Esnasdup und Green Island

Esnasdup könnte auch Austriasdup heißen, hier liegt eine ganze Österreicher-Kolonie vor Anker. TIFRICAT, TANGAROA, die Tiroler MUOZA und einige Tage später auch die BRIGHT STAR. Es ist eine lustige Runde, teils langgediente San Blas Insider, und die Abende werden in fröhlicher Gesellschaft lang. Tadeja muss allerdings immer frühmorgens aufstehen, täglich gibt es um sieben Uhr Yoga auf dem alten Fischkutter von Joyce und Lorenzo, nachmittags wird dann gemeinsam geschnorchelt, das Social Life in Esnasdup ist hervorragend organisiert, die Funke auf Kanal 72 ist geschwätzig wie selten, und die Dinghis sausen zwischen den Ankerliegern hin und her. Für uns ist es perfekt, wir bekommen alle San Blas Infos die wir uns nur wünschen können, die „alten Hasen“ kennen und wissen alles.

Wieder einmal sehen wir, dass sich unsere eigenen Erlebnisse nicht an die Erzählungen der anderen halten, nichts ist mit den befürchteten Versorgungsengpässen, von ausschließlich Reis,  Nudeln und Konserven essen. Alle paar Tage liefert ein schwimmender Kuna Gemischtwarenhändler Obst und Gemüse direkt an die Boardwand. So gut wie täglich pfeift uns ein Einbaum-Kapitän aus der Kajüte und bietet Fische, Lobster oder auch Oktopus an. Sogar Bier und Wein (letzterer im Tetrapack mit geschätzten 95 Falstaff Punkten, Not macht genießerisch) wird zugestellt, hin und wieder ist sogar ein frisches Huhn dabei. Die Preise sind moderat und auf ein einfaches Zusammenrechnen ausgelegt, manchmal kostet alles einen Dollar, dann sind es wieder einmal zwei und nur die hiesigen Zahlenmystiker, die Gödels der karibischen Inseln, die wagen sich and die Komplexität der 1,5 Dollar Notierungen. Milchprodukte bekommen wir hier am Floating Market nicht, aber die restliche Versorgung ist ausgezeichnet.  Wir machen es uns zur Angewohnheit, einfach zu warten, was heute der Zustelldienst am Menüplan hat, und das wird dann auch gekocht. Als Draufgabe haben wir leidlich gutes Internet, der Besan-Mast wird zum „Handy-Mast“ umgewandelt, dort hinauf wird das Smartphone mit dem aktivierten Hotspot gezogen (am Deck kein Empfang, zehn Meter höher ist alles ok, warum auch immer, und das nicht nur bei uns, auch auf anderen Schiffen kann man das Ritual des morgendlichen Handy-hissens beobachten).

Die Natur ist beindruckend schön, die Korallenriffe sind bunt und dicht bevölkert, es gibt Ammenhaie, Langusten, Rochen, Schildkröten und Unmengen an Fischen. Angeblich treiben auch ein paar Salzwasserkrokodile ihr Unwesen, hier auf Green Island soll vor nicht allzu langer Zeit eine Französin von so einem Reptil ziemlich übel zugerichtet worden sein. Und wenn wir schon bei den unangenehmen Zeitgenossen sind, Portugiesische Galeeren gibt es hier auch, wunderschöne majestätisch dahinsegelnde Staatsquallen, attraktiv und gefährlich. Ich kann zwischenzeitlich als Überlebender eines Galeerenangriffs bestätigen, dass die Viecher (a) nicht tödlich sind, (b) mehrere Meter lange quasi unsichtbare Nesselarme haben, (c) höllische Schmerzen verursachen die aber eh schon nach ein paar Stunden nachlassen und (d) langanhaltende, sehr hübsche und individuelle Tattoos am ganzen Körper eingravieren.  Tadeja hat sich da wieder einmal die sympathischeren Schwimm-Partner ausgesucht, beim Morgenbad neben dem Schiff erhält sie Delphinbesuch.

Das Wetter ist stabiler geworden, die Solarpaneele übernehmen wieder die Stromversorgung und der Wind legt zu. Es weht nun konstant mit 20 Knoten und frischt in Böen auf 30 Knoten auf, aber die Ankerplätze innerhalb des Riffs sind so gut geschützt, dass es nie unangenehm wird. Wir verkriechen uns einfach in die Lagune und lassen es uns gut gehen, noch ein paar Tage haben wir das Schiff für uns alleine, dann aber werden unsere Kinder die KALI MERA entern und aus ist es mit dem süßen Nichtstun, da freuen wir uns schon darauf…

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Linton Bay und Kuna Yala

In der Linton  Bay liegen wir für einige Tage, füttern die Affen auf Linton Island, kaufen Gemüse beim Grün-Futter-Pickup und machen bei den Reparaturen weiter. Das Batterie-Ladegerät hat sich verabschiedet und der Kühlschrank ist dummerweise nur noch ein Lauwarmschrank. Wie gut, dass wir noch die Tiefkühl-Box an Board haben, die wird auf +6 Grad eingestellt und nimmt dem schwächelnden Fridge die Arbeit ab. Aber wie es der Zufall will, ist Ewan, der dicke Wirt und Hühner-Koch der Floating Bar, auch gleich Kühlschrank-Experte, wir bauen den Kühlschrank aus und transportieren ihn mit dem Dinghi zur Bar, dort wird dann ein gröberer Umbau in die Wege geleitet. Die Kühlflüssigkeit muss nachgefüllt werden, nur hat unser Uralt-Kühlschrank ein geschlossenes System und nix ist mit Nachfüllen, wäre da nicht Fridge-Ewan, der die Leitungen auftrennt, „Service Ports“ einlötet, Kühlmittel nachfüllt und dann am Schluss noch das Thermostat tauscht (das Thermostat hatte ich am Gewissen, mit kindlichem Entdeckergeist wollte ich wissen wie das funktioniert, habe es zerlegt, optimiert, – und damit auch gleich in die ewigen Jagdgründe geschickt). Der Kühlschrank kühlt nun wie der Teufel, aber das Thermostat ist von einer Gefriertruhe, und schaltet wohl erst bei – 20 Grad ab. Kein Problem, Ewan besorgt ein neues, wenn wir wieder vorbei kommen wird es eingebaut, „don’t worry, you are in good hands“ wird mir von Meister der Refrigeration versichert. Also schalten wir, völlig beruhigt, weil ja in den besten Händen, den Kühlschrank zwischenzeitlich einfach regelmäßig von Hand ein und aus, die „empfindlichen“ Sachen sind eh in der Box. Wir könnten den Kühlschrank natürlich auch durchlaufen lassen und am Ankerfeld Eiswürfel verkaufen, würde das Batterie-Ladegerät funktionieren oder wären die Sonnenkollektoren ohne Sonne nicht genauso unnütz wie eine Dachrinne in der Sahara, wir sind also plötzlich notgedrungen im Energie-Spar-Modus, AAA+ sozusagen, und da ist nun nix mit Eiswürfel für alle.

Der Wetterbericht ist günstig für die Weiterfahrt zu den San Blas Inseln, der Wind hat gedreht und ein leichter Norder bringt schrecklichen Schwell in die Bucht, wir rollen aufs Allerschlimmste und um halb vier Uhr krabbeln wir aus der Hochschaubahn und gehen Anker auf, tasten uns im Zick-Zack durch den stockdunklen Ankerplatz und folgen unserem Track hinaus aufs offene Meer (sehr praktisch so ein Track in der Nacht, wenn man genau dort fährt wie man hereingekommen ist dann stehen die Chancen gut, dass man auch beim Hinausfahren nicht die Costa Concordia als Vorbild hat). Dann geht es, bei hohen Wellen und leichter Seekrankheit, hoch am Wind nach Osten. Seit drei Jahren fahren wir immer nach Westen, die arme KALI MERA ist nix anderes mehr gewöhnt, ist anfangs etwas irritiert, hält sich jedoch tapfer und bringt uns sicher ans Ziel. Nach 10 Stunden fällt der Anker in der Südsee, durch die brodelnde Riffeinfahrt geht es in eine Lagune und dort liegen wir wie in Abrahams Schoß. Unglaublich schön ist es hier, die niedrigen Inseln um uns sind mit Kokospalmen bewaldet und rund um die Inseln zieht sich ein weites Riff, die gewaltige Brandung der mächtigen Brecher lässt weiße Gischtfontänen in die Luft steigen und ein dumpfes, Gottseidank entferntes, Grollen erfüllt die Luft.  Wie ein riesiger Rettungsreifen hat sich das Riff kreisförmig um die Inseln gelegt, und mitten drinnen, da liegen wir, in türkisem Wasser über Sandgrund, im Schwimmbecken mit Südsee-Idylle rundherum. Eine frische Brise sorgt für Abkühlung, die Sonne kommt immer öfter hervor, tagsüber Schnorcheln wir am Riff und beobachten Tintenfische, Langusten und Rochen, am Abend versinken unsere Blicke in den funkelnden Weiten des Nachthimmels, schier unendlich viele schimmernde und funkelnde Sterne tummeln sich dort oben, ich fühle  mich gleichzeitig klein und unbedeutend aber auch als stabiles (wenn auch schaukelndes) Zentrum einer ganzen Welt.

Kurz nach der Ankunft in der Foto-Tapete gibt es wieder einen Szenenwechsel: In der Nacht wechselt das Wetter, die nächsten drei Tage wird eine Gewitterfront nach der anderen hier durchziehen. Sturmböen, Starkregen, Blitz und Donner schreiben das Drehbuch für unser Seglerleben. Es blitzt und kracht, das „Mitzählen“ vom Blitz zum Donner geht schon ganz automatisch, „ein km entfernt, kommt näher“, „zwei km, geht wieder“. Die Notebooks und Tablets kommen in den Backofen, werden herausgenommen, kommen hinein, heraus, hinein, heraus…. Das Innere des Backofens ist vom Blitzschlag geschützt, dort, wo normalerweise der Teig hinein und das frische Brot herauskommt, wo der Legende nach auch der alte Faraday gefangen gehalten wird, da ist die empfindliche Elektronik vor Thors Anfällen sicher. Wir verziehen uns ins Schiffsinnere und warten auf bessere Zeiten. Drinnen dampft es schon vor Feuchtigkeit aber heimelig ist es dennoch, ein bisschen wie als Kind beim Gewitter in der Hollywood-Schaukel sitzen und das Unwetter beobachten, nur noch eine Spur direkter. Beim Blick aus dem Seitenfenster sehen wir einen Fluss, der das Deck entlang rauscht, am Heck gehen die Niagarafälle direkt ins Meer. Lang kann es nicht mehr dauern und die Inseln, die sich ja nur ein paar Zentimeter über dem Meeres-Spiegel befinden, werden plötzlich verschwunden sein. Immerhin war unsere Pütz nach ein paar Stunden mit Wasser voll, und das sind 30cm Wassersäule, genug um Venedig zu überfluten. Jetzt ist so ein Segelschiff ja keine Queen-Mary und der Raum ist begrenzt, nach drei Tagen wünscht man sich schon wieder einmal zum Minigolf Spielen auf die Terrasse zu gehen, außerdem brauchen wir Sonne für unsere Solar-Panels, damit die sich um die Batterien kümmern können. Das Rezept in so einem Fall heißt Lesen, Lesen, Kochen, Essen, Lesen und Geduld.

Aber, ganz plötzlich, da ist die Sonne wieder da. Ohne Vorankündigung, als ob ein riesiger Reißverschluss geöffnet worden wäre, da ist sie mitten im hellblauen Samtkleid wieder hoch am Himmel und in kürzester Zeit trocknet das Deck und gleichzeitig verdampft die Erinnerung ans schlechte Wetter. Wir machen die KALI MERA segelklar und verlassen unseren Zufluchtsort mit geblähten Segeln Richtung Osten.

Es sind keine großen Strecken, die wir hier segeln müssen, ein paar Riffdurchfahrten und ein schöner Am Wind Schlag bei vier Windstärken, und schon fällt der Anker auf der nächsten Insel. Eine Guna-Familie im Einbaum begrüßt uns, überlässt uns einen großen Lobster gegen ein paar Dollar und ich befördere das arme Vieh gegen seinen  Willen in den Kochtopf (für schwache Nerven ist das nichts und Tadeja, sonst der Schrecken der geangelten Doraden, weigert sich zu assistieren und verholt sich weit weg von der Kombüse an Deck). Als es dann am Abend köstliche Hummer-Spaghetti al la KALI MERA gibt ist Tadeja wieder voll dabei (Endstand Fressen gegen Moral – ein klares 1:0).

Die Unterwasserwelt hier ist fantastisch, es sind richtige Gärten unter Wasser, bunte Korallen und noch buntere Fische, eine Zauberwelt, von der wir nicht genug bekommen können. Dennoch geht’s am nächsten Tag schon weiter, der Anker fällt mittags am wohl spektakulärsten Ankerplatz an dem wir jemals waren, dem „Swimming-Pool-Anchorage“. Fast alleine liegen wir hier auf drei Meter Wassertiefe über hellblauem Sandgrund, vor uns eine kleine kitschige Insel, rund um uns ein Ringriff, an dem ununterbrochen die gewaltigen Wellen brechen, ein beständiges leises Grollen und hoch in die Luft schießende weiße Gischt erinnern uns an die Kraft des Ozeans, der ohne Pause versucht, einen Zutritt zu unseren Zufluchtsort zu finden, aber der Schutzwall aus Korallen, über tausende Jahre gewachsen, der hält. Es ist ein Ankerplatz der Superlative, Schönheit ist nicht das richtige Wort, es ist beindruckend, spektakulär und ehrfurchtsgebietend. In der Nacht verstärkt sich der Eindruck noch, das Donnern wird stärker, man spürt die Gewalt der Brandung, und rund um das Schiff, in völliger Dunkelheit, da beginnt eine wilde Jagd im Wasser, ein Wettschwimmen auf Leben und Tod, dem lauten Platschen nach sind es große Fische sein, die hier jagen und gejagt werden.  Wir wollen herausfinden was das für Viecher sind und die Strömung ist so stark, dass wir – vor Anker liegend – die Schleppangel verwenden können. Prompt beißt ein dreiviertel-Meter Barrakuda in unseren Gummi-Tintenfisch, entert das Deck und verwandelt sich dann in einer von Tadeja dirigierten kulinarisch spektakulären Metamorphose in ein Barrakuda-Curry-Erlebnis.

Das Revier ist entspannend und einfach zu besegeln, perfekt für uns Boots-Camper, nur wenige Meilen trennen ein Palmenparadies vom nächsten, geschütztes flaches Wasser und schöner Segelwind, sichere Ankerplätze, es ist wie Inselhüpfen in  Kroatien, nur dass die Locals hier aus den Kanus mit Molas und Lobster winken und nicht aus dem Motorboot mit dem Rechnungsblock für die Ankergebühr…

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Shelter Bay und Panama Kanal

Sieben Monate waren wir jetzt in Europa. Nicht nur die Arbeit hat uns wieder, auch die ganzen „Annehmlichkeiten der Zivilisation“ durften wir genießen, und, – besonders schön -, es ist für uns nicht mehr selbstverständlich in solchem Luxus leben zu dürfen. Zeit für Familie und Freunde, Geburtstagsfeste, Heurigenbesuche, Urlaub zu Hause machen. Den Wechsel der Jahreszeiten zu erleben und endlich, mitten in die vorweihnachtliche Stimmung hinein, wieder im Schnee spazieren zu gehen. Nach drei Jahren ohne Winter sehen wir endlich wieder die Schneeflocken tanzen und sogar eine kleine Ski-Tour geht sich aus.

Ein paar kalte Wochen sind jedoch genug, für uns soll der Winter schon wieder vorbei sein, es geht wieder zurück zur KALI MERA. Über Istanbul und Bogota fliegen wir nach Panama City, dann weiter mit dem Taxi zur Shelter Bay. Es bleiben uns sechs Stunden bis zum Launch-Termin, wir wollen unbedingt vor den Jahreswechsel-Feiertagen ins Wasser damit wir nicht tagelang im Trockendock leben müssen (habe ich beim Flug-buchen völlig vergessen, dass es hier so etwas wie Feiertage gibt).  In Windeseile wird repariert, geputzt, ausgewintert, poliert, und nach einem halben Tag schaukelt unser Schiff schon wieder fröhlich im Wasser.  Alle Systeme funktionieren, der Innenraum ist trocken und schimmelfrei, aber außen, da hat der Dschungel schon versucht sich ein wenig Terrain zurückzuholen, wahrscheinlich als Rache für die Abholzung der Regenwälder im Amazonas. Dicke grüne Algen wachsen überall, die Vögel haben es sich heimisch gemacht, die Leinen haben eine dezente grünbraune Farbe angenommen, was vorher strahlend weiß war ist jetzt grau-braun-schwarz, aber mit Essig und Soda und viel Motivation schaut nach einigen Tagen alles wieder so aus wie früher.

Die Shelter Bay Marina hat sich als gute Entscheidung erwiesen, das Sommerlager war gut und die Betreuung den karibischen Umständen entsprechend professionell, wir werden hier noch eine Saison verbringen.

Die nächsten Tage verbringe ich entweder im Motorraum oder in einer der Backskisten, neue Systeme zur Optimierung der Energieversorgung werden installiert, die Kühlwasserpumpe gedichtet (mach ich zum Üben gleich ein paar Mal und lerne dabei, wie vorteilhaft es ist, die Welle vor dem Einbau ordentlich zu polieren). Einen neuen Vetus Wassersammler bekommt der Volvo, und der Generator bekommt eine eigene Starterbatterie spendiert. Dieselfilter werden getauscht, Öle nachgefüllt und gewechselt, und damit meine Zeit in den Backskisten nicht allzu bequem wird kehrt die Regenzeit wieder zurück.  Es schüttet wie aus Eimern und der ausgewachsene Starkregen hört nur hin und wieder auf, um einem erfrischenden jugendlichen Nieselregen Platz zu machen.  Die Straßen sind überschwemmt und der Verkehr zwischen Marina und Colon bricht einmal sogar völlig zusammen, – Hochwasser überflutet die desolaten Straßen.

Sylvester feiern wir mit Veronika und Robert von der SEVEN SEAS, die Seglergemeinschaft organisiert eine tolle Grillparty, ganz traditionell tanzen wir uns mit dem Donauwalzer ins Jahr 2018. Und ebenso traditionell sind die Österreicher die letzten, die frühmorgens das Feld räumen.

Gemeinsam mit Veronika machen wir als Linehander einen Trip durch den Panama-Kanal nach Panama-City, wir helfen SAPPHIRE von Elina und Greg die Passage zu machen. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, wenn sich die gewaltigen Schleusen öffnen und wir hoch über dem Meer in den Gatun-See einfahren. Zwei Tage sind wir unterwegs und machen uns mit dem Kanal vertraut, nächstes Jahr sind wir selbst an der Reihe, um die legendäre Kanal-Passage in den Pazifik zu machen. Ein abendlicher Spaziergang durch Panama Viejo steht noch auf dem Programm und am nächsten Tag fahren wir, wie es sich für Touristen gehört, mit dem Panorama-Wagen der Kanal-Eisenbahn nach Colon zurück.

Immer mehr Bekannte geben sich nun ihr Stelldichein hier in der Shelter Bay, alle wollen in den Pazifik. Die REBEL mit Birgit und Bernd sind schon da, und auch die ATANGA ist eingetroffen, allerdings havariert, die Ärmsten hat gerade der Blitz getroffen und sie müssen sich auf einen längeren Reparaturstop einstellen.

Das Wetter wird endlich besser, die Sonne zeigt sich und die Arbeit geht zu Ende (es ist ca. eine Woche „Schwerarbeit“ bis so ein Schiff nach einer langen Pause in den Tropen wieder voll einsatzfähig ist, und das auch nur wenn man keine wirklichen Reparaturen hat), ich darf nun hin und wieder aus dem Motorraum herauskommen und frühmorgens führt Tadeja Spaziergänge in den Regenwald, dort flattern Tucane, riesige blaue Schmetterlinge und Moskitos herum, Krokodile klappern mit den Zähnen (auch mitten in der Marina, damit das Propeller-Putzen zum Abenteuer wird) und die Brüllaffen geben ein schauriges Konzert. Die ganze Marina hallt von dem dumpfen Gebrüll wieder, und wenn man dann die zierlichen und fröhlichen Affen sieht, die den unheimlichen Gesangsverein bilden, dann kann man das gar nicht glauben, dass solch gewaltiges tiefes Heulen aus den kleinen Kehlen der „Howling Monkeys“ kommen.

Aber bevor wir hier nun Wurzeln schlagen, brechen wir auf, von unseren Freunden müssen wir uns verabschieden, die werden wir wohl erst auf der anderen Seite der Welt wieder treffen, unsere nächste Station ist nicht der Pazifik sondern es geht nach Osten zu den San Blas Inseln …

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Panama

Die Shelter Bay Marina ist ein gemütlicher Flecken, hier auf der karibischen Seite des Panama Kanals verbringen einige Yachten die Hurrican-Saison, manche warten auf die Kanal-Passage und andere wieder sind gerade aus dem Pazifik angekommen.  Ein nettes Restaurant mit guter Küche und günstigem Bier in der Happy Hour gibt es hier, einen wunderbaren krokodilfreien Swimming-Pool gleich daneben, einen kleinen Shop und den Versuch einer kleinen Chandlery. Die Marina liegt mitten im Dschungel, man hört die Brüllaffen und mit etwas Glück sieht man einen Alligator von der Uferböschung ins Meer hüpfen. Die Langfahrt-Segler-Gemeinde organisiert Aktivitäten wie gemeinsames Grillen, musizieren, abends zusammensitzen, es sind wieder einmal alle Nationen hier vertreten. Täglich fährt ein Marina Bus kostenfrei nach Colon ins Einkaufszentrum und zum Busbahnhof, den nehmen wir gleich einmal, weil wir in Panama einklarieren müssen.  Alles geht einfach und kostenfrei, keinen Dollar müssen wir bei den Offiziellen lassen, wie so oft ist alles viel einfacher und auch billiger, als wir es in der Gerüchteküche auf seglerlateinisch gehört haben. Colon-Zentrum ist allerdings eine ziemlich heruntergekommene Gegend die man nur im Taxi bereisen darf, die Kriminalität ufert dermaßen aus, dass wir dringend angehalten werden keine Wege zu Fuß zu machen, das Gelände des großen Einkaufszentrums etwas außerhalb ist jedoch sicher und man kann hier alles gut und günstig kaufen..

Eine Woche haben wir Zeit, unsere KALI MERA für ihre Sommerpause vorzubereiten, alles wird serviciert, gereinigt, gepflegt, verstaut, Öle werden gewechselt, Filter getauscht, Segel verpackt, Bimini und Sprayhood bauen wir ab und dann verstauen wir alles unter Deck.

Das Wetter ist überaus stabil, man kann sich nämlich darauf verlassen, dass es in zwar unregelmäßigen Abständen, aber dafür sehr häufig gewittert und dass dabei Wassermassen vom Himmel fallen, die man sich in Österreich gar nicht vorstellen kann. Es gibt gar keine besseren Bedingungen, um endlich das Leck zu finden, bei dem immer Wasser in die Bug-Lockers gekommen ist, seit sieben Monaten suche ich schon und nun kann ich schon nach drei Tagen „alles dicht“ melden.  Die Luftfeuchtigkeit hat sich bei subjektiven 128% eingependelt, tropische Hitze animiert nicht zum Arbeiten, nur in unserem Schiff, in dem die Klimaanlage tagsüber durchgehend läuft, ist es trocken und kühl, welch ein Segen doch diesmal dieses klobige Klima-Ding ist, das wir da mitschleppen und bisher erst einmal in Italien verwendet haben. Eine Zwei-Segler-Klassen-Gesellschaft entsteht bei diesen Bedingungen: Die Bevorzugten sitzen tagsüber im klimatisierten Schiff, alle Luken geschlossen und machen einen entspannten Eindruck, den anderen rinnt der Schweiß in Strömen herunter und auf Ihren Schiffen gehen – je nach aktueller Regensituation – die Luken ständig auf und zu.

Wir packen auch unsere Räder wieder aus, auch diese werden gereinigt und geschmiert, und bevor wir sie wieder verpacken, machen wir einen Radausflug in den Nationalpark zum alten Fort, einem Welt-Kultur-Erbe. Bunte Landkrabben, Affen, Schlangen, riesige blaue Schmetterlinge, Alligatoren, jede Menge Vögel und Moskitos können wir hier sehen. Besonders die Moskitos und die Sandfliegen sind gar nicht scheu und kommen näher als uns lieb ist.

Termingerecht erledigen wir alles und dann – wird alles erledigt, bevor… kommt die KALI MERA in das Sommerlager an Land. Beim Kranen läuft leider nicht alles nach Plan, als wir den Motor – schon in den Gurten hängend – mit Frischwasser spülen wollen, da explodiert mit einem großen Krach im Motorraum der Vetus Wasser-Sammler. Die Spezialisten haben die Gurte genau über den Auspuff gelegt und diesen völlig verschlossen, ich muss das Teil ausbauen und den Motor noch einige Zeit mit Auspuff-in-die-Bilge laufen lassen damit alles freigespült ist. Dann heißt es Motorraum putzen um die Sauerei wieder zu entfernen. Letztendlich ist nicht viel passiert, den Wassersammler muss ich im Dezember tauschen, aber mehr dürfte nicht kaputtgegangen sein. Ist eine gute Gelegenheit gleich auch den Auspuff-Schlauch zu ersetzen, Schlauch und Wassersammler waren mir eh schon etwas suspekt.  Wir sind gespannt, ob die Versicherung der Marina das auch wirklich bezahlt, wir werden sehen.

Wir bauen noch den Luftentfeuchter ein, den wir gemietet haben und der dafür sorgen soll dassim Schiff trotz der extremen Umgebungsbedingungen der Schimmel keine Chance hat, und dann steigen wir ins Taxi nach Panama City – Städte (Stadt)-Urlaub vor dem Rückflug.

Nachdem wir Colon gesehen haben und auch sonst in der Karibik nicht unbedingt städte-bauliche Diamanten entdecken durften, fahren wir ohne besondere Erwartungen in die panamesische Hauptstadt – umso größer ist dann die Begeisterung, als wir durch dieses Juwel flanieren dürfen. Es ist eine hochmoderne Großstadt mit beeindruckenden Wolkenkratzern, eine stadt-planerische Meisterleistung ist auch das riesige Grün-und Erholungsareal an der Pazifik-Küste, die koloniale Altstadt ist wunderschön und wir können uns an der städtischen Schönheit gar nicht satt sehen. Wir fühlen uns wunderbar sicher in Panama City, der Großteil der Grünuniformierten jagt keine Verbrecher sondern Unkraut, wir sehen viel mehr Gärtner als Polizisten, welch ein Unterschied zu Colon (das übrigens jetzt sowieso „abgerissen“ und neu aufgebaut werde soll). Uns gefällt die entspannte Atmosphäre, die Synthese aus alt und modern, die lebenswerte Gestaltung. Panama City ist eine Stadt, in der wir uns für einige Zeit auch uns selbst vorstellen könnten.

Die Tage vergehen schnell, ein Highlight ist der tägliche Gang zum Mercado Pescadero, dort gibt es die besten Cevichevariationen, die wir jemals essen durften, hervorragende Qualität und günstige Preise. Dass man aus rohem Fisch, Zwiebeln und Zitronen so was köstliches zusammenmixen kann, das wundert mich immer noch.

Fast einen ganzen Tag verbringen wir an den Miraflores-Schleusen und bewundern die technische Meisterleistung, die schon seit über 100 Jahren den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Wir besuchen den großen grünen Nationalpark mitten in der Stadt,  sind weite Strecken zu Fuss unterwegs, fahren mit Bussen und der neuen U-Bahn und dann ist der Aufbruch zum Flughafen schon wieder da, es geht zurück nach Europa.

Panama lädt uns dazu ein, die bisherige Reise Revue passieren zu lassen und uns zu fragen, wie es weitergehen soll. Als es 2015 in der Türkei „Leinen los“ geheißen hat, da war es noch völlig offen, ob uns diese Form des Reisens auch das geben wird, was wir uns erhofft haben – nun sind wir vor dem Eingang zum Pazifik, ein Wendepunkt für viele Segler. Einmal durch  den Kanal – dann muss die Welt wohl fertig umsegelt werden, hier ist der letzte einigermaßen einfache Rückkehr-Punkt nach Europa. Ist man erst einmal im Pazifik, dann geht es nicht mehr nach Osten. Nächstes Jahr wollen wir noch die San Blas Inseln in Panama besuchen, aber 2019, da wollen wir den Sprung in den Pazifik wagen, es zieht uns weiter, zu viel gibt es noch zu entdecken. Aber es sind nicht die ausgetretenen Routen, die uns nun immer mehr interessieren, die Reviere abseits der klassischen Barfußroute, die haben es uns zwischenzeitlich angetan. So wie Providencia unser Reise-Herz viel mehr berührt hat als die Destinationen mit den großen Namen, den Traumstränden und den vielen Hotels,   so sind vielleicht auch im Pazifik unsere Traumdestinationen gar nicht die üblichen Hotspots – und wer weiß, vielleicht geht es auch für einige Zeit nach Norden, Richtung Kanada und Alaska, wir werden sehen. Jetzt sitzen auch wir einmal für einige Zeit auf dem Trockendock von Praxis und Büro, überholen unsere Reisekasse, genießen den europäischen Luxus und haben erst einmal Zeit zum Träumen und Planen …

Sobald die Kälte unsere Alpenrepublik wieder fest im Griff hat, Schnee und Eis, Glühwein und Christbäume überall um uns sein werden, da werden wir wieder das Salz auf den Strassen gegen das Salz im Wasser tauschen – spätestens dann melden wir uns hier wieder.

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Überfahrt nach Panama

Unsere Zeit auf Providencia neigt sich dem Ende zu. Wir haben kurzfristig beschlossen, Anfang Juni nach Österreich zurückzufliegen, um dort wieder für einige Zeit wertvolle Mitglieder der arbeitenden Gesellschaft zu werden, gilt es doch Reisebudget für den Pazifik zu organisieren. Die Flüge sind gebucht, am dritten Juni wollen wir in Panama City abheben, für die KALI MERA haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina bestellt, dort darf sie im Trockendock den panamesischen Sommer genießen und sich von den Strapazen der diesjährigen Etappe erholen.

Es sind zwar nur 260 sm von Providencia nach Colon, zum Eingang des Panama Kanals, dort ist unsere Ziel-Marina nämlich, aber die haben es wettertechnisch in sich.  Wir holen unterschiedliche Wetterberichte ein, wie wir es drehen und wenden, richtig zu passen scheint es nie, nicht einmal dann, wenn man voller Optimismus die guten Seiten der unterschiedlichen Berichte kombiniert und den Rest ignorierr. Viel Wind kommt aus Osten, in der zentralen Karibik bläst es ganz ordentlich und eine hohe Welle hat sich aufgebaut. Die ersten 150 sm gibt es Starkwindbedingungen, und das dummerweise schräg von vorne, danach soll der Wind plötzlich aufhören um einige Zeit später frontal auf uns loszugehen. Soweit man wettertechnisch voraus blicken kann wird sich daran nichts verbessern, nur die Form des Übels kann sich ändern, also brechen wir gemeinsam mit der Libertad, einer Amel Maramu, die wir schon seit Marokko immer wieder treffen, auf.  Dennis und Virginia sind auf der letzten Etappe ihrer Weltumsegelung und wollen diese in der Shelter Bay Marina abschließen. Es ist angenehm auf dieser Etappe ein „Buddy Boat“ zu haben, mit dem wir uns alle sechs Stunden über Funk (VHF und SSB) kurzschließen, checken dass alles in bester Ordnung ist („How is Virginia, still sea-sick? – Tadeja and I could not eat today, everything is fine“) und Positionsdaten austauschen.

Als wir aufbrechen das kachelt es am Ankerplatz, noch nie sind wir bei solchen Windbedingungen losgefahren. Was uns erwartet kann man dem Segler in einem Satz erklären: Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten.

Ein bisschen blumiger möchte ich es aber dennoch beschreiben, damit man sieht warum wir uns für „Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten“ im Segeln nicht begeistern können. Die ganz und gar nicht durchschnittlichen Wellen sind riesig und auch noch unangenehm kurz und steil, nur eine Kreuzwelle bleibt uns Gottseidank diesmal erspart. An und für sich machen uns große Wellen schon lange nichts mehr aus, und Wind mit bis zu 30 Knoten ist auch kein Problem, wenn doch alles bloß von hinten kommen würde. Vor dem Wind, oder auch raumschot, da kann das dann durchaus recht spektakulär werden, aber es bleibt immer noch in gewisser Weise angenehm, aber gegenan, das müssen wir doch nicht wirklich haben. Es kracht und poltert, muss man dummerweise einmal aus dem Cockpit ins Schiff hinunterklettern dann wird man herumgeschossen wie eine Flipper-Kugel beim Rekordversuch, Essen kochen können wir vergessen, wir sind nicht einmal in der Lage das in weiser Voraussicht vorgekochte aufzuwärmen.  Wie gut, dass uns beiden ausreichend übel ist und wir eh gar nichts essen wollen.  Trotz der ungemütlichen Bedingungen schießen wir mit sieben bis acht Knoten dahin, manchmal sogar noch schneller. Wir haben Genua, Groß und Besan gesetzt, allerdings alles gut gerefft und die KALI MERA fühlt sich dabei wesentlich wohler als wir – sie steuert sich alleine und wenn wir nicht drauf wären dann würde sie halt ohne uns nach Panama fahren. Das wieder festgeschraubte Getriebe klopft nicht mehr und benimmt sich mustergültig, ein Stein fällt mir von Herzen. Der Wellengenerator ist damit wieder im Einsatz und wir haben Strom im Überfluss – damit können wir das Radar ständig mitlaufen lassen. Mit dem Radar schauen wir lange schon keinen anderen Schiffen mehr hinterher, sondern die Regenwolken vor uns, die beobachten wir, damit wir zwischen den schlimmsten Wolkentürmen „durchschlüpfen“ können. Nur keinen Blitzschlag und dann womöglich ohne Elektronik mit Koppelnavigation und von Hand steuern, – ein Alptraum.  Sicherheitshalber wandert das Ipad mit den elektronischen Seekarten und die Handfunke in den Backofen – nur dort ist das Zeug richtig sicher, außer man schaltet versehentlich den Ofen ein… . Manche Segler,  die schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben und deren Kurzzeitgedächtnis erfolgreich den Schritt in den Energiesparmodus geschafft hat, die hängen sich sicherheitshalber einen Zettel auf die Backofen-Tür. Das brauchen wir natürlich nicht, und der Zettel am Generator-Startknopf (NICHT einschalten, Seeventile zu…) hat natürlich andere Gründe, und das Ipad finde ich gerade nicht… .

Herausfordernd wird es dann in der stockdunklen Nacht, wenn man nichts mehr sieht als hin und wieder schwarze Wellenberge mit weißen Gischt-Brechern, wenn man sich auf keine heranrollenden Wellen einstellen kann, wenn es plötzlich steil nach oben geht, die KALI MERA wie ein Buckelwal aus dem Wasser springt um dann mit einem gewaltigen Krachen voller Freude wieder einzutauchen, und unser Magen erst wieder eine Beruhigungs-Sekunde braucht. Festgeklammert und gut verspreizt liegen wir auf den Bänken im Cockpit, und nach einer ersten Eingewöhnungsphase gibt es sogar im Salon auf der Bank einen Platz an dem wir uns „wohlfühlen“. Durch die starke Krängung liegt man in der Bank auf der Steuerboard-Seite ganz bequem, dort darf derjenige versuchen zu schlafen, der gerade nicht Dienst hat, einer ist immer im Cockpit und tut so als könnte er auf irgend etwas aufpassen. In solchen Momenten da fragt man sich dann schon warum wir uns das ganz freiwillig angetan haben, man könnte ja daheim auch gerade im Kino sitzen, oder in der Therme herumplanschen, oder auch nur einen Nachmittagsschlaf mit ein wenig leiser klassischer Musik im Hintergrund halten.

Wir wissen, dass das Schiff das aushält, wissen auch, dass wir das aushalten und wissen dummerweise auch, dass das einzige, was hilft, ist durchhalten, daliegen, festklammern, nichts essen, und genau so viel trinken dass wir ein Optimum zwischen verhinderter Dehydration und möglichst seltenem WC-Besuch erreichen. Irgendwann wird es wieder Tag, und da schaut es dann immer fröhlicher aus, wenn die Sonne durch die Wolken lacht und das Meer sich beruhigt, der Oberkellner das Frühstück ans Bett gebracht hat, die Vögel in den Masten trällern und der Computer nach einem Windows Update deutlich schneller und zuverlässiger geworden ist. – Auweh, eingeschlafen und geträumt, es wird zwar Tag aber es regnet, stürmt und gewittert.

Die Blitze an sich sind schon ein Naturschauspiel, das ich stundenlang anschauen könnte (und dummerweise auch muss), aber schöner wäre das unter dem festen Dach einer Hollywoodschaukel mit einem Bier in der Hand und einem Blitzableiter am Haus, heißa, wäre das ein Vergnügen. Aber hier tun die Blitze in den Augen weh, oft ist der halbe Himmel grellweiß erleuchtet, dann kann man super sehen, wie hoch die Wellen sind…

Wie lieben wir besonders bei schwierigen Bedingungen unser Schiff, den sicheren Platz im Mittelcockpit hinter dem festen Spritzschutz, das gutmütige und kontrollierbare Verhalten bei schwerer See, das einfache Rigg das einem nie abverlangt zu Manövern das Cockpit zu verlassen und die feste See Reling, die uns Sicherheit gibt – solange wir das Cockpit nicht verlassen, brauchen wir uns auch bei solch unangenehmen Bedingungen nicht angurten. Hin und wieder gischtet ein Brecher über das ganze Schiff und dann regnet es auch im Cockpit, aber nur sehr selten kommt wirklich ein Platscher Seewasser hinein, das natürlich genau dann, wenn wir uns gerade etwas aus der Deckung gewagt haben.

Wenn die mondlose Nacht die KALI MERA wie mit schwarzem Samt in völlige Dunkelheit einhüllt, dann beginnt die Gischt, die vom Bug hochgeschleudert wird, plötzlich wie 1000 Glühwürmchen zu leuchten, wir sausen durch ein Lichtermeer, ein Schauspiel, das die ganze Mühsal plötzlich vergessen lässt, die Welt dreht sich auf den Kopf und das Meer rund um uns wird zum Kosmos in dem Myriaden von Sterne kurz aufleuchten und wieder verglühen, wir sehen von oben  aus dem Urknall zu, nach dem Welten entstehen und vergehen (weniger pathetisch ausgedrückt: Es schaut aus als ob vor uns ein Container mit chinesischen Mikro-LED-Taschenlampen aufgeplatzt ist und wir durch die überall herumschwimmende Fracht durchsegeln).

In der zweiten Nacht lässt dann der Wind nach, der örtliche Windgott liebt anscheinend die Extreme und kurz danach ist fast Flaute, wir starten die Maschine (die Salzwasserpumpe vom Volvo, die mir bei der letzten Untersuchung in Providencia beteuert hat, dass ihr absolut nichts fehlt, tropft natürlich) und motorsegeln durch die stetig nachlassende (aber immer noch einige Meter hohe) Dünung weiter Richtung Panama. Langsam kommt Ruhe ins Schiff und in uns, Appetit regt sich, wir essen ein wenig und finden dann (abwechselnd) sogar richtigen Schlaf. Kurz vor Panama nehmen wir die Segel völlig weg, es wird noch ein gemütliches Ankommen hier in Mittelamerika.  Durch die riesigen Frachter, die vor dem Panama Kanal ankern, schlängeln wir uns durch, wir passieren den großen Wellenbrecher vor dem Kanal und biegen dann nach rechts in die Shelter Bay Marina ab. Schiff vertauen, Libertad begrüßen, Ankunftsbier trinken und schon ist alles Unangenehme vergessen und wir sind schon wieder sicher, dass uns auch „Gegenan-Segeln“ eigentlich gar nichts ausmacht.

Ein großer Abschnitt unserer Reise ist zu Ende, vom Mittelmeer über den Atlantik durch die gesamte Karibik, nun liegen wir direkt vor dem Eingang in den Pazifik. Wie oft habe ich mir beim Lesen von Reiseberichten den Panama Kanal vorgestellt, nun sind wir selbst genau hier, – wieder einmal ist ein langgehegter Traum Wirklichkeit geworden.

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Isla de Providencia

Ein großes Mysterium ist endlich geklärt. Das Paradies hat eine Fläche von 25 Quadratkilometer, 5.000 ständige Einwohner, 15.000 Touristen pro Jahr. Wenn man frisch im Paradies eintrifft, dann denkt man vielleicht, es handle sich um eine ganz normale Insel, ein kleines Eiland, wie wir schon so viele gesehen haben. Aber spätestens, wenn man bei Mr. Bush, dem Einklarierungs-Agent, der hier für die Segler so eine Art Petrus darstellt, sitzt und die „Offiziellen“ mit einem Lächeln und fröhlichem Gesicht nacheinander uns die Aufwartung machen, da merkt man, dass hier etwas anders ist.  Zum Hafenmeister gehen und Formulare ausfüllen? Nein, Formulare füllt Mr. Bush aus und der Hafenmeister kommt persönlich bei uns vorbei, um uns zu begrüßen. Wir erhalten auch noch einen vollständigen Cruising Guide für Kolumbien, ein Geschenk der Regierung an die Segler, und generell ist hier alles „no problem“.  Wie die Sicherheit hier am Ankerplatz ist? No problem! Ob man Geld abheben kann? No problem! Ob es Internet gibt? No problem! Kann man gut und günstig essen? No problem! Die Frage nach den 30 Jungfrauen, die verkneife ich mir…

Der Ankerplatz ist riesig und geschützt, wir liegen auf 5m Wassertiefe über Sandgrund, unter uns liegen Seesterne und schauen uns interessiert an. Das Wasser ist wunderbar warm, eine riesige Badewanne.

Providencia ist klein, so klein dass man in 2-3 Stunden gemütlich mit dem Rad rund herum fahren kann, es gibt eine (gute) Straße, ein paar Dörfer zwischendurch, wunderbare Strände und ein riesiges Ringriff (angeblich das zweit-größte der Welt), das wunderbaren Schutz gibt. Der Tourismus ist sanft, einige junge Leute die auf Weltreise sind, ein paar Segler, es gibt hübsche Apartments und Herbergen, wunderbare einfache Restaurants direkt am Strand, einen schönen kleinen Vulkan zum Besteigen, günstige Scooter-Vermietung, freundliche Menschen, es gibt alles was man braucht aber auch nicht mehr.

Wir mieten einen Scooter, als ich den Führerschein herzeigen möchte werde ich seltsam angeschaut. Führerschein? Braucht man nicht. Vertrag? Braucht man nicht. Ausweis? Nicht nötig. Auftanken? Braucht man nicht. Ist eh genug Benzin drinnen und nachtanken ist nicht nötig. Wenn zum Zurückgeben niemand da ist dann im Supermarkt den Schlüssel abgeben. No problem! Und das um 12 Euro.

Die Dörfer und Häuser sind gepflegt, Luxus findet man hier keinen, aber es ist nicht desolat wie die Infrastruktur auf so vielen anderen Inseln in der Karibik, mich erinnert vieles spontan an das Griechenland von früher. Fischessen in der Taverne am Strand ist ein vorzügliches und sehr preiswertes Vergnügen, ein gebratener Fisch mit allen Beilagen kostet ca. 6 eur, das kolumbianische Bier dazu nochmals 1,5 eur. Die Hängematte am Strand ist kostenlos. Hier lässt es sich aushalten. Sehr lange aushalten.

Isla de Providencia ist bekannt für seine Pferderennen und die großartigen Tauchspots, beides steht bei uns am Programm. Am Samstag gibt es in der riesigen Bucht im Süden am Sandstrand einen Wettlauf zwischen dem Champion und seinem Herausforderer, in rasendem Tempo galoppieren die wunderschönen Pferde den Strand entlang, die Jockeys ohne Sattel und nur mit Badehose und Socken, das Rennen ein Volksfest. Nach dem Zieleinlauf geht es hoch her, es wurde auf Teufel komm raus gewettet und jetzt wird mit viel Emotion abgerechnet.

Jeden zweiten Tag gehen wir Tauchen, das ist hier – wie alles – leistbar, wir werden (sehr komfortabel) in der Früh von der KALI MERA abgeholt und nach den zwei Tauchgängen am Nachmittag wieder „daheim“ abgeliefert. Die Tauchguides sind kompetent und liebenswürdig. Am Vormittag gibt es einen „Wall-Dive“, es geht die Riffkante hinunter in die Tiefe, wir tauchen durch unterirdische Canyons, um uns kreisen die Haie und kommen so nahe, dass wir sie berühren könnten.  Am Nachmittag gibt es dann Spazierentauchen durch den Korallengarten auf nur fünf bis zehn Metern Wassertiefe, wir tauchen durch Fischschwärme, sehen jede Menge Langusten, Rochen, große Krebse, Muränen, bunte Rifffische und ganze Wälder aus Korallen. Es ist eine wunderbare Zauberwelt, die wir betreten dürfen, schwerelos gleiten wir durch ein stilles und intaktes Paradies.

Wir besteigen den Peak, etwas über 300 Meter Seehöhe und dennoch ein richtiger Berg mit fantastischen Rundumblick über die ganze Insel. Im Regenwald musiziert ein riesiges Orchester aus Bongos und Flöten, die musikalischsten Frösche, die wir je erleben durften, werden von den Vögeln begleitet. Blitzblaue Eidechsen huschen über den Weg und die eine oder andere der großen Landkrabben, die zu tausenden in Kürze von den Bergen zur Eiablage zum Meer krabbeln werden, können wir schon sehen.

Die Zeit vergeht im Flug, normalerweise zieht es uns spätestens nach zwei Wochen wieder weiter, nur hier wollen wir nicht weg, da ist es ja richtig gut, dass das Wetter auch nicht zur Weiterfahrt nach Panama einlädt, also heißt es weiter hier ausharren, im Paradies ?

 

 

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Überfahrt Isla Providencia

Nach Panama sind es von der Bloody Bay aus knapp 600 Seemeilen, und weil das westkaribische Meer ganz schön rauh sein kann haben die praktischen Kolumbianer als Zwischenstop für die ermüdeten Segler mittenhinein eine Insel hingebaut, die Isla Providencia.  Dieses exotische Eiland, diesmal wirklich „abseits der ausgetretenen Pfade“, Piraten-Schlupfloch, immer noch vom „Morgans Head“, dem steinernen Kopf des Captain Morgan bewacht und (vielleicht deswegen) von der Touristenplage noch nicht heimgesucht, ist unser nächstes Ziel.

360 Seemeilen haben wir vor uns, wir kalkulieren vorsichtig mit einem Etmal von 120 Meilen und brechen um 1300 auf, da haben wir dann nach vorne und hinten ausreichend Puffer, ein Einlaufen bei Dunkelheit wollen wir bei den ganzen Riffs nicht riskieren (und wer sich hier auf die Seekarten verlässt der wird ganz schnell eine Markierung auf ebendieser).  Vor der Abfahrt gehe ich noch einmal schwimmen und denke dabei, dass wir in der ganzen Saison noch keine einzige „Panne“ hatten, völlig abnormal bei einem Segelboot. So was soll man nie aussprechen oder auch nur denken wenn man nicht sofort auf Holz klopfen kann, aber es ist halt passiert. Und als wir dann, umzingelt von den Nachmittagsgewittern, den Anker holen und aus der Bucht motoren, da fällt mir ein untypisches Klopfen auf. So ein Segelboot macht ja die absonderlichsten Geräusche, es knarrt, knirscht, summt, quietscht, klopft und was weiß ich noch was auch immer, aber wenn plötzlich etwas anders ist dann fällt das sofort auf, auch wenn es nur eine kleine neue Stimme im Schiffsorchester ist. Und es ist keine hübsche Stimme, das Getriebe klopft im Leerlauf, ein unangenehmes metallisches Knirsch-Klopfen, eine Kakophonie im sonst so vertrauten Wohlklang. Ich klettere in dem Motorraum, baue den Wellengenerator ab um herauszufinden woher das Geräusch kommt, und es klopft eindeutig beim Wendegetriebe. Unter Last scheint es weniger Lärm zu machen, aber dennoch bleibt der Motor sicherheitshalber aus und das Getriebe im Retourgang fixiert. Was sich nicht bewegen kann das klopft auch nicht. Wir sind ein Segelboot und werden auch ohne Maschine nach Panama kommen, dummerweise funktioniert halt bei festgeklemmter Welle auch der Wellengenerator nicht mehr und wir müssen das erste Mal beim Segeln auf unseren Energieverbrauch achten.  Noch sind sind wir im Lee von Jamaica, und nachdem das erste Gewitter über uns hinweggebraust ist dümpeln wir in der Flaute und die Strömung setzt uns langsam nach Norden, obwohl wir in den Süden wollen. Aber als zwischenzeitlich reines Segelboot müssen wir damit zurechtkommen und irgendwie schaffen wir es aus der Windabdeckung hinaus in den Passat. Äolus ist uns wohlgesonnen, voll besegelt ziehen wir schnell auf halben Wind nach Süden, der Seegang ist mäßig und das Schiff hat viel Bewegung. Uns ist beiden schlecht, wir haben Kopfschmerzen und drei Tage lang schaffen wir es fast nicht das Cockpit zu verlassen. Im Schiff drinnen ist es heiß und es schaukelt erbärmlich und das tut uns gar nicht gut. Am ersten Tag essen wir noch vorgekochtes, dann ist es aus mit dem Völlern, ich verweigere die Nahrungsaufnahme und beginne spontan eine lange geplante Fastenkur, Tadeja nascht noch etwas von unseren Vorräten, hält sich aber auch sehr zurück. Es werden keine angenehmen 68 Stunden, erst am vierten Morgen da wird es besser. Haben wir uns irgendeinen Virus eingefangen oder ist es Seekrankheit? Noch nie waren wir so außer Gefecht an Board. Anfangs angeln wir noch, zuerst reißt uns ein riesiger silberner Fisch den Köder ab, dann bleibt eine wunderschöne intensiv leuchtende Dorade dran, kurz darauf beißen noch zwei gleichzeitig und dann lassen wir das Fischen auch schon wieder sein – das Gefrierfach ist voll und essen können wir derzeit eh nichts, wir liegen nun wieder im Cockpit…

Vom Wetter her haben wir Glück, konstanter Ostwind lässt uns weitgehend ohne Segelmanöver vorankommen, manchmal etwas reffen wenn der Wind zulegt oder ein Squall in der Nähe vorbeizieht, aber die Gewittertürme sorgen zwar für Unterhaltung, weichen uns aber immer gerade rechtzeitig aus. Wäre uns nicht so übel es wäre wunderbares Segeln.

Die See ist hier tückisch, viele Riffs und Sandbänke haben das Meer zu einem riesigen Schiffsfriedhof gemacht, um sicher durchzukommen halten wir uns genau an die Wegpunkte aus Jimmy Cornells „Segelrouten der Welt“. Auf der Höhe von Honduras schalten wir unseren AIS Sender aus und fahren ohne Positionslichter, mehrere Piratenüberfälle auf Yachten hat es heuer hier schon gegeben, und die kritischen Stellen passieren wir „unsichtbar“ in der Nacht. Wir sehen keine Yacht und auch keine Fischer, nur große Frachter die ebenso wie wir die Route zwischen den Bänken nehmen. Radar-Alarme, die wir haben, entpuppen sich fast alle als Squalls, starke lokale Regengüsse die ein gutes Radarecho abgeben, Piraten bewirtschaften dieses Gebiet gerade nicht.  Weiter im Süden, vor Nicaragua, da schalten wir den AIS Sender wieder ein und sind ordentlich befeuert, damit uns die Frachter als Segelboot erkennen und uns ausweichen.

Am vierten Tag sind wir schon fast wieder genesen und pünktlich zur Mittagszeit fällt dann in der großen ruhigen Bucht von Providencia der Anker, wir klarieren in Kolumbien ein, freuen uns über die schönen ersten Eindrücke und die günstigen Preise im Supermarkt, die Testbiere werden gekauft (eines von jeder Sorte einheimischer Biere damit man weiss was man später dann bunkern muss, nie wieder wird uns das schreckliche Missgeschick passieren wie auf Martinique, als ich das billigste im Angebot gleich in einer großen Palette gekauft habe und es dann nicht trinken konnte weil es so grausam schmeckte, Tantulasqualen erleidet man da wenn man einen riesigen Bierdurst hat, die Vorräte voll sind aber immer wenn man hingreift der Durst sofort wieder verschwindet), danach das erste Doradenfilet verspeist, als Draufgabe schauen wir uns einen Film an und fallen in die Koje in tiefen Schlaf…

Heute vormittag habe ich dann symbolisch den Blaumann angezogen, die große Werkzeugkiste gepackt und bin in den Motorraum umgesiedelt. Da haben sich doch glatt bei der Kupplung zwischen Getriebe und Welle alle vier Schrauben gelockert (bei der Vetus Flexible coupling hatte ich letztes Jahr in Martinique die Gummis tauschen lassen), etwas Spiel und Krachen war die Folge. Alles festgezogen, Krachen weg, ob alles wieder einwandfrei funktioniert werden wir erst beim Weitersegeln sehen, vorerst schaut es einmal gut aus…

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Jamaica

Wir ankern am westlichsten Zipfel von Jamaica, in der Bloody Bay, dort, wo vor 300 Jahren die berühmten Piratinnen Anne Bonney und Mary Reade gemeinsam mit dem berüchtigten Calico Jack gefangen wurden (weil sei schwanger waren wurden die Damen nicht wie der Rest der Besatzung gleich gehängt). Der riesige wunderschöne Sandstrand ist voller Verkaufs-Stände, dahinter große gepflegte Hotel Anlagen, es ist eine sehr touristische Angelegenheit hier, und dennoch der schönste Ankerplatz, den wir bisher auf Jamaica hatten. Das Wasser ist unglaublich klar und wir wagen es fast nicht vom Schiff aus hineinzuspringen, da man das Gefühl hat, es sei nur einen halben Meter tief. Wir werden noch zwei Tage hier bleiben und dann nach Providencia aufbrechen, knapp 400 Seemeilen liegen vor uns. Von hier aus werden wir die Antillen verlassen, seit über einem Jahr tingeln wir nun von einer Antillen-Insel zu anderen, zuerst die ganzen kleinen Antillen, dann noch die Großen, und nun geht es weiter zu neuen Ufern, vorher aber noch ein kurzer Bericht über unsere Zeit auf Jamaica:

Von Haiti aus segelten wir nach Port Antonio, es war eine raue Überfahrt,  kräftiger Passat von achtern und stellenweise bis zu zwei Knoten Strömung gegen uns haben einen unangenehm hohen Seegang erzeugt, es war eine holprige und anstrengende Passage. Im hübschen Port Antonio warten dann schon Julian und Sascha auf uns, in den nächsten zwei Wochen herrscht wieder Familienleben auf der KALI MERA. Mit dem Mietwagen erkunden wir die „Blue Mountains“, einen wunderschönen Gebirgszug zwischen Porto Antonio und Kingston in dem der „Champagner der Kaffees“, der Blue Mountain Coffee angebaut wird. Vor den Straßen wurden wir zwar gewarnt, aber damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Wie üblich legen wir unsere Route quer durchs Landesinnere auf gemütliche und verkehrsarme Landstraßen, da sieht man einfach mehr vom Land als auf der Autobahn. Wenn aber die Autobahn (Straße Kategorie 1 auf unserem Plan) eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h zulässt, die Bundesstraße (Kategorie 2) eine Art Feldweg mit Asphaltbestandteilen ist und unsere „Landstraße“ (Kategorie 3 auf der Karte ) dann noch mindestens eine Kategorie weniger „Straße“ ist, dann hat man vielleicht eine Ahnung, was auf uns zugekommen ist. Mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp über 10 km/h rasen wir durch die beeindruckende Landschaft, der Weg besteht plötzlich nur noch aus Schlaglöchern in die mein braver Smart daheim als ganzer hineinpassen würde, die Löcher werden durch große Felsblöcke und hin und wieder sogar durch einen Asphaltrest miteinander verbunden, es geht so steil bergauf, dass die Räder im Schotter immer wieder durchdrehen, und als wir dann denken es kann eh nicht mehr schlimmer kommen da kommt es schlimmer. Eine abenteuerliche Brücke führt hoch über den Fluss, aber die Jugendlichen die in der Nähe stehen (unsere Reisegeschwindigkeit ist so gesprächsfreundlich dass man sich in aller Ruhe während der Fahrt mit den Fußgängern in der Nähe unterhalten kann) empfehlen uns besser gleich durch den Fluss zu fahren, das sei sicherer, eher bleibe man noch auf (oder in) der Brücke stecken. Es wird uns auch noch gezeigt wo wir im Fluss auf keinen Fall hinfahren sollten und schon zischen wir durch, mit dem Mut der Verzweiflung, das Wasser spritzt und es zischt und gurgelt und der Toyoto Corolla schwimmt fröhlich auf die andere Seite. Zwischenzeitlich haben wir den „Point of no return“ überschritten, wenn wir umkehren kommen wir in die Dunkelheit und damit auf den Autofriedhof, wenn wir weiterfahren ist uns auch eine Nacht in den Bergen gewiss. Aber mitten drinnen, dort wo die Kaffeeplantagen sind, dort gibt es auch ein Hotel für Wanderer, das könnten wir erreichen. Nur noch 10 Kilometer im Schritttempo und schon sind wir zwei Stunden später völlig erschöpft beim Hotel, es ist kühl auf ca 1000 Meter Seehöhe, und nach einem feinen Abendessen und einem Glas grauenhaften Rotwein fallen wir erschöpft ins Bett. Am nächsten Tag sehen wir erst, in welch atemberaubender Gegend wir genächtigt haben, der Blue Mountain Peak schaut ohne die übliche Halskrause aus Wolken auf uns herunter, rund um uns ist Alpin-Dschungel und schillernde Kolibris mit langen gepfeilten Schwänzen flattern um uns herum.  Von hier an wird die Strasse besser und die Einheimischen zollen uns Anerkennung dass wir die Strecke von der anderen Seite her gemeistert haben (wir haben nun das Cedar Valley Driving Certificate). Am Heimweg kaufen wir noch Kaffee direkt von der Plantage, Kleinbauern ernten hier in dem unwegsamen Gelände die kostbaren roten Beeren, der Kaffee wird per Hand geschält und über dem Feuer in kleinsten Mengen geröstet. Voller Stolz erklärt uns der Kaffeebauer den ganzen Ablauf und wir decken uns dann mit dem köstlichen Blue Mountain Coffee ein, einfach großartig.

Bei der Rückgabe des Mietautos vereinbaren wir einen Zuschlag von 100 US Dollar, damit ist die verspätete Rückgabe, die verbogene Felge und der leicht demolierte Kotflügel (ganz ohne Schäden ist es diesmal nicht abgegangen) abgegolten. Alle sind wir damit zufrieden, „Relax, my friend, I told you, there will be no problem“ hat mir der liebenswürdige Vermieter noch mitgegeben ?.

Sascha und Julian besuchen mit dem Route Taxi die schönen Strände im Osten Jamaicas während Tadeja und ich uns um das leibliche Wohl kümmern. Die Marina in Port Antonio ist winzig klein und sehr gepflegt, die netteste Marina in der wir je waren. Die Gegend um Port Antonio gefällt uns sehr gut, der Tourismus ist sanft, es landen hier nur selten Kreuzfahrtschiffe und wir treffen herzliche und liebenswürdige Menschen.

Nach ein paar Tagen geht es weiter die Nordküste entlang, es gibt ausreichend geschützte Ankerplätze, besonders gefallen hat mir die Ocabessa Bay, aber auch in der Montego Bay haben wir ruhig vor dem Yacht Club geankert, von dort aus mussten dann nach zwei sehr schönen Wochen Sascha und Julian wieder zurück nach Wien.

Noch nie sahen wir so viele Kreuzfahrtschiffe wie auf Jamaica (Ocho Rios und Montego Bay), und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen da sind die Fahrtensegler irgendwie fehl am Platz. Wenn auf einen Schlag mehrere tausend zahlungskräftige und -willige Touristen einen Hafen stürmen dann geht die ganze Tourismus-Maschinerie so richtig los. Riesige Party-Katamarane mit ohrenbetäubendem Lärm zischen herum, Big Game Fischer sausen aufs offene Meer und die Einheimischen versuchen fast aggressiv sich ihr Stück vom großen Tourismuskuchen abzuschneiden. In kleinen Becken machen die Delphine ihre Kunststücke, am Fährterminal spielt eine verkleidete Karibik-Band, Souvenier-Stände mit karibischer Handarbeit „made in China“ wachsen wie Schwammerl aus dem Boden und die Preise erreichen ein schwindelerregendes und eigentlich unseriöses Niveau das wir uns nicht mehr leisten wollen. Als Tourist wird man hier als Freiwild angesehen, das möglichst effizient ausgenommen werden soll. Als Eintrittspreise haben sich 20 USD pro Person etabliert, ob fürs Vögel beobachten, fürs Spukhaus der Annie Palmer oder für einen Wasserfall, überall werden Unsummen für verhältnismäßig wenig Gegenwert verlangt.  Die großen und kleinen Antillen sind landschaftlich wunderschön, aber teilweise vermissen wir auf den Inseln Lebensfreude, Gastlichkeit, Kultur und Sinn für Schönheit. Zu viel leicht ausgegebenes (amerikanisches) Touristen-Geld hat das Geschäft zu groß werden lassen, das Verhältnis zwischen Preis und Leistung ist dabei aus dem Ruder gelaufen.

Wir haben hier wunderschöne Orte gefunden, liebe Menschen (und nicht nur andere Segler) kennengelernt, Abenteuer erlebt und Landschaften von so großer Schönheit entdecken dürfen dass wir diese Eindrücke für immer in unseren Herzen tragen werden, wir haben aber auch die zerstörerische Komponente eines radikalen Tourismus sehen können und die Entwurzelung und die Achtlosigkeit erleben müssen. Und so werden uns diese Inseln als gefallenes Paradies in Erinnerung bleiben, von dem wir uns nun ohne Wehmut verabschieden.

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Isla Beata und Haiti

Wieder alleine an Board lichten wir bei Sonnenaufgang den Anker in Barahona und segeln zur Südspitze der Dom Rep, zur Isla Beata.  In vier Meter Wassertiefe gräbt sich der schwere Rocna tief in den feinen Korallensand, wir sind die einzige Yacht hier. Der kräftige Passat weht über die flache Insel hinweg und rüttelt am Schiff, aber das in allen blau und türkis-Schattierungen leuchtende Wasser ist ruhig, und wir genießen den friedlichen Platz vor dem palmengesäumten Fischercamp.

Dass wir hier endlich in einer neuen Welt angekommen sind das sehen wir erst am nächsten Tag beim Landgang. Fast neuntausend Meilen sind wir seit der Türkei unterwegs, aber bis auf Tobago und die Kap-Verden waren wir immer in touristisch gut erschlossenen Gebieten, mit allen Vor und Nachteilen. Auch wenn einsame Flecken dabei waren, immer war eine Grundinfrastruktur greifbar und wir sind auch viele touristisch ausgetretene Pfade gewandert. Hier ist es plötzlich anders, und das berührt uns.

Hier gibt es kein Fließwasser und keinen Strom aus der Steckdose, keine Kriminalität, keine Straßen und keine Autos, gekocht wird am offenen Feuer in dunklen Küchenhütten und am Strand, interessante Solarpanel-Konstruktionen und alte Autobatterien sorgen für Elektrizität. Knapp hundert Fischer leben ganzjährig hier, einige wenige Frauen, keine Kinder, nur wenn ein Hurrican Gefahr bringt wird die Siedlung vorübergehend verlassen. Es gibt ein paar feste Hütten, darunter sogar einen „Market“ mit ein paar Konserven und viele aus Blech, Plastik und Holz abenteuerlich zusammengestückelte Unterstände, auch ein paar in den Fels gehauene Höhlen mit Plastikplanen und Matten als Eingang. Der weiße Palmenstrand ist voller schöner Schneckenhäuser, ausgebleichte Conch-Schalen sind als Verzierung kreisförmig um die Palmen-Stämme gelegt, es ist vor den Hütten und am Strand sauber, der Müll wandert nach hinten in das Buschwerk. Wie überall in der Dom Rep gibt es auch hier einen Stützpunkt der Armada, die freundlichen Wächter kommen sogleich an Board, unser Despacho wird kontrolliert und das kleine Geschenk entgegengenommen, und auch wenn wir schon offiziell ausgereist sind dürfen wir zwei Tage hier bleiben und auch an Land gehen. Wir machen einen Schritt in die Vergangenheit und in die Zeit vor dem Tourismus, auf unserem Spaziergang durch das Dorf werden unsere Grüße von allen freundlich erwidert, wir fühlen uns fremd aber willkommen. Überall spazieren riesige Leguane herum, beseitigen die Fisch- und Essensreste und streiten um besonders schöne Bissen, kleine Drachen als Haustiere. Ein paar Hühner mit den Küken scharren im Sand und auch ein Hund und eine Katze ergänzen den exotischen Bauernhof. Und Fisch gibt es, zwischen den Palmen hängt er zum Trocknen, in allen Größen und Formen, riesige Doraden werden in das Boot verladen, das den frischen Fang  aufs Festland zu den Fischhändlern bringt. Der alte Fischer Juan, der von seiner Zeit auf der Universität auch noch etwas Deutsch und recht gut Englisch spricht, bringt uns vier fangfrische Lobster, die auf der KALI MERA sofort gegrillt werden, ein Abendessen der Extraklasse. Wir revanchieren uns bei Juan mit einem ausgedienten Solarpanel und einigen Getränken. Zwei Übernachtungen bleiben wir hier, einen Abend verbringen wir an Land und „gehen Essen“, es gibt gebratene Kochbananen und Fische, gegessen wird mit den Fingern und der Fisch schmeckt köstlich. Die Atmosphäre hier verzaubert uns, und wir würden gerne noch ein paar Tage hierbleiben, aber schon bald bekommen wir in Jamaica Familienbesuch und wir müssen weiter.

Aber noch geht es nicht in die Zivilisation zurück, die nächste Station ist die Ile A Vache, eine kleine Insel an der Südspitze von Haiti, ca. 140 sm entfernt, eine Nachtfahrt bei kräftigem Passat mit bis zu 35 Knoten und hohen Wellen. Abends entdecken wir einen blinden Passagier, ein Seevogel mit langem spitzen blauen Schnabel hat es sich am Dinghi direkt hinter dem Cockpit bequem gemacht und beschlossen, mit uns nach Haiti zu segeln. Tadeja erlaubt es und putzt dann am nächsten Tag, als uns der völlig zutrauliche Vogel bei Sonnenaufgang wieder verlässt, auch die gewaltige Sauerei weg, die das Vieh hinterlassen hat, dürfte wohl seekrank geworden sein, die gefiederte Landratte.  In der Mittagssonne, bei der man ohne die Reflexionen die Riffe gut sieht, laufen wir Ile A Vache an (die Seekarte ist hier nicht mehr verlässlich), manövrieren zwischen den Untiefen in die geschützte Bucht und werden sofort von eine Armada an Burschen in Einbäumen umringt, die unser Boot waschen, Diesel organisieren, Geld wechseln, Internet bereitstellen und was weiß ich auch immer für uns tun möchten. Nichts davon brauchen wir, und habe ich geduldig einen abgewehrt, so nimmt sofort der nächste seinen Platz ein. Alle sind freundlich, aber wir sind hundemüde und wollen nicht eine Stunde lang willkommen geheißen werden. Auf Haiti werden wir nun noch weiter zurück in die Vergangenheit geschickt, auch hier gibt es keine Autos, keine Straßen, Transportmittel sind Pferde und es gibt ein paar Mopeds als Taxi. Aber hier fehlen auch die stabilen Fischerboote mit ihren starken Außenboardern, Einbäume und traditionelle Segelkanus regieren hier das Wasser.  Die Boote mit ihren überdimensionierten Großsegeln werden mit kleiner Crew gesegelt, dienen zum Waren und  Personentransport und natürlich zum Fischen. Es ist ein Vergnügen diesen Segelmeistern zuzusehen! Die Boote sind aus Holz (und diversen Sperrmüllteilen) zusammengesetzt, bei einem Segel sieht man, dass es in grauer Vorzeit einmal eine Bavaria 38 geziert hat (wohl Kaperbeute, Haiti ist ja laut Segelguide nur was für „abenteuerlustige Cruiser“ und außerdem würde man im Hafen am Festland normalerweise überfallen, hier ist wohl die wunderbare Ausnahme).

Montags und Donnerstags ist hier Markttag, wir kommen am Donnerstag an, also nichts wie hin. Wir gehen zu Fuß, verlaufen uns natürlich und wandern fast zwei Stunden über die Insel bis wir den Markt erreichen. Bestens vorbereitet auf die Expedition wissen wir weder wie der Ort heißt, an dem der Markt stattfindet, noch wie man genau hinkommt, sind so naiv dass wir denken es wäre wohl irgendwo angeschrieben, dann spricht die Landbevölkerung auch nur französisch und wenn wir in eine Richtung deuten und „marche“ rufen dann stimmen alle begeistert zu. Um uns nicht zu verunsichern versuchen wir das Ganze nicht auch noch mit einer anderen Richtung, weil auch dort würde es sicher passen. Es ist glühend heiß und wir können stolz die Erstentdeckung verschiedener Dörfer für uns verbuchen die vor uns wohl noch keine bleichgesichtige Menschenseele betreten hat, bis wir endlich den Markt erreichen. Dieser ist ein unglaubliches Tohuwabohu, eine Art teilüberdachte Plastik-Flaschen-Müllhalde auf der viele Verkäufer wenig verkaufen, es gibt halt fast nichts, aber die Atmosphäre ist erlebenswert. Zurück lassen wir uns dann von einem Moped chauffieren, wir sind hundemüde und müssen nach der Nachtfahrt in die Koje.

Leider müssen wir einklarieren, wir haben gehofft, um die Prozedur herumzukommen, aber die Immigration ist erbarmungslos, die Behörden sitzen am Festland und dort sollen wir vorstellig werden. Wir bleiben aber hier und lassen uns das vom (selbsternannten?) „Harbour-Master“ erledigen, kostet 20 USD, dazu kommen noch Hafengebühren und Immigration Fees von weiteren 50 USDs, das hätten wir uns gerne erspart. Ungern aber doch geben wir Schiffspapiere und Reisepässe her und hoffen, dass wir diese wiedersehen, wäre ziemlich unangenehm hier auf Haiti ohne Papiere festzusitzen. Natürlich kommt der Bursche am nächsten Tag mit unseren Pässen nicht wie vereinbart zu Mittag zurück sondern erst am Abend, aber wir erhalten alles wieder retour und neue Stempel sind auch in den Pässen.  Etwas auf die Nerven gehen uns anfangs auch unsere ständigen Besucher mit ihren Einbäumen, die an der Bootswand kleben, in den für sie unvorstellbaren Luxus schauen, und einfach irgendetwas haben wollen, von Seilen über Schreibblock und Kugelschreiber, sie brauchen alles. Wir bedauern, dass wir nicht ausreichend Schulhefte für die Kinder mitgenommen haben (Schule kostet hier Schulgeld, aber alle wollen lernen und sich weiterbilden um später eine Chance zu haben, was für ein Unterschied zu daheim, wo die Schule ein notwendiges Übel ist, hier sind sie stolz darauf in die Schule gehen zu dürfen, die Jugendlichen sprechen überwiegend neben französisch auch englisch und sogar ein wenig spanisch), das wären schöne Geschenke die wir gerne hergeben würden.

Letztendlich gewöhnen wir uns an unsere jugendlichen Begleiter, plaudern mit Ihnen und erfahren wie sie hier so leben, welchem Onkel welches Segelkanu gehört und wer den Einbaum aus dem Mango-Stamm geschnitzt hat, und wir beginnen einen regen Tauschhandel und beschenken die Freundlichen (für manche sind es wohl reiche Ostergeschenke). Wir haben keine Dollars mehr und trennen uns von alten Leinen, ausgedienten Taucherbrillen, unseren alten Schwimmwesten, einem alten Handy fürs Heimatmuseum, Handy-Ladegeräten, Frisbee, Ohrenstöpsel, Schirmkappen, aber auch dem Orangensaft aus Martinique im Austausch gegen den Fang der Fischer, Trinknüsse und einige strahlende Boat-Boy-Gesichter.

Wir werden von eingetauschten Lobstern überschwemmt, ich koche die Krustentiere sofort und bald freuen sich neun fein säuberlich ausgelöste Lobster-Schwänze darauf, am Abend  Hauptdarsteller bei den Spaghetti di Mare zu werden, am nächsten Tag wird die frische Ladung von Tadeja zu Langusten-Curry verarbeitet, wir kochen für den Tag auf See vor und auch ins Tiefkühlfach wandert etwas. Wie üblich essen wir bescheiden und gesund, lokal, saisonal und günstig J

Mark, unser persönlicher jugendlicher Guide, führt uns durch sein Dorf, die hübschen windschiefen Häuser sind bunt, sauber und von kleinen Gärten umgeben, manche richtig schön gepflegt, zwischen den Häusern laufen zottelige Schweine, Hühner, Ziegen, Schafe und auch ausgerissene Maultiere herum, Pferde und Kühe weiden auf der Alm über dem Dorf, nur die Palmen passen für die Bergidylle nicht so gut ins Bild. Wir sind überrascht, dass der übliche Müll nicht herumliegt, der wird wohl außer Sichtweite entsorgt. Als wir dann eine Wanderung über die Bergkuppe machen und auf der anderen Seite zum Meer gelangen, da stehen wir plötzlich in einer anderen Welt – ein unglaublich schöner Traumstrand mit einem gepflegten kleinen Feriendorf, Hubschrauber-Landeplatz und einer Handvoll käseweißer Badenden, welch ein Kontrast, damit haben wir nicht gerechnet. Am Abend kommen unsere Freunde und Handelspartner sich noch verabschieden und mit Sonnenaufgang geht es dann weiter Richtung Jamaica.

 

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Dominikanische Republik

Wollte ich die Dominikanische Republik mit ein paar Worten umschreiben, fällt mir zunächst ‚das Leben berühren‘ und ‚mit Mensch und Tier auf Tuchfühlung gehen‘ ein; dann lebensfrohe Menschen, die oft sehr wenig besitzen, seltene Touristen und trotzdem Bestechungsgelder, bizarre Natur und wundersame Tierwelt. Und dass ein freundliches Lächeln alle Tore öffnet…

Nach einer erschöpfenden schaukeligen Nacht- und Tagfahrt legen wir am Zollpier im völlig ruhigen Wasser der Marina Boca Chica an. Wir dürfen erst von Bord, nachdem streng dreinblickende Zollbeamte wieder von Bord gegangen sind, die zwar freundlich, aber bestimmt alle Geheimfächer durchstöbert und sich wieder getrollt haben. Als Zeichen ihrer Macht haben sie sich ihre schweren Militärschuhe natürlich nicht ausgezogen. Grrr…

Schon am selben Abend bekommen wir Besuch von Sabine und Thomas aus der Heimat. Kaum angekommen, bekommen sie die unfeinen Seiten dieses Landes zu spüren – ein Auffahrunfall mit ihrem Montagsmietwagen, zwar ohne Personenschaden, dafür mit Fahrerflucht (die Polizeiberichtbeschaffung war eine wahre Odyssee!), Rückspiegeldiebstahl am Parkplatz vor dem Hotel, wieder Polizeibericht, und dann noch ein Verkehrspolizist, der sie beschuldigt, bei Rot über die Kreuzung gehfahren zu sein und ihnen erst nach Bezahlen einer saftigen Propinita (zu Deutsch: Bakschisch) weiterfahren lässt…

Dafür sind wir von der Marina und ihrem beschwingten, hilfsbereiten Team richtiggehend begeistert, außerdem ist sie wunderschön hinter einem langgezogenen Riff gelegen, wobei man fast das Gefühl hat, in einer Bucht zu liegen. Hier können wir unser Schiff ruhigen Gewissens zurücklassen, während wir das Land erkunden.

Weil wir wie die Einheimischen reisen wollen, besteigen wir den Bus zur Hauptstadt Santo Domingo, ein sogar im Innenraum kunterbuntes Gefährt in blau, pink und gelb – als einzige Weiße eingepfercht unter lauter Einheimischen – Herbert hat es wahrscheinlich gefallen, war er doch von lauter jungen Mädchen umringt! Die koloniale Altstadt ist klein aber bezaubernd, und wir lassen uns treiben. Den Zoo und den botanischen Garten teilen wir uns auf – jeder für sich nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Dieser Zoo ist eine 8 ha großen Naturanlage – die Tiere haben hier wirklich viel Platz, und können sich auf dem Gelände teilweise völlig frei bewegen. Noch nie haben wir Flusspferden in die Nasenlöcher geschaut, noch nie ist mir ein Straußenvogel mit aufgepustetem Gefieder Modell gestanden, habe ich Affen zwischen exotischen Enten nach Lust und Laune herumlaufen sehen. Ein schwarzer Panther sieht mir aus fünfzig Metern Entfernung lange direkt in die Augen, während sich Dromedare, Bisons und Büffel weniger beeindruckt geben, und auch die Flamingos lassen sich bei ihren Nachbars-Streitereien nicht von uns stören. Für die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulkrokodile und bestimmte Leguane gibt es hier sogar eine Aufzuchtstation.

Den tierischen Höhepunkt aber erleben wir mit den Walen in der freien Natur. Schon das Taxi besorgen wird zum Abenteuer. Eigentlich hätte es uns zugestellt werden sollen, stattdessen werden wir abgeholt und irgendwohin gefahren, ohne vorher Sabine und Thomas Bescheid geben zu können. Dort erfahren wir den Grund – die Versicherungspapiere sind leider an genau diesem Tag zu Mittag abgelaufen, ein Junge mit einem Moped sei schon unterwegs. Dabei wird es schon dunkel! Nach anderthalb Stunden ist der Papierkram endlich erledigt und wir finden sogar auf Anhieb die Marina wieder. So auf Anhieb geht es am nächsten Morgen leider nicht – gleich am Anfang übersehe ich den winzigen Wegweiser und damit die Ausfahrt von der Autobahn nach Samana, immerhin wegen der Wale eines der größten Tourismuszentren der Insel! Das bedeutet einen Umweg von einer halben Stunde. Wir haben ja genügend Puffer! Uups – noch einmal daneben – es wäre doch durch die Unterführung gegangen! Beim dritten Anlauf machen wir noch einmal einen ungewollten Abstecher durch eine Barackensiedlung über Feldwege, als wären sie für eine Endurostrecke präpariert – endlich auf der richtigen Straße, nur ist jetzt der Puffer weg! Wir rasen durch den Regen von der Süd- auf die Nordseite der Insel, wo das Walbeobachtungboot nur noch auf uns viere wartet. Wie schön, dass es hier auf ein bisschen Warten eben nicht ankommt!

Jedes Jahr geschieht hier ein Wunder – alle Buckelwale der nördlichen Halbkugel kommen zur Paarungszeit in die Bucht von Samana, was uns Gelegenheit gibt, sie hautnah zu beobachten. Mit einem umsichtigen Forschungsteam werden wir zu ihnen hinausgefahren. Trotz Regen und Riesenwellen, was die Sichtung natürlich behindert, haben wir das Glück, auf eine Mutter mit ihrem Walbaby zu stoßen, das gerade in bester Spiel- und Springlaune ist – direkt vor uns hechtet es mit seinen rosa Flossenarmen ein paarmal aus dem Wasser und lässt sich mit einem großen ‚Platsch!‘ auf den Rücken fallen. Die Mutter ist immer in der Nähe und wuchtet ihren massigen Rücken beim Atemholen aus dem Wasser. In Spannung halten wir unseren Blick aufs Wasser gebannt, um den nächsten Blas, wodurch sie geortet werden, nicht zu versäumen. So nah an diese Urzeitriesen heranzufühlen, erfüllt uns irgendwie mit Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur!

Den Kopf voller Eindrücke der farbenprächtigen Natur, mit dem Nachgeschmack eines feinen Gourmet-Abendessens im Mund und den Kofferraum gefüllt mit buntem frischem Obst und Gemüse und fangfrischem Fisch, den uns Fischer direkt am Strand mit viel Geschick filetiert haben, verlassen wir Samana wieder.

Der Bürokratie aber entkommen wir in diesem Land nicht, nicht einmal per Schiff. Bevor wir die Marina verlassen, werden wir noch einmal inspiziert und sanft darauf hingewiesen, dass ein kleines Regalito (Geschenklein) für die mühevolle Arbeit angebracht wäre. Na gut, er kriegt einen kleinen Rum, so restlos zufrieden ist er aber nicht. Pech gehabt! Außerdem braucht man ein Despacho – eine Genehmigung zur Befahrung der inländischen Gewässer. Die gilt aber nur bis zum nächsten Zielort, den man natürlich angeben muss. Kaum ankert man arglos vor einem Dörfchen, tauchen am Strand von irgendwoher uniformierte Beamte, die einen heranwinken, das Despacho mitnehmen und versprechen, dass man vor der Abfahrt nur zu ihrem Büro kommen muss, und schon bekommt man ein Neues ausgestellt. Das erste Mal sind wir sehr misstrauisch, aber es blieb uns nichts Anderes übrig. Wir können es kaum fassen, tatsächlich geht alles glatt! Bis zum nächsten Ankerplatz, und bis zum nächsten! Wir lernen eine Menge Beamte und Büroräumlichkeiten, die an einen Rohbau erinnern, kennen, wo alles bis auf den Stempel händisch in linkischer Schreibweise und mit unendlich viel Zeit erledigt wird. Dafür kümmert sich der Beamte aber auch darum, dass wir zum Beispiel frischen Fisch vom Fischer nebenan bekommen und jemand Obst mit dem Mofa für uns holt. Mit der einen Hand auf der Lenkstange, in der anderen einen schweren Bund Bananen händigt er ihn uns übers ganze Gesicht strahlend aus. A su orden – immer zu ihrer Verfügung!

Zwischendurch ein Dünenspaziergang in den Salinen, wo uns heißer Sand die Fußsohlen verbrennt, windgeschützte Buchten, deren Stille nur durch unser Gespräch gestört wird und Vögel, die unser Schiff umkreisen.

In Barahona, dem letzten gemeinsamen Ankerplatz empfangen uns die Beamten gleich zu viert, und alle wollen sie auf unser Schiff mit unserem Dinghy gekarrt werden – sie haben eigentlich nirgendwo ein eigenes Boot. Wozu auch?! Ivan vom Passamt, der Hauptorganisator, sichert gleich mal für alle ein Bier – aus unserem Kühlschrank. Na gut. Ja, der Ausflug zum Lago Enriquilla – das geht halt auch nur über ihn – irgendwer borgt ihm sein Auto, fahren und kassieren tut er. Die anfängliche Schärfe weicht langsam von ihm, je länger wir uns unterhalten. Meine Spanischkenntnisse zeigen wieder einmal ihre bahnbrechende Wirkung – und das Programm für die nächsten und gleichzeitig letzten gemeinsamen Tage steht fest. Noch dazu darf er Sabine und Thomas zum Flughafen bringen. Alles in allem kann er sich über einen guten Zusatzverdienst freuen.

Der Lago Enriquillo ist ein Salzsee und liegt 40 m unter dem Meeresspiegel. Vor einigen Jahren begann der Wasserspiegel aus unbekannten Gründen zu steigen an, überschwemmte fruchtbares Land und die angrenzenden Dörfer. Die Menschen mussten umgesiedelt werden und sich eine neue Lebensgrundlage suchen. Das Wasser zieht sich seit 2013 zwar wieder langsam zurück, doch hat der hohe Salzgehalt – gleich dreimal so salzig wie das Meer – die Reis- und Getreidefelder, die Bananenplantagen und Gärten verwüstet. Jetzt starren nur noch salzweiße Baumreste bizarr aus dem See, so dass man meinen könnte, die zauberhafte Märchenwelt der Schneekönigin betreten zu haben. Unter der Wasseroberfläche leben an die 400 vom Aussterben bedrohte Spitzmaul-Salzwasserkrokodile, die über 4m lang werden können. Mit einem Boot werden wir zu ihrem bevorzugten Rückzugsgebiet gefahren und erblicken hie und da die herausgestreckte Nase des Urreptils. An Land lebt ein anderes urzeitliches Drachenwesen, der Leguan – sie lassen sich von uns füttern und kommen zu fünft, zu sechst auf einen halben Meter heran, um ein Stück Brot zu ergattern. Da kann man sich an ihnen einmal so richtig sattsehen.

Für den nächsten Tag stehen die Minen des Larimar am Programm. Hier im nahegelegenen La Florentina befindet sich die weltweit einzige Abbaustätte des hellblauen Halbedelsteins. Für Sabine und mich ein Muss – und Ivan muss etwas überlegen, wie er uns in dieses unwegsame und Gefahren bergende Gebiet bringen soll. Am Fuß des Berges steigen wir um in einen ziemlich verbrauchten allradgetriebenen Pick-up und werden gemeinsam mit ein paar Arbeitern die holprige, unbefestigte, steinige und staubige steil ansteigende Straße durch sieben Klimazonen hindurch zu den Einstiegsstollen am Berg gebracht. Immer wieder werden wir von jungen Burschen auf ihrem tagtäglichen Weg zur Arbeit auf ihren Mopeds überholt, die zu zweit wie Endurofahrer mit den Straßenlöchern und dem Staub ringen – nicht auszudenken, wie es während der Regenzeit hier zugehen mag. Mitten in einem Arbeitsdorf, das aus wackeligen Blechhütten besteht, hie und da mit einer Feuerstelle, auf der schwarze Töpfe erhitzt werden, steigen wir von der Ladefläche. Wo sind wir hier gelandet?! Wie im Film aus einem anderen Jahrhundert! Überall stehen junge Burschen herum, die auf ihre Schicht warten, manchmal mit einer verstaubten Bohrmaschine, manchmal nur mit einem Hackeisen ausgestattet, hie und da bringen sie schwitzend eine Scheibtruhe voll Abbruch aus den Tiefen ans Tageslicht. Es gibt eigentlich keinen Strom und kein Fließwasser, die Stollen aber, in denen gerade gearbeitet wird, werden durch Generatoren mit Licht und Luft versorgt. Lange Rohre führen in die zwischen fünfzig und hundertfünfzig Meter tiefen Schächte hinab – der Blick lässt uns erschauern. Die Arbeiter werden nur an einer Schlaufe befestigt in die notdürftig befestigten und sehr engen Schächte hinuntergelassen, wo der Larimar aus dem Gestein gehauen wird. Sie arbeiten in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt und werden nach der geförderten Menge entlohnt – und zwar allein des Larimars, der erst aus dem Muttergestein herausgelöst werden muss. Ein paar lausige Pesos kriegen die Burschen für die Ungewissheit, wieviel des kostbaren Minerals sie heute heraufbefördern werden und ob sie überhaupt aus dem Stollen zurückkommen. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle, die Schächte brechen ein, und die darin Eingeschlossenen sind dem Tod preisgegeben. Wir kommen uns vor wie im Mittelalter. Sogar Ivan ist erschüttert.

Wir lassen unseren letzten gemeinsamen Abend bei Thunfisch-Steaks mit geröstetem Sesam ausklingen. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen – aber nur bis zum Sommer!

Wir beide beschließen, für unsere letzten 800 Pesos einkaufen zu gehen – schon bald stehen wir vor der Obst- und Gemüsestraße – Mensch und Ware sind zum Teil am Boden drapiert, zum Teil dienen einfache und windschiefe Holzgestelle als Stand. Das Obst und Gemüse ist ansprechend und für das wenige Geld erstehen wir so viel, dass wir es gerade noch tragen können – die nächsten Tage sind kulinarisch gerettet!

Dafür werden uns beim Ausklarieren noch einmal 20 $ abgeknöpft, für die wir nur widerwillig und unter Androhung der Embajada (Botschaft) – angeblich das einzige, wovor sie sich fürchten – eine Rechnung ausgestellt bekommen, sonst wäre das Geld unbemerkt in irgendeinem Hosensack verschwunden. Alles nur ein freundliches Spiel – oder?

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