{"id":3101,"date":"2021-02-16T22:58:02","date_gmt":"2021-02-16T21:58:02","guid":{"rendered":"http:\/\/kali-mera.net\/?p=3101"},"modified":"2021-02-16T22:58:02","modified_gmt":"2021-02-16T21:58:02","slug":"blutendes-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kali-mera.net\/?p=3101","title":{"rendered":"Blutendes Meer"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Meer ist rot! Es sieht unheimlich und gar nicht einladend aus. Unter unser Schiff schieben sich dunkelrot gef\u00e4rbte Wasserstreifen, als w\u00fcrde das Meer von tief unten bluten. Das Rot breitet sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit in alle Richtungen aus, und unvermittelt steht die ganze Bucht in rotem Wasser, blutrote Wellen streichen in langen Zungen \u00fcber den Strand, die Gischt ist nicht mehr wei\u00df, sondern rotbraun, auch unser Dingy zieht eine schmutzig r\u00f6tliche Schaumspur hinter sich nach. Beugt man sich \u00fcber die Reling, sieht man dichte Wolken faseriger Schwebstoffe, die das Wasser tr\u00fcb und undurchsichtig machen, w\u00e4hrend grelle rote und orange Schlieren bewegte Muster auf die Oberfl\u00e4che zeichnen, \u00e4hnlich wie bei uns daheim zur Zeit des Pollenflugs, wenn alles, auch der See, mit einem feinen gelben Puder \u00fcberzogen ist. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schuld daran ist die Algenbl\u00fcte. So sch\u00f6n es klingen mag, aber die Luft ist nicht von s\u00fc\u00dfem Blumenduft erf\u00fcllt \u2013 nein, es stinkt! Und sie birgt eine t\u00f6dliche Gefahr. Winzige Augentierchen, Dinoflagellaten, finden im Zusammenspiel mit den ver\u00e4nderten Wetterbedingungen, Wassertemperaturen und den Tonnen an D\u00fcngemittel, die durch die B\u00f6den ins Meer gelangen, optimale Bedingungen vor. Dauert die rote Flut lange und setzt sie Toxine frei, die die Nerven und Schleimh\u00e4ute angreifen, bedeutet es f\u00fcr viele Meeresbewohner den Tod. Letztes Jahr fand man 136 tote Robben an den Str\u00e4nden der Baja California, an der mexikanischen Pazifikk\u00fcste verendeten \u00fcber dreihundert Schildkr\u00f6ten, die zu den bedrohten Tierarten geh\u00f6ren, Fische werden vergiftet, in der Folge sterben auch die V\u00f6gel, die sich von ihnen ern\u00e4hren und der Fischfang kommt zum Erliegen, womit wiederum die Lebensgrundlage vieler Menschen zunichte gemacht wird. Das Ph\u00e4nomen wird weltweit beobachtet, von der Arktis bis nach Australien, vom persischen Golf bis zum Atlantik.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Vergleich dazu haben wir mit kleineren Problemen zu k\u00e4mpfen. Schwimmen entf\u00e4llt. Und das Trinkwasser geht uns aus. Wir sollten unseren Wassermacher wieder in Betrieb nehmen, doch das wollen wir den Filtern und Membranen, die an sich sogar Viren und Bakterien herausfiltern, nicht zumuten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Das rote blutende Meer dr\u00fcckt auf die Psyche, jeden Tag ein paar tote Fische am Strand, eine riesige Schildkr\u00f6te, die am R\u00fccken liegend leblos in den Wellen schaukelt, und kein Ende vorherzusagen. Es kann Wochen oder Monate dauern. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Eigentlich wollten wir nicht weiter in den S\u00fcden, wir scheuen die R\u00fcckfahrt, da meist mit Gegenwind und Welle von vorne zu rechnen ist. Doch der Entschluss ist schon gefallen \u2013 solche Plan\u00e4nderungen sind inzwischen Teil unseres Lebens geworden! \u00a0<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zwei Zwischenstopps und ein paar Tage sp\u00e4ter wissen wir, es hat sich ausgezahlt. T\u00fcrkisblaues Wasser, eine traumhafte Bucht vor der Isla Grande, wir k\u00f6nnen wieder Wasser machen, schwimmen, \u00fcber den Korallenfeldern mit bunten Fischen und wei\u00df gepunkteten Adlerrochen um die Riffs schnorcheln, die Insel erkunden, den Kontrast der schroffen Felsen und Riesenkakteen im Sonnenuntergang wirken lassen. Wenn es dunkel geworden ist, liege ich auf dem R\u00fccken und blicke ins Sternenmeer \u00fcber uns &#8211; unendliche Weite und ein tiefes Gef\u00fchl der Verbundenheit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Soziale Kontakte pflegen wir nur vereinzelt und selten. Lediglich um Besorgungen zu erledigen, mischen wir uns mit Vorsicht und gut gesch\u00fctzt unter die Leute. Mit dem Taxiboot fahren wir an Land in den kleinen Touristenort Ixtapa, wo wir es f\u00fcr ein Taxi auf vier R\u00e4dern eintauschen. So eine Einkaufstour ist immer abenteuerlich! Zum F\u00fcllen unserer Gasflasche werden wir zum \u201eJefe de gas\u201c gebracht, der irgendwo am Stra\u00dfenrand einen rostigen Tank bedient, der noch aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen scheint, f\u00fcr den Duschschlauch &#8211; unserer ist pl\u00f6tzlich geplatzt \u2013 in ein Schrauben-Macheten-Seil-und alles andere Gesch\u00e4ft, das zur Stra\u00dfe hin an eine Schie\u00dfbude erinnert und weiter hinten unter einem Wellblechdach ein Lager voller Geheimf\u00e4cher beherbergt, die Herberts Herz schneller schlagen lassen und die er sogar selbst durchst\u00f6bern darf,\u00a0 dann weiter zu den \u201eFruteras\u201c, kleinere und gr\u00f6\u00dfere offene Stra\u00dfenl\u00e4den, deren Marktst\u00e4nde mit duftenden Obst und Gem\u00fcse in leuchtenden Farben beladen sind, und f\u00fcr den Rest zu den Superm\u00e4rkten, deren Eing\u00e4nge vorbildlich mit automatischer Fiebermessanlage, einer alkoholgetr\u00e4nkten Fu\u00dfmatte, einem mit dem Fu\u00df zu bedienenden Desinfektionsmittelbeh\u00e4lter und einer Kontrollperson bewacht werden. Nun steht der Kreativit\u00e4t beim Kochen, Brownies eingeschlossen, nichts mehr im Wege!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Zu den sch\u00f6nsten Reiseerlebnissen geh\u00f6ren f\u00fcr mich Begegnungen mit der Tierwelt, meine Augen sind immer wachsam, versuchen im Gestr\u00fcpp verborgenes Leben aufzusp\u00fcren, in den L\u00fcften den Vogelflug aufzuhalten und im Wasser keine noch so fl\u00fcchtige Flosse zu \u00fcbersehen. So kommt es, dass wir voll beladen mit unseren Einkaufstaschen die Stra\u00dfe queren und ich aus dem Augenwinkel den Fl\u00fcgelschlag eines riesigen rosaroten Vogels einfange. Wo ist er hin verschwunden? Mein Blick durchsucht die Baumkronen, bis ich ihn entdecke \u2013 beim F\u00fcttern seiner winzigen Vogeljungen, die ihm aus dem breiten L\u00f6ffelschnabel fressen. Es ist eine ganze Kolonie! Ich vergesse alles rund um mich, vergesse die Zeit, vergesse Herbert, der von kichernden Kindern umrundet wird und denen er wegen der Einkaufstaschen, die er bewachen muss, nicht entkommen kann, w\u00e4hrend ich in der rosaroten Traumwelt des rosa L\u00f6fflers verloren gehe\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Irgendwann kommen wir dann doch noch heim. Und schnorcheln auch manchmal. Dass ich dabei meinen ersten Riesenmantarochen begegnet bin  , war schon sehr beeindruckend \u2013 aber was mir da im Wasser gerade weit entfernt vom Ufer entgegengeschwommen kam, geht als ultimatives Erlebnis in meine Schnorchelkarriere ein \u2013 die zwei langen Ohren geh\u00f6rten zu einem Reh! Zielstrebig nahm es Kurs auf mich zu &#8211; ich muss zugeben, ganz geheuer war mir das nicht &#8211; und erkannte erst wenige Meter vor mir, dass meine hochgeklappte Maske mit dem aufragenden Schnorchel doch nicht seine Gef\u00e4hrtin war!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nach zwei Wochen wird es Zeit f\u00fcr uns, an das Zur\u00fcckkehren zu denken. Wir wollen nicht unter Druck geraten und nutzen das erste g\u00fcnstige Wetterfenster.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Am R\u00fcckweg zeigt sich das Meer in seinem sch\u00f6nsten Gewand, es hat die rote Algenflut besiegt und ist so klar und glatt, dass es zwischen uns und den Delphinen kein Wasser, sondern nur eine spiegelnde Glaswand zu geben scheint. Zahlreiche Schildkr\u00f6ten schwimmen zu beiden Seiten an uns vorbei, strecken neugierig ihr K\u00f6pfchen aus dem Wasser und kaum haben sie uns erblickt, tauchen sie mit einem Fu\u00dfflossengru\u00df auch schon unter.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist sch\u00f6n zu wissen, das Meer lebt!<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Weltumsegelung der KALI MERA - Unter Wasser Februar 2021\" width=\"525\" height=\"295\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/WEKCRlBvM-M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Meer ist rot! 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