{"id":487,"date":"2015-09-09T15:30:47","date_gmt":"2015-09-09T14:30:47","guid":{"rendered":"http:\/\/kali-mera.net\/?p=487"},"modified":"2015-09-09T15:30:47","modified_gmt":"2015-09-09T14:30:47","slug":"nachtfahrten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kali-mera.net\/?p=487","title":{"rendered":"Nachtfahrten"},"content":{"rendered":"<p>Meine erste Nachtfahrt wird dunkel und mondlos sein!<\/p>\n<p>Ich bin aufgeregt, meine Sinne sind hellwach, ich stehe auf den Zehenspitzen und sp\u00e4he in die Nacht hinaus, in der nichts als dunkles Schwarz zu sehen ist. Die Nacht macht mich wach, ich bin nicht m\u00fcde. Die Auf- und Abbewegungen des Schiffs wirken gemildert, verschwimmen in der Kontourlosigkeit. Nichts als Meer rund um uns, kein Land in Sicht, nicht nur, weil es Nacht ist! Nur ein einziges Mal kommt uns ein Schiff entgegen \u2013 geisterhaft werden die Lichter immer gr\u00f6\u00dfer, ohne dass man erkennen kann, wie nah es wirklich ist. Lange Zeit scheint es, als w\u00fcrde es direkt auf uns zu fahren, unsere Kurs\u00e4nderungen nachvollziehen, uns verfolgen. Ein Schiff in Seenot? Warum steuert es immer wieder auf uns zu? Vielleicht Piraten, die unser Schiff entern wollen?! Die Phantasie schl\u00e4gt Kapriolen, bis sich abzeichnet, dass das Segelschiff in deutlicher Entfernung an uns vor\u00fcberziehen wird, dorthin, wo wir hergekommen sind. Irgendwann l\u00f6st Herbert mich ab, und als ich aufwache, zeichnet sich bereits die K\u00fcste Italiens am Horizont ab.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten zwei Nachtfahrten stehen bevor.<\/p>\n<p>Ein blutroter Sonnenuntergang, dann geht die erste zarte dunkelrote Mondsichel auf, um schon bald auch wieder vom Meer verschluckt zu werden. Der Mond hat nur einen kurzen Bogen geschlagen. Es wird in dieser mondlosen Nacht trotzdem nie ganz dunkel, seitlich erleuchtet eine Lichterkette von Siziliens K\u00fcste samt Palermo den Horizont, und der Himmel ist ein flimmernder Sternenteppich, die Milchstra\u00dfe breit und deutlich zu sehen. Sternschnuppen werfen mir vom Himmel Gr\u00fc\u00dfe zu. Doch etwas ganz anderes nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich werde Zeuge eines phantastischen Ph\u00e4nomens im Meer. Gro\u00dfe glitzernde Planktonp\u00fcnktchen zeigen sich im von der Fahrt aufgew\u00fchlten Meer an den Schiffsflanken, und dann \u2013 ich kann meinen Augen nicht trauen! Blau leuchtende Lichter, die mich an phosphoreszierende wegs\u00e4umende Gartenbeleuchtung denken lassen, tauchen auf, schweben an mir vorbei und verschwinden wieder in der Dunkelheit des Meeres. In unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden tauchen sie w\u00e4hrend meiner ganzen Nachtwache vereinzelt oder in kleinen Gr\u00fcppchen auf und vertreiben meine M\u00fcdigkeit. Wohl Quallenk\u00f6pfchen, die ihre Sch\u00f6nheit zur Schau tragen!<\/p>\n<p>Die riesigen aber meist sanften Wellen, in denen sich der in der Nacht beleuchtete Gro\u00dfmast \u00fcber mir bedrohlich von einer Seite zur anderen neigt, legen sich erst in den Morgenstunden, wir motoren, der Wind hat nachgelassen, und wir k\u00f6nnen in Ruhe kochen und vorkochen. Tags\u00fcber begegnen wir Delfinen.<\/p>\n<p>Die folgende Nacht war wieder nicht dunkel \u2013 doch diesmal wurde der n\u00e4chtliche Himmel in seiner ganzen Breite von einem Blitzkonzert wie von Beethovens 9 Symphonie erhellt. Ein Blitz folgte in kurzen Abst\u00e4nden auf den n\u00e4chsten und zeichnete bizarre Muster in den verdunkelten Hintergrund.<\/p>\n<p>Und wieder \u2013 elektrisiert, mit angehaltenem Atem \u2013 beobachte ich \u2013 was ist das? Meine Augen werden weit und weiter &#8211; blau fluoreszierende Fl\u00e4chen, gro\u00df wie Delfine, die an die Oberfl\u00e4che schweben, sich in einem Bogen zum Schiff, ganz nahe heranbewegen, ein St\u00fcck weit mitschwimmen, sich wieder entfernen, noch einmal wiederkommen, dann leuchtet es noch einmal in der Ferne an mehreren Stellen blau auf. War das wirklich? Habe ich das wirklich gesehen? Als Zeugnis, dass sich etwas unglaubliches abgespielt hat, bleiben nur meine erstarrten Glieder &#8211; das elektrisierende, Angst und Spannung hervorrufende K\u00f6rpergef\u00fchl war da gewesen \u2013 das Ph\u00e4nomen in er Nacht verschwunden. Sp\u00e4ter erfahre ich, dass Delfine, wenn sie durch planktonreiches Wasser schwimmen, tats\u00e4chlich blauleuchtend erscheinen.<\/p>\n<p>40 Seemeilen vor dem Ziel sichte ich am Horizont vor uns das erste Aufleuchten von Sardiniens Nachtbeleuchtung. Als ich am Morgen aus der Kaj\u00fcte krieche, liegt Sardiniens K\u00fcste vor uns, felsig, schroff aufsteigend und lieblich in langgezogenen Lagunen hingestreckt.<\/p>\n<p>Das Meer um die Balearen soll zahlreiche Delfine und auch Wale beherbergen \u2013 also beginnt meine Nachtwache schon in den Stunden davor mit \u201eAbgrasen\u201c der Meeresoberfl\u00e4che. Drei, vier Meter hohe Wellen, die sich nach tagelangem Wind aus der gleichen Richtung aufgebaut haben und uns Gott sei Dank von hinten treffen und so mitschieben &#8211; k\u00e4men sie von vorne, m\u00fcssten wir gegen sie ank\u00e4mpfen \u2013 machen die haargenau 300 Seemeilen lange Fahrt diesmal anstrengend. Mein schl\u00e4friger Blick gleitet gedankenlos \u00fcber das Meer, als ich pl\u00f6tzlich ein Blasen erblicke \u2013 und wieder, ja, es ist ein Wal! \u2013 die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleine R\u00fcckenflosse macht mich unsicher \u2013 er bl\u00e4st wieder, ich pfeife, er wendet sich uns zu, bl\u00e4st wieder, er ist keine 50 m entfernt, wir verringern die Geschwindigkeit, trauen uns aber nicht n\u00e4her \u2013 gem\u00e4chlich, alle 20 \u2013 30 Sekunden einen hohen Spr\u00fchnebel in die Luft verspr\u00fchend, zieht er fast majest\u00e4tisch an uns vor\u00fcber, seine dunkle Masse vom Meer verborgen. Fast 5 Minuten schauen wir ihm zu und nach. Als wir nachschauen, stellen wir erschrocken fest, dass es ein 18-22m langer Blauwal gewesen sein muss! Ein gelungenes Wale-watching!<\/p>\n<p>Die Nacht \u00fcber h\u00e4lt mich ein H\u00f6rbuch und die Erinnerung an den Wal lange wach! Zweimal noch kommen Delfine, die verspielt durch die Wellen auf uns zuspringen, zum Greifen nahe, sind aber schnell wieder weg.<\/p>\n<p>Als wir nach zwei Tagen und zwei N\u00e4chten ununterbrochen wellenreitend an der spanischen S\u00fcdk\u00fcste durch eine Br\u00fccke ins Mare Menor, ruhig wie ein See daliegend, einfahren, atmen wir beide auf \u2013 und pl\u00f6tzlich bekomme ich zumindest wieder Appetit!<\/p>\n<figure id=\"attachment_488\" aria-describedby=\"caption-attachment-488\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Nachtfahrt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-488\" src=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Nachtfahrt-300x200.jpg\" alt=\"Nachtfahrt\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Nachtfahrt-300x200.jpg 300w, https:\/\/kali-mera.net\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Nachtfahrt.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-488\" class=\"wp-caption-text\">Nachtfahrt<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine erste Nachtfahrt wird dunkel und mondlos sein! 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