Es geht wieder in den Süden, in Sausefahrt rauschen wir von Martinique nach Saint Lucia, dort bleiben wir in der Rodney Bay einige Tage, bevor wir mit einem kurzen Übernachtungsstop in Sofriere an St. Vincent vorbei nach Bequia zischen. Wir haben meistens sieben bis acht Knoten auf der Logge, da halten wir die starke Gegenströmung von bis zu drei Knoten gut aus. Vor Saint Lucia sehen wir vor uns drei Wale, und gleich danach besucht uns eine Delphinschule mit geschätzt fünfzig Tieren, eine herzerwärmende Begegnung.
In der Rodney Bay ankern wir neben der WORLDDANCER, mit Heike und Herwig haben wir ein großartiges Abendessen im netten Restaurant am Fuße der alten Festung (Heike hat Geburtstag, Tadeja und ich feiern unseren ins Dengue gefallenen Hochzeitstag nach), tags darauf erwandern wir die Festung und genießen den fantastischen Ausblick. In Soufriere bewaffne ich mich mit dem Segelmacher-Werkzeug und flicke zwei Stellen an unserer Genua.
In Bequia haben wir geruhsame Tage, es sind weniger Schiffe hier als das letzte Mal, wir ankern im klaren türkisen Wasser und lassen uns die Sonne auf den Bauch scheinen. Es sind schöne gemeinsame Tage hier mit der WORLDDANCER und der THAT’S LIVE, am Abend sitzen wir in der Coco Bar bei Livemusik, untertags wird gepaddelt (wir haben uns in Martinique – dem karibischen Konsum-Mekka – ein Kajak für zwei Personen geleistet), gebadet und den vielfältigen Boardpflichten nachgekommen. Ein Tag wird der Beschaffung und dem ordnungsgemäßen Verzehr von Fisch zweckgewidmet, wir gehen aber nicht angeln sondern machen mit dem Minibus einen Ausflug in die Fischermen-Bay, dort erstehen wir einen Neun-Pfund-Fisch-Prachtkerl, der vor unseren Augen fachgerecht zu Steaks verarbeitet wird. Fisch kaufen ist hier ein Vergnügen, direkt vom Fischer und kein so mit Gräten angefülltes Getier, bei dem man ständig mit der Zunge im Mund nach dem Fischknochen-Zeugs Ausschau halten muss, sondern richtige Steaks und Filets, mit Knochen in einer Größe, dass die Steaks auch von einem ungarischen Graurind stammen könnten. Fisch richtig zum Hineinbeißen, wie eine ganze Torte und nicht nur eine Praline!
Am Abend wird dann am Strand unter Palmen der Grill angeworfen, und garniert von gaumen-verwöhnenden Salaten und Heikes frisch gebackenem Ciabatta gibt es meisterlich zubereitete Fisch-Steaks (Thomas ist der ungekrönte Fischgrillkönig). Zum Sonnenuntergang gibt es Rumpunsch als Sundowner, später beim Lagerfeuer wird dann bei Wein noch Seemannsgarn gesponnen und wir sind alle überzeugt, dass es nicht schöner sein kann als in diesem Moment.
Das Thema Fischen wird nun wieder wichtig, Herwig hat noch keine ordentliche Angel, begleitet von den Fischerei-Großexperten Thomas und mir ersteht er in Bequia Equipment erster Güte, jetzt steht der Ärmste halt ordentlich unter Erfolgsdruck! Ich ergänze mein Köder- und Haken-Sortiment, in Bequia gibt es eine gute Auswahl. Bei St. Lucia hatten wir einen schönen Barrakuda am Haken, ca 60 cm war der Bursche lang, und er machte in Filetform in Olivenöl herausgebraten mit heurigen Erdäpfeln eine wunderbare Figur, es ist nun wieder Fisch-Saison.
Nachdem der Baguette- und sonstige Lebensmittel-Luxus der letzten Wochen nun vorbei ist, wird die Board-Bäckerei wieder in Betrieb genommen, und Selbstversorgung ist auf unserem Campingboot angesagt, aber der Vorratsschrank ist randvoll, und wir müssen noch keinen südkaribischen Einheits-Cheddar kaufen.
Kurz zusammengefasst: Freunde sind um uns, der Kühlschrank ist voll, die Sonne scheint, das Leben fließt einfach und vergnügt dahin, wir fühlen uns pudelwohl.
Zum Übernachten vor der letzten Überfahrt wählen wir die malerische Bucht Sufriere auf St. Lucia. Der Blick auf die beiden ‚Pitons‘ (Bergkuppen vulkanischen Ursprungs) ist überwältigend. Wie zwei Zuckerhüte thronen sie über der Bucht. Die Boat-boys, die hier eine lässige Freundlichkeit an den Tag legen, ohne den Hang zum Betrügen ganz vertuschen zu können, sind irgendwie sympathisch und lassen mit sich reden. Geschäftstüchtig zischen sie hin und her quer über die Bucht, bis sie endlich eine Boje für uns ergattern. Außerdem besorgen sie für uns Trinkwasser, das uns völlig ausgegangen ist – doch leider ist es bei Lieferung doppelt so teuer als ausgemacht, sie hätten sich beim Preis ‚getäuscht‘! Als wir ihnen im Gegenzug nur eine einzige Flasche um diesen überteuerten Preis abnehmen wollen, sind wir ganz schnell wieder beim vereinbarten Preis und alle sind zufrieden. Bald darauf ist auch schon der unumgängliche Obstverkäufer mit seinem Boot da, ein grimmiger alter Bär – doch sein Obst ist wunderschön und ich kann ihm mit meiner erfolgreichen Verhandlungstaktik sogar ein herzhaftes Lachen entlocken: „You are a hard lady, hahaha!“
Die landschaftlichen Schönheiten von St. Lucia heben wir uns für den Rückweg auf.
Also auf nach Martinique. Der Insel eilt ihr Ruf voraus – europäisch, gepflegt, sicher, freundlich, hier soll alles erhältlich sein.
Wir kommen am späten Nachmittag an, klarieren ein, orientieren uns etwas und essen die Reste vom Vortag als Beilage zu unserem Mini-Thunfisch – der erste selbstgefangene Fisch nach langer Zeit.
Beim wohlverdienten Sundowner in einer französischen Bar breitet sich ein wohliges Gefühl in uns aus. Ja, es stimmt – es ist ein bisschen wie daheim. Wir entdecken wieder einmal, wie wenig es in Wirklichkeit braucht, um glücklich zu sein und sich reich und beschenkt zu fühlen – all der ‚Reichtum‘, der unseren Kontinent wie ein Schlaraffenland erscheinen lässt, in dem alles zu haben ist, was man sich nur wünscht, scheint für das Glück doch nicht ausreichend zu sein. Die Menschen hier in der Karibik müssen oft mit sehr wenig auskommen, Vieles können sich nur die Touristen leisten und man kann verstehen, dass die arme Bevölkerung, die auf manchen Inseln in der Überzahl ist, das als ungerecht empfindet – aber sie haben etwas, was ihnen vielleicht gar nicht bewusst ist, etwas, wonach wir uns sehnen – sie haben Zeit füreinander.
Trotzdem freuen wir uns über das von französischer Hand unterstützte und inzwischen ungewohnt reiche Angebot. Zu den Dingen, die wir schon lange nicht mehr hatten, gehören gutes Brot, eine reiche Käseauswahl (seit langem essen wir ausschließlich einen Cheddar-ähnlichen Käse, bei dem man – manchmal – zwischen den Farben Orange und Gelbe wählen konnte, jedoch ohne nennenswerten Geschmacksunterschied), Joghurt, Frischkäse, Avocados und eine breite Obst-und Gemüseauswahl. Denn unsere Vorstellung von einer Karibik, die von exotischem Obst und Gemüse überquillt, erweist sich oft als falsch – die Inseln müssen alles über teilweise lange Wasserwege anliefern, teilweise sind sie sehr trocken und können nur weniges anbauen, Monokulturen beherrschen die Landwirtschaft und das, was es gibt, ist oft drei- bis viermal so teuer wie zu Hause. Wieder einmal wird uns bewusst, wie gesegnet wir in Europa sind und wie selbstverständlich es geworden ist, dass alles einfach vorhanden ist, vom Wasser bis zu den feinsten Spezialitäten, vom Wohnkomfort, der Ausstattung mit allen möglichen Geräten und Gerätschaften, den Bildungsmöglichkeiten, den sozialen Einrichtungen bis zum Krankenhauswesen. Und wir sind es gewohnt, dass alles einwandfrei funktioniert.
Die Marina von Le Marin mit ihren Annehmlichkeiten wird uns die nächsten zwei Wochen als Liegeplatz dienen. Leider nicht ganz freiwillig. Sehr gelegen kommt sie uns, weil Herbert hier bequem alle möglichen Verbesserungsarbeiten am Schiff erledigen kann, die KALI MERA kommt wieder in absolute Topform. Nachdem zum Beispiel das völlige Entleeren unseres Wassertanks seltsames Wasser ans Tageslicht gebracht hat, tauscht er unseren uralten völlig verkalkten Boiler aus und reinigt den Tank. Am Fischer-Panda Generator funktioniert endlich die aufgerüstete lastabhängige Drehzahlregelung, daran bastelt Herbert schon seit Monaten. Kästchen für die Gewürze werden in der Küche montiert, Dichtungen werden gewechselt, ein großes zusätzliches Solarpanel installiert, Gasschlauch getauscht und mit den lokalen Amel Spezialisten werden die „engine-mounts“ erneuert, etwas, was Herbert schon lange im Magen liegt. Nun ist Magen und Geldbörse erleichtert.
Apropos Magen – unsere französischen Freunde Patricia und Philippe von der Super Maramu BELLA VITA haben uns ein kreolisches Strandrestaurant empfohlen, und wir machen uns mit dem Fahrrad auf die Suche. Acht heiße km bergauf und bergab bis nach Ste. Anne – aber es hat sich gelohnt! Patricias Empfehlungs-Briefchen hat Eliane, die Besitzerin, so berührt, dass sie uns auf eine große Kostprobe einlädt und nicht einmal für die Getränke Geld haben will! Insgesamt sind wir dann dreimal zu ihr geradelt, um uns das kreolische Geschmackserlebnis auch so richtig zu verdienen. Links und rechts von der Straße ist reinste belebte Natur, Krabben eilen in ihre Löcher, rattenähnliches Getier flitzt über die Straße, Vogelgesang begleitet uns.
Und dann kam der unfreiwillige Teil – ich schaffe es noch, ein paar Reise-, Zeit- und Einkaufspläne für die nächsten Tage zu erstellen, als mich ein Schwächeanfall und hohes Fieber außer Gefecht setzen. Nachdem es nach fünf Tagen immer noch nicht besser ist, besorgt mir Herbert eine Überweisung ins Krankenhaus von Fort de France, der Hauptstadt von Martinique. Also wenn schon krank, dann habe ich mir hierfür wenigstens den besten Ort in der Karibik ausgesucht! Daniel, ein Arzt von einem befreundeten Schiff, fährt uns mit seinem Mietauto hin – Rettungswagen kommen nur im äußersten Notfall zum Einsatz.
Das Personal, wenn ich das Glück hatte, beachtet zu werden und es außerdem zufällig englischsprechend war – man darf nicht vergessen, Martinique gehört zu Frankreich, und Fremdsprachen sind hier ein Fremdwort – war immer überaus freundlich und bemüht, doch im dehydrierten Zustand stundenlang zu warten war kein Honiglecken. Medizinische Versorgung wie in Frankreich? – Weit gefehlt! Erstaunt hat mich die notorische Unterversorgung des Krankenhauses –zum Zudecken gab es nur durchsichtiges Vlies, das nicht unbedingt wärmend war, Handtücher fehlten, Polster gab es in der ganzen Anlage nicht, auf einer Station waren keine Löffel vorhanden, den gesamten langen Gang entlang lagen Menschen auf Notbetten – aber eilig hatte es auch hier niemand.
Die medizinischen Untersuchungen hingegen waren sehr gründlich – ich wurde auf alles untersucht, was in Frage kam. Ein Ultraschall zeigte eine Leberentzündung – vielleicht die Folge einer hochdosierten Schmerztherapie, die mir die Ärztin verschrieben hat – für meine Homöopathie-verwöhnte Leber wohl zu viel. Mehrere Tage lang waren alle Ergebnisse negativ. Weiter nur Vermutungen und Ungewissheit. Da sich die Leberwerte bessern, werde ich nach fünf Tagen entlassen und eine Woche später wieder hinbestellt. Die Diagnose lautet: Dengue-Fieber! Na ja, jetzt war es ja bereits überstanden.
Während all dieser Tage haben uns so viele liebe Menschen mit Rat und Tat geholfen und Anteil genommen, und ich durfte hautnah erleben, wie sehr Segler füreinander da sind! Danke euch allen!
Jetzt kommen meine Insel-Erkundungspläne endlich zum Einsatz. Martinique will entdeckt werden! Wir verbinden das Notwendige (Abschlussgespräch im KH) mit dem Angenehmen – nachdem wir schon einmal in Fort de France waren, beginnen wir gleich dort. Die Stadt selbst löst keine Begeisterungsstürme in uns aus, außer der kleinen aber feinen Schoelcher-Bibliothek, die in Einzelteilen als Eiffel-Stahlkonstruktion von Frankreich nach Martinique gebracht und hier wieder aufgebaut wurde und der Kathedrale, die – eingehüllt in ein Gerüstkleid – gerade nicht zu besichtigen war, macht sie einen etwas verschlafenen und gekünstelten Eindruck auf uns – nicht ganz Karibik und auch nicht Europa. Trotz der bunten Häuserfronten würden sich viele Gebäude über etwas mehr Fürsorge freuen.
Ganz anders die Landschaft – die Ostküste Richtung Norden ist wunderbar gepflegt, die Straßen in gutem Zustand, gesäumt von Palmenalleen, riesigen Krotonbüschen in warmen Herbstfarben, weitläufigen Bananen- und Zuckerrohrplantagen und blühenden Oleandern. In Ste. Marie stoßen wir auf die alteingesessene Rumdestillerie Saint James mit dazugehörigem Museum und gratis Verkostung. Ich darf wegen meiner beleidigten Leber nicht mehr als die Zunge in das süße Gesöff stecken, und Herbert kann sich leider auch nicht betrinken, er muss ja Autofahren! Wirklich sehr schade – aber es reichte, um uns zu überzeugen – je älter der Rum, umso besser! Werner, du kannst dich freuen, wir bringen dir einen mit!
Weiter geht es durchs Landesinnere, an Vulkanen vorbei, durch heimatlich anmutende Almlandschaften, die diesem Teil von Martinique den Beinamen ‚die kleine Schweiz‘ eingebracht haben – wären da nicht die riesigen Gummibäume, lianenbehangenen Urwaldriesen und weiße Kuhherden, die sich in einer langen Reihe samt Kälbchen und Stieren den Berghang herunterschlängelten, könnte man es ja fast glauben. Eine weitere Attraktion ist St. Pierre, das verlorene Paris der Karibik, seit es beim letzten Vulkanausbruch 1902 völlig verschüttet und bis auf einen Gefangenen völlig ausgelöscht wurde. Heute ist es lediglich ein einfaches Fischerdorf mit einigen verbrannten Mauerresten, die an die Katastrophe erinnern. An einem Fischstand lassen wir uns von fröhlich ausgelassenen Fischern, die ihre Freude an uns haben, frische dicke Fischsteaks fürs Abendessen einpacken – etwas, was es zuhause nicht gibt – direkt vom Meer auf den Teller – ein reiner Genuss!
Beim Osterspaziergang durch das Dschungelwäldchen über der Küste von Ste. Anne beobachten wir viele bunte Krebse, grellrot, blitzblau, gelb oder sandfarben, die schnell in ihren Bodenlöchern verschwinden, sobald wir ihnen zu nahe kommen, steigen über knorrige rote Wurzeln von gewaltigen Gummibäumen, während sich über uns am Himmel dunkle Wolken zusammenbrauen und einen waschechten karibischen Regenguss erwarten lassen. Auch die Einheimischen feiern am Strand zwischen den Bäumen Ostern, sie haben riesige, vorsorglich mit Planen überdachte Zeltstädte aufgebaut, jeder mit eigenem Familiengrill und Generator für laute Musikuntermalung, wo wir uns netterweise unterstellen und den niederprasselnden Regen aus sicherem Unterschlupf beobachten können.
Die Abende verbringen wir mit Seglerfreunden, alten und immer wieder neu dazukommenden, und mitgebrachten Getränken an der selbst gebauten Paletten-Strandbar, mit Rumpunch in der Hand beobachten wir die Sonne, wie sie im Meer versinkt und warten gespannt, ob sie einen Green-flash zum Gruß hinterlässt. Der grüne Blitz ist immer ein besonderes Ereignis!
Bevor es wieder gegen Süden geht, verproviantieren wir uns noch ordentlich mit Essensvorräten und Wasser – mit dem Dinghy fahren wir auf den von Mangroven behangenen Meereskanälen direkt vor den Eingang vom Supermarkt, wo es zweimal randvoll beladen wird. Tief eingesunken wird im tuk-tuk-Tempo die Beute aufs Schiff verfrachtet und gut verstaut – die nächste Überfahrt zurück nach St. Lucia, die wir gemeinsam mit der WORLDDANCER starten, verspricht hohe Wellen, starken Wind und vier Stunden nicht wirklich gemütliches Segeln. Aber was macht das schon!?
Nach zwei geruhsamen Wochen in der Admirality Bay auf Bequia richten wir den Bug unserer KALI MERA nach St. Vincent, wir bekommen kräftigen Wind auf die Nase und segeln – wieder einmal stark gerefft und dennoch ziemlich schnell – über die Meerenge zwischen den beiden Inseln. Die Einfahrt zur Blue Lagoon, in der einige bekannte Schiffe ankern, ist uns zu seicht, weiter geht es nach Norden in die Buccament Bay. Hier liegen wir als einziges Schiff ruhig in der Nähe eines Luxus-Ressorts, das Meer ist dunkel, der Sand ist schwarz. Am nächsten Tag durchschnorcheln wir die „Fledermaus-Höhle“, in der tausende der kleinen Draculas herumflattern und bestaunen die unglaublich schöne Unterwasserwelt mit ihren Korallen, Fischen, Kraken, Rochen und weiterem Getier, dann geht es müde und begeistert zurück zur KALI MERA. Die Sonne macht sich daran unterzugehen, ein kleiner „green flash“ ist uns wieder gegönnt, eine traumhafte Kulisse und Abendessen direkt am Meer – nichts stört die Idylle … – bis dann plötzlich der Samstag Abend beginnt, an dem die hiesige Jugend auch ihren Spaß haben möchte – und das heißt halt Musik am Strand, wie schon gewohnt in einer Lautstärke, die als Abhärtung für den nächsten Karneval bestens geeignet ist. Die Musik an sich stört nicht so, das gehört schon irgendwie dazu, nur ist für den Betrieb der Boxen auch ein überdimensionierter Benzingenerator nötig, und der macht dem Rest der Anlage mit seinen Dezibel durchaus Konkurrenz. Nach zwei Stunden – ich bin gerade beim Überlegen, wie man das Monster zerstören könnte – macht es plötzlich einen lauten Knall und himmlische Ruhe kehrt ein, Generator, Strom und Musik sind verschwunden und kommen nicht wieder –das Universum ist doch grundsätzlich nicht bösartig (jetzt fahren wir schon so lange nicht mehr mit dem Fahrrad dass wir den universellen Hang zum Gegenwind vergessen haben).
Am nächsten Tag geht’s weiter in die Wallilabou-Bay, berühmt wegen seiner spektakulären Szenerie und vor allem, weil hier Captain Jack Sparrows mit seinem Segelboot angelandet ist, – hier ist einer der Hauptdreh-Orte vom „Fluch der Karibik“. Wir ankern dort, wo vor uns schon die INTERCEPTOR gelegen ist und flanieren in den Resten der Kulissen an der Uferpromenade. Gott-Sei-Dank haben wir gerade alle Film-Teile gesehen und kennen uns hier also aus. Es gibt ein kleines Film-Museum, ein Restaurant mit vielen Plastik-Seeräubern, Totenköpfen und einer Menge von Holzsärgen, alles desolat und heruntergekommen. Die Landschaft ist überwältigend, der Rest nicht so ganz unser Geschmack. Nach so positiven Erfahrungen mit den Menschen auf den bisher besuchten Inseln ist es hier ein wenig sonderbar. Es herrscht eine aggressive Grundstimmung, die „Boat-Boys“ sind aufdringlich und wir sperren am Schiff alles ordentlich ab, das erste Mal dass wir Abrahams Schoß verlassen.
Dennoch wollen wir ein paar Tage bleiben und die Insel entdecken, zuerst fahren wir mit dem Minibus nach Kingstown, der Hauptstadt der Insel, dort besuchen wir den sehr schönen botanischen Garten, einen der ältesten seiner Art, hier brachte schon Captain Bligh (der von der Bounty, laut Tadeja mein großes Kapitänsvorbild) die ersten Brotfruchtbäume her, Setzlinge davon sind immer noch zu sehen. Aber mit dem Garten hat es sich auch schon wieder mit den schönen Dingen ins Kingstown, der Rest ist laut, schmutzig, unfreundlich, drückend heiß, und wer hier lächelt dem wird wohl sofort die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Die Fahrt mit dem voll besetzten Minibus ist für mich ein Grenzerlebnis, der Fahrer ist noch jung (schlechtes Zeichen, als Evolutionsanhänger bin ich überzeugt dass ältere Exemplare sicherer fahren), die kurzen Erholungsphasen wenn es bergauf geht werden in Sekundenbruchteilen wieder zunichte gemacht, wenn dann in halsbrecherischen Tempo die enge Küstenstraße wieder nach unten geht, es wird hemmungslos beschleunigt (bis auf „lächerliche Geschwindigkeit“) und mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starre ich dann auf die 180 Grad Kurven die auf uns zurasen, wie durch ein Wunder fällt der Bus nicht in die riesigen Schlaglöcher und schafft die Kurve millimetergenau, ohne auch nur ein klein bisschen zu viel an Speed zu verlieren. Die ohrenbetäubende Musik, die ununterbrochen aus den an die Blechwände geklebten Lautsprechern herausbrüllt, scheint mich irgendwie zu betäuben und ich kann daher nicht in Panik aus dem Fenster springen. Auf der Rückfahrt sitzen wir dann zu siebzehnt in einem Minibus, der Fahrer ist diesmal schon älter und scheint mit seinem Gefährt verschmolzen zu sein, mit ruhiger Gelassenheit und katatonischem Kopfwackeln rast er die Strecke zurück, er gleitet richtiggehend dahin, es ist diesmal kein Hochschaubahn-Fahren sondern eher das Gefühl, als wenn der Intercity der ÖBB mit 240 km/h über den Semmering fahren würde.
An Folgetag stehen sportliche Höchstleistungen am Programm – der höchste Vulkan der Insel ist zu besteigen, wir nehmen die als „sehr steil“ beschriebene Route und organisieren einen Guide, da speziell dieser Trail als „nicht sicher“ gilt. Etwas verspätet aber doch werden wir zeitig in der Früh mit einem winzigen Fischerboot abgeholt, dann geht es einige Meilen nordwärts bis zum Startpunkt, einem trockenen Flussbett am Strand. Mit letzter Kraft schafft es der Motor bis zum Ufer, schon seit 20 Minuten spuckt er und wird ständig langsamer, dann stirbt er endgültig und wir hüpfen ins seichte Wasser. Unser Guide ist ohne Schuhe und mit wenig Worten unterwegs, in unregelmäßigen Abständen und ohne nachvollziehbaren Grund hören wir ein „Yeah“ oder so eine Art leises Brüllen von ihm, sonst gibt es wenig Gesprächsstoff. Aber den Weg kennt er, er muss zwar regelmäßig rasten und braucht viel von unserem Trinkwasser das wir für uns hinaufschleppen, aber wir kommen ohne Zwischenfälle hin und zurück. Der steile Weg, der sich zuerst durch tief eingeschnittene Flussbette und dann durch den Regenwald hinaufwindet, ist ein Erlebnis, es geht durch Berg und Tal, über enge Grate bei denen es links und rechts fast senkrecht hinuntergeht, an Bananenstauden, Mangos, Zuckerrohr und Marihuana vorbei (entlang des Pfades befinden sich hinter dem Unterholz die großen Anbaugebiete St. Vincents, wir treffen nur einen Farmer aber sehen große Säcke voll frischer Ernte), mit der höher steigenden Sonne beginnt es zu dampfen. Am Gipfel angekommen (auf ca. 1000 Meter Seehöhe) weht ein frischer starker Wind und wir genießen die dramatische Szenerie, aus dem Vulkankrater steigen Schwefeldämpfe auf und das Panorama ist fantastisch. Nach einer zünftigen Jause (die wir mit unserem Guide teilen, er hat ja selbst nichts mitgenommen) und einer Erholungspause auf der Alm (ich verspüre ein eigenartiges Gefühl – ist das Heimweh nach den österreichischen Bergen??) geht es wieder hinunter in den Dschungel und zurück zu KALI MERA. Wir bezahlen den Guide und das Boat-Taxi (sie sind beide beleidigt, weil wir nur den Preis bezahlen den wir vorher exakt vereinbart haben), und am Abend fallen wir hundemüde in die Koje.
So sehr uns die Landschaft hier beeindruckt, so unglücklich sind wir über die Unfreundlichkeit der Bewohner, die Boatboys sind unverschämt und fast schon aggressiv, ein freundliches Nein wird nicht akzeptiert, sonderbare dunkle Gestalten (die wohl schon kräftig den Raucherzeugnissen der Insel und dem Rum zugesprochen haben) kommen auf Surfbrettern längsseits und versuchen minderwertiges Obst zu verkaufen oder wollen einfach Geld (mich wundert ja dass sie in dem Zustand nicht vom Surfbrett kippen, aber irgendwie halten sie sich doch oben), jedenfalls haben wir noch nie so wenig Gastfreundschaft erlebt wie hier, ich habe ein ungutes Gefühl hier weiter zu bleiben und wir brechen einige Tage früher als geplant zeitig am Morgen auf, nächstes Ziel ist Martinique, und St. Vincent bleibt uns als Naturparadies mit gutem Verbesserungspotential, was die Freundlichkeit der Bewohner betrifft, in Erinnerung.
Nachtrag: Wir sind unmittelbar von der Wallilabou Bay mit einem Nachtstop auf St. Lucia nach Martinique gesegelt, dort haben wir dann erfahren, dass in der Nacht nach unserer Abreise in der Wallilabou-Bay bei einem Raubüberfall auf ein Charterboot ein deutscher Segler getötet und der deutsche Skipper verletzt wurde. Wir sind – so wie auch unsere Seglerfreunde – schockiert, denken an die Opfer und werden auch weiterhin auf unsere Intuition hören.
Nach dem Karneval verlassen wir Tobago, am nachmittag gehen wir Anker auf und machen uns am Wind auf den Weg in die Grenadinen. Es wird eine turbulente Nacht mit viel Welle und hoher Geschwindigkeit, wie immer frischt der Wind bei Einbruch der Dunkelheit auf und wir haben einen neuen Geschwindigkeitsrekord. Knapp nach Mitternacht sehe ich am Radar ein Schiff, das sich uns von hinten nähert, auch wenn es nur noch zwei Meilen entfernt ist kann ich keine Positionslichter erkennen. Im Dezember hat es nicht weit von hier, im Umfeld der aufgelassenen Ölplattform Hibiscus, zwei Piratenattacken auf Segelyachten gegeben, ich werde also nervös. Das klar abgegrenzte Radarecho kommt weiter näher – ich schalte unsere Positionslichter aus, stelle das AIS auf „nur empfangen“ und ändere den Kurs um den Verfolger abzuschütteln. Diesmal ist mir unser schlechtes Radarecho richtig angenehm, ich hoffe dass wir unsichtbar sind, bei den hohen Wellen durchaus möglich. Aber zwanzig bange Minuten später ist alles wieder in Ordnung, das Radarecho kam nicht von einem Schiff sondern von einem Squall, ein räumlich eng abgegrenzter Starkregen der die Radarstrahlen wie ein Schiff reflektierte. Plötzlich sehe ich viele solcher „Schiffe“ und es schüttet kurz wie aus Kübeln, Petrus hat die Schleusen ganz weit aufgemacht. Viel Aufregung um nichts, ich werde aber an das amerikanische Verteidigungsministerium schreiben dass im „Kampf gegen den Terror“ aus unserer Sicht solche Squalls markiert werden müssten, zumindest müssten sie mit einem AIS Transponder ausgerüstet werden, und ich denke nun auch daran hier Schadensersatz zu fordern…
Wir kommen vier Stunden früher als geplant in Carriacou an, von der ZIGZAG keine Spur, aber wir schaffen dann doch eine Kontaktaufnahme, stöbern sie auf und vereinbaren ein Treffen am nachmittag in Union Island. Dort klarieren wir gemeinsam ein und zischen am nächsten Tag zu den Tobago Cays, das ist ein Archipel von fünf unbewohnten Inseln, ein riesiges Riff davor, ein Naturschutzgebiet und so ziemlich das, was wir Nordländer uns als das Paradies vorstellen, da brauchen nicht einmal fünfzig Jungfrauen darin herumschwimmen. Hier ist die Insel auf die Captain Jack Sparrows zweimal ausgesetzt wurde, hier ging sein Rumvorrat in Flammen auf und hier ist es so unvorstellbar schön, dass man sich keine karibische Steigerung mehr vorstellen kann. Aber so schnell ist der Gipfel des Wohlbefindens noch gar nicht erreicht, dies passiert nämlich erst am Abend, als wir uns am Strand bei „Free Willy“ Lobster vom Grill leisten, dort ist dann der Punkt erreicht wo man weiß, dass man nun in aller Ruhe auf das Ende warten kann weil das Leben einen Sinn hatte (natürlich nur wenn man vorher auch einen Baum gepflanzt und ein Kind gezeugt hat). Tagsüber gehen wir zum Riff schnorcheln, baden mitten im buntesten Salzwasseraquarium, schwimmen mit Schildkröten, sehen tausende Fische, spielen mit Conches und ziehen uns dann zu Kaffee mit Kuchen auf die KALI MERA zurück. Am Abend wird mit den Crews der ZIGZAG, TRAUMTÄNZER, SAILAWAY, THAT’S LIVE und SEPTEMBER BLUE am Strand gegrillt und unsere Mahi-Mahi Vorräte aus dem Atlantik werden langsam weniger.
Nach einigen Tagen im Paradies segeln wir weiter nach Norden und begleiten die ZIG ZAG noch ein wenig, dann trennen sich unsere Wege vorerst, Georg und Irene müssen weiter Richtung Panama. Wir dagegen graben den Anker tief in der Admirality Bay in Bequai ein und dort ist es wieder einmal so schön, dass wir nicht mehr so schnell wegkommen. Wir hatten im Vorfeld so viel Negatives über die Karibik gehört, dass wir nun völlig überrascht von diesem traumhaften Revier sind. Wir treffen alte alte Bekannte (siehe oben) und lernen neue alte Bekannte kennen, für soziales Leben ist ausreichend gesorgt, Tadeja macht mit den anderen Boardfrauen morgens Yoga am Strand und am Abend wird gemeinsam am Strand gegrillt oder im „Whaleboner“ der Sundowner genossen, wir erleben sogar den legendären „Green Flash“ beim Sonnenuntergang. Zur Weiterbildung schauen wir uns am Schiff die vier Folgen von „Fluch der Karibik“ an Board an und genießen das besondere Kribbeln, wenn wir dann um Mitternacht aufs Meer schauen, vor Anker auf den Original Schauplätzen, genau dort wo auch der Film spielt, „Joho, und eine Buddel voll Rum“…
Wir nutzen die Zeit auf Tobago auch, um einen Ausflug in den Urwald, das älteste (oder eines der ältesten) Naturschutzgebiet der Welt, zu machen. Tadeja wird dazu noch mehr schreiben und den Beitrag aktualisieren (sobald Zeit ist, wir haben ja derzeit eine ganze Menge zu tun, morgens haben die Damen Yoga am Strand, nachmittags und Abends wird am Strand gegrillt, zwischendurch gilt es den Schiffhalt zu führen, Einkaufen…), einige Fotos gibt’s aber schon jetzt 🙂
Wir haben unseren Aufenthalt auf Tobago etwas verlängert um noch den weltberühmten Karneval zu sehen. Schon seit Tagen ist das Großereignis das zentrale Thema: Die jungen Damen machen sich schön, neue Zöpfe werden geflochten (wir glauben es kaum – die wunderschönen dicken bunten Zöpfe der beeindruckenden Haarpracht bestehen hauptsächlich aus „Kunsthaaren“), die große Party vor und nach dem Umzug lässt die Augen bereits voller Vorfreude glänzen. Montags um vier Uhr morgens soll es schon losgehen, wir schaffen es zwar erst um sieben, aber dennoch sind wir mitten im Spektakel drinnen. Schon im Vorfeld hat man uns informiert dass hier „alles erlaubt sei“, man könne tun was man wolle und niemand würde es jemals erfahren, und wir verstehen bald warum: Spätestens zu Mittag, wenn die erste Party vorbei ist, sind die meisten Teilnehmer schon im Delirium und niemand kann sich auch nur im Ansatz daran erinnern kann, was vorgefallen ist – eine sehr einfache und wirkungsvolle Diskretion. Auf mit starken Generatoren bestückten Lastwägen sind ganze Lautsprecher-Wände aufgebaut, so wie für ein mittleres Rolling-Stones-Konzert, jedes einzelne dieser teuflischen Gefährte sorgt für zwei-stellige Hörgeräte Umsatzzuwächse von Trinidad bis Grenada, eine unglaubliche Beschallung mit Karibik-Rhythmen, die wummernden Bässe blasen uns beinahe die Flip-Flops von den Füssen. Die Trucks fahren langsam die Hauptstraße auf- und ab, und davor, dahinter, darüber und hoffentlich nicht darunter bewegt sich das stampfende und tanzende Rudel der Partytiger, jeder ausgestattet mit einer Flasche Rum, begeisterte Akteure in ausgelassenen afrikanischen Kopulationstänzen, ein orgiastisches Spektakel. Nach einigen Stunden Regenerationsphase, die den Helden des Rums und deren Trommelfellen gegönnt wird, geht es dann am Abend mit dem Umzug weiter.
In beeindruckenden farbenfrohen Kostümen machen die einzelnen Gruppen ihre Vorführungen, schöne Menschen in fantastischer Bekleidung, exotische dunkle Damen mit einem Hüftschwung und Po-Packen mit so einem Eigenleben, dass es mir ganz anders wird, muskulöse Männer tanzen in bunten Gewändern und phantasievoller Verkleidung zu den stampfenden Rhythmen, wir sind mitten in einer exotischen fremden Welt und bleiben bis die Parade vorbei ist und alle wieder in die ausgelassene Straßenparty eintauchen.
Während in Roxborough noch bis in die Früh in voller Intensität weitergefeiert wird fahren wir müde aber völlig nüchtern mit unserem Mietauto zurück nach Charlotteville, weichen auf den engen Bergstrassen mit Linksverkehr erfolgreich den lokalen Größen des Motorsports aus, aus den Autos dröhnt die Musik und manche Fahrer haben noch die Rumflasche in der Hand….
„Yeah Man“, wir sind in der Karibik. „Yeah Man“ – so werden wir überall begrüßt, das ist hier die universelle Anrede, selbst eine hundertjährige Oma wird hier respektvoll so angesprochen „Yeah Man“! Wir sind in Charlotteville, einer kleinen bunten Ortschaft im Nordwesten von Tobago, es gibt einige kleine Geschäfte mit sehr begrenztem Sortiment, eine ständig ausverkaufte Tankstelle, eine Polizeistation, ein Krankenhaus, am Freitag einen kleinen Obst- und Gemüsemarkt und eine riesige klimatisierte öffentliche Bibliothek mit freiem WLan – dorthin zieht es uns regelmäßig um in Kontakt mit der Welt zu kommen.
Bei unseren „Streifzügen“ durch Charlotteville und die Umgebung sehen wir hübsche Häuser in allen Farben mit gepflegten Gärten, weiter oben in den Hügeln gibt es gediegene Guest-Houses, traumhafte Anwesen mit fantastischen Gärten und Blick über die Insel, mitten im grünen Paradies aus Palmen, Orchideen, Papageien, Philodendren und dem ganzen Grünzeug, das bei uns nur im Wohnzimmer und der Gärtnerei gedeiht. Mir haben es besonders die riesigen Bäume angetan, die man gar nicht mehr als „einen Baum“ bezeichnen kann, die ein ganzes Biotop mit einer Unzahl an Pflanzen sind, wie bei den Bremer Stadtmusikanten hockt ein Pflänzlein auf dem nächsten, der Esel ist der Baum und als Gockel putzen sich die Orchideen heraus, dazwischen hat noch ein handelsüblicher botanischer Garten Platz.
Bald lernen wir die anderen Yachties kennen, die französische BILBO und die englische TANTE POLLY (wie die Tante wirklich heisst kann ich mir einfach nicht merken, aber sehr sehr ähnlich wie Polly). Mit Kevin und Emily von der TANTE POLLY machen wir einen Ausflug zu „Little Tobago“, einer kleinen Insel im Osten von Tobago, ein Regenwald-Natur-Paradies. Der Fischer Philomeno bringt uns mit seinem Boot (Expect ‚D‘ Unexpected) dorthin, es wird eine nasse Fahrt durch hohe Wellen bei denen uns Philomeno demonstriert, dass er sowohl das Boot im Griff hat als auch absolut keine Angst vor nahem Felswänden und im Wasser auf uns wartenden Riff-Spitzen hat, ich umklammere mit einer Hand die Bootswand und übe mich – während mein bisheriges Leben vorüberzieht – in stiller Gelassenheit und innerer Einkehr (Yeah Man). Little Tobago ist ein grünes Paradies, wir wandern mehrere Stunden durch den Urwald, stolpern fast über riesige Einsiedlerkrebse, die sich mit Ihren Schneckenhäusern am Rücken als Bergsteiger versuchen und entdecken neben unserem Picknick-Platz nistende Seevögel, die bewegungslos wie Porzellan-Tiere aus einem Vorgarten im Unterholz sitzen. Wenn jemand noch einen Gartenzwerg in das Arrangement gesetzt hätte dann wäre der wahrscheinlich binnen Minuten auch zum Leben erwacht, eine solch grüne Lebenskraft ist hier spürbar.
Am nächsten Tag kommt Joe, ein anderer Fischer, im Gegensatz zu Philomeno als Rasta ein Antialkoholiker, vorbei und bringt uns die bestellten Lobster, allerdings müssen wir vier der stacheligen Monster nehmen und nicht nur die zwei die wir eigentlich haben wollten, Joe bringt dafür gute Gründe vor, nämlich „you take four“. Wir verspeisen zwei davon selbst und zwei weitere verschenken wir an die BILBO Crew, die uns dann am Abend auf Lobster einlädt… . Tadeja hat sich ein indisches „Curry-Kochbuch“ von Emily ausgeliehen und zieht sich damit zur Vorfreude des Kapitäns zum Experimentieren in die Kombüse zurück, mit großartigen Resultaten. Nachdem wir uns schon seit Wochen von Fisch ernähren muss nun endlich etwas anderes auf den Speiseplan, wir haben uns vom gegrillten und gebratenen Fisch schon etwas abgegessen, also gibt es nun – Überraschung – Fischcurry, indisch-kreolische Fischsuppe, Lobster, und Mais mit Thunfisch, ganz neue Geschmacks-Explosionen halten mich gefangen. Fast jeden Tag backen wir frisches Brot, auch hier werden wir immer fantasievoller (Weckerl, Müslibrot, Zwiebelbrot, Olivenbrot, nur Brot …), und ich liebe es in der Früh das Frühstück herzurichten und dabei ganz frisches Backwerk aus eigener Werkstatt zu präsentieren.
Nicht weit von der KALI MERA lugt ein Riff aus dem Wasser, mit Schwimmbrille ausgerüstet entdecken wir dort die Unterwasserwelt, wenn die Sonne scheint leuchten die Korallen in einer so bunten Farbenpracht dass es eine Freude ist, und die Fische wollen die Korallen in ihrer Buntheit noch übertrumpfen, eine nasse Regenbogenparade. Schwärme von Riff-Fischen umgeben uns und eine Wasserschildkröte macht kurz ihre Aufwartung. Ich versuche Kontakt mit einem der vorlauteren bunten Bewohnern aufzunehmen und strecke ihm – wie seinerzeit E.T. – den Zeigefinger entgegen, und siehe da, der kleine freche Lauser kommt wirklich näher, fixiert meinen wartenden Finger und … beißt blitzschnell hinein. Ich bin perplex, – mein Bild über die bisher gelebte Rollenverteilung kommt plötzlich gehörig ins Wanken.
Unter unserem Schiff haben sich zwischenzeitlich einige Flossenträger angesiedelt, mehrere große Pilotfische haben die KALI MERA zur neuen Heimat erklärt und beschlossen, diese nicht mehr zu verlassen. Wenn wir ins Wasser steigen dann kommen sie kurz her, schauen sie uns neugierig an, und schwimmen dann wieder an ihren Platz. Ich kann mir lebhaft vorstellen wie sie da unten das gleiche über uns sagen… Sobald wir unseren Bio-Müll über Board entsorgen sind sie hier und sorgen für restlose Verwertung.
Am Fischerkai gibt es einen Wasserhahn mit gutem frischen Wasser, mit Kanistern und dem Dinghi bringe ich 700 Liter Wasser zur KALI MERA um den Tank aufzufüllen, ausreichend sportliche Betätigung für einen Tag, einige Tage später gibt es dann sogar Diesel in der Tankstelle der Fischer-Vereinigung und ich schleppe nochmals Kanister, bei einem Preis von 20 cent pro Liter macht das aber richtig Freude…
Der Strand vor der KALI MERA ist kitschig wie aus einem Bilderbuch, unter dem grünen Blätterdach der Urwaldriesen wächst bunter Croton, Palmen geben dem Stilleben noch einen weiteren exotischen Feinschliff und goldener Sand reicht ins türkise Wasser. Pelikane sitzen als stille Beobachter knapp über dem Wasser auf den Riffspitzen, hin und wieder begeben sie sich auf einen Aufklärungsflug über die Bucht um dann plötzlich einen Sturzflug ins Wasser zu machen, der mit einem ziemlich uneleganten gewaltigen Platsch endet. Das Wasser ist mit 26 Grad kühler als erwartet aber wunderbar zum Baden, auch die Lufttemperatur ist überaus angenehm, kühl zum Schlafen und genau passend warm tagsüber. Wintertemperaturen halt. Wir nutzen die Badewanne um unser Schiff ausgiebig und beschließen noch ein paar Tage hier in Charlotteville zu bleiben, beim berühmten Karneval von Tobago, der am kommenden Montag stattfindet, mitzumachen und den Rest der Insel zu erkunden. Dann werden wir der ZIG ZAG nach Nord-Westen folgen um uns dort in den Grenadinen mit unseren Freunden zu treffen.
Die Atlantikquerung – die größte Herausforderung unserer bisherigen Reise!
18 Tage Fahrt stehen uns bevor, auf der uns nichts als das Meer, der Wind und die Wellen begleiten werden. 18 Tage kein Land und keine Menschen.
Der Wetterbericht sagt eine Flaute von einigen Tagen voraus, ein Sturmtief aus dem Norden soll sogar Gegenwind bringen, was dazu führt, dass die Allgemeinheit der Fahrtensegler in einer Art Massenhysterie auf Warten plädiert und Stimmung gegen das Losfahren gemacht wird. Wir lassen uns davon nicht anstecken und beschließen, die große Flaute in einem Bogen nach Süden zu umfahren und eventuell einige Tage länger unterwegs zu sein – und wir haben es nicht bereut.
Auch die ZIG ZAG will aufbrechen, also machen wir die letzten Vorbereitungen gemeinsam.
Noch einmal Großeinkauf, Irene und ich füllen die Einkaufstaschen mit frischem Obst und Gemüse, Joghurt und Käse, Herbert und Georg müssen tragen. Leider sind in ganz Mindelo die Zwiebeln ausgegangen – erst in letzter Minute kann Herbert welche auftreiben. Ich koche noch für drei Tage vor … eigentlich wollten wir am Nachmittag ablegen, aber Georg muss noch schnell mal zum Zahnarzt, und uns passiert beim Hochziehen des Ballooners ein Missgeschick, das repariert werden muss. Außerdem ist unsere Gasflasche gerade leer geworden und wird auch noch schnell neu befüllt. Das war zu viel an einem Tag und wir beschließen, die Abreise auf morgen Früh zu vertagen. Abends wird mit Harald und Conny von der FLORIMELL, Irene und Georg, Klein-Mia und Noah noch mal so richtig Abschied gefeiert.
Dann ist es soweit. Kurz nach neun Uhr morgens lichten wir gemeinsam mit der ZIG ZAG den Anker, treffen uns nochmals Heck an Heck zur Übergabe des Wetter-Berichtes – wir liefern für jeden ein Schokobonbon mit und bekommen ein Glücksbild von Mia mit auf die Reise. Meine neue kleine Freundin wird mir fehlen!
Wir drehen noch eine letzte Hafenrunde, beide Vorsegel sind gesetzt, der Wind bläht sie auf und unsere KALI MERA präsentiert sich in ihrem schönsten Gewand, die FLORIMELL trompetet und winkt. Mit der ZIG ZAG voraus verlassen wir die sichere Bucht von Mindelo und segeln aufs weite Meer hinaus. Unsere großen Segel machen uns schnell, und schon bald winken wir der ZIG ZAG ein letztes Mal zu, denn bald werden wir uns aus den Augen verlieren – der Atlantik ist zu groß!
Wir wollen unsere Angeln und vor allem Herberts selbst gebastelte Köder ausprobieren – und prompt beißen bald darauf auf beiden Angeln fast gleichzeitig zwei große Doraden an. Während wir die eine an Bord holen, befreit sich die andere durch spektakuläre Sprünge von der Angel. Wir sind nicht allzu traurig, die eine ist für uns mehr als genug. Ich filetiere sie, schneide zwischen den Knochen das zurückgebliebene Fleisch in Streifen heraus und verarbeite es zu Ceviche. Eine Gaumenfreude!
Gestern noch war die Nacht hell, auch wenn kein Mond schien. Heute ist sie dunkel, schwarz. Wo der Himmel ins Meer übergeht, ist nicht zu erkennen. Die paar Sternchen am wolkenbehangenen Himmel und ein paar glitzernde Punkte im Meer reichen nicht aus, das Schwarz der Neumondnacht zu erhellen.
Tagsüber sind wir die meiste Zeit zwischen zweieinhalb und vier Knoten herumgetümpelt, doch jetzt um Mitternacht kommt wieder etwas Wind auf und Herbert hat die Vorsegel gesetzt – und schon geht es mit sieben bis acht Knoten weiter in Richtung Karibik.
Nach den Vorbereitungen und der nervösen Anspannung der letzten zwei Tage vor der Abreise hat sich etwas in mir zu Ruhe gesetzt. Das Ziel ist noch in so weiter Ferne, viel zu weit, um schon auf die Ankunft zu warten. Der Blick, der in keine Richtung mehr auf ein Hindernis stößt, macht die Seele ruhig und erlaubt, dass Dinge an die Oberfläche geschwemmt werden, die von der Geschäftigkeit verdrängt keine Chance haben, wahrgenommen zu werden. Ein eigenartiges Gefühl von Freiheit und Frieden. Eine Begegnung mit der Weite des Meeres.
Der einzige Kontakt mit der Außenwelt sind emails über unser Amateur-Funkgerät. Jeden Morgen schickt Herbert den Positionsbericht aus und holt uns den aktuellen Wetterbericht als Grib-File, der auch an die ZIG ZAG weitergeleitet wird. Etwas später trudeln auch Georgs Positionsberichte und eventuelle Mails ein.
Sonst sind wir allein. Am Radar-Bildschirm sichten wir zwei japanische Fischerboote und warten dann, dass deren Beleuchtung auch am nächtlichen Horizont erscheint – tagsüber mussten wir den Bojen ausweichen. Die hier ausgelegten Netze müssen riesig sein – ich muss an Delphine denken, die sich darin verfangen und ersticken müssen.
Am Abend des dritten Tages tritt die angekündigte Flaute ein – das monotone Brummen des Motors wird uns nun für zwei Tage begleiten.
Der Morgen ist hell, das Meer fast glatt, nur eine langgezogene, kaum spürbare Dünung ist zu spüren – und so bleibt es den ganzen Tag – ein Gefühl der Freude beginnt sich in mir auszubreiten – wir sind unterwegs!
Herbert wirft wieder die Angel aus, und sie ist noch nicht mal ganz draußen, da beißt schon der erste Fisch an – er wird mit Ouzo betäubt, mit einem Stich in den Kopf getötet, ausgenommen und in die Tiefkühltruhe verfrachtet. Bald darauf hängt der zweite Fisch an der Angel, dann ein dritter. Wenn das so weitergeht, werden wir bestimmt nicht Hunger leiden! Es gibt wieder köstlichen frischen Fisch mit Maniokgemüse – die Spaghetti a la Italia werden auf ein andermal verschoben.
Ein malerischer Sonnenuntergang – eine Sonne, rot wie eine Blutorange, versinkt zwischen den Wolken im Meer. Schnell ist es ganz dunkel, und die erste Mondsichel wird sichtbar – nicht wie bei uns von der Seite, nein, wie eine silberne Obstschale steht sie am Himmel, als würde sie auf einen Sternenregen warten, um sie zu füllen.
Morgens weckt mich wieder die Sonne. Das Meer ist nach wie vor ruhig und glatt. Der Motor läuft. Zur regelmäßigen Ölkontrolle muss er ausgeschaltet werden. In diesem Moment geschieht etwas Unglaubliches, etwas völlig Unerwartetes. Mit einem Mal breitet sich eine magische Stille aus. Kein Windhauch ist zu hören, kein Rauschen des Meeres, kein Vogelschrei, kein einziges Geräusch. Die KALI MERA wird von der mehrere Meter hohen Dünung sanft und langsam emporgehoben, um sich auf der anderen Seite wieder ins Tal zu senken. Es ist ein kaum spürbares, an vergangene Zeiten erinnerndes Wiegen. Ich stehe vorne am Bug, höre der Stimme der Stille zu und lasse mich von ihr durchdringen. Ich wage kaum zu atmen, um diese Stille nicht zu stören, um dieses Gefühl, dass sich in mir ausbreitet, nicht zu verscheuchen. Es ist, als wäre eine Saite in mir in Schwingung gebracht worden, ein lautloser Klang, eine Musik der Stille. Jedes Wort ist zu laut. Ein unvergessliches Erlebnis. Werde ich das je wieder hören?
Klein und eins geworden mit etwas unermesslich Großem fühlen wir uns – so paradox es auch klingen mag – geborgen und getragen. Unser Schiff bewegt sich fast unmerklich weiter, scheinbar immer im Mittelpunkt einer runden Meeresscheibe, Endlichkeit und Unendlichkeit zugleich. Wer will da behaupten, die Welt sei rund und nicht eine Scheibe?!
Bis zum Abend schalten wir den Motor nicht mehr ein, überlassen uns den sanft schaukelnden Wellen und der Strömung, die uns mit etwa einem Knoten weitertreibt. Wir haben es nicht eilig, und der Wind wird schon noch kommen.
Während wir das letzte Joghurt mit Müsli und Banane frühstücken, beginnt es rund um uns zu spritzen, als würde jemand mit Steinen spielen. Erst nach einiger Zeit lassen sich auch die Verursacher blicken – Thunfische, die in waghalsigen Sprüngen auf der Jagd nach fliegenden Fischen durch das Meer fegen – die weißen Spritzsprünge sind mehrere Hundert Meter rund um uns über das Meer zu sehen. Wir sind zum Fischen derzeit eindeutig zu langsam unterwegs.
Herbert hat Brot gebacken – das warme knusprige Brot mit Butter schmeckt umwerfend!
Am Nachmittag lassen wir die Badeleiter ins Wasser und gehen schwimmen. Es ist etwas unheimlich, aber das Wasser ist wunderbar warm und klar. Ich muss den Propeller prüfen – er ist deutlich zu sehen und völlig sauber. Darunter sucht ein kleiner Schwarm Fische Schutz, und kaum bin ich im Wasser, versammeln sie sich neugierig rund um mich.
Am fünften Tag wird die ZIG ZAG zum ersten Mal wieder am Radar sichtbar. Wir haben sie nach der letzten Positionsmeldung schon erwartet.
Gegen Abend schaffen wir nach mehreren Versuchen den ersten noch nicht ganz störungsfreien Funkkontakt. Dann erscheint ihr Licht am Horizont. Das Unwahrscheinliche ist eingetroffen! Wir werden uns mitten am Atlantik tatsächlich begegnen und vereinbaren für den nächsten Morgen einen „Tankstellentreff“, denn ZIG ZAGs Dieselvorräte sind etwas geschrumpft.
Die aufgehende Sonne und die Wolken malen ein rembrandsches Gemälde auf den Himmel. Die ZIG ZAG nähert sich zu langsam, um uns in absehbarer Zeit einzuholen. Deshalb beschließen wir beizudrehen und auf sie zu warten. Ja, und dann ist es soweit. Aufgeregt begrüßen wir uns von Bord zu Bord. Mia schaut mit skeptisch zusammengekniffenem Gesicht herüber – was wohl in ihr vorgeht… das Meer ist glatt und ruhig – warum nicht schnell mal hinüberschwimmen!? Gedacht, getan. Das Meer ist warm, und die zwei Schiffe bilden eine Begrenzung, so dass es sich gar nicht so unsicher anfühlt. Es begegnen mir weder Fisch, noch Delfin, nicht einmal ein Hai. Flugs ist auch Georg im Wasser und stattet Herbert einen Kaffeebesuch ab. Ich verstehe Mia, es ist schon ein sehr ungewöhnliches und befremdliches Gefühl, sich so mitten im Nirgendwo auf einen Tratsch zu treffen. Wir tauschen unsere Erlebnisse aus und genießen die gemeinsamen Momente, von denen wir wissen, dass sie uns bis zur Karibik nicht mehr beschert sein werden. Nachdem die ZIG ZAG Diesel getankt hat, wir Mias Fußabdruck und selbstgebackenes Rosinenbrot geschenkt bekommen, im Gegenzug von unseren reichlichen Fischvorräten abgeben, dann noch Wetterbericht und Fotos hin und her gewandert sind, heißt es ein weiteres Mal Abschied nehmen. Die Segel werden immer kleiner, der Wind und die Wellen tragen uns schnell in unterschiedliche Richtungen. Wieder umfängt mich die Glückseligkeit der Stille, bis der Wind kommt. Langsam und beständig wird er mehr, und das wird die nächsten Tage so weitergehen.
Das Anglerglück bleibt uns treu – wieder hat eine große Dorade angebissen und uns ein delikates Abendessen beschert. Aus Kopf und Knochenresten mache ich einen Fischfond, aus dem am nächsten Tag eine vortreffliche asiatische Fischsuppe gebraut wird. Sogar Herbert ist begeistert, obwohl er sich anfangs mit allen möglichen Argumenten gegen eine Fischsuppe gewehrt hatte – er sei kein Fischsuppenfreund. Wir verputzen dann im Nu den ganzen Topf.
Die Doppelsegel sind wieder draußen – eine ungemütliche Nacht lang mussten wir nur mit dem Groß den Bogen wieder nach Norden schlagen – jetzt geht es geradewegs auf Tobago zu.
Die Tage vergehen mit Musikhören, Pizzaessen, Freilichtkino unter Sternen genießen, Lesen, aufs Meer hinausschauen und fliegende Fische – unsere treuesten Begleiter – beobachten. Jeden Morgen müssen wir ein paar verirrte eingetrocknete Exemplare von Bord entfernen.
In den folgenden Tagen gewinnt der Wind kontinuierlich an Kraft und die Wellen werden zunehmend höher. Jeden Abend nach Sonnenuntergang nimmt der Wind noch einmal zu und wir müssen über Nacht die Segelfläche verkleinern. Trotzdem erreichen wir in Windböen eine Geschwindigkeit von bis zu zehn Knoten. Das Schiff saust dahin, beschleunigt die Wellen hinunter, surft zwischen ihnen hindurch und vollführt Kapriolen in alle Richtungen. Gemütlich ist das nicht. Wir gewöhnen uns zwar daran und lernen uns auf diesem ständig bewegten Untergrund halbwegs natürlich zu bewegen – zumindest fühlt es sich so an. Beim Betrachten des Anderen entbehrt es jedoch nicht einer gewisse Komik, wenn man zum Beispiel das Licht an der Decke einschalten will und einen gerade in dem Moment, als man es fast erreicht, die nächste Welle wieder schnurstracks auf den Allerwertesten befördert; oder wenn man sich wie ein Betrunkener den Gang entlanghantelt, beim Kochen vor dem Herd in weiter Grätsche mit den Gewürzen herumhantiert oder statt in einem eleganten Schwung mit einem hilflosen Plumps in der Lotsenkoje landet.
In den letzten Tagen bekommen wir unerwartet bis zu zwei Knoten Gegenströmung, was unsere Fahrt verlangsamt und noch kräftezehrender werden lässt. Wind gegen Strömung – die Wellen werden hoch und steil, die KALI MERA dreht sich immer wieder mit lautem Rauschen und Gebrause in die Wellen ein, bekommt so starke Schräglage, dass es mir ganz Angst und bange wird. Oft bauen sich die Wellen direkt neben dem Schiff unheimlich groß und hoch auf, rollen dramatisch auf uns zu als wollten sie uns unter sich begraben – aber nein, sie wollen nur mal schauen, was wir gerade so machen, schieben sich unschuldig unter dem Rumpf hindurch und heben vorne den Bug hoch zum Himmel empor, so dass es aussieht, als würden wir die Welle wie ein Schneepflug vor uns herschieben. Es ist zwar wie auf einer Hochschaubahn, doch unser Cockpit bleibt trocken und ihre Bewegungen weich.
Es bleiben nur noch wenige Tage, die es durchzustehen gilt, doch sind sie für mich die schwierigsten. Nie ruhig schlafen, der Körper in ständiger Spannung, jeder Schritt muss mit Bedacht gesetzt werden, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird umhergeschoben oder sogar umgeworfen – wieder einmal die Tasse gerade noch vor dem Umkippen gerettet – doch was hilft es mir, aussteigen wäre ja doch keine gute Idee – am besten verschlafe ich den Nachmittag! Herbert weckt mich aus dem Schlaf: Delfine!!! Eine ganze Weile spielen sie in der Bugwelle und schwimmen unter dem Schiff von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück. Was für eine Freude!
Der folgende Tag wird im Sinne einer Anti-Wellen-Therapie zum Koch- und Backtag erkoren – Herbert hat schon in der Früh frisches duftendes Brot gebacken, mmh! Kartoffelsalat mit Eiern und Kartoffelauflauf mit Spargeln stehen am weiteren Speiseplan – ja, viel mehr als Kartoffeln ist von unseren Vorräten nicht übriggeblieben. Als Draufgabe gab es noch selbsterfundenen Schokoladen-Nuss-kapverdische Aranzini-Kuchen.
Die Therapie hat geholfen, die Wellen sind wieder deutlich weniger und angenehmer geworden, das Segeln wieder ein Genuss. Auch die Strömung ist wieder mit uns und wir sausen mit sieben bis acht Knoten über das Meer, ohne es wirklich zu spüren.
Nachts haben wir sogar einen blinden Passagier an Bord – ein Vogel, der immer nur am Meer lebt und nur zum Brüten das Land aufsucht, scheint Gefallen an den technischen Errungenschaften der Menschheit gefunden zu haben. Herberts Angst, dass er alles vollgackt, erweist sich als überflüssig.
Morgen sollten wir Land sehen und den ersehnten Landfall machen können.
Nach so langer Zeit, in der der Flug von fremdartigen, unbekannten Vögeln die einzige Abwechslung für die Augen bot, können wir fast nicht glauben, dass sich bald wirklich Land am Horizont abzeichnen wird.
Der 18. Tag! Es ist aufregend, ein Kribbeln erfasst den Körper, eine freudige Erwartung, als würde man nach langer Trennung seinen Geliebten endlich wieder in die Arme schließen können. Noch ein paar Stunden. Da wir keine Flagge von Tobago haben, bastele ich schnell eine – Zeichenpapier, Wachsstifte, Lineal und Klarsichtfolie – sie kann gehisst werden, wie auch die gelbe Q-Fahne, die anzeigt, dass alle an Bord gesund sind und wir einklarieren wollen. Der Wind und die Strömung treiben uns punktgenau unserem Ziel entgegen.
Es ist diesig, die Sicht trotz Sonnenschein schlecht. Eigentlich sollte schon längst die Silhouette von Tobago am Horizont erkennbar sein. Mit Spannung starren wir auf dieses Nichts vor uns, das uns in den letzten Wochen so vertraut und selbstverständlich geworden ist.
Acht Meilen vor dem Land entfährt uns fast gleichzeitig der Ruf: Land in Siiicht!
Vögel, die unser Schiff umfliegen, ein großer Delphin vorne am Bug, riesige spitze Wellen auf der Ostseite der Insel. Ein bisschen fühlen wir uns wie Columbus, während wir uns diesem unbekannten Land nähern, das immer schärfere Konturen annimmt und immer grüner und fantastischer wird.
Es ist ca. 14:00, als wir in Tobago, Charlotteville, den Anker werfen und einklarieren.
Welcome in paradise! First time in paradise? How long will you stay? Oh, stay a month!
Etwas müde, salzig und sehr glücklich sind wir gestern abend in der Karibik angekommen. Konnten heute beim Frühstück die Teetassen auf den Tisch stellen, nichts ist umgefallen, großer Luxus!
Wir – die ZIG-ZAG (www.zig-zag-um-die-welt.de) und KALI-MERA Crew – fahren mit der antiken Inselfähre von Mindelo nach Porto Novo in Santo Antao, Wandertage sind angesagt. Das Schiff stammt wahrscheinlich ursprünglich noch aus der Zeit der Wikinger, wurde später als Galeere aus Altersgründen außer Dienst gestellt und dann im Rahmen eines Entwicklungshilfe-Projekts teuer auf die Kap-Verden verkauft, hier mit Hilfe von Weltraumschrott motorisiert und nun als Personenfähre in Betrieb genommen. Es ist stürmisch, eine aufmerskame Dame aus der Crew verteilt kleine rosarote Plastik-Sackerl, kurz später wissen wir wozu – mit viel Hingabe entledigen sich die Passagiere ihres Frühstücks. Wir halten uns in Luv und genießen die Überfahrt.
Wir haben diesmal nichts vorbereitet und sind einfach ins Blaue drauflos gefahren, bei Heinz von KIKAM haben wir uns für zwei Tage abgemeldet, er wirft (symbolisch gesprochen) ein Auge auf unsere Schiffe. In Porto Novo angekommen werden wir sofort von allen Seiten angesprochen – „you need Taxi Driver Mister, very good, hotel, sightseeing“, aber nix da, wir organisieren uns das selber. Freundlich aber mit Nachdruck schicken wir alle weg und suchen ein Kaffeehaus mit Internet, da wollen wir dann die Details recherchieren und buchen. Dummerweise finden wir kein Kaffehaus und WiFi erst recht nicht, aber einer der hartnäckigsten Taxi-Driver ist uns gefolgt (have Minibus, you need Taxi, you need coffee-bar) und zeigt uns wo wir uns hinsetzen können. Er setzt sich freundlicherweise gleich zu uns, auch wenn uns das gar nicht so recht ist. Mit unserem Handy und der kapverdischen SIM finden wir dann doch ein Hotel das nett klingt und gut gelegen ist, wir brauchen nun nur noch ein Taxi. Auf keinen Fall wollen Tadeja und Georg mit dem Typen fahren, der uns mit seiner hartnäckigen Hilfsbereitschaft schon auf die Nerven geht („sicher nicht mit ihm“), aber wie es das Schicksal so will sind zwischenzeitlich alle anderen Taxis weg. „Sicher nicht“ hin, „sicher nicht“ her, wir sitzen in der Falle und nehmen die schon abgebrochenen diplomatischen Beziehungen wieder auf. Vanderlei (so heißt unser zukünftiger Privatchauffeur) entpuppt sich in der Folge als liebenswerter Guide und angenehmer Fahrer, letztendlich ein richtiger Glücksgriff. Er ist Wanderführer, und wenn er da keinen Job hat dann fährt er Taxi mit dem Minibus von seinem Onkel. Die Polsterung des gepflegten Toyota ist frisch mit leuchtend-orangem Leder bezogenen (hat er selbst in der vergangenen Nacht fertiggestellt, wir sind die ersten die drauf sitzen) und so fahren wir mit dem „Knall-Orangen-Autobus“ über die alte kopfsteingepflasterte Straße, die sich von einem atemberaubenden Ausblick zum nächsten durchs Gebirge windet, zum Hotel und Vanderlei bleibt unser motorisierter Begleiter für drei Tage. Das Hotel ist hübsch, sauber und günstig, die Bewirtung überaus freundlich, alles läuft noch besser als erhofft.
Noch am selben Nachmittag machen wir die erste (von Vanderlei empfohlene) Wanderung durch eine unglaublich schöne Landschaft, faszinierend, großartig. Es ist so, als hätte man die stolzen Tiroler Berge nach Tibet geschickt, ihnen dort einen ordentlichen Terrassen-Haarschnitt verpasst und sie dann nach tausend Jahren der Medidation geläutert und gereinigt von sämtlichen Almhütten und anderen der Tourismus-Zunft gewidmeten Tempeln als Einsiedler in den Atlantik geworfen um dort in Bescheidenheit und Kontemplation zu reifen.
Am nächsten Tag holt uns Vanderlei pünktlich ab, und Tadeja und ich werden im Gebirge ausgesetzt, mit einer kleinen Hand-Skizze als Wanderkarte, Irene, Georg und die Kids Mia und Noa werden zum Strand geführt. Treffpunkt ist fünf Stunden später, Vanderlei wird uns irgendwo aufklauben. Die Wanderung, die er für uns ausgesucht hat, ist von so großer Schönheit, dass dies schwer zu beschreiben ist, uns fehlen die Superlative, jedenfalls ist es eine der beeindruckendsten Landschaften, die wir jemals gesehen haben. Tadeja bringt es auf den Punkt als sie sagt, es sei „so schön dass es schmerzt und man beim Anblick dieser überwältigenden Schönheit der Mutter Erde auf die Knie sinken möchte“. Wir denken an Tina und Markus, unsere Berg-begeisterten Wiener Freunde, die hier wahrscheinlich rund um die Uhr highspeed einen Gipfelsieg nach dem anderen davontragen würden und wohl nicht mehr aufhören könnten…
Der Abend bringt ein nettes Fischessen in einem Lokal, das extra für uns eine Stunde früher aufsperrt – die Kinder sind hungrig (und die Großen hundemüde) und dann wird neun Stunden durchgeschlafen, der Tag war anstrengender als gedacht. Am nächsten Tag werden wir dann zum Krater geführt, diesmal wird steil abwärts gewandert, von 1300 Meter Seehöhe hinunter Richtung Meer. Wir starten in einer wolkenverhangenen Almlandschaft, schrauben uns auf einem steilen Weg hinunter ins Tal, durch Kaffeeplantagen, Bananenstauden, Zuckerrohr und allerlei Blumen und Gemüse, alles ist terrassiert, wird bewässert und händisch bearbeitet. Der Nord-Ostteil der gebirgigen, schroffen und zerklüfteten Insel wurde über Jahrhunderte fast vollständig zu einer Terrassenlandschaft umgestaltet, es muss unvorstellbar mühevoll gewesen sein dieses Wunderwerk zu schaffen und ich bewundere den Fleiß der Menschen, die ohne Maschinen und mit einfachsten Geräten (und ich tendiere dazu hier eine Schaufel schon als Maschine durchgehen zu lassen) die dem Berg abgerungenen Quadratmeter bebauen und pflegen. Die hohen Vulkan-Berge „melken die Wolken“, jeden Tag „regnet“ es hier und der Wasserreichtum taucht alles in üppiges Grün. Nach der Mondlandschaft von Sal und Sao Vincente ist Santo Antao das reinste Paradies.
Nach einem Mittagessen (natürlich Bohneneintopf, das dürfte auf den Kapverden das Standardgericht sein, zusätzlich zu den Bohnen kommt wohl ganz frisch das hinein, was gerade ohne links- und rechts zu schauen die Strasse überquert hat, diesmal sieht es nach Hühnchen aus), das wir an der Straße in einem Lokal, das hauptsächlich aus zwei ausgemusterten Bau-Containern und ein paar Plastik-Tische und -Sessel besteht, einnehmen (Vanderlei bringt uns dort hin weil es eine Espresso-Maschine gibt – Tadeja braucht nämlich einerseits regelmäßig Kaffee, kann aber andererseits den überall erhältlichen Filterkaffee nicht trinken, weil der ein barbarisches Gesöff und als Ersatzdroge untauglich sei – und eine Espresso-Maschine ist in Lokalen eine Rarität), werden wir zurück nach Porto Novo zur Fähre gefahren. Wir geben den Betrag, den wir am Anfang nach zähen Feilschen als Rabatt herausverhandelt haben, als Trinkgeld und verlassen einen hochzufriedenen Vanderlei und reisen – immer noch benommen von den Natureindrücken – nach Mindelo zurück.
Die Rückreise (immer noch stürmisch) erfolgt in einem großen und neuen Schiff (alles ist relativ, die deutschen Beschriftungen weisen auf ein Vorleben in höheren Breiten hin), Georg und ich stolzieren wichtig übers Deck und inspizieren alles im Detail, alles ist in Ordnung und sogar die Rettungsinseln sind nicht abgelaufen, es ist gar kein Abenteuer, nicht einmal Plastiksackerl werden ausgeteilt, wir landen ohne Zwischenfälle in Mindelo.
Trotz der acht Windstärken, mit denen es in der Nacht zuvor am Ankerplatz in Mindelo gekachelt hat, warten unsere Schiffe noch brav am Ankerplatz und wir starten drei Tage später nach einer finalen Obst- und Gemüse-Verproviantierungsorgie gemeinsam unsere Atlantik-Querung.