Kolumbien – Bogota und Ruta del Cafe

Bogota liegt auf 2640 m Seehöhe, und das merken wir auch als wir mit Rucksack und Reisetasche (hurra, Gepäck ist auch da!) etwas kurzatmig zum Taxi marschieren. Aus Mexiko sind wir „Fixpreise“ gewohnt, aber wie Kolumbien mit Touristen umgeht wissen wir noch nicht, also erkundigen wir uns vorab bei den Einheimischen was denn ein Taxi so kosten darf. Gute Idee – denn im Besitz dieser Geheiminformationen reduziert sich der Fahrpreis gleich einmal um die Hälfte. Also Achtung. Auch Geldwechseln will gelernt sein, mit jedem Meter, den wir uns vom Flughafen entfernen, steigt der Kurs, am besten wechselt allerdings wer gar nicht wechselt und die Kreditkarte benutzt, diese wird auch überall – außer bei Iberia – akzeptiert.

Bogota empfängt uns mit Nieselregen und kühler Bergluft, gut angereichert mit den Abgasen von Unmengen von Autos. Der  Verkehr ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend, die zwei-spurigen Fahrzeuge stehen im Stau, die einspurigen rasen links und rechts vorbei, es ist – vorsichtig ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig. Wenn ich daran denke, dass sich Tadeja eine Rundreise mit dem Mietwagen in den Kopf gesetzt hat bekomme ich Bauchkrämpfe, wir sind ja außereuropäischen Verkehr gewohnt, aber Bogota spielt hier in einer anderen Liga. Um das Ganze irgendwie in den Griff zu bekommen dürfen Autos immer nur an jedem zweiten Tag fahren, abhängig von der letzten Ziffer am Nummernschild. Nur Samstag und Sonntag ist es für alle frei, am Sonntag sind – als Sonderprüfung – viele Straßen für KFZ gesperrt und nur für Fußgänger und Radfahrer freigegeben, in den restlichen kollabiert der Verkehr.

Drei Tage lang tauchen wir in die Großstadt ein, es gibt einen Hausberg mit Seilbahn und Zahnradbahn, ein hübsches koloniales Zentrum, drumherum eine moderne Großstadt, relativ wenig Touristen, viele Flüchtlinge aus Venezuela und sehr sehr viel Armut und Menschen, die auf der Straße leben und sich mit dem Verkauf von irgendwelchen Kleinigkeiten durchkämpfen. Die Stadt hat einen anderen Rhythmus als wir das aus Mexiko gewohnt sind, die meisten Lokale sperren zwischen 1800 und 1900 zu, zu dieser Zeit sperren sie in Mexiko manchmal erst auf. Es gibt deftige Suppen mit viel Fleisch, Vegetarier müssen hier leider verhungern, es wird auf Teufel komm raus gegrillt und alles was vier Beine hat muss sich beeilen damit es nicht auf einem Teller landet.

Um nicht wieder ins Jammern zu verfallen erzähle ich die Iberia-Flug-Umbuch-Geschichte, die mich einige Tage außer Gefecht setzt, jetzt nicht. Zumindest in der Erinnerung möchte ich nun die rosarote Brille aufsetzen. Großartig sind die Menschen hier, freundlich, offen, schön und liebenswürdig. Mit der angetrauten Native Speakerin an meiner Seite gehöre selbst ich angegrauter Nicht-Speaker sofort überall dazu, wunderbar.

Nach drei Tagen ist es genug Großstadt für uns, die Ruta del Cafe ruft, wir bekommen ein tadelloses Mietauto, Allrad, fast neu, und dann wird der Verkehr auf uns losgelassen. Ruhig, besonnen, völlig entspannt und mit mir selbst und mit Bogota im Reinen fahre ich los, ein Lächeln im Gesicht und ein fröhliches Liedchen auf den Lippen, mindestens 30 Meter geht das so, dann sind wir draußen aus dem Mietwagen-Gelände und aus James Cool wird Herbert der Entnervte, aus ist es mit der Gelassenheit. Vier Stunden brauchen wir für die ersten 40 Kilometer, ich bin schweißgebadet und fix und fertig. So liebenswürdig die Kolumbianer:innen sind wenn sie nicht im Auto sitzen, so schnell verwandeln sie sich in Mr. Hyde wenn sie sich ans Steuer setzen, dann herrscht erbarmungslos das Gesetz des Stärkeren. Aber je weiter weg wir von Bogota kommen, umso höher sind die Überlebenschancen und letztendlich sind wir dann 1000 km ohne den kleinsten Kratzer unterwegs.

Apropos Cafe: Guten Espresso bekommen wir nur in einem winzigen Lokal in Bogota, sonst müssen wir meistens Filterkaffee trinken. Tadeja bestellt zwar immer einen kleinen Espresso, aber ich bin  mir sicher dass sie dann den Filterkaffee in einer kleineren Tasse bekommt. Der gute Kaffee – so die gute Fee des einzigen ernstzunehmenden Kaffeehauses von Kolumbien – der wird nach Europa exportiert. Der Rest wird für die Amerikaner verwendet, weil die schmecken angeblich den Unterschied nicht – „damit berauben wir dann die Amerikanos (Originalzitat)“.

Unsere Route führt uns von Bogota nach Zipaquira, von dort weiter ins tropische Honda, dann geht es wieder hoch hinauf nach Manizales und weiter nach Salento, und schließlich über Ipaque und La Mesa wieder zurück nach Bogota. Die Landschaft ist beeindruckend schön und unglaublich abwechslungsreich, Honda liegt umgeben von tropischem Regenwald fast auf Seehöhe, dann schraubt sich die Straße wieder auf 3.700 m Seehöhe in die Anden.

In Zipaquira besuchen wir die Salzkathedrale, eines der beeindruckenden Bauwerke das wir jemals gesehen haben, tief unten im alten Salzbergwerk wurde eine gigantische Kathedrale errichtet, aus dem Salzgestein herausgegraben, wir sind früh dort und können das Wunder noch vor dem großen Besucheransturm genießen. Honda ist (im Gegensatz zur Straße dorthin) unspektakulär aber hübsch, es ist heiß und schwül, welch ein Gegensatz zum Hochland! In Manizales übernachten wir nach einer langen Autofahrt in einer kleinen Finca im Dschungel (wir danken dem Schutzheiligen der Mietwagen dass er uns einen Allrad spendiert hat), von dort fahren wir dann nach Salento um im Tal der Wachspalmen wandern zu gehen. Trotz Trockenzeit regnet es jeden Tag, es gibt tropisches April-Wetter im Gebirge und wir werden täglich „waschelnass“. Salento ist der Tourismus-Hotspot schlechthin, das Stadtzentrum ist ein einziger großer Künstlermarkt, wir vermuten, dass die Handwerksprodukte wirklich lokal aus Kolumbien kommen und nicht aus China, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Die Landschaft ist wunderschön, hohe Berge, liebliche Täler, Kaffeeplantagen, es muss ein Paradies zum reiten sein und wir sehen auch viele Pferde. Am nächsten Tag sind wir schon wieder „on the road“, es geht übers Gebirge zurück Richtung Bogota, gemeinsam mit unzähligen Schwerst-LKWs. Diese Monster-Trucks kriechen über die Anden-Pässe, keuchend und schwarzen Qualm ausatmend, bei manchen fürchten wir, dass sie jeden Moment auseinanderbrechen, andere wiederum blitzen und blinken vor lauter Chrom und poliertem Edelstahl und sind richtige „Hingucker“, auf Aerodynamik wird hier verzichtet. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25km/h zischen wir die 150 km bis zur nächsten Übernachtungs-Station in Ipaque, dort haben wir uns in einer kleinen Finca eingemietet, die Unterkunft ist nett aber ausgesprochen „basic“. Weniger nett sind die Gelsen, die uns nicht schlafen lassen bis ich sie endlich alle erlegt habe, am nächsten Tag sehe ich an den vielen roten Flecken an der Wand, dass auch andere Gäste hier schon Jagdausflüge unternommen haben. Abends finden wir ein sehr nettes Lokal an der Straße und ich komme endlich dazu die Grill-Würste zu probieren, auf die ich mich schon seit Tagen freue. Auch Tadeja, die Ex-Vegetarierin, bestellt sich ein riesiges gegrilltes Kalbs-Steak das sie natürlich nicht alleine verdrücken kann, meine Bestellung ist auch zu euphorisch und leider kann mich danach niemand zum Auto rollen. Am nächsten Tag machen wir noch eine Wanderung in die Berge, werden natürlich ordentlich nass und fahren dann weiter Richtung Bogota, wo wir nach einem weiteren Übernachtungsstopp wieder gut ankommen. Die letzten 100 km fahren wir gemeinsam mit hunderten Radfahrern, die auf der Schnellstraße in den Andenpässen einen Wochenendausflug machen. Radfahren ist ziemlich „in“ in Bogota und Umgebung, wir sind ziemlich beeindruckt wie fit die Menschen dort sind.

Zurück in Bogota leisten wir uns ein schönes Hotel im kolonialen Viertel und verbringen noch drei Tage mit Stadt-Wanderungen, vielen Museums-Besuchen und ein wenig einkaufen, und dann sitzen wir auch schon wieder im Flugzeug nach Madrid und Wien.

Kolumbien wird uns wieder sehen, das nächste Mal aber wohl an der Küste und wieder mit dem eigenen Boot, vielleicht schon Anfang des nächsten Jahres.