staunende Kinderaugen ins Gesicht.

Der Heimweg durch das nächtliche Fes hat eine eigentümliche Stimmung – kaum noch Frauen in den Straßen, dafür jede Menge lärmender Kinder, alte bettelnde Männer und geschäfteschließende Händler – die Nebengassen, durch die wir unser Riad suchen müssen, sind dunkel und verlassen; obwohl Gastfreundschaft in Marokko hoch geschrieben steht, hoffen wir, dass es auch nachts noch so ist.

Am nächsten Tag steht das jüdische Viertel am Programm – wir haben es uns anders vorgestellt! An den einstigen Wohlstand erinnert nur noch die Fassade mit den zierlich geschnitzten Balkonen. Viele Juden sind schon vor langer Zeit ausgewandert, und der Bezirk außerhalb der Stadtmauern wirkt etwas heruntergekommen, mit Ausnahme des darin prangenden Palastgebäudes, das mit den umliegenden Gärten 80 ha für sich beansprucht. Bewundert werden darf nur das riesige, schwere, fest verschlossene und bewachte Messingtor. Als wir Unwissenden über den gepflasterten Platz auf die andere Seite spazieren wollen, werden wir von der Wache energisch zurückgepfiffen.

Wir schaffen noch die Besichtigung des ganz in weiß getünchten jüdischen Friedhofs und der Parkanlage vor dem blauen Tor – dann knickt mein Captain ein – ein Virus hat ihn erwischt. Während er schwitzend im Bett das Fieber von innen bekämpft, gönne ich mir ein paar heiße Stunden im marokkanischen Hamam – ich werde geschrubbt, mit Eukalyptusseife geputzt und mit duftendem Orangenblütenöl eingelassen und durchgewalkt – ein herrliches Antifoulingprogramm!

Zum Auskurieren beschließen wir, wieder aufs Schiff zurückzukehren und Marrakesch in ein paar Tagen von dort aus zu besuchen.

Fes, Agavenseide
Fes, Agavenseide
Fes, müder Vorreiter
Fes, müder Vorreiter
Fes, Schule
Fes, Schule
Fes, Schuhe, Schuhe, Schuhe ...
Fes, Schuhe, Schuhe, Schuhe …
Fes, Gerberei, schrecklicher Gestank
Fes, Gerberei, schrecklicher Gestank
Fes, gegerbt wird mit Taubendreck
Fes, gegerbt wird mit Taubendreck
Fes, Kamel am Markt
Fes, Kamel am Markt
Fes, Gemüsestand
Fes, Gemüsestand
Fes, Kupfertreiber
Fes, Kupfertreiber
Fes, Moschee
Fes, Moschee
Fes, Koranschule, natürlich nur für Männer
Fes, Koranschule, natürlich nur für Männer
Fes, Frühstücksgarten im Riad
Fes, Frühstücksgarten im Riad
Fes, Blick vom Cafe Clock
Fes, Blick vom Cafe Clock
Fes, Märchenerzähler im Cafe Clock
Fes, Märchenerzähler im Cafe Clock
Fes, künstlerisches Stilleben mit Vogel, Dachterasse und Satellitenschüssel vor der Medina
Fes, künstlerisches Stilleben mit Vogel, Dachterasse und Satellitenschüssel vor der Medina
Fes, Blick von der Riad Terasse über die Medina
Fes, Blick von der Riad Terasse über die Medina
Fes, Judenviertel
Fes, Judenviertel
Fes, jüdischer Friedhof
Fes, jüdischer Friedhof
Fes, Park außerhalb der Medina
Fes, Park außerhalb der Medina
Fes, Königspalast
Fes, Königspalast
Fes, traditionelle Linsensuppe
Fes, traditionelle Linsensuppe

Rabat

Die Straße von Gibraltar zeigt uns ihr freundliches Gesicht – kaum Verkehr, ruhiges Meer und auch die Sicht ist gut. Nichts von den erzählten „Schauererfahrungen“! Mehrfach zeigen sich zu unserer Freude große Gruppen von Delfinen und einmal wohl wieder zwei oder drei Wale – sie waren zu weit weg um sie eindeutig zu bestimmen, für die Entfernung jedoch schienen sie viel zu groß und behäbig, um Delfine zu sein.

Fast merken wir nicht dass wir in den Atlantik überwechseln, so ruhig und glatt empfängt er uns – der geopferte Campari scheint Poseidon zu schmecken, bekommt er sicher nicht so oft! Doch in der zweiten Nachthälfte während Herberts Wache kommt Wind auf und wir brausen hart am Wind mit 7-8 Knoten entlang der marokkanischen Küste, mit ausreichendem Respektabstand wegen der weit draußen ausgelegten Fischernetze – auf Grund der Krängung schlafe ich supergemütlich quer und etwas aufrecht im Bett. Not macht erfinderisch!

Die hohen und weichen Wellen tragen uns dann bis zur Flussmündung von Rabat, was das Einlaufen laut Berichten schwierig machen könnte. Ein Lotsenboot holt uns ab, von links und rechts winken sie uns aus Fischerbooten zu, während riesige Wellen unter uns hindurch rollen. Dann bleiben wir in einem Wellental fast stehen, um dann von der größten Welle wie auf einer Achterbahn hoch emporgehoben zu werden, während das Lotsenboot dahinter ganz verschwunden ist. Danach, als wäre es nur ein Spuk gewesen, fahren wir in völliger Ruhe den Flusslauf entlang bis zur modernen Marina, die erst wenige Jahre in Betrieb ist.

Natürlich gehen wir, oder besser gesagt ich, gleich einmal einem bemühten Galeristen auf den Leim, der uns eine Stadtführung verspricht und uns – in Erwartung eines Großeinkaufs – in die Keramikwerkstätten von Salé führt. Nachdem er von uns aber nichts als große Bewunderung für die Töpferwaren erntet, bringt er uns zu seiner Ehrenrettung noch zum wunderschönen Grabmal von Abou el-Hassan Ali und lässt uns dann wieder frei. Die Medina (Altstadt) von Rabat beschließen wir dann am Nachmittag auf eigene Faust zu erkunden.

Nach einer Pause am Schiff setzten wir mit einem traditionellen Ruderboot von Salé nach Rabat über, spazieren durch die Alhambra und die Andalusischen Gärten, inspizieren von den hohen Stadtmauern die eingehenden Atlantik-Wellen und holen uns mit einer Zuckerspritze marokkanischen Minztees neue Kräfte. Im farbenprächtigen Basar und den schmutzigen Straßen bekommen alle unsere Sinne neue Impulse und wir wissen – wir sind im Orient, wir sind in Marokko.

Rabat, Einfahrt
Rabat, Einfahrt
Rabat, Einfahrt zum Zollkai
Rabat, Einfahrt zum Zollkai
Rabat, Blumentöpfe mit Blume
Rabat, Blumentöpfe mit Blume
Rabat, welche nehme ich nur
Rabat, welche nehme ich nur
Rabat, WT
Rabat, WT
Rabat, Wachwechsel
Rabat, Wachwechsel
Rabat, österreicher Staatsbesuch
Rabat, österreicher Staatsbesuch
Rabat, Mausolemum
Rabat, Mausolemum
Rabat, Kasbah
Rabat, Kasbah
Rabat, Ali Musicant
Rabat, Musikant
Rabat, Basar
Rabat, Basar
Rabat, Il Gr ...
Rabat, Il Gr …
Rabat, seltener bengalischer Tiger
Rabat, seltener bengalischer Tiger
Rabat, Fischerboote
Rabat, Fischerboote

La Linea

Fast drei Wochen waren wir nun in Ungarn, Slowenien und kurz auch in Österreich. Eine schöne Zeit, unsere Freunde und die Kinder haben uns besucht, nach so langer Zeit zu zweit waren die Abende im vertrauten Kreis etwas Besonderes. Nach einem wunderbaren Spätsommer ist es in Ungarn Herbst geworden, sonnige Tage aber schon kühl. Es ist die richtige Zeit wieder nach Südspanien zurück zur KALI MERA zu reisen. Auch in La Linea ist es am Abend schon jeans- und pulloverfrisch, aber die Tage sind sommerlich warm. An Board wird nun wieder „gehämmert und geschraubt“, für die letzten noch ursprünglichen Elektronik-Komponenten ist die Zeit gekommen, in den Ruhestand zu treten. Radar und Plotter werden ausgetauscht, alles geht gut und dauert doppelt so lang als geplant, und dann geht noch ein halber Tag drauf, den Wasserhahn an Tadejas Waschtisch zu tauschen, das Zeug ist so eng und verbaut, dass man dafür einen maximal 8-jährigen voll ausgebildeten Feinmechaniker mit Gummihänden brauchen würde, um das zu montieren. Letztendlich funktioniert dann alles, aber ich würde gerne den Konstrukteur dazu verurteilen, 138 Wasserhähne zu tauschen und dazu noch die Lampen von 19 Nebelscheinwerfern eines VWs zu ersetzen. Da würde ich gerne zuschauen und Kommentare abgeben, schon der Gedanke daran versöhnt mich mit der Welt. Wir treffen zum Abendessen Rugine und Simon von der MOONSHINE und auch noch Judy und Bill von BEBE, die nach dem alten Henry Amel wohl bekanntesten Amel-Segler der Welt, und verbringen eine nette Zeit. Immer öfters treffen wir „alte Bekannte“, jetzt haben sich die Urlaubs-Segler von den Fahrtenseglern getrennt, wir sind alle in die gleiche Richtung unterwegs. In La Linea hat sich unser Steg gefüllt, einige Schiffe sind dazugekommen und fast alle machen sich für die Weiterfahrt zu den Kanaren bereit, es herrscht schon Aufbruchsstimmung. Fleißig wird überall repariert und verproviantiert, Wäsche gewaschen und das Schiff reisefertig gemacht. Auch wir wollen weiter, allerdings nicht direkt zu den Kanaren sondern zuerst nach Marokko, für eine ausgedehnte Besichtigungstour. Das Wetter ist günstig, also wird noch ausgiebig eingekauft und dann geht’s weiter auf den Atlantik.

PS: Zwischenzeitlich sind wir wohlbehalten in Rabat / Marokko angekommen und haben den Atlantik hautnah erlebt, jetzt wird erst einmal geschlafen…

La Linea - Aufbruch zum Einkauf
La Linea – Aufbruch zum Einkauf
La Linea - Blick auf Gibraltar
La Linea – Blick auf Gibraltar
La Linea - Asinus Clitellarius auf Drahtesel
La Linea – Asinus Clitellarius auf Drahtesel
La Linea - Strandpromenade
La Linea – Strandpromenade
La Linea, Abendstimmung in der Marina
La Linea, Abendstimmung in der Marina
Marokko - Fahnentausch
Marokko – Fahnentausch
Strasse von Gibraltar - die professionelle Delphinanlockerin
Strasse von Gibraltar – die professionelle Delphinanlockerin

Gibraltar

Von Menorca aus rauschen wir mit unserer „Passat-Besegelung“ vor dem Wind Richtung Festland, es wird eine Achterbahn-Fahrt mit hohen Wellen und Geschwindigkeits-Rekorden, wir sind froh dass wir nach 50 Stunden in das ruhige Mare Menor einlaufen, eine Art Neusiedlersee in Spanien. Dort bleiben wir zwei Tage, warten die Gewitter ab und machen uns dann wieder auf den Weg. Vom Mare Menor nach Cartagena ist es nur ein „Katzensprung“ von 30 Meilen, weiter nach Gibraltar sind es dann 280 Seemeilen, noch zwei Tage und zwei Nächte. Wir müssen uns beeilen, der Wetterbericht erzählt uns plötzlich eine Geschichte von kräftigem Westwind ab Samstag (nachdem er bisher Stein und Bein geschworen hat, dass der Wind frühestens am Sonntag wechselt und bis dahin ein günstiger Ostwind weht), wir brechen auf und „motorsegeln“ durch ruhiges Meer. Zwischendurch fangen wir eine Zwei-Personen-Abendessen-Goldmakrele und können sie diesmal auch an Board bringen, dazu haben wir noch einen fliegenden Fisch im Kühlschrank der uns in der Nacht an Board geflogen ist. Nachdem wir schneller sind als geplant und wir nicht in der Nacht Gibraltar ansteuern wollen, ankern wir vor Marbella, und Tadeja verwandelt unseren Fang in ein köstliches Abendessen, der Fisch wird gegrillt und dazu gibt es gebratene Polenta mit geschmortem Gemüse und Wein von Menorca, großartig! Am Samstag stehen wir zeitig auf und motoren nach Gibraltar, immer wieder begleitet von Delphinen. Auch am Vortag durften wir ganze Delphin-Schulen beobachten, das Meer ist hier anders als in unserem gewohnten Revier. Knapp vor Gibraltar weht uns der Westwind kräftig ins Gesicht, er wird ständig stärker und wir sind froh, dass wir rechtzeitig aufgebrochen sind.

Einlaufen in Gibraltar ist ein Erlebnis, wir haben beinahe das gesamte Mittelmeer durchquert, seit Kusadasi 2281 Seemeilen im Kielwasser gelassen und unser erstes großes Ziel – das Tor zum Atlantik – erreicht, wir sind sehr glücklich!

Gibraltar ist ein belebter Hafen mit Unmengen an Tankern und Frachtern, die hier auf Reede liegen. Mit dem Rad erkunden wir die sehr gepflegte britische Stadt, die ganz anders als auf der Seite Spaniens anmutet und uns mit einem Mal in eine völlig neue Welt eintauchen lässt. Wir trinken ein Bier im „Angry Frier“, fahren rund um den Felsen, kümmern uns nicht um die ganzen Radfahrverbote, sehen ein paar neugierige Affen und machen uns dann wieder auf den Weg über die Fluglandebahn nach Spanien. Dort bereiten wir die KALI MERA darauf vor, die nächsten zwei Wochen alleine zu verbringen – bei uns steht Österreich-Ungarn-Urlaub am Programm.

Gibraltar, Europe Point
Gibraltar, Europe Point
Gibraltar, groß und klein
Gibraltar, groß und klein
Gibraltar
Gibraltar
Gibraltar, Anreise
Gibraltar, Anreise
La Linea
La Linea
Leuchtturm am Abend
Leuchtturm am Abend
Marbella, komischer Vogel
Marbella, komischer Vogel
Mare Menor, Zugbrücke
Mare Menor, Zugbrücke
Abendessen, selbstgefangen
Abendessen, selbstgefangen
Cartagena Marina, wo ist die KALI MERA
Cartagena Marina, wo ist die KALI MERA
Cartagena, Taube
Cartagena, Taube

Nachtfahrten

Meine erste Nachtfahrt wird dunkel und mondlos sein!

Ich bin aufgeregt, meine Sinne sind hellwach, ich stehe auf den Zehenspitzen und spähe in die Nacht hinaus, in der nichts als dunkles Schwarz zu sehen ist. Die Nacht macht mich wach, ich bin nicht müde. Die Auf- und Abbewegungen des Schiffs wirken gemildert, verschwimmen in der Kontourlosigkeit. Nichts als Meer rund um uns, kein Land in Sicht, nicht nur, weil es Nacht ist! Nur ein einziges Mal kommt uns ein Schiff entgegen – geisterhaft werden die Lichter immer größer, ohne dass man erkennen kann, wie nah es wirklich ist. Lange Zeit scheint es, als würde es direkt auf uns zu fahren, unsere Kursänderungen nachvollziehen, uns verfolgen. Ein Schiff in Seenot? Warum steuert es immer wieder auf uns zu? Vielleicht Piraten, die unser Schiff entern wollen?! Die Phantasie schlägt Kapriolen, bis sich abzeichnet, dass das Segelschiff in deutlicher Entfernung an uns vorüberziehen wird, dorthin, wo wir hergekommen sind. Irgendwann löst Herbert mich ab, und als ich aufwache, zeichnet sich bereits die Küste Italiens am Horizont ab.

Die nächsten zwei Nachtfahrten stehen bevor.

Ein blutroter Sonnenuntergang, dann geht die erste zarte dunkelrote Mondsichel auf, um schon bald auch wieder vom Meer verschluckt zu werden. Der Mond hat nur einen kurzen Bogen geschlagen. Es wird in dieser mondlosen Nacht trotzdem nie ganz dunkel, seitlich erleuchtet eine Lichterkette von Siziliens Küste samt Palermo den Horizont, und der Himmel ist ein flimmernder Sternenteppich, die Milchstraße breit und deutlich zu sehen. Sternschnuppen werfen mir vom Himmel Grüße zu. Doch etwas ganz anderes nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich werde Zeuge eines phantastischen Phänomens im Meer. Große glitzernde Planktonpünktchen zeigen sich im von der Fahrt aufgewühlten Meer an den Schiffsflanken, und dann – ich kann meinen Augen nicht trauen! Blau leuchtende Lichter, die mich an phosphoreszierende wegsäumende Gartenbeleuchtung denken lassen, tauchen auf, schweben an mir vorbei und verschwinden wieder in der Dunkelheit des Meeres. In unregelmäßigen Abständen tauchen sie während meiner ganzen Nachtwache vereinzelt oder in kleinen Grüppchen auf und vertreiben meine Müdigkeit. Wohl Quallenköpfchen, die ihre Schönheit zur Schau tragen!

Die riesigen aber meist sanften Wellen, in denen sich der in der Nacht beleuchtete Großmast über mir bedrohlich von einer Seite zur anderen neigt, legen sich erst in den Morgenstunden, wir motoren, der Wind hat nachgelassen, und wir können in Ruhe kochen und vorkochen. Tagsüber begegnen wir Delfinen.

Die folgende Nacht war wieder nicht dunkel – doch diesmal wurde der nächtliche Himmel in seiner ganzen Breite von einem Blitzkonzert wie von Beethovens 9 Symphonie erhellt. Ein Blitz folgte in kurzen Abständen auf den nächsten und zeichnete bizarre Muster in den verdunkelten Hintergrund.

Und wieder – elektrisiert, mit angehaltenem Atem – beobachte ich – was ist das? Meine Augen werden weit und weiter – blau fluoreszierende Flächen, groß wie Delfine, die an die Oberfläche schweben, sich in einem Bogen zum Schiff, ganz nahe heranbewegen, ein Stück weit mitschwimmen, sich wieder entfernen, noch einmal wiederkommen, dann leuchtet es noch einmal in der Ferne an mehreren Stellen blau auf. War das wirklich? Habe ich das wirklich gesehen? Als Zeugnis, dass sich etwas unglaubliches abgespielt hat, bleiben nur meine erstarrten Glieder – das elektrisierende, Angst und Spannung hervorrufende Körpergefühl war da gewesen – das Phänomen in er Nacht verschwunden. Später erfahre ich, dass Delfine, wenn sie durch planktonreiches Wasser schwimmen, tatsächlich blauleuchtend erscheinen.

40 Seemeilen vor dem Ziel sichte ich am Horizont vor uns das erste Aufleuchten von Sardiniens Nachtbeleuchtung. Als ich am Morgen aus der Kajüte krieche, liegt Sardiniens Küste vor uns, felsig, schroff aufsteigend und lieblich in langgezogenen Lagunen hingestreckt.

Das Meer um die Balearen soll zahlreiche Delfine und auch Wale beherbergen – also beginnt meine Nachtwache schon in den Stunden davor mit „Abgrasen“ der Meeresoberfläche. Drei, vier Meter hohe Wellen, die sich nach tagelangem Wind aus der gleichen Richtung aufgebaut haben und uns Gott sei Dank von hinten treffen und so mitschieben – kämen sie von vorne, müssten wir gegen sie ankämpfen – machen die haargenau 300 Seemeilen lange Fahrt diesmal anstrengend. Mein schläfriger Blick gleitet gedankenlos über das Meer, als ich plötzlich ein Blasen erblicke – und wieder, ja, es ist ein Wal! – die verhältnismäßig kleine Rückenflosse macht mich unsicher – er bläst wieder, ich pfeife, er wendet sich uns zu, bläst wieder, er ist keine 50 m entfernt, wir verringern die Geschwindigkeit, trauen uns aber nicht näher – gemächlich, alle 20 – 30 Sekunden einen hohen Sprühnebel in die Luft versprühend, zieht er fast majestätisch an uns vorüber, seine dunkle Masse vom Meer verborgen. Fast 5 Minuten schauen wir ihm zu und nach. Als wir nachschauen, stellen wir erschrocken fest, dass es ein 18-22m langer Blauwal gewesen sein muss! Ein gelungenes Wale-watching!

Die Nacht über hält mich ein Hörbuch und die Erinnerung an den Wal lange wach! Zweimal noch kommen Delfine, die verspielt durch die Wellen auf uns zuspringen, zum Greifen nahe, sind aber schnell wieder weg.

Als wir nach zwei Tagen und zwei Nächten ununterbrochen wellenreitend an der spanischen Südküste durch eine Brücke ins Mare Menor, ruhig wie ein See daliegend, einfahren, atmen wir beide auf – und plötzlich bekomme ich zumindest wieder Appetit!

Nachtfahrt
Nachtfahrt

Menorca

Jetzt sind wir schon fast eine Woche hier in „unserem Porto Addaya“ und ankern mitten in dem kleinen See der glücklicherweise einen Meer-Zugang hat. Jedenfalls ist das Gefühl wie auf einem See, so ruhig und verträumt ist es hier. Wir kennen die anderen Jachties, an jedem Abend gibt es eine andere Einladung zum Wein, wir haben auch ein Stammlokal und zu guter Letzt vielleicht sogar die Möglichkeit hier eine der raren Muring-Tonnen als Dauerliegeplatz zu erwerben. Ein paar Tage noch und wir werden hier sesshaft, also müssen wir schleunigst weiter. Der heutige Aufbruch wurde nun durch starke Gewitter wieder abgebrochen, nächster Versuch ist für morgen Früh anberaumt. Unser Boardalltag ist hier sehr beschaulich: Schlafen bis die Sonne in der Nase kitzelt, Frühstücken mit Joghurt, Früchten und Tee, etwas später Kaffee mit Keksen und dann geht der Arbeitstag los. Einkaufen, Heimwerken am Schiff (da gibt es ja immer was zu tun), Ausflug mit Moped oder Dinghi, Schwimmen, Zusammenräumen, Kochen fürs Abendessen und dann Besuche machen. Mit kleinen Variationen könnte das noch lange so weitergehen. Besonders hat es mir die Unterwasserwelt angetan, seit Kindertagen in Griechenland habe ich kein so intaktes Meer mehr gesehen. Überall Leben, bunte Steine mit farbigen Bewuchs, Seeanemonen, Schnecken und eine Vielzahl von Fischen, bunt und neugierig. Den grauen Samt-Bewuchs, der die Küsten von Kroatien, Griechenland und der Türkei überzogen hat, gibt es hier nicht, es sieht so aus wie auf Thassos vor 35 Jahren. Die Segler-Gemeinde hat sich auch von der Zusammensetzung her geändert, es sind hier keine Charterbote vor Anker sondern hauptsächlich Langfahrt-Segler, die wie wir nach Westen wollen oder gerade von der Karibik wieder nach Europa zurückgekommen sind. Manche Schiffe haben wir bereits in Italien gesehen, wir haben den selben Weg.

Wir sind nun seit über vier Monaten unterwegs, die Zeit ist sehr schnell vergangen. Beim Reisen mit dem Schiff entwickelt sich auch eine gewisse Routine, der Tagesablauf wird stark von der Natur und den Wetterbedingungen beeinflusst. Die Tage vergehen schnell aber wir haben viel Zeit zu zweit und für uns, sind ständig in der freien Natur und leben einfach ohne den herkömmlichen Luxus, aber mit allem was wir brauchen. Langsam verändert sich unser Blickwinkel auf unser „altes“ Leben, wir haben so viel Zeit um uns mit uns selbst zu beschäftigen ohne die früheren Ablenkungen dass dies einfach Folgen haben muss 🙂

Menorca, Tadeja vor Konditorei
Menorca, Tadeja vor Konditorei
Menorca, unzufriedener Herbert wegen unverschämtem Tourismus-Nepp
Menorca, unzufriedener Herbert wegen unverschämtem Tourismus-Nepp
Menorca, Cafe
Menorca, Cafe
Menorca, Klippen bei Ostwind
Menorca, Klippen bei Ostwind
Menorca, Ankerplatz bei Ostwind
Menorca, Ankerplatz bei Ostwind
Menorca, kommt das Gewitter (Fragezeichen)
Menorca, kommt das Gewitter (Fragezeichen)
Menorca, ja, es kommt
Menorca, ja, es kommt

Sardinien und Menorca

Wir mieten uns ein vergammeltes Smart-Cabrio (aber mit Turbo, geht super („Turbo“ steht nun auf der Smart „hätte ich gerne“ Liste)), starten unsere Navi-App und gehen auf Sardinien-Rundreise. Eine Insel-Schönheit, nur die Straßen sind gewöhnungsbedürftig, sogar für uns als „dirt-road-enthusiasten“, irgendwann müssen wir umdrehen weil ich dem Smart nicht zutraue das steinige Bachbett zu durchqueren. Wie üblich lassen wir die Navi-App entscheiden wie sie uns führt, da sind wir schon zu den schönsten Winkeln gekommen, diesmal aber endet das im Nirgendwo (kein Wunder, ich habe statt „Auto“ das „Mountainbike“ eingestellt, da hätte das schon gepasst). Wir besichtigen die punische Ausgrabung „Nora“ und die traumhaften Tropfsteinhöhlen, die schönsten Höhlen die wir jemals gesehen haben, ein fantastisches unterirdisches Wunderland das wir mit Führer staunend durchwandern. Abends machen wir Großeinkauf, mit schwer beladenen Drahteseln kommen wir aufs Schiff zurück und Tadeja zaubert Lachs-Steaks in der Kombüse. Am nächsten Tag geht’s mit der KALI-MERA weiter, diesmal ankern wir vor der Ausgrabung Nora, die wir am Vortag besucht haben, eine grandiose Kulisse und ein ruhiger Ankerplatz. Sardinien ist nach unserem Geschmack, es gibt endlich wieder geschützte Ankerplätze, in denen man nach einem Segeltag ruhig liegen kann. Auch die Bucht am nächsten Tag ist wunderbar geschützt und tagsüber segeln wir hart am Wind mit viel Wind und Elan. Dann geht es weiter zu den Balearen, der Wetterbericht ist günstig und wir rechnen mit knapp zwei Tagen für die Überfahrt, es wird eine bequeme und schnelle Querung, das erste Mal verwenden wir unser Twin-Vorsegel, wir segeln aufrecht, ruhig und sehr schnell vor dem Wind, kein Schaukeln und kein Geigen, ich bin begeistert. Nachdem wir noch in der Nacht in Menorca ankommen und wir nicht im Dunkeln einlaufen wollen, segeln wir weiter an die schroffe Nordküste und suchen bei Sonnenaufgang den Weg in einen tiefen Fjord, in dem wir dann einen traumhaften Ankerplatz finden. Nie habe ich mir vorstellen können, dass die Balearen so wunderschön sind, eine Landschaft zum Verlieben, wunderbare geschützte Buchten, klares Wasser und rundherum blüht alles. Sofort ändern wir unseren Plan (wir wollten die uninteressanten Touristik-Inseln ja nur zum Vorräte-bunkern streifen) und bleiben hier zum Seele baumeln lassen. Am Wochenende ist die große Regatta der alten traditionellen Segelschiffe in Mahon, wir fahren mit Thomas und Johann – den Wiener Wirten von der SEEADLER – hin und besichtigen die prachtvollen Segler im Hafen. Hier kann man es gut für einige Zeit aushalten…

Mahon, Oldtimer-Racer
Mahon, Oldtimer-Racer
Mahon, Ordnung
Mahon, Ordnung
Menorca, el pirata
Menorca, el pirata
Menorca, Ankunft bei Sonnenaufgang
Menorca, Ankunft bei Sonnenaufgang
Überfahrt - Amel Twin Pole
Überfahrt – Amel Twin Pole
Sardinien, Tropfsteine
Sardinien, Tropfsteine
Nora, Mosaikboden
Nora, Mosaikboden
Cagliari, Juwelier-Überfall
Cagliari, Juwelier-Überfall
Cagliari, Tourist
Cagliari, Tourist
Cagliari, Hafenstraße
Cagliari, Hafenstraße

Sardinien – Cagliari

Nach einigen Tagen auf den Liparischen Inseln (die auch Äolische Inseln heißen, hier hat Äolus den Gegenwind in einen Sack gesteckt und dem guten Odysseus zum Geschenk gemacht damit er endlich heim segeln kann, aber seine griechische Mannschaft hat ja knapp vor dem Ziel so eine Art Volksabstimmung gemacht und in den Sack hineingeschaut, – und weg waren sie wieder von Ithaka…) stechen wir wieder in See und nehmen Kurs auf Sardinien. Mittags lichten wir auf Vulcano den Anker und lassen noch einmal die gewaltige Natur-Kulisse auf uns wirken, die rauchenden Vulkane, die hier aus dem Meer ragen, sind einzigartig. Wir haben eine kräftige Brise und rauschen hart am Wind mit zwei bis drei Meter Wellen und guter Krängung Richtung Westen. Später dreht der Wind, wird schwächer und fällt achterlicher ein, wir müssen also einiges motoren um rechtzeitig vor dem angesagten kräftigen Mistrale Sardinien zu erreichen, gegenan hätten wir da wenig Chance gehabt. Nach den geplanten 48 Stunden laufen wir in Cagliari ein, diesmal wollen wir alles richtig machen und bereiten uns mit dem Hafenhandbuch gut vor und checken vorab telefonisch Liegeplatz und Preis ab. Etwas erschwert wird die gründliche Recherche durch unser überaltertes Hafenhandbuch, das ich in einem Anfall von Sparsamkeit bei Amazon gebraucht erworben habe, und in den letzten 20 Jahren hat sich in Italien doch einiges geändert… Wir suchen uns also die Marinas im Handbuch heraus, googlen die Telefonnummern und fragen uns durch. Marina vom Yachtclub Italia – „gibt’s nicht mehr“, aber wir sollen doch bei Motomar anrufen. Aah – , Motomar, da steht im Führer „Liegeplätze mit jeglichem Komfort“, dort sind wir dann auch erfolgreich, – „ja, Liegeplatz ok, Preis ok“. Im riesigen Hafen von Cagliari suchen wir dann die Motomar Marina mit allem Komfort – es schaut alles ganz anders aus als in unserem Handbuch. Statt dem kleinen Stadthafen gibt es eine moderne Marina, zwei weitere große neue Anlagen im Osten, und im Westen einen Industrie-Friedhof mit Schiffswracks und einer Werft im Stil eines Stützpunktes der russischen Eismeer-Flotte. Die Motomar-Marina muss also wo anders sein, wir rufen an und fragen wo sie sich denn verstecken. Und – es hat ja so kommen müssen – ich habe also in Vladivostok den Liegeplatz reserviert. Wir gehen am Ende eines langen Schwimmsteges längsseits, rund um uns Schiffe in allen Stadien der Auflösung sowie ein Vogelparadies, Reiher, Kormorane, Möwen. Wir werden äußerst freundlich empfangen, die Rezeption wird für uns aufgeschlossen und wir checken ein. Letztendlich bleiben wir hier dann einige Tage, es ist gemütlich, ruhig und sicher, wir fühlen uns wohl und es ist mit Wasser und Strom sehr bequem. Tagsüber wird auf anderen Schiffen gearbeitet und manche der Wracks sind dann plötzlich bewohnt, neben uns wird eine wunderschöne alte Holzjacht restauriert. Mit den Rädern sind wir in 10 Minuten im Zentrum, und wenn wir nach der Sperrstunde ins Internat zurückkommen wollen müssen wir über den Zaun klettern und uns am Hund vorbeischwindeln. Wir haben den idealen Platz gefunden, um Sardinien zu besichtigen, erkunden mit dem Rad die Umgebung und die Cagliari-Kulinarik und kommen am Abend satt und zufrieden zur KALI-MERA zurück um in unserem Schiffs-Loft einen Gute-Nacht-Drink zu nehmen, garantiert niemand wird uns dann bis zum nächsten Mittag stören.

Überfahrt nach Sardinien, Besan-Ballooner
Überfahrt nach Sardinien, Besan-Ballooner
Liparische Inseln, Vulkane im Meer
Liparische Inseln, Vulkane im Meer
Cagliari, Motomar
Cagliari, Motomar
Cagliari, Motomar Liegeplatz
Cagliari, Motomar Liegeplatz
Cagliari, Flamingos
Cagliari, Flamingos
Cagliari, irgendeine Kirche
Cagliari, irgendeine Kirche
Cagliari, Blick von der Oberstadt
Cagliari, Blick von der Oberstadt
Cagliari, irgendwo
Cagliari, irgendwo
Cagliari, Altstadt
Cagliari, Altstadt
Cagliari, Park
Cagliari, Park
Cagliari, Promenade
Cagliari, Promenade
Cagliari, Radausflug
Cagliari, Radausflug
Cagliari, Speedy Gonzales
Cagliari, Speedy Gonzales
Cagliari, Templum
Cagliari, Templum
Cagliari, Nachbar
Cagliari, Nachbar