Seit 2019 liegt unser Boot nun schon in Mexiko. Als kurze Zwischenstation für Reparaturen gedacht, hat sich Mazatlan als eine Art modernes AiAia entpuppt, die Insel der Kirke, auf der Odysseus ein ganzes Jahr verbringen musste. Jedesmal, wenn wir uns zur Weiterreise entschließen, geschieht etwas, das unsere Abreise verhindert, und so vergeht ein Jahr ums andere. Aber diesmal, im Jahr 2026, steht unser Plan fest: Wir werden wieder zurück in die Karibik segeln, und dann zurück in die Heimat, nach Ithaka 😊.
Der gute Odysseus schaffte es nach einem Jahr, aber der musste sich weder mit einer Pandemie noch mit einem regulären Broterwerb auseinandersetzen, und zu seinen familiären Verpflichtungen hatte er auch einen anderen Zugang als wir. Und außerdem war er ja ein Held, der Odysseus! Wir dagegen sind nur Tadeja und Herbert und brauchen sieben Jahre fürs Entkommen.
Alles ist gut geplant, der Krantermin für den 7.Jänner fixiert, mit der Werft sind sämtliche Arbeiten fest vereinbart und sogar die Panama-Kanalpassage ist schon vorbereitet. Die Flüge sind gebucht, Hinflug nach Mexiko und Rückflug ab Panama. Das Gepäck ist voll mit Ersatzteilen, auch der neue teure Autopilot (ein Linear Drive als redundantes System) ist gut verpackt mit dabei.
Gebucht haben wir bei Iberia einen Flug bis Mazatlan mit Zwischenstops in Madrid und Mexico City. Schon im Vorfeld gibt es Flug-Probleme, zuerst wird der Weiterflug nach Mazatlan von Iberia storniert, dann gibt es einen Ersatzflug mit Aeromexico und langer Wartezeit in Mexico, wohl um die sehr sehr kurze Umsteigezeit in Madrid zu kompensieren. So kurz, dass wir zwar den Terminalwechsel zum nächsten Flug noch schaffen, aber das Gepäck leider nicht, allerdings erfahren wir das erst in Mexico. Wir sind es ja gewohnt, dass unsere Taschen immer erst zum Schluss aufs Förderband gelegt werden, aber diesmal stoppt das zwischenzeitlich leere Band ohne dass auch nur ein einziges Gepäcksstück von uns aufgetaucht wäre. Das hatte ich schon beim Wegfliegen befürchtet, ich ahne noch Schlimmeres, wir müssen ja mit dem Gepäck durch den Zoll, die Ersatzteile müssen angemeldet werden, auch wenn wir sie („Yacht in Transit“) zollfrei einführen dürfen. Guter Rat ist nun teuer, wie sollen wir das Gepäck, das irgendwo zwischen Madrid, Honkong, Sauerfeld und Mexico herumfliegt, beim Zoll herzeigen? Wir werden zum Iberia Schalter geschickt – und dort wartet schon die Lösung: Alles kein Problem, unsere Gepäcksstücke seien schon unterwegs nach Mazatlan, nein, kein Zoll, absolut kein Problem, wir mögen uns keine Sorgen machen, es sei alles in bester Ordnung.
Tadeja ist erleichtert, ich spüre tief drinnen in mir dass gar nix in Ordnung ist, und, so viel sei verraten, Tadeja wird den netten Herrn, diesen Dämon der Finsternis, den Handlanger des Wahnsinns, in zwei Wochen noch einmal wiedersehen. 10 Stunden später kommen wir in Mazatlan an, allerdings machen wir auch diesen Flug ohne unsere Taschen, die sind nämlich erst am Weg von Madrid nach Mexico. Auch in Mazatlan dürfen wir sehen wie das leere Förderband sich zur Ruhe begibt, und dann können wir endlich eine Vermisstenmeldung aufgeben. Alles kein Problem, das System bei dem man sehen könnte wo die Teile sind, ist zwar im Moment nicht verfügbar, es werde uns aber sicher gleich nachgeliefert. Immerhin ist Hochsaison und da komme das schon sehr häufig vor, das beruhigt mich dann wirklich.
Und wirklich, zwei Tage später werden wirklich in der Marina drei Taschen für uns abgegeben, nur die vierte, die mit dem Autopiloten und den anderen Sachen, die wir unbedingt brauchen, die ist verschollen. Wir schreiben mails, erzeugen Tickets in den Rechercheplattformen, rufen bei den Hotlines von Iberia und Mexico City an, sind stundenlang in den Warteschleifen gefangen, bis sich eines Tages der Zoll meldet und uns informiert, dass man den Autopilot beschlagnahmt hätte. Nachdem wir diesen beim Zoll nicht hergezeigt hätten sind nun 400 Euro an Steuer fällig, zu bezahlen ausschließlich über ein mexikanisches Bankkonto. Wir haben interessanterweise kein mexikanisches Bankkonto, aber Juan, der Marina Manager, überweist das von seinem Konto, aber wer gedacht hat dass nun die Sache erledigt sei, der hat sich gründlich getäuscht. Immerhin bekommen wir noch die nette Info vom Zoll, dass, wenn die Tasche nicht innerhalb einiger Tage abgeholt wird, diese entsorgt werde.
Tadeja versucht nun eine ganze Woche lang zu organisieren, dass die Tasche endlich von der Fluglinie vom Zoll abgeholt und nach Mazatlan weitertransportiert wird, täglich wird ihr versichert, es würde nun erfolgen, selbstverständlich, ohne weitere Verzögerung. Die Gespräche enden üblicherweise damit, dass ein Service Mitarbeiter „einen Case anlegt“, zwischenzeitlich muss schon ein riesiger Haufen Cases dort herumliegen, weil mit denen ja nach der Anlage nichts mehr passiert. Jedes Telefonat dauert ewig, zuerst werden jede Menge Daten abgeglichen um sicher zu stellen dass wir wir sind und dass das Gepäck wirklich verschwunden ist, und dann erfolgen Rückfragen beim Supervisor und beim Salzamt und dann wird einfach aufgelegt, oder das Gespräch bricht ab, oder ein Case wird angelegt.
Die einzige Stelle, die in Mexiko erreichbar ist und auch antwortet, ist der Zoll. Anfangs noch ein kurzer Adrenalinschub als wir informiert werden, dass zwar die geforderte Summe eingelangt sein, nun aber doch noch einmal 1.500 Dollar zu bezahlen wären, weil … weil.. , ja, warum eigentlich? Nach ganz konkretem Nachfragen entpuppt sich das „weil“ als bedauerliches Missverständnis und wir erhalten endlich die Info „die Tasche sei nun freigegeben“.
Die Airline, oder auch wir selbst, können nun jederzeit die Tasche holen, alles sei ok. In der kommenden Woche sorgt Tadeja nun an der Aero Mexico Hotline für eine enorme Case-Produktion, das Abholen des Gepäcks wird täglich für den nächsten Tag versprochen. Eine kurze Abwechslung gibt es bei diesem Spiel, als wir plötzlich ein mail von Aero-Mexico erhalten, dass man nun zuversichtlich sei voranzukommen, immerhin wisse man nun durch das Tracking System, dass die Tasche das letzte Mal in Mexico City am Flughafen gesehen worden sein. Ein persönlicher Besuch am Flughafen in Mazatlan führt dann anscheinend zu einem echten Durchbruch, dort nehmen sich liebenswerte Iberia Menschen des Problems an, telefonieren mit den Kollegen in Mexico, und versprechen dann, dass spätestens am nächsten Tag das Gepäck hier sei. Auch das entpuppt sich am Abend des nächsten Tages als Finte die wohl nur zu einem weiteren Case geführt hat.
Schließlich fliegt Tadeja von Mazatlan nach Mexico City um persönlich die Tasche zu holen, abgestimmt mit dem Zoll-Office. Dort angekommen wird sie beim Zoll informiert, dass die Fluglinie die Tasche holen müsste oder zumindest ein Vertreter von Iberia dabei sein muss. Es wird also von Tadeja ein Iberia Vertreter gesucht, als der nach Stunden endlich auftaucht muss Tadeja vom Zoll und Iberia leider erfahren, dass nun geschlossen sei und erst drei Tage später am Montag die Tasche ausgefolgt werden kann. Am nächsten Tag dennoch ein neuer Versuch, und – man höre und staune –das Office ist offen, die Tasche ist da und kann auch herausgegeben werden, es muss nur ein Iberia Vertreter gefunden werden…. und nun gibt es ein freundliches Wiedersehen mit dem netten Herrn, der uns das vor zwei Wochen eingebrockt hat. Grrrrrrrr.
Letztendlich kommt Tadeja dann mit der Tasche zurück nach Mazatlan, Kleinigkeiten wie zB. mein Deo-Stick, erfreuen nun wahrscheinlich einen Mitarbeiter der mexikanischen Administration, zumindest sind sie verschwunden, aber der Autopilot ist hat es geschafft.
Während Tadeja sich um Zoll und Gepäck kümmerte (das ganze ist übrigens immer noch nicht abgeschlossen, weil sowohl Iberia als auch Areomexico verweisen auf die Verantwortung des jeweils anderen für die uns zustehende Ersatzleistung) mache ich die Kali Mera fit für die Werft und die Weiterreise. Alles scheint zu funktionieren, irgend eine Kleinigkeit ist sonst immer defekt, aber diesmal sind alle checks auf Anhieb erfolgreich. Alle? Nein, fast alle. Unser Volvo Dieselmotor macht nur „Klacks“ und sonst nix. Festgefressen. Um es vorwegzunehmen, – der Motor ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen und wir entscheiden uns gegen einen Reparaturversuch, der Murl ist 31 Jahre alt und es droht ihm ein Multiorganversagen.
Aber jetzt haben wir Glück im Unglück – es gibt erstaunlicherweise die Möglichkeit, einen passenden Ersatzmotor (einen Beta 60) aus England zu bestellen, das ist keinesfalls selbstverständlich. Der Import von Waren nach Mexiko ist ein Abenteuer, durch die politische Situation in den USA wurde es sogar noch schwieriger. Viele Firmen weigern sich nach Mexiko zu liefern da die Versicherungen oft nicht mitspielen und in den Häfen die wertvolle Fracht schon vom Kartell kassiert wird. Wir beauftragen dennoch das Teil (mindestens drei Monate Lieferzeit) und beschließen unsere Flucht aus Mexiko mit der KALI MERA auf den November zu verschieben, unseren Urlaub abzubrechen und wieder in die Heimat zurückzufliegen.
Während Tadeja mit den Hotlines plaudert nutze ich die Zeit für diverse Arbeiten am Boot, die ich schon lange aufgeschoben habe weil ich sie nicht machen wollte. Ausbau des völlig verrosteten Rohrs in den Ankerkasten durch das die Kette läuft (Hawse Pipe) und Einbau eines schöne Alu-Rohres, Abschleifen und acht mal lackieren der Tür beim Niedergang, Umbau der Lade-Elektrik, Vorbereitung für den Einbau des neuen Autopiloten. Auch der nagelneue Kühlschrank wird eingebaut, ein wirklicher Meilenstein, seit neun Jahren haben wir unseren Original Kühl-Methusalem irgendwie am Leben erhalten, ihn zuletzt sogar durch kleine R134a Dosen wiederbelebt, nun hat er endgültig ausgedient. Unsere Falträder werden in der Fachwerkstätte serviciert und die bei Amazon bestellten neuen hocheffizienten zwei-seitigen Solarpaneele bringt uns Bootsbetreuer und Freund Maca vorbei. Die hatten wir – damit sie auch sicher schon da sind wenn wir zum Boot kommen – bereits drei Monate früher bestellt und zu Maca liefern lassen. Naja, damit sich auch diese harmonisch in die Gesamtsituation einpassen sind sie beide beschädigt. Eines ist hinter der Verpackung völlig zertrümmert, das andere funktioniert trotz verbogenem Rahmen noch und wird eingebaut. Natürlich kommt für den Transportschaden nach drei Monaten niemand mehr auf. Auch Ruben, unseren Canvas Lieferanten, treffen wir, bei ihm haben wir im Sommer eine neue Bootsabdeckung und diverse andere Sachen bestellt und angezahlt, leider konnte er trotz vereinbartem Fixtermin Dezember 2025 nichts fertig machen, weil Sunbrella derzeit nichts nach Mexiko liefert… wie gut dass KALI MERA nun noch eine Zeit dort bleibt. Schließlich und endlich demontiere ich dann noch den alten Volvo und auch den Fischer Panda Generator, der ja letzte Saison seinen letzten Kolbenschlag gemacht hat, damit diese beim nächsten Besuch in der Werft nur vom Kran herausgehoben werden müssen, und dann machen wir wieder alles dicht am Boot und reisen ab. Wieder einmal hat Signorina Kirke gewonnen, diesmal auf besonders heimtückische und auch teure Art. Aber der nächste Versuch kommt bald, und dann…
Unser gebuchter Rückflug startet allerdings von Panama mit Zwischenstops in Bogota und Madrid, und das erst am ersten Mai. Wir müssen also umbuchen, damit hatten wir ja schon gerechnet und uns umbuchbare Tickets besorgt. Nach drei Wochen Pleiten und Pannen sind wir urlaubsreif und beschließen den Rückflug abzukürzen und vorher noch einen Abstecher nach Kolumbien zu machen um uns zu erholen. Über Kolumbien wird noch gesondert berichtet werden, aber so viel sei verraten: Das Umbuchen der Iberia Tickets kostet uns dort unsere restliche Nerven, mehrere Tage widmen wir eingehend diesem Thema, wir lernen zB. dass man dazu eine kolumbianische Kreditkarte benötigt, dass die Preise hochflexibel sind, die Aussagen der Support Mitarbeiter ebenso ausgesprochen situationselastisch und dass es bei Iberia eine Freibrief gibt, Nicht-Kolumbianer in Kolumbien abzuzocken…



















































































































































































































































