Nach einer schnellen Fahrt mit bis zu neun Knoten über Grund erreichen wir am frühen Nachmittag Mindelo, die „heimliche Hauptstadt“ der Kap Verden. Im großen Ankerplatz vor der Marina fällt der Anker ins türkisblaue Wasser und gräbt sich tief ein, das ist bei den in den nächsten Tagen folgenden Sturmböen auch ganz gut so.
Wieder einmal ist es die Erwartungshaltung, die mitbestimmt, wie man einen neuen Ort erlebt: Wir haben uns auf eine laute, hektische und schmutzige Stadt eingestellt und sind begeistert wie hübsch und entspannt es hier ist! Am Ankerplatz liegen wir – wenn auch manchmal von Böen mit bis zu neun Windstärken durchgeschüttelt – wunderbar ruhig und in der Stadt gibt es (fast) alles was das Herz begehrt (wenn es nicht gerade ausverkauft ist, manchmal gibt es auf ganz Sao Vincente keine Zwiebel weil das Zwiebel-Schiff nicht gekommen ist, oder es gibt keine Eier, oder…). Einige Supermärkte, mehrere große Gemüsemärkte und ein großer Fischmarkt machen das Einkaufen zum Vergnügen. Es gibt sogar frisches Joghurt! Wir leben zwischenzeitlich von Gemüse und Fisch, Fisch gibt es in allen Variationen und Qualitäten: vom Thunfisch-Steak, das auf der ZIG ZAG rosa gegrillt wird und so köstlich schmeckt, dass mir beim Schreiben schon wieder das Wasser im Munde zusammenläuft (danke Georg) über Schwertfisch-Filets, Doraden-Braten, Wolfsbarsch aus dem Rohr bis hin zur Riesenbrasse, die ich persönlich zubereite und die dann nach zwei Bissen über Board geht, und mir dennoch als Abschiedsgeschenk eine Fischvergiftung zurücklässt. Wir lernen davon, und ab sofort wird ein großer Bogen um einen Fisch gemacht, bei dem wir auch nur ein ganz klein bisschen ein schlechtes Gefühl haben.
Wir treffen viele Bekannte, Heinz mit seiner KIKAM ist hier, die ZIG-ZAGs laufen knapp nach uns ein, Alice und Plume und einige andere Backpacker sind bereits angekommen. Die FLORIMELL fehlt noch, sie schafft es bei dem starken Nord-Ost nicht nach Sao Vincente und ist einige Tage abgängig, doch kaum haben wir eine Suchmeldung aufgegeben, da bekommen wir auch schon ein Lebens-Zeichen. Es gibt Partys am Marina-Steg, Stammtisch am Trans Ocean Stützpunkt, es ist eine richtige Segler-Gemeinschaft geworden. Sylvester feiern wir in einer großen Runde am Steg und genießen dann das großartige Mitternachts-Feuerwerk am Hafen. Es ist eine wunderbare Stimmung, es müssen tausende Menschen sein, die das Feuerwerk gemeinsam betrachten, eine fröhliche und ausgelassene Menge, die sich über die bunten Lichtblitze freut wie wir das noch nie erlebt haben, voller Begeisterung wird das Spektakel gefeiert. Später gibt es noch bis in die Früh Live-Konzert und ausgelassene Partystimmung. Am Neujahrstag streamen wir dann das österreichische Neujahrskonzert von Ö1 und beschallen das Ankerfeld, aber außer uns ist wohl noch niemand auf…
Der Sonntag beschert uns dann das nächste Mindelo-Groß-Ereignis: Ein Umzug (zum Schulstart, Universitäts-Start, Karneval, Neujahr…, so genau haben wir das nicht herausgefunden). Jetzt wissen wir wofür die Trommel-Partien die letzten Tage so intensiv geübt haben, immer wieder haben wir das Wummern in der Stadt gehört – zu den archaischen Trommelklängen tanzen nun dunkle maskierte Gestalten, und eine Riesenmenge von nicht ganz so dunklen und nicht maskierten Menschen tanzt mit, Tadeja mittendrin! Der Umzug schlängelt sich den ganzen Nachmittag durch die engen Gassen und zieht über die Plätze von Mindelo, es ist ein ausgelassenes und friedliches Fest ohne Alkohol und mit nur wenigen Taschendieben.
Wir haben zwischenzeitlich unsere Reiseplanung überarbeitet und wollen nun gemeinsam mit ZIG ZAG direkt in die Karibik segeln, wir freuen uns auf ankern, schnorcheln und baden. Brasilien muss noch etwas warten, das ist aber nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Wieder einmal wird verproviantiert, Wasser und Diesel gebunkert und die KALI MERA für die Abreise fertig gemacht. Aber vor der Abreise planen wir noch für einige Tage einen Abstecher mit der Fähre auf die „Wander-Insel“ Santo Antao, die alle, die schon dort waren, begeistert hat (Anmerkung der Redaktion: schon erledigt, war unvorstellbar schön, Bericht folgt gesondert).
Am Abend lichten wir den Anker in Palmeira und segeln Richtung Westen, direkt in die untergehende Sonne. Der starke Wind, der den ganzen Tag durch das Ankerfeld gepfiffen hat, hat abgeflaut, immer noch gibt es hohe Dünung von der Seite und die verbleibenden 15 Knoten Wind reichen nicht aus die Genua bei dem Geschaukel vorm Einklappen zu bewahren. Wir setzen also nur Groß und Besan, beide gesichert mit Bullenstander, und tingeln mit vier bis fünf Knoten Fahrt völlig ruhig trotz fast vier Meter Welle dahin. Der Radar-Alarm wird aktiviert, der Kurs gesetzt und dann fährt die KALI MERA selbstständig nach Sao Nicolau, ca. 80 Seemeilen entfernt. Tadeja geht früh schlafen und ich döse noch im Cockpit, es ist eine helle Nacht, ein Tag vor Vollmond. Bald schlafe auch ich und als die KALI MERA mich weckt weil sie einen Fischer in fünf Meilen mit dem Radar entdeckt, bleibe ich einige Zeit wach, bis der Fischer verschwunden ist, und verkrieche mich dann wieder in die Lotsenkoje. Völlig überraschend werden wir kein bisschen seekrank, ich habe diesmal kurz vor der Abreise zu den köstlichen gegrillten Doraden (Tadeja ist zwischenzeitlich eine Zauberin beim Zubereiten von Fischen, immer wieder gibt es neue Kreationen, eine besser wie die andere) gegen meine Gewohnheit noch ein Bier getrunken, normalerweise sind wir auf See strikt abstinent, und Alkohol soll ja zusätzlich noch Seekrankheit fördern, aber das dürfte wohl für uns Österreicher nicht zutreffen. Ja, vielleicht ist Bier sogar das nun endlich entdeckte biologische und gesunde Mittel gegen Seekrankheit, der venezianische Theriak der Seefahrer, ich nehme mir vor das weiter zu untersuchen und hier eingehende Praxis-Tests zu machen. Und wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich meinen großen Bruder Gerald noch nie seekrank gesehen, aber Bier trinken schon oft, da dürfte wohl was dran sein, allerdings könnte es auch entfernt damit zusammenhängen dass er erst selten gesegelt ist…
Nach Sonnenaufgang frischt der Wind auf, es werden dreißig Knoten, in Inselnähe dann böig und tw. etwas mehr, und in Sausefahrt rauschen wir nach Gran Tarafal, bei schweren Fallböen fällt der Anker auf zehn Meter Tiefe in den schwarzen Sand. Neben uns liegt die deutsche ZIG ZAG, Georg und Irene sind einen Tag vor uns von Sal abgereist und haben das AIS eingeschaltet lassen damit wir sie besser finden. Wir werden am Heiligen Abend auf ihr Schiff zum Essen eingeladen, es gibt gebratenes Huhn in Kokos-Sauce, Rindfleisch mit Knödel und Rotkraut und Tadejas Zucchini-Kuchen, deutschen Sekt und spanischen Wein. Es ist Weihnachten einmal ganz anders, bei 28 Grad Luft- und 25 Grad Wassertemperatur, schaukelnd und ohne Christkindlmarkt, Adventbeleuchtung, Einkaufsstraßen, Sonderangeboten, Geschenkswahnsinn, ständiger Stille-Nacht-Berieselung. Georg und Irene segeln mit ganz kleinen Kindern, zwei Jahre und vier Monate, die ZIG ZAG ist ein schwimmendes Kinderzimmer. Sie wollen um die Welt segeln, wenn sie zurückkommen wird ihre Tochter schon in die Schule kommen.
Wir skypen mit unseren Kindern, den Eltern und Tadejas Schwester Martina, es ist schon ein komisches Gefühl dass wir hier so weit weg von unseren Lieben sind, das erste Mal seit ich lebe feiere ich Weihnachten nicht in Tamsweg, aber das unvorstellbare passiert und es scheint auch ohne uns ein schönes Fest dort zu werden, und auch wenn mein erster Impuls ist, wenn es um das traditionelle Weihnachtsessen geht, „bitte hebt mir etwas auf“ zu rufen, geben wir uns bescheiden zufrieden mit dem was wir haben. Und außerdem ist frische Dorade nicht schlechter als alter Lachs, den man räuchern musste damit er nicht verdirbt. Hihi. Aber unsere Familie geht uns schon ab, vielleicht können wir nächstes Jahr zu Weihnachten, wenn die Temperaturen weiter so steigen, schon vom Atlantik bis zum Millstätter-See segeln, von dort werden wir dann sicher abgeholt, mit den Sommerreifen über den Katschberg…
Aber nun zurück in die Gegenwart: Gran Tarafal ist ein netter Ort mit einigen Supermärkten, wir erstehen diesmal sogar Joghurt (Hurra, Frühstück wieder nach Vorschrift), und der Ankerplatz davor ist sehr schön, ruhige See vor einem grandiosen Vulkan-Panorama. Auf der KALI MERA wird wieder repariert, allerdings diesmal keine Schiffselektronik, sondern Tadejas Handy, das tauchen lernen musste, als Tadeja die Stabilität vom Dinghi überschätzte und mitsamt Rucksack in voller Montur baden ging. Nach mehrfachem Zerlegen, Demontage aller Komponenten, Handauflegen, Bachblüten und akribischer Reinigung geht das Ding nun wieder. Ich kann jetzt blind nicht nur einen Palstek machen sondern auch das Display eines Samsung S4 ausbauen….
Der Stefanitag ist Wandertag, wir fahren mit der ZIG ZAG Crew im Aluguer (ein Sammeltaxi mit dem die cleveren Kap-Verdanier das Problem des Individualverkehrs gelöst haben, wenn wohl auch nicht aus Umweltschutzgründen, wieder etwas das man nach Wien importieren sollte, voller Freude stelle ich mir die Gesichter der ja bekannt fröhlichen Wiener vor, wie sie eingezwängt zu zehnt in einem Sammeltaxi fahren, mit lauter Musik sowie Kind und Kegel…) auf die andere Seite der Insel. Sao Nicolau hat sich so eine Art Irokesenfrisur zugelegt, die Südseite (vor der wir ankern) ist völlig kahl, nach einer Fahrt über die Berge mitten durch ein atemberaubendes Panorama ist man plötzlich im Dschungel, es ist grün und üppig bewachsen, wir machen eine Wanderung durch einen Nationalpark mit traumhafter Natur, ich habe gelesen, dass man beim Anblick der bizarren tropischen Landschaft das Gefühl hat, dass man hier King Kong begegnen könnte, und es ist wirklich so (dass es sich so anfühlt, nicht dass wir ihm begegnen).
Der Wetterbericht ist nun der Meinung, dass es in einigen Tagen sehr viel Wind hier geben wird, wir haben aber keine Lust auf eine schlaflose Nacht, so wie die ZIG ZAG diese vor zwei Tagen hier hatte, mit 40 Knoten Wind, also werden wir wieder weiterziehen, nach Mindelo, dort wo sich alle treffen, die dann die nächste Strecke über den Atlantik angehen. Wir wollen den Jahreswechsel dort verbringen und Bekannte wiedersehen.
Palmeira, der angeblich sicherste Hafen der Kap-Verden, hat es uns richtig angetan. Auch wenn weit draußen die lange Ozean-Dünung bricht ist es im Hafen ruhig, wenn am Abend der Wind nachlässt liegt man wie in Abrahams Schoss, zumindest die ersten Tage. Doch heute Früh ist plötzlich alles anders. Der Wind kommt wie jeden Tag aus Nord-Ost, 4-5 Windstärken, aber die KALI MERA bewegt sich seltsam. Und als ich dann ins Cockpit klettere da sehe ich, dass sich alle Schiffe seltsam bewegen, – Schwell kommt von draußen herein und sucht sich seinen Weg in den Hafen. Ich schaue zur FLORIMELL, die weniger geschützt liegt als wir und sehe wie sie tanzt. Und hinter der FLORIMELL liegt die riesige Linzer Motorjacht MISS PEZI nicht mehr ordentlich am Anker, so wie am Abend zuvor, sondern hat sich selbstständig gemacht und ziemlich weit hinauf auf den Strand verholt. Die riesigen Wellen spielen mit dem großen Schiff, das gerade auf dem Weg von der Karibik zurück nach Europa war, wie mit einem Spielzeug. Die Wellen werden stärker und sowohl Harald als auch wir gehen Anker auf und legen uns weiter hinein in das Hafenbecken, in sicherer Entfernung zum Strand.
Während Tadeja und Conny an Deck in der Sonne liegen haben Harald und ich einen Versorgungsauftrag – wir fahren mit dem Sammeltaxi nach Espargos, den nächsten größeren Ort, einkaufen. Ich freue mich auf bunte Märkte und einheimische Spezialitäten, beim Gedanken an frisches Gemüse und reifes exotisches Obst läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen, doch es kommt ganz anders. Es gibt zwar einige Supermärkte, aber außer Konserven, Putzmittel und Wein/Bier gibt es so gut wie nichts. Auf der Straße werden (zu horrenden Preisen) Paprika und Paradeiser verkauft, beim Gemüsestand gibt es Erdäpfel (ebenfalls unglaublich teuer) und ein paar Hochpreis-Zucchini. Nur Bananen gibt es günstig und im Überfluss, aber der Rest muss importiert werden, selbst wenn einen die enormen Preise (5 Euro für ein Kilo Paradeiser) nicht abschrecken würden, könnte man dennoch nicht viel erstehen. Statt Gemüse kaufe ich dann halt eine SIM Karte (die schmeckt zwar nicht gut, ist dafür aber wirklich günstig) und nach einer langen Konfigurations-Prozedur haben wir nun wieder ein Handy mit Internet.
Die Kap-Verden sind ein armes Land, elektrischer Strom und Fließwasser im Haus ist ein Luxus, den hier auf Palmeira nicht so viele haben, die Insel Sal ist eine grau-braune Wüste ohne „Grün“. Trotzdem ist Sal die Touristen-Hochburg der Kap-Verden, im Süden gibt es monströse Hotelanlagen mit jeglichem Luxus für die Gäste, aber außerhalb dieser Anlagen ist es die Welt Nummer Drei.
Am Abend gibt es auf der FLORIMELL Risotto, und als Jay (der Wasser, Diesel, Benzin, Gas … Organisator) mit einem Korb voll Seespinnen klopft kaufen wir ihm drei so Ungeheuer ab. Sie werden an Ort und Stelle gekocht und am nächsten Tag zu Mittag mit Erdäpfelsalat verspeist. So eine Seespinne ist für mich ein Diät-Essen, das Fleisch befindet sich hauptsächlich in den dünnen Beinchen, und nachdem die Biester eher meine Figur haben als die vom Schwarzenegger ist das nicht sehr viel.
Im Zentrum von Palmeira, in der Nähe der Hafenpromenade (die „Promenade“ ist ein paar Meter lang und auch „Zentrum“ ist ein etwas gewagter Begriff), gibt es einige Lokale in denen man nett einen Drink nehmen kann, laute afrikanische Musik hüllt einen ein, und damit die Vielfalt nicht zu kurz kommt nehmen die Einheimischen auch noch die eigene Musik mit in die Bar und so stehen auf den einzelnen Tischen kleine Ghettoblaster die für eine multikulturelle Beschallung sorgen. Ein „italienisches Restaurant“ bietet Spezialitäten von den Kapverden an und hat Wifi für die Gäste. Jeden Tag wird der Code gewechselt und man darf nur mails herunterladen, „Internet very expensive“.
Die Menschen sind sehr freundlich, mir haben es besonders die Dinghi-Wächter angetan, Burschen im Alter von acht-zehn Jahren die als Kleinstunternehmer beim An- und Ablegen der Beiboote helfen. Einer hat sich selbst zum Hafenkapitän für die Dinghis ernannt und zischt mit den Leinen hin und her, ich schau mit viel Freude über so viel jugendliches Unternehmertun zu und unterstütze gerne mit einigen Escudos. Welch ein Unterschied zum Wohlstand in Österreich, der hat auch seine Schattenseiten!
Nach einer Woche hier auf Sal wird es nun Zeit zum Weiterreisen, es geht weiter nach Westen, Inselhüpfen bis Mindelo, dort wollen wir uns vor der Atlantik-Querung verproviantieren und dann auch von dort losfahren.
Palmeira, HauptstrassePalmeira, Tourist wartet auf den BusEspargos, BananenverkaufPalmeira, Florimell im SchwellPalmeira, Miss Pezi im SchwellPalmeira, Schiff in den WellenPalmeira, Miss Pezi am Strand
Wir brechen am späteren Nachmittag in St. Cruz auf, nachdem wir vorher noch ausklariert, Obst und Gemüse eingekauft, das Schiff für die erste große Überfahrt vorbereitet und sämtliche Verabschiedungen erledigt haben. Bill und Judy kommen zum Steg und winken zum Abschied, der nächste Treff wird wohl in der Karibik sein, die beiden werden Anfang Jänner mit Jimmy Cornell nach St. Lucia aufbrechen.
Das riesige Hafenbecken ist völlig ruhig, aber kaum haben wir die Einfahrt passiert gibt es hohe Wellen, die KALI MERA schaukelt fürchterlich und stampft von einer Welle in die nächste. Es ist starker konstanter Wind angesagt, aber zwischen Teneriffa und Gran Canaria bläst es schwach und kommt – so scheint es – aus allen Richtungen gleichzeitig. Es gibt eine unangenehme Kreuzsee und wir kämpfen uns das erste Stück unter Motor nach Süden. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verlassen wir die Abdeckung der Insel, der Wind wird stark und der Seegang grob, eine schnelle Achterbahnfahrt, die mehrere Tage andauern wird, beginnt. Wir sausen mit acht Knoten Fahrt nach Süden, werden durchgeschüttelt und haben interessanterweise einige Zeit gar keinen Appetit.
In den Kojen werden die Lee-Bretter eingehängt damit man nicht aus dem Bett katapultiert wird und der Großteil des Tages wird horizontal verbracht, der Körper muss sich an das ständige Auf und Ab und Hin und Her erst gewöhnen, der Magen möchte möglichst in Ruhe gelassen werden und überhaupt ist es gar nicht so wie man sich einen entspannenden Segeltag vorstellt. Ich kann mir die Frage – warum ich mir das eigentlich antun musste – nicht verkneifen.
Von Beginn weg herrscht eine gewisse Boardroutine, täglich werden ein Positionsreport über SSB abgesetzt, Grib Files für das Wetter heruntergeladen und über email (per Kurzwellenfunk) mit der Außenwelt Kontakt gehalten. Der kurze Aufenthalt vor dem Funkgerät führt anfangs schon zu einem Aufstand in der Magengegend, aber nach einigen Tagen wird nicht nur der Wind sondern auch die latente Übelkeit schwächer und plötzlich wacht man in der Früh auf und hat Hunger, Hurra! Am vierten Tag hat sich der Körper an die schaukelnde Umgebung gewöhnt und das Reisen wird endlich wieder zum Genuss, es gibt nun das nötige Joghurt zum Frühstück und frischgekochtes Essen zu Mittag. Am vierten Tag wird die Schleppangel aktiviert und am Abend beißt eine Gold-Dorade, ca 75 cm lang und einige Kilo schwer, die nächsten zwei Tage gibt es köstlichen Fisch zu Mittag.
Wind und Seegang flauen weiter ab und die Amel-Passatbesegelung wird aktiviert, mit den beiden ausgebaumten symetrischen Vorsegeln ziehen wir eine ruhige Bahn durch das tiefblaue Meer, wir segeln fast so schnell wie der achterliche Wind und es ist ein großer Genuss. Die Nächte sind magisch, durch den Neumond sieht man ein unvorstellbares Sternengefunkel mit einer Sternschnuppe nach der anderen. Wir sind völlig alleine weit draußen auf dem Ozean, die ganze Reise kommt kein anderes Schiff in Sicht, rund um uns nur Wasser (von den Kanaren zu den Kapverden geht es ca. 1.700 km nach Südwesten, beinahe eine halbe Atlantikquerung), aber es kommt nicht das Gefühl auf alleine zu sein. Unser Schiff ist ein eigener Mikrokosmos mitten in den endlosen blauen Wellen, eine autarke kleine Welt, die durch das Ozean-All fliegt (… getragen von vier Elefanten die jeweils auf einer Schildkröte sitzen…).
Nach sieben Tagen und Nächten auf See taucht in der Früh die Insel Sal am Horizont auf, eine Schule Delphine begrüßt uns und spielt eine Zeit lang mit der KALI MERA, elegant tanzen sie in der Bugwelle. Zwei Stunden später ankern wir im gut geschützten Hafen von Palmeira zwischen knapp 30 anderen Yachten. Der erste Versuch einzuklarieren scheitert, es ist kein Verantwortlicher mehr im Büro (der freundliche junge Polizist, der eigentlich genau dort sitzt wo auch Polizei – bei der wir uns ja melden müssen – draufsteht , empfindet sich jedenfalls selbst nicht als Verantwortlicher. Die Bürozeiten fürs Einklarieren werden zwar mit 08:00 – 16:00 angegeben, aber damit nimmt man es nicht so genau. Eine gute Zeit sei von 08:00 – 11:00 werden wir aufgeklärt, und wir könnten ja in Ruhe morgen alles erledigen (intuitiv spüre ich, dass „morgen“ ein wichtiges Wort wird und lerne damit mein erstes portugiesisches Vokabel, das ich dann auch gleich schon mehrfach verwenden kann). Ich denke dass man hier als Berater für Zeitmanagement viel lernen könnte und dann ganz innovative Reorganisationsprojekte in unseren Büros durchführen müsste. Dieses ganze „pünktlich bei Meetings erscheinen“, „etwas bis heute end of business fertig machen“, „effizient und effektiv sein“ könnte man als Palmeira-zertifizierter Zeitberater sofort abschaffen, die „Morgen-Ideologie einführen“ und dann interessiert abwarten, was sich daraus entwickelt. Große Gelassenheit zeichnet die Menschen hier aus, viele sitzen auf der Strasse vor den kleinen schuhschachtelförmigen Häusern und plaudern, sortieren irgendetwas, verkaufen irgendetwas oder machen irgendetwas oder auch irgendetwas nicht. Viele Hunde gibt es, richtige liebeswürdige Straßenköter die mit den Kindern spielen oder in der Sonne liegen, bellen dürfte etwas zu viel Energie benötigen also sind sie leise. Auf der Suche nach einer Bank werden wir mit größter afrikanischer Freundlichkeit in zwei entgegengesetze Richtungen gleichzeitig geschickt, aber auch der dann plötzlich in einem „Industrie-Block“ auftauchende Bankomat hat gerade Siesta. Internet gibt es natürlich, aber das dazugehörende Lokal hat erst morgen wieder geöffnet, und ohne Lokal dann doch kein Internet. Palmeira besteht eigentlich nur aus ein paar Straßen und ein paar Häusern, ein paar Kiosks und ein paar undefinierbaren Gebäuden. Es ist auf den ersten Blick so trostlos, dass man am liebsten sofort einen Film drehen möchte um die grandiose Stimmung einzufangen. Es gibt hier eigentlich nichts, und zwar so ein intensives Nichts dass es fast schon Ähnlichkeiten mit einem schwarzen Loch hat, ich kann mir gut vorstellen dass es sich ganz plötzlich, ohne dass man es merkt (außer es knallt dabei wegen irgendwelcher Naturgesetze), auflöst und nur die graubraune trostlose Gegend hinterlässt. Und dennoch liegen hier eine Menge Yachten auch für längere Zeit (manche anscheinend schon so lange dass man sich nicht mehr ganz sicher sein kann ob es nicht vielleicht gar nicht um ein Boot sondern um so eine eine Art Schwimmkoralle oder Riesenseegurke handelt), so als ob man wieder einmal eine Zeit lang da bleiben muss um die Atmosphäre eines Ortes richtig aufnehmen zu können und dann auch schön zu finden. Ich bleibe hier nun jedenfalls bis Tadeja in drei Tagen nachkommt und freu mich dass der Platz ruhig und geschützt ist. Der Anker ist fest eingegraben, es ist schön warm, die Proviantkisten sind voll, das Bier ist eingekühlt, der spanische Wein im „Keller“ temperiert und da kann nun kommen was will, Hurra und Willkommen Capo Verde …
Überfahrt Capo Verde, PassatsegelÜberfahrt Capo Verde, MittagessenÜberfahrt Capo Verde, HausmusikÜberfahrt Capo Verde, Sal SonnenuntergangÜberfahrt Capo Verde, Sal
Vor fast drei Wochen ist Tadeja nach Slowenien heimgeflogen, es war nicht für so lange Zeit geplant aber sie kann noch immer nicht zurück aufs Schiff, also bin ich weiterhin „Strohwitwer“. Seit Mai sind wir das erste Mal getrennt und es freut und ganz und gar nicht. Auch mich verschont das Schicksal nicht, vor zwei Wochen musste ich kurzfristig nach Österreich zurück, mein geliebtes Pferd Kiralyfi, seit 13 Jahren Freund und Begleiter auf vielen Wanderungen, hatte eine Kolik, und ich wollte mein Möglichstes zur Genesung beitragen, als ich am Flughafen Wien ankam war er jedoch schon tot. Zurück am Schiff habe ich mich – um auf andere Gedanken zu kommen – dem Abarbeiten meiner ToDo Liste gewidmet und die KALI MERA in technischen und optischen Top-Zustand versetzt.
Auch sonst war einiges zu erledigen, Gelbfieber impfen, Versicherung fürs Schiff abschließen, mich um Finanzamt und den Betrieb zu kümmern. Bei so Herkulesaufgaben wie eine Impfung organisieren oder – noch schlimmer – bei der Feinkostabteilung anstehen – darf man es hier nicht eilig haben, eine den Bewohnern eingebaute Gemütlichkeit verhindert zu schnelle Bewegungen und stellt sicher, dass kein Stress aufkommt. Wenn man – so wie ich – auf Englisch angewiesen ist und nur „Danke, die Rechnung bitte und Prost“ auf Spanisch sagen kann, dann versteht man, warum der Turmbau zu Babel nicht funktioniert hat. Wahrscheinlich haben dort Spanier mit Engländern zusammengearbeitet und diese Mischung gibt eine derart interessante Missverständnis-Basis ab dass komplexe Vorhaben gar nicht funktionieren können. In den Geschäften zieht man, genauso wie in den Krankenhäusern (ja, so eines habe ich mit Grauen auf der Suche nach der Impfung besucht) Zettel mit Nummern aus einem kleinen Kästchen und dann wartet man geduldig bis seine Nummer auf einer riesigen Anzeigetafel auftaucht. Hat man bei der Feinkostabteilung am Samstag eine ehrwürdige spanische Matrone vor sich, die es sich zum Ziel gemacht hat, von fast allen der unendlichen Anzahl an verschiedenen Jamons und Salamis und Schafs- und Ziegenkäsen eine ganz kleine Portion zu bestellen, dann wird man Zeuge eines schier unglaublichen Schauspiels: jeder einzelne riesige Schinken wird von der ganzen Folie, in der er eingewickelt ist, befreit und dann werden einige Scheiben abgeschnitten, der ganze Schinken neu in frische Folie verpackt und umständlich wieder weggeräumt. Das Ganze geht mit größter Gemütlichkeit vor sich und zwischendurch wird gescherzt und geplaudert. Am liebsten hätte ich bei jedem Teil laut gerufen „nicht wegräumen, ich nehm das dann auch“, nur damit es etwas schneller geht, aber das wäre wieder nur mit Englisch und einem nachfolgenden Chaos verbunden gewesen. Also habe ich eine neue Taktik entwickelt, ich halte vor dem Einkaufen nach gefährlichen Feinkosteinkäuferinnen Ausschau, zische dann, wenn der Weg frei ist, auf dem kürzesten Weg zur Feinkostabteilung, nehme sofort eine Nummer und mach dann in aller Ruhe den Weineinkauf… . Im Krankenhaus funktioniert das mit der Nummer übrigens ähnlich, nur dass dort die Geschwindigkeit des Herrns beim Empfang genau mit der Behandlungs-Geschwindigkeit der Ärzte gekoppelt ist, immer wenn ein Arzt auftaucht und einen neuen Patienten mitnimmt, wird bei der Anmeldung eine neue Nummer aufgerufen, man wartet also nicht auf die Behandlung selbst sondern nur bei der Aufnahme. Im Krankenhaus bekomme ich auf einen riesigen Zettel in Monsterbuchstaben eine Adresse aufgeschrieben – dorthin müsste ich gehen, dort würde man mich impfen. Die ganze Kommunikation ist über das Handy gelaufen, ich tippe die Worte in Google-Translate ein und halte sie dann meinem Gesprächspartner unter die Nase, Vorlesen habe ich mangels Erfolg aufgegeben. Mit dem Zettel in der Hand (das Impfzentrum ist angeblich ca. 200 Meter in irgendeine Richtung entfernt) wandere ich dann von einer Station zur anderen und lege einige Kilometer zurück. Jeder, den ich frage, gibt mir bereitwillig und freundlich Auskunft, aber in der Zwischenzeit kann ich schon in den Gesichtern lesen ob sie mich verstanden haben, vor lauter Hilfsbereitschaft schicken sie mich nämlich auch dann noch in irgendeine (falsche) Richtung, wenn ich unmittelbar vor dem Ziel stehe. Nachdem aber alle Menschen hier so hilfsbereit und freundlich sind kann man niemanden böse sein, um mich zu beruhigen gehe ich einfach in den nächsten Feinkostladen und bestelle mir von allen Köstlichkeiten ein ganz kleines Stück…
Die nächste Station auf unserem Reiseplan sind die Kapverden, eine Inselgruppe etwa 900 Meilen (1.700km) weiter im Süden. Die Überfahrt ist für sechs bis acht Tage angesetzt, es müssen also ausreichend Lebensmittel an Board, und nachdem die Kapverden nicht gerade für gut sortierte Supermärkte bekannt sind und der Kapitän gerne fein speist wird gleich alles mitgebunkert, was wir dann auf der weiteren Überfahrt nach Brasilien oder in die Karibik (so genau wissen wir das ja noch nicht) brauchen werden. Tadeja kann erst auf den Kapverden wieder zur KALI MERA kommen, ich nehme also zwei junge französische Backpackerinnen, die auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit sind, an Board um die Reise nicht alleine machen zu müssen. Zu dritt marschieren wir wie eine moderne Kamelkarawane mit den Einkaufswägen durch den Carrefour, beladen mit schieren Unmengen an Lebensmitteln, so als wäre auf den Kapverden eine Hungersnot ausgebrochen und wir seien alleine für die Hilfslieferungen verantwortlich. Eigentlich habe ich mir vorgestellt, dass der Filialleiter persönlich zur Kasse kommen wird, mich eigenhändig als Top-Kunde auszeichnet und für ein paar Pressefotos posiert, immerhin haben wir den halben Großmarkt leergekauft, aber man ist dort anscheinend an atlantik-überquerungswillige Schiffsbesatzungen gewöhnt und findet das ganz normal, immerhin wird alles gerne zum Schiff geliefert. Die KALI MERA wird nun zum Transporter umgebaut, es ist unglaublich was da alles Platz haben muss und auch hat, ein Regatta-Segler sind wir nun endgültig nicht mehr.
Heute Abend habe ich wieder Bill und Judy von BEBE getroffen, sie sind nun auch auf Teneriffa angekommen und liegen wieder zwei Boote neben uns, morgen gibt es noch ein gemeinsames Abendessen und dann werden wir uns wohl erst nächstes Jahr irgendwo in der Karibik sehen…
Unsere Kinder haben sich auf Fuerteventura von uns verabschiedet und wir segeln nach Teneriffa, eine schnelle und teilweise ruppige Überfahrt mit Höchstgeschwindigkeiten von 8,5 Knoten bei halbem Wind lässt uns schon nach 22 Stunden in Santa Cruz einlaufen. Die Marina ist sicher und gepflegt und direkt in der Stadt, allerdings wird groß umgebaut und die Baustelle zwingt uns zu einen kleinen Umweg wenn wir ins Zentrum spazieren wollen. Santa Cruz gefällt uns, eine schöne Stadt mit guter Infrastruktur und ohne touristische Ausrichtung. Vom Extremtourismus im Süden der Insel ist hier gar nichts zu spüren, hier gefällt es uns so gut dass wir hier die weitere Zeit in den Kanaren bleiben wollen. Nach zwei Tagen bekommen wir wieder Besuch, Tina und Markus kommen aus Wien zu uns und bleiben eineinhalb Woche hier. Es ist daher wieder Aktivität angesagt: Teneriffa will entdeckt werden und unsere Freunde stecken voller Energie und Entdeckungslust. Wir nehmen einen Mietwagen und lernen die großartige Natur Teneriffas kennen. Zuerst wird der Teide, mit 3.718 Meter der höchste Berg Spaniens, der sich hier auf Teneriffa angesiedelt hat, bestiegen. Es ist ein schweißtreibender Anstieg bei dem auch die dünne Luft in der Höhe schon deutlich spürbar ist (wir starten auf 2.400 m), aber die „Bergwelt“ auf dem und um den Vulkan ist großartig. Am Folgetag wird gebadet und erholt, dann geht es weiter mit einer Durchwanderung der Masca Schlucht. Wir haben uns auf eine gemütliche Wanderung eingestellt, aber auch diesmal wird ordentlich geschwitzt. Die Wanderung führt durch eine atemberaubende Landschaft und ist sehr anstrengend, es sind zwar nur 600 Höhenmeter aber die haben es in sich, es geht dem kleinen Bach entlang über Stock und Stein, immer wieder muss etwas geklettert werden, am Ende sind wir erledigt und fahren erschöpft zur KALI MERA zurück. Ich habe kurz darauf Freundschaft mit einem ausgewachsenen Muskelkater geschlossen und wir bleiben mehrere Tage unzertrennlich, ich verordne mir etwas Ruhe.
Knapp vor Santa Cruz sehen wir Wale, einmal als wir von Teneriffa kommen und noch einmal bei einem Whale-Watching Ausflug auf der KALI MERA mit Tina und Markus. Einmal sind es drei Tiere, beim zweiten Mal tauchen zwei Wale direkt neben der KALI MERA auf. Es sind wohl Grindwale, ca fünf bis sechs Meter lang, ein sehr schönes Erlebnis.
Teneriffa ist vielfältig, gebirgig und grün, bisher für uns die schönste Insel der Kanaren, hier könnte man es lange aushalten. Florian, der Sohn unserer Freunde, der vor einiger Zeit von Wien nach Teneriffa ausgewandet ist, kommt uns auf der KALI MERA auf ein Glas Wein besuchen und gibt uns eine Menge „Insidertips“.
Viele Yachten in der Marina bereiten sich schon auf die Atlantik-Querung vor, es herrscht Leben und Betriebsamkeit, kleine Kinder spielen am Steg und überall wird repariert, ausgerüstet, verbessert und kontrolliert. Hier treffen sich die Fahrtensegler, Großteils Franzosen, hin und wieder ein deutsches, niederländisches oder dänisches Schiff und dann wir als die einzigen mit einer österreichischen Flagge. Junge Leute suchen einen Platz für eine Überfahrt in die Karibik und bieten sich als Crew an, wir haben aber vorerst vor ohne „Verstärkung“ weiterzusegeln, auch wenn es in den Nachtwachen mit einer größeren Mannschaft komfortabler wäre.
Der Einhandsegler Heinz ist mit seinen 75 Jahren und seinem selbstgebauten Stahlschiff KIKAM unterwegs in die Antarktis, die steirische Einhandseglerin Judith ist mit ihrem Hund unterwegs in die Karibik, eine Großfamilie wohnt mit Blumen und Pflanzen auf einem Katamaran und bereitet sich auf die Abreise vor, ein dänisches Pärchen ist mit einer geliehenen 110-jährigen Stahlketch unterwegs nach Bangkok, dort müssen sie in eineinhalb Jahren das Schiff wieder zurückgeben, die ganze Reise ist schon mit regelmäßigen Crewwechseln organisiert – jeder reist auf seine individuelle Art.
Tadeja nutzt die Zeit nun um Familienbesuch in Österreich und Slowenien zu machen und ich mach das gleiche wie der Rest der Segler – ich bereite das Schiff für die Atlantik-Querung vor…
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Die letzten Tage haben wir auf Fuerteventura verbracht. Sascha und Julian waren bei uns und wir haben schöne gemeinsame Tage verbracht, die beiden sind soeben wieder in Richtung Wien aufgebrochen und wir sind wieder zu zweit an Board. Und nachdem wir immer wieder gefragt werden was wir denn so die ganze Zeit machen (es ist wohl für die Daheimgebliebenen schwer vorstellbar dass uns nie fad wird) möchte ich in diesem Beitrag nun einmal beschreiben wie so unser typischer Tagesablauf ist.
Im Hafen (und da sind wir ganz einfach den Großteil der Zeit) stehe ich normalerweise so gegen acht Uhr auf (da ist die Sonne schon da und kräftig genug den Tau am Schiff zu trocknen), stelle Tee auf und richte den Tisch fürs Frühstück her. Dann setze ich mich im Cockpit in die Sonne, trinke Tee und lese die Zeitung (wenn wir Internet haben), Tadeja schläft etwas länger und macht dann gegen neun Uhr für uns zum Frühstück Joghurt mit frischen Früchten. Das Frühstück endet mit einem Espresso und es ist schon wieder zehn Uhr oder später. Und dann geht der Ernst des Segler-Lebens los, das Schiff wird aufgeräumt und die eine oder andere Erledigung wird gemacht. Reparaturen haben wir Gott sei Dank schon seit einiger Zeit keine mehr zu erledigen, aber zu warten gibt es am Schiff immer etwas. Sind wir auf einer neuen Insel dann mieten wir uns ein Auto und fahren einmal rundherum um Eindrücke zu sammeln, das kann auch ein paar Tage dauern wenn die Gegend groß genug ist. Wir nehmen Badesachen mit und suchen uns einen schönen Strand oder die Turnschuhe und machen eine Wanderung. Am Abend geht es dann zurück zum Schiff und wir kochen uns ein Mittagessen, meistens mit Gemüse, Teigwaren, Reis und Fisch und dazu ein Glas Wein. Wenn wir mehrere Tage an einem Ort sind dann packe ich auch die Räder aus und wir machen unsere Erledigungen (inklusive Vormittagskaffee mit Croissant) im Ort mit dem Rad. Am Abend hat Tadeja meistens Arbeit mit Ihrer Buch-Übersetzung und ich lese oder schau auch ganz einfach in den Sternenhimmel. Und schon ist der Tag wieder vorbei und alles geht kurz darauf von vorne los…
Auf See schaut das ganze natürlich ganz anders aus, da bleiben die Räder in den Taschen und Mietwagen gibt es genauso wenig wie frische Croissants. Tagsüber sind wir meistens beide an Deck, wir lesen viel und Tadeja übersetzt. Wenn der Seegang und die Wind-Bedingungen es zulassen dann kochen wir auf, sonst wärmen wir uns vorgekochtes auf und Jausnen, Alkohol gibt es nicht auf See. Ich gehe früh schlafen und Tadeja übernimmt die erste Wache bis nach Mitternacht, dann übernehme ich bis Sonnenaufgang und Tadeja kann sich ausruhen. Die Schlaf-Phasen sind nicht so erholsam wie an Land aber wir haben uns daran gewöhnt. In der Nacht sind Radar und AIS eine gute Hilfe und machen die Wache einfacher. Der fehlende Schlaf wird dann einfach untertags nachgeholt. Tagsüber ist immer die Schleppangel im Einsatz und wenn dann ein Fisch anbeißt dann gibt es Action, ansonsten ist es sehr beschaulich.
So haben wir eigentlich immer einen ausgefüllten Tagesablauf, wir fragen uns oft wie wir früher noch die acht bis zwölf Stunden reguläre Arbeit dazwischen hineinquetschen konnten…
Hier auf Fuerteventura hat aber ein Großereignis unseren gemütlichen Boardalltag durcheinandergewirbelt: Tadejas Geburtstag musste (und konnte) gebührend gefeiert werden. Zu diesem Anlass habe ich das WOMAD Festival (www.womad.org) bestellt, ein dreitägiges World-Music-Spektakel am Strand von Gan Tarajal und der Purzeltag wurde ein voller Erfolg. 🙂
Die Überfahrt von Essaouira nach Lanzarote ist ruhig, wir haben wenig Wind und lassen den Motor viel mitlaufen. Weiter draußen am Atlantik verabschieden wir uns von den vielen Fischern und es wird sehr entspannt, die Konzentration kann nachlassen und ein Blick aufs Radar genügt. Wir fangen drei Bonitos von denen der erste sofort verspeist wird, der zweite nutzt ein Missverständnis zwischen Tadeja und mir schamlos aus und beschließt nicht in den Kescher sondern in den Atlantik zu schwimmen, und der dritte wandert in die Gefriertruhe. Nach zwei Tagen erscheint die Silhouette von Lanzarote am Horizont, kahl und voller Vulkankegel, wie eine Formation von Sandburgen am Strand von Caorle wenn die erste Welle darüber gespült hat. Am Nachmittag ankern vor einem Traumstrand in den Nähe unseres Zielhafens „Marina Rubicon“ in dem wir uns mit Julian und Sascha treffen. Zwei Tage später entern wir die Marina, ein geräumiges und sehr gepflegtes Areal mit vielen Geschäften und Restaurants und bereiten die KALI MERA für unseren Kinder-Besuch vor, nach einem halben Jahr zu zweit muss ich nun die Bugkabine von meinen Sachen befreien und Platz für die beiden schaffen. In den nächsten Tagen steht jetzt Inselbesichtigung auf dem Programm, mit dem Mietwagen und der Touristenkarte haken wir pflichtbewusst die Sehenswürdigkeiten ab. Richtig beeindruckt hat mich die fantastische Landschaft, der Nationalpark „Feuerberge“ und die Lavagrotte. Den Wein darf man auch nicht versäumen, der ist nämlich ausgezeichnet – wir besuchen eine Bodega und KALI MERAs Weinkeller wird wieder gefüllt.
Die Feuerberge gehören wohl zu den faszinierendsten Landschaften die wir bisher gesehen haben, da haben sich vor Millionen Jahren mitten im Atlantik durch unterirdische Vulkane aus vielen tausend Metern Tiefe Lavaberge bis an die Oberfläche gehoben und dann von dort aus weiter Feuer gespuckt, die ganze Insel ist eine Vulkanfamilie, ein Kegel nach dem anderen steht in der Gegend herum und fadisiert sich zwischenzeitlich, aber knapp unter dem Boden brodelt und kocht es immer noch (was durch künstliche Geysire und Feuerlöcher für Fotografie-Touristen demonstriert wird). Die letzten gewaltigen Ausbrüche waren vor zwei- bis dreihundert Jahren und haben die aktuelle Insel mit ihren bizarren Formationen gestaltet, und nebenbei so gut wie alles Leben zerstört. Übriggeblieben ist das größte Lavafeld der Welt und in allen Farben leuchtende Gesteinsformationen.
Abgesehen von der großartigen Kulisse ist es sehr karg, natürliche Vegetation muss man suchen, und um das auszuhalten hat man schon früh mit dem Alkoholismus begonnen und in der Lavaasche Weinstöcke kultiviert. Jeder Stock bekommt einen Windschutz aus Lavasteinen und trotz der wüstenähnlichen Umgebung gibt es durch Kondenswasser ausreichend Feuchtigkeit, so dass die Reben nicht nur überleben sondern sogar für einen ganz ausgezeichneten Wein sorgen (nach der marokkanischen Enthaltsamkeit mit Pfefferminztee-Diät eine besondere Freude für den Kapitän).
Es gibt traumhafte Laufpisten dem Meer entlang durch die Lavawüste, dazu fantastische goldfarbene Sandstrände, eingerahmt von schwarzen Klippen, vor denen man leider nur ankern kann wenn man den Schwell verträgt (Sascha wird schon am Ankerplatz seekrank), die KALI MERA rollt furchtbar und wir haben eine unruhige letzte Nacht vor der Weiterreise nach Fuerteventura.
Das Wetter ist günstig für uns, der Wind weht nicht mehr aus Süden und die Wellen gehen zurück, ein Auslaufen aus Rabat ist nun möglich. Nach etwas Warterei beim Ausklarieren weist uns das Pilot-Boot wieder den Weg in den Atlantik. Nach zwei Nachtfahrten erreichen wir in der Früh Essaouira, das bekannte Künstler- und Fischerdorf. Wir sind die einzige Yacht und gehen längsseits an ein uraltes Schiff der Küstenwache. Freundliche Beamte und ein umständliches Ausfüllen von Formularen bei der Küstenwache, der Polizei und dem Hafenmeister. Der erste Eindruck in Essaouira ist Fisch, der zweite, dritte und vierte ebenso und dann hat vorerst einmal kein weiterer Eindruck Platz. Wir liegen mitten im Fischerhafen, dem ältesten Hafen Marokkos, Fischmarkt ist überall, es hat ein unvergessliches Fischaroma, Jonas im Walbauch muss es ähnlich gegangen sein, Fisch, Fisch, Fisch, Fisch. Die ganze Welt besteht aus Fisch und Fischkutter und Möven und Katzen und Fisch. Der Fang wird an Ort und Stelle verkauft, geputzt, ausgenommen, gekocht, gegessen oder in Kühltransporte verladen. Es gibt riesige Aale, Unmengen an Sardinen, Hummer, Meeresspinnen, Riesenkrabben, Haie. Das Meerwasser im Hafen ist eine ölige braune Suppe, was dort hineinfällt verschwindet wohl auf Nimmerwiedersehen, und dennoch springen ein paar Jugendliche hinein. In der Nacht zwängt sich ein Fischkutter nach dem anderen in den Hafen, es wird geschlichtet wie Autos auf eine griechische Fähre, unglaublich wie sich diese riesigen Rostkähne einer nach dem anderen hineinquetschen – mir wird ganz schwindlig, wenn die riesigen Stahlnasen wenige Zentimeter an unseren Wanten vorbeifahren. Die Kutter sehen aus wie ein schwimmender Autofriedhof, nicht zu vergleichen mit den hübschen bunten Fischerbooten im Mittelmeer. Kurz nach uns kommt der österreichische Katamaran FLORIMELL (www.florimell.at) mit Connie, Harald, Franziska und Simon in den Hafen, wir legen uns „auf ein Packerl“ und verbringen einen netten gemeinsamen Abend, mein Geburtstag wird mit einem Abendessen (Fisch in Salzkruste) im Chez Sam und einer Flasche Rotwein auf der FLORIMELL gefeiert. Ein Spaziergang durch die Stadt am nächsten Tag eröffnet dann ganz andere Eindrücke, außerhalb vom Hafen gibt es eine saubere, touristisch erschlossene und sehr hübsche Stadt, Künstlerläden in engen Gassen, romantische Restaurants, ein riesiger Sandstrand, auf dem Tadeja zu einem Kamelritt eingeladen wird; berittene Polizisten auf Berberhengsten patrouillieren am Strand und Touristen liegen in der Sonne und baden im kühlen Atlantik. Es ist unser letzter Eindruck von Marokko, wir haben schon ausklariert, die Zollformalitäten erledigt und werden am Sonntag in der Früh zu den Kanaren aufbrechen.
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Wir haben einige Tage gemütlich in Rabat verbracht, ich habe wieder ausreichend am Schiff herumgeschraubt, der Fokus liegt nun nicht mehr auf Reparaturen sondern ich habe einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess (Schiffs KVP) eingeleitet. Mit unseren Stegnachbarn Bill und Judy von BE-BE machen wir einen Ausflug in die Medina zum Staunen und Essen, zum Großeinkauf überfallen wir den Carrefour in Sale.
Dann machen wir uns wieder auf und reisen bequem mit der Bahn erster Klasse nach Marrakesch. Unsere Unterkunft ist ein Riad mitten in der Medina, wir nehmen ein Taxi vom Bahnhof. Diesmal sind wir gut vorbereitet, mit Google maps und einem Navigationsprogramm habe ich schon genau markiert wo wir hin müssen. Wir ignorieren die ersten Taxi-Schlepper direkt am Bahnhof, die uns für nur 50 Dirham zur Medina bringen wollen (very cheap mister), halten ein Taxi auf und überreden den Fahrer sanft, das Taxameter einzuschalten (es ist doch nicht kaputt, man muss nur probieren und alles geht wieder). Wir haben unser Taxi Lehrgeld in Fes bezahlt, 100 Dirham (10 Euro) hätte der vom Hotel organisierte Taxi Transfer gekostet, 50 Dirham haben wir dann als Festpreis einem Taxifahrer bezahlt um dann am Rand der Medina abgesetzt zu werden, 10 Dirham hat die Rückfahrt zum Bahnhof mit Taxameter gekostet. Wir haben also so eine Art Taxigast-grundausbildung mitgemacht und damit werden wir um 25 Dirham in Marrakesch direkt in das Herz der Medina gefahren, in die Nähe vom Hotel und soweit das Taxi halt wegen der sehr engen Gassen fahren kann. Ein großzügiges Trinkgeld zaubert dann ein Lachen in das Taxler-Gesicht und wir sind alle sehr zufrieden.
Die Medina ist vielfach autofrei, aber wohl einfach deswegen, weil die Straßen zu eng zum Durchkommen sind. Aber alles was fahren kann und schmäler ist als eineinhalb Meter bewegt sich mit Höchstgeschwindigkeit, Eselkarren, Pferdekutschen, Handwagen, Fahrräder und Mopeds sowie diverse andere Gefährte für die es im Westen noch keine Namen gibt. Mopeds knattern mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Menschenmassen, es ist für uns Europäer völlig unverständlich warum es nicht ununterbrochen zu Zusammenstößen kommt, im letzten Moment wird gebremst, es werden Haken geschlagen, abenteuerliche blitzschnelle Ausweichmanöver durchgeführt und millimetergenau an den Zehen vorbeigefahren. In vielen Jahrhunderten hat sich hier wohl durch die Medinaevolution und harte Auslese ein besonderes Zusammenleben zwischen Mopeds, Eselkarren und Fußgängern entwickelt, Marrakesch ist so eine Art Moped-Galapagos. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Moped-Trickfahren – die ersten hundert kämen alle aus der Gattung MMM (Marrakesch Medina Mopedfahrer).
Wir erhalten von unserer französischen Riad-Wirtin eine gute Einführung in Marrakesch, die ersten Ausritte in der Medina machen wir mit ihr als Vorreiter, dann werden wir mit vielen Tips zum Einkaufen und mit allgemeinen Verhaltensregeln zum Umgang mit Taschendieben und Soukverkäufern alleine auf die Reise geschickt. Wir (pluralis majestatis) wollen gar nichts kaufen, am Ende des Tages kommen wir (siehe oben) wie ein Packesel bepackt zurück.
Wir streifen auf „dem grossen Platz“ herum, machen einen Bogen um die dressierten Affen und die armen beschwörten Schlangen, hören einem Märchenerzähler zu (vielleicht war es auch ein kostümierter arabischer Lokalpolitiker bei einer Wahlrede, wir haben ja nichts verstanden), bewundern die Akrobaten und Musiker und nachdem wir ungefähr 27 mal „maybe tomorrow“ (gefühlte mindestens 1179 mal) zu einem der Lokalschlepper gesagt haben essen wir an einem der appetitlichen und bunten Stände in der Gastronomie-Meile eine traditionelle Suppe, die kostet 3 Dirham und gewährt uns für die Dauer der Einnahme Schutz.
Wir haben wunderbare marokkanische Lederschlapfen im 1001 Nacht Design erworben, vorne aufgebogen wie ein türkisches Krummschwert und sehr bequem. Wenn ich mir nun noch einen Kaftan zulege dann sehe ich aus wie ein mit Wachstumshormonen behandeltes Heinzelmännchen.
Wenn wir irgendwo stehen bleiben, in den Stadtplan schauen oder einfach nur ein ratloses Gesicht machen (was einem hier schnell passiert) dann ist blitzartig jemand zur Stelle um uns zu helfen. In der Medina sind es Kinder, die uns den Weg zum Riad zeigen wollen, mit viel Intuition folgt wir dem der uns dann auch richtig führt und nicht dem der schon von vornherein sorgenvoll erklärt „it is closed“. In den Souks haben wir plötzlich – ohne es zu wollen – einen Führer, der wie ein wandelndes Leuchtfeuer immer 10 Meter vor uns marschiert und uns den Weg zum Gewürzbasar weist. Wir biegen dann sehr zu seinem Missfallen nach rechts ab und kommen wirklich zum Gewürzbasar, zu welchen Gewürzen er uns geführt hätte möchte ich gar nicht wissen. Soviel offene und aktive Hilfsbereitschaft ist mir als eigenbrötlerischen Gebirgsbewohner schon fast etwas zu viel, aber ignorieren hilft nichts, man wird so lange traktiert bis man eine Antwort gibt. Das Zauberwort heisst „maybe later“ und damit können beide Seiten ohne Gesichtsverlust weiter gehen. Bietet einem jemand freundlich Hilfe an, dann kann man davon ausgehen, dass er etwas vorhat, das einem die Brieftasche erleichtert, und dennoch sind wir davon überzeugt, dass man, bräuchte man wirklich Hilfe, diese auch sofort bekommen würde.
Marrakesch beansprucht alle unsere Sinne, so intensiv, dass es anstrengend ist. Es ist laut, Mopeds knattern, es wird überall getrommelt und gesungen, Knaller werden gezündet, Waren werden lautstark angepriesen, es blinkt und glitzert in den Geschäften und dann kommt noch ein ganzes Universum an Gerüchen dazu, eine wilde Mischung aus Parfum, Kochdüften in allen Varianten, Gemüse, Obst und Schlachtgerüchen, Fisch, Fleisch und Blut, Leder, Mopedabgasen, Müll und diversen menschlichen und tierischen Ausscheidungen. Der nicht endend wollende Verkehr gibt mir den Rest, nach so einem Tag in der Medina bin ich erledigt und falle ins Bett, wenn ich die Augen zumache dann zischen noch die Mopeds umher und überall bewegt sich alles.
Die Medina von Marrakesch folgt keinem logischen Aufbau, vernünftig breite Straßen enden an einer Mauer, winzige Durchgänge sind Hauptverkehrsadern, wo man links gehen sollte muss man rechts gehen, oben ist unten und vorne hinten. Und ein Wunder geschieht – Tadeja, die sonst immer sofort die Orientierung verliert und links und rechts vertauscht, bewegt sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch das Chaos, während ich mit meinem eingebautem Navigationssystem ins Stolpern komme. Es muss sich um eine Drehung des Logik – Raum – Kontinuums handeln, eine Marrakesch Singularität, die durch eine übermäßige Anhäufung von technischen Universitäten in anderen Teilen der Welt ausgeglichen wird.
Das Zentrum von Marrakesch ist der Platz der Gehenkten, hierher kommen am Abend die Menschenströme aus allen Richtungen zusammen um ins Leben einzutauchen. Es wird gegessen, getrunken und getanzt, Lampen, Schildkröten, Gewürze und allerhand Tand wird verkauft, Menschen mit und ohne Pferd, Moped und Esel bewegen sich in alle Richtungen, und wenn dann die Trommeln einsetzen dann beginnt der Platz wie ein großes uraltes Wesen zu leben, eine Energie wogt hin und her und wie ein großes Herz halten die Trommeln den Kreislauf in Bewegung. Wir sitzen auf der Dachterrasse des Cafe de France und lassen uns von der Stimmung gefangen nehmen, eine unbestimmte Sehnsucht ergreift uns und wir werden eins mit der Umgebung.
Wir sind nun schon seit genau einem halben Jahr unterwegs, vor sechs Monaten bin ich in die Türkei auf die KALI-MERA übersiedelt. Die Zeit ist rasend schnell vergangen, auch wenn es im Rückblick ein sehr langer Zeitraum war. Wir haben so viel Neues erlebt und die Zeit war intensiv, in der Erinnerung dehnt sie sich weiter aus. Und auch wenn wir uns anfangs offen gelassen haben wie lange wir wirklich unterwegs sein wollen, vorerst ist von Rückkehr noch keine Rede…
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