{"id":678,"date":"2015-12-16T18:08:47","date_gmt":"2015-12-16T17:08:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kali-mera.net\/?p=678"},"modified":"2015-12-16T18:08:47","modified_gmt":"2015-12-16T17:08:47","slug":"fahrt-zu-den-kapverden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kali-mera.net\/?p=678","title":{"rendered":"Fahrt zu den Kapverden"},"content":{"rendered":"<p>Wir brechen am sp\u00e4teren Nachmittag in St. Cruz auf, nachdem wir vorher noch ausklariert, Obst und Gem\u00fcse eingekauft, das Schiff f\u00fcr die erste gro\u00dfe \u00dcberfahrt vorbereitet und s\u00e4mtliche Verabschiedungen erledigt haben. Bill und Judy kommen zum Steg und winken zum Abschied, der n\u00e4chste Treff wird wohl in der Karibik sein, die beiden werden Anfang J\u00e4nner mit Jimmy Cornell nach St. Lucia aufbrechen.<\/p>\n<p>Das riesige Hafenbecken ist v\u00f6llig ruhig, aber kaum haben wir die Einfahrt passiert gibt es hohe Wellen, die KALI MERA schaukelt f\u00fcrchterlich und stampft von einer Welle in die n\u00e4chste. Es ist starker konstanter Wind angesagt, aber zwischen Teneriffa und Gran Canaria bl\u00e4st es schwach und kommt \u2013 so scheint es \u2013 aus allen Richtungen gleichzeitig. Es gibt eine unangenehme Kreuzsee und wir k\u00e4mpfen uns das erste St\u00fcck unter Motor nach S\u00fcden.\u00a0 Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verlassen wir die Abdeckung der Insel, der Wind wird stark und der Seegang grob, eine schnelle Achterbahnfahrt, die mehrere Tage andauern wird, beginnt. Wir sausen mit acht Knoten Fahrt nach S\u00fcden, werden durchgesch\u00fcttelt und haben interessanterweise einige Zeit gar keinen Appetit.<\/p>\n<p>In den Kojen werden die Lee-Bretter eingeh\u00e4ngt damit man nicht aus dem Bett katapultiert wird und der Gro\u00dfteil des Tages wird horizontal verbracht, der K\u00f6rper muss sich an das st\u00e4ndige Auf und Ab\u00a0 und Hin und Her erst gew\u00f6hnen, der Magen m\u00f6chte m\u00f6glichst in Ruhe gelassen werden und \u00fcberhaupt ist es gar nicht so wie man sich einen entspannenden Segeltag vorstellt. Ich kann mir die Frage &#8211; warum ich mir das eigentlich antun musste \u2013 nicht verkneifen.<\/p>\n<p>Von Beginn weg herrscht eine gewisse Boardroutine, t\u00e4glich werden ein Positionsreport \u00fcber SSB abgesetzt, Grib Files f\u00fcr das Wetter heruntergeladen und \u00fcber email (per Kurzwellenfunk) mit der Au\u00dfenwelt Kontakt gehalten. Der kurze Aufenthalt vor dem Funkger\u00e4t f\u00fchrt anfangs schon zu einem Aufstand in der Magengegend, aber nach einigen Tagen wird nicht nur der Wind sondern auch die latente \u00dcbelkeit schw\u00e4cher und pl\u00f6tzlich wacht man in der Fr\u00fch auf und hat Hunger, Hurra! Am vierten Tag hat sich der K\u00f6rper an die schaukelnde Umgebung gew\u00f6hnt und das Reisen wird endlich wieder zum Genuss, es gibt nun das n\u00f6tige Joghurt zum Fr\u00fchst\u00fcck und frischgekochtes Essen zu\u00a0 Mittag.\u00a0 Am vierten Tag wird die Schleppangel aktiviert und am Abend bei\u00dft eine Gold-Dorade, ca 75 cm lang und einige Kilo schwer, die n\u00e4chsten zwei Tage gibt es k\u00f6stlichen Fisch zu Mittag.<\/p>\n<p>Wind und Seegang flauen weiter ab und die Amel-Passatbesegelung wird aktiviert, mit den beiden ausgebaumten symetrischen Vorsegeln ziehen wir eine ruhige Bahn durch das tiefblaue Meer, wir segeln fast so schnell wie der achterliche Wind und es ist ein gro\u00dfer Genuss. Die N\u00e4chte sind magisch, durch den Neumond sieht man ein unvorstellbares Sternengefunkel mit einer Sternschnuppe nach der anderen. Wir sind v\u00f6llig alleine weit drau\u00dfen auf dem Ozean, die ganze Reise kommt kein anderes Schiff in Sicht, rund um uns nur Wasser (von den Kanaren zu den Kapverden geht es ca. 1.700 km nach S\u00fcdwesten, beinahe eine halbe Atlantikquerung), aber es kommt nicht das Gef\u00fchl auf alleine zu sein. Unser Schiff ist ein eigener Mikrokosmos mitten in den endlosen blauen Wellen, eine autarke kleine Welt, die durch das Ozean-All fliegt (\u2026 getragen von vier Elefanten die jeweils auf einer Schildkr\u00f6te sitzen\u2026).<\/p>\n<p>Nach sieben Tagen und N\u00e4chten auf See taucht in der Fr\u00fch die Insel Sal am Horizont auf, eine Schule Delphine begr\u00fc\u00dft uns und spielt eine Zeit lang mit der KALI MERA, elegant tanzen sie in der Bugwelle. \u00a0Zwei Stunden sp\u00e4ter ankern wir im gut gesch\u00fctzten Hafen von Palmeira zwischen knapp 30 anderen Yachten. Der erste Versuch einzuklarieren scheitert, es ist kein Verantwortlicher mehr im B\u00fcro (der freundliche junge Polizist, der eigentlich genau dort sitzt wo auch Polizei \u2013 bei der wir uns ja melden m\u00fcssen \u2013 draufsteht , empfindet sich jedenfalls selbst nicht als Verantwortlicher. Die B\u00fcrozeiten f\u00fcrs Einklarieren werden zwar mit 08:00 \u2013 16:00 angegeben, aber damit nimmt man es nicht so genau. Eine gute Zeit sei von 08:00 \u2013 11:00 werden wir aufgekl\u00e4rt, und wir k\u00f6nnten ja in Ruhe morgen alles erledigen (intuitiv sp\u00fcre ich, dass \u201emorgen\u201c ein wichtiges Wort wird und lerne damit mein erstes portugiesisches Vokabel, das ich dann auch gleich schon mehrfach verwenden kann). \u00a0Ich denke dass man hier als Berater f\u00fcr Zeitmanagement viel lernen k\u00f6nnte und dann ganz innovative Reorganisationsprojekte in unseren B\u00fcros durchf\u00fchren m\u00fcsste. Dieses ganze \u201ep\u00fcnktlich bei Meetings erscheinen\u201c, \u201eetwas bis heute end of business fertig machen\u201c, \u201eeffizient und effektiv sein\u201c k\u00f6nnte man als Palmeira-zertifizierter Zeitberater sofort abschaffen, die \u201eMorgen-Ideologie einf\u00fchren\u201c und dann interessiert abwarten, was sich daraus entwickelt. \u00a0Gro\u00dfe Gelassenheit zeichnet die Menschen hier aus, viele sitzen auf der Strasse vor den kleinen schuhschachtelf\u00f6rmigen\u00a0 H\u00e4usern und plaudern, sortieren irgendetwas, verkaufen irgendetwas oder machen irgendetwas oder auch irgendetwas nicht. Viele Hunde gibt es, richtige liebesw\u00fcrdige Stra\u00dfenk\u00f6ter die mit den Kindern spielen oder in der Sonne liegen, bellen d\u00fcrfte etwas zu viel Energie ben\u00f6tigen also sind sie leise. \u00a0Auf der Suche nach einer Bank werden wir mit gr\u00f6\u00dfter afrikanischer Freundlichkeit in zwei entgegengesetze Richtungen gleichzeitig geschickt, aber auch der dann pl\u00f6tzlich in einem \u201eIndustrie-Block\u201c auftauchende Bankomat hat gerade Siesta. Internet gibt es nat\u00fcrlich, aber das dazugeh\u00f6rende Lokal hat erst morgen wieder ge\u00f6ffnet, und ohne Lokal dann doch kein Internet.\u00a0 Palmeira besteht eigentlich nur aus ein paar Stra\u00dfen und ein paar H\u00e4usern, ein paar Kiosks und ein paar undefinierbaren Geb\u00e4uden. Es ist auf den ersten Blick so trostlos, dass man am liebsten sofort einen Film drehen m\u00f6chte um die grandiose Stimmung einzufangen. Es gibt hier eigentlich nichts, und zwar so ein intensives Nichts dass es fast schon \u00c4hnlichkeiten mit einem schwarzen Loch hat, ich kann mir gut vorstellen dass es sich ganz pl\u00f6tzlich, ohne dass man es merkt (au\u00dfer es knallt dabei wegen irgendwelcher Naturgesetze), aufl\u00f6st und nur die graubraune trostlose Gegend hinterl\u00e4sst. Und dennoch liegen hier eine Menge Yachten auch f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit (manche anscheinend schon so lange dass man sich nicht mehr ganz sicher sein kann ob es nicht vielleicht gar nicht um ein Boot sondern um so eine eine Art Schwimmkoralle oder Riesenseegurke handelt), so als ob man wieder einmal eine Zeit lang da bleiben muss um die Atmosph\u00e4re eines Ortes richtig aufnehmen zu k\u00f6nnen und dann auch sch\u00f6n zu finden. Ich bleibe hier nun jedenfalls bis Tadeja in drei Tagen nachkommt und freu mich dass der Platz ruhig und gesch\u00fctzt ist. Der Anker ist fest eingegraben, es ist sch\u00f6n warm, die Proviantkisten sind voll, das Bier ist eingek\u00fchlt, der spanische Wein im \u201eKeller\u201c temperiert und da kann nun kommen was will, Hurra und Willkommen Capo Verde \u2026<\/p>\n<figure id=\"attachment_681\" aria-describedby=\"caption-attachment-681\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/\u00dcberfahrt-Capo-Verde-Passatsegel.jpg\" rel=\"attachment wp-att-681\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-681\" src=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/\u00dcberfahrt-Capo-Verde-Passatsegel-300x200.jpg\" alt=\"\u00dcberfahrt Capo Verde, Passatsegel\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/\u00dcberfahrt-Capo-Verde-Passatsegel-300x200.jpg 300w, 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