Überfahrt Isla Providencia

Nach Panama sind es von der Bloody Bay aus knapp 600 Seemeilen, und weil das westkaribische Meer ganz schön rauh sein kann haben die praktischen Kolumbianer als Zwischenstop für die ermüdeten Segler mittenhinein eine Insel hingebaut, die Isla Providencia.  Dieses exotische Eiland, diesmal wirklich „abseits der ausgetretenen Pfade“, Piraten-Schlupfloch, immer noch vom „Morgans Head“, dem steinernen Kopf des Captain Morgan bewacht und (vielleicht deswegen) von der Touristenplage noch nicht heimgesucht, ist unser nächstes Ziel.

360 Seemeilen haben wir vor uns, wir kalkulieren vorsichtig mit einem Etmal von 120 Meilen und brechen um 1300 auf, da haben wir dann nach vorne und hinten ausreichend Puffer, ein Einlaufen bei Dunkelheit wollen wir bei den ganzen Riffs nicht riskieren (und wer sich hier auf die Seekarten verlässt der wird ganz schnell eine Markierung auf ebendieser).  Vor der Abfahrt gehe ich noch einmal schwimmen und denke dabei, dass wir in der ganzen Saison noch keine einzige „Panne“ hatten, völlig abnormal bei einem Segelboot. So was soll man nie aussprechen oder auch nur denken wenn man nicht sofort auf Holz klopfen kann, aber es ist halt passiert. Und als wir dann, umzingelt von den Nachmittagsgewittern, den Anker holen und aus der Bucht motoren, da fällt mir ein untypisches Klopfen auf. So ein Segelboot macht ja die absonderlichsten Geräusche, es knarrt, knirscht, summt, quietscht, klopft und was weiß ich noch was auch immer, aber wenn plötzlich etwas anders ist dann fällt das sofort auf, auch wenn es nur eine kleine neue Stimme im Schiffsorchester ist. Und es ist keine hübsche Stimme, das Getriebe klopft im Leerlauf, ein unangenehmes metallisches Knirsch-Klopfen, eine Kakophonie im sonst so vertrauten Wohlklang. Ich klettere in dem Motorraum, baue den Wellengenerator ab um herauszufinden woher das Geräusch kommt, und es klopft eindeutig beim Wendegetriebe. Unter Last scheint es weniger Lärm zu machen, aber dennoch bleibt der Motor sicherheitshalber aus und das Getriebe im Retourgang fixiert. Was sich nicht bewegen kann das klopft auch nicht. Wir sind ein Segelboot und werden auch ohne Maschine nach Panama kommen, dummerweise funktioniert halt bei festgeklemmter Welle auch der Wellengenerator nicht mehr und wir müssen das erste Mal beim Segeln auf unseren Energieverbrauch achten.  Noch sind sind wir im Lee von Jamaica, und nachdem das erste Gewitter über uns hinweggebraust ist dümpeln wir in der Flaute und die Strömung setzt uns langsam nach Norden, obwohl wir in den Süden wollen. Aber als zwischenzeitlich reines Segelboot müssen wir damit zurechtkommen und irgendwie schaffen wir es aus der Windabdeckung hinaus in den Passat. Äolus ist uns wohlgesonnen, voll besegelt ziehen wir schnell auf halben Wind nach Süden, der Seegang ist mäßig und das Schiff hat viel Bewegung. Uns ist beiden schlecht, wir haben Kopfschmerzen und drei Tage lang schaffen wir es fast nicht das Cockpit zu verlassen. Im Schiff drinnen ist es heiß und es schaukelt erbärmlich und das tut uns gar nicht gut. Am ersten Tag essen wir noch vorgekochtes, dann ist es aus mit dem Völlern, ich verweigere die Nahrungsaufnahme und beginne spontan eine lange geplante Fastenkur, Tadeja nascht noch etwas von unseren Vorräten, hält sich aber auch sehr zurück. Es werden keine angenehmen 68 Stunden, erst am vierten Morgen da wird es besser. Haben wir uns irgendeinen Virus eingefangen oder ist es Seekrankheit? Noch nie waren wir so außer Gefecht an Board. Anfangs angeln wir noch, zuerst reißt uns ein riesiger silberner Fisch den Köder ab, dann bleibt eine wunderschöne intensiv leuchtende Dorade dran, kurz darauf beißen noch zwei gleichzeitig und dann lassen wir das Fischen auch schon wieder sein – das Gefrierfach ist voll und essen können wir derzeit eh nichts, wir liegen nun wieder im Cockpit…

Vom Wetter her haben wir Glück, konstanter Ostwind lässt uns weitgehend ohne Segelmanöver vorankommen, manchmal etwas reffen wenn der Wind zulegt oder ein Squall in der Nähe vorbeizieht, aber die Gewittertürme sorgen zwar für Unterhaltung, weichen uns aber immer gerade rechtzeitig aus. Wäre uns nicht so übel es wäre wunderbares Segeln.

Die See ist hier tückisch, viele Riffs und Sandbänke haben das Meer zu einem riesigen Schiffsfriedhof gemacht, um sicher durchzukommen halten wir uns genau an die Wegpunkte aus Jimmy Cornells „Segelrouten der Welt“. Auf der Höhe von Honduras schalten wir unseren AIS Sender aus und fahren ohne Positionslichter, mehrere Piratenüberfälle auf Yachten hat es heuer hier schon gegeben, und die kritischen Stellen passieren wir „unsichtbar“ in der Nacht. Wir sehen keine Yacht und auch keine Fischer, nur große Frachter die ebenso wie wir die Route zwischen den Bänken nehmen. Radar-Alarme, die wir haben, entpuppen sich fast alle als Squalls, starke lokale Regengüsse die ein gutes Radarecho abgeben, Piraten bewirtschaften dieses Gebiet gerade nicht.  Weiter im Süden, vor Nicaragua, da schalten wir den AIS Sender wieder ein und sind ordentlich befeuert, damit uns die Frachter als Segelboot erkennen und uns ausweichen.

Am vierten Tag sind wir schon fast wieder genesen und pünktlich zur Mittagszeit fällt dann in der großen ruhigen Bucht von Providencia der Anker, wir klarieren in Kolumbien ein, freuen uns über die schönen ersten Eindrücke und die günstigen Preise im Supermarkt, die Testbiere werden gekauft (eines von jeder Sorte einheimischer Biere damit man weiss was man später dann bunkern muss, nie wieder wird uns das schreckliche Missgeschick passieren wie auf Martinique, als ich das billigste im Angebot gleich in einer großen Palette gekauft habe und es dann nicht trinken konnte weil es so grausam schmeckte, Tantulasqualen erleidet man da wenn man einen riesigen Bierdurst hat, die Vorräte voll sind aber immer wenn man hingreift der Durst sofort wieder verschwindet), danach das erste Doradenfilet verspeist, als Draufgabe schauen wir uns einen Film an und fallen in die Koje in tiefen Schlaf…

Heute vormittag habe ich dann symbolisch den Blaumann angezogen, die große Werkzeugkiste gepackt und bin in den Motorraum umgesiedelt. Da haben sich doch glatt bei der Kupplung zwischen Getriebe und Welle alle vier Schrauben gelockert (bei der Vetus Flexible coupling hatte ich letztes Jahr in Martinique die Gummis tauschen lassen), etwas Spiel und Krachen war die Folge. Alles festgezogen, Krachen weg, ob alles wieder einwandfrei funktioniert werden wir erst beim Weitersegeln sehen, vorerst schaut es einmal gut aus…

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Jamaica

Wir ankern am westlichsten Zipfel von Jamaica, in der Bloody Bay, dort, wo vor 300 Jahren die berühmten Piratinnen Anne Bonney und Mary Reade gemeinsam mit dem berüchtigten Calico Jack gefangen wurden (weil sei schwanger waren wurden die Damen nicht wie der Rest der Besatzung gleich gehängt). Der riesige wunderschöne Sandstrand ist voller Verkaufs-Stände, dahinter große gepflegte Hotel Anlagen, es ist eine sehr touristische Angelegenheit hier, und dennoch der schönste Ankerplatz, den wir bisher auf Jamaica hatten. Das Wasser ist unglaublich klar und wir wagen es fast nicht vom Schiff aus hineinzuspringen, da man das Gefühl hat, es sei nur einen halben Meter tief. Wir werden noch zwei Tage hier bleiben und dann nach Providencia aufbrechen, knapp 400 Seemeilen liegen vor uns. Von hier aus werden wir die Antillen verlassen, seit über einem Jahr tingeln wir nun von einer Antillen-Insel zu anderen, zuerst die ganzen kleinen Antillen, dann noch die Großen, und nun geht es weiter zu neuen Ufern, vorher aber noch ein kurzer Bericht über unsere Zeit auf Jamaica:

Von Haiti aus segelten wir nach Port Antonio, es war eine raue Überfahrt,  kräftiger Passat von achtern und stellenweise bis zu zwei Knoten Strömung gegen uns haben einen unangenehm hohen Seegang erzeugt, es war eine holprige und anstrengende Passage. Im hübschen Port Antonio warten dann schon Julian und Sascha auf uns, in den nächsten zwei Wochen herrscht wieder Familienleben auf der KALI MERA. Mit dem Mietwagen erkunden wir die „Blue Mountains“, einen wunderschönen Gebirgszug zwischen Porto Antonio und Kingston in dem der „Champagner der Kaffees“, der Blue Mountain Coffee angebaut wird. Vor den Straßen wurden wir zwar gewarnt, aber damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Wie üblich legen wir unsere Route quer durchs Landesinnere auf gemütliche und verkehrsarme Landstraßen, da sieht man einfach mehr vom Land als auf der Autobahn. Wenn aber die Autobahn (Straße Kategorie 1 auf unserem Plan) eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h zulässt, die Bundesstraße (Kategorie 2) eine Art Feldweg mit Asphaltbestandteilen ist und unsere „Landstraße“ (Kategorie 3 auf der Karte ) dann noch mindestens eine Kategorie weniger „Straße“ ist, dann hat man vielleicht eine Ahnung, was auf uns zugekommen ist. Mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp über 10 km/h rasen wir durch die beeindruckende Landschaft, der Weg besteht plötzlich nur noch aus Schlaglöchern in die mein braver Smart daheim als ganzer hineinpassen würde, die Löcher werden durch große Felsblöcke und hin und wieder sogar durch einen Asphaltrest miteinander verbunden, es geht so steil bergauf, dass die Räder im Schotter immer wieder durchdrehen, und als wir dann denken es kann eh nicht mehr schlimmer kommen da kommt es schlimmer. Eine abenteuerliche Brücke führt hoch über den Fluss, aber die Jugendlichen die in der Nähe stehen (unsere Reisegeschwindigkeit ist so gesprächsfreundlich dass man sich in aller Ruhe während der Fahrt mit den Fußgängern in der Nähe unterhalten kann) empfehlen uns besser gleich durch den Fluss zu fahren, das sei sicherer, eher bleibe man noch auf (oder in) der Brücke stecken. Es wird uns auch noch gezeigt wo wir im Fluss auf keinen Fall hinfahren sollten und schon zischen wir durch, mit dem Mut der Verzweiflung, das Wasser spritzt und es zischt und gurgelt und der Toyoto Corolla schwimmt fröhlich auf die andere Seite. Zwischenzeitlich haben wir den „Point of no return“ überschritten, wenn wir umkehren kommen wir in die Dunkelheit und damit auf den Autofriedhof, wenn wir weiterfahren ist uns auch eine Nacht in den Bergen gewiss. Aber mitten drinnen, dort wo die Kaffeeplantagen sind, dort gibt es auch ein Hotel für Wanderer, das könnten wir erreichen. Nur noch 10 Kilometer im Schritttempo und schon sind wir zwei Stunden später völlig erschöpft beim Hotel, es ist kühl auf ca 1000 Meter Seehöhe, und nach einem feinen Abendessen und einem Glas grauenhaften Rotwein fallen wir erschöpft ins Bett. Am nächsten Tag sehen wir erst, in welch atemberaubender Gegend wir genächtigt haben, der Blue Mountain Peak schaut ohne die übliche Halskrause aus Wolken auf uns herunter, rund um uns ist Alpin-Dschungel und schillernde Kolibris mit langen gepfeilten Schwänzen flattern um uns herum.  Von hier an wird die Strasse besser und die Einheimischen zollen uns Anerkennung dass wir die Strecke von der anderen Seite her gemeistert haben (wir haben nun das Cedar Valley Driving Certificate). Am Heimweg kaufen wir noch Kaffee direkt von der Plantage, Kleinbauern ernten hier in dem unwegsamen Gelände die kostbaren roten Beeren, der Kaffee wird per Hand geschält und über dem Feuer in kleinsten Mengen geröstet. Voller Stolz erklärt uns der Kaffeebauer den ganzen Ablauf und wir decken uns dann mit dem köstlichen Blue Mountain Coffee ein, einfach großartig.

Bei der Rückgabe des Mietautos vereinbaren wir einen Zuschlag von 100 US Dollar, damit ist die verspätete Rückgabe, die verbogene Felge und der leicht demolierte Kotflügel (ganz ohne Schäden ist es diesmal nicht abgegangen) abgegolten. Alle sind wir damit zufrieden, „Relax, my friend, I told you, there will be no problem“ hat mir der liebenswürdige Vermieter noch mitgegeben ?.

Sascha und Julian besuchen mit dem Route Taxi die schönen Strände im Osten Jamaicas während Tadeja und ich uns um das leibliche Wohl kümmern. Die Marina in Port Antonio ist winzig klein und sehr gepflegt, die netteste Marina in der wir je waren. Die Gegend um Port Antonio gefällt uns sehr gut, der Tourismus ist sanft, es landen hier nur selten Kreuzfahrtschiffe und wir treffen herzliche und liebenswürdige Menschen.

Nach ein paar Tagen geht es weiter die Nordküste entlang, es gibt ausreichend geschützte Ankerplätze, besonders gefallen hat mir die Ocabessa Bay, aber auch in der Montego Bay haben wir ruhig vor dem Yacht Club geankert, von dort aus mussten dann nach zwei sehr schönen Wochen Sascha und Julian wieder zurück nach Wien.

Noch nie sahen wir so viele Kreuzfahrtschiffe wie auf Jamaica (Ocho Rios und Montego Bay), und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen da sind die Fahrtensegler irgendwie fehl am Platz. Wenn auf einen Schlag mehrere tausend zahlungskräftige und -willige Touristen einen Hafen stürmen dann geht die ganze Tourismus-Maschinerie so richtig los. Riesige Party-Katamarane mit ohrenbetäubendem Lärm zischen herum, Big Game Fischer sausen aufs offene Meer und die Einheimischen versuchen fast aggressiv sich ihr Stück vom großen Tourismuskuchen abzuschneiden. In kleinen Becken machen die Delphine ihre Kunststücke, am Fährterminal spielt eine verkleidete Karibik-Band, Souvenier-Stände mit karibischer Handarbeit „made in China“ wachsen wie Schwammerl aus dem Boden und die Preise erreichen ein schwindelerregendes und eigentlich unseriöses Niveau das wir uns nicht mehr leisten wollen. Als Tourist wird man hier als Freiwild angesehen, das möglichst effizient ausgenommen werden soll. Als Eintrittspreise haben sich 20 USD pro Person etabliert, ob fürs Vögel beobachten, fürs Spukhaus der Annie Palmer oder für einen Wasserfall, überall werden Unsummen für verhältnismäßig wenig Gegenwert verlangt.  Die großen und kleinen Antillen sind landschaftlich wunderschön, aber teilweise vermissen wir auf den Inseln Lebensfreude, Gastlichkeit, Kultur und Sinn für Schönheit. Zu viel leicht ausgegebenes (amerikanisches) Touristen-Geld hat das Geschäft zu groß werden lassen, das Verhältnis zwischen Preis und Leistung ist dabei aus dem Ruder gelaufen.

Wir haben hier wunderschöne Orte gefunden, liebe Menschen (und nicht nur andere Segler) kennengelernt, Abenteuer erlebt und Landschaften von so großer Schönheit entdecken dürfen dass wir diese Eindrücke für immer in unseren Herzen tragen werden, wir haben aber auch die zerstörerische Komponente eines radikalen Tourismus sehen können und die Entwurzelung und die Achtlosigkeit erleben müssen. Und so werden uns diese Inseln als gefallenes Paradies in Erinnerung bleiben, von dem wir uns nun ohne Wehmut verabschieden.

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Isla Beata und Haiti

Wieder alleine an Board lichten wir bei Sonnenaufgang den Anker in Barahona und segeln zur Südspitze der Dom Rep, zur Isla Beata.  In vier Meter Wassertiefe gräbt sich der schwere Rocna tief in den feinen Korallensand, wir sind die einzige Yacht hier. Der kräftige Passat weht über die flache Insel hinweg und rüttelt am Schiff, aber das in allen blau und türkis-Schattierungen leuchtende Wasser ist ruhig, und wir genießen den friedlichen Platz vor dem palmengesäumten Fischercamp.

Dass wir hier endlich in einer neuen Welt angekommen sind das sehen wir erst am nächsten Tag beim Landgang. Fast neuntausend Meilen sind wir seit der Türkei unterwegs, aber bis auf Tobago und die Kap-Verden waren wir immer in touristisch gut erschlossenen Gebieten, mit allen Vor und Nachteilen. Auch wenn einsame Flecken dabei waren, immer war eine Grundinfrastruktur greifbar und wir sind auch viele touristisch ausgetretene Pfade gewandert. Hier ist es plötzlich anders, und das berührt uns.

Hier gibt es kein Fließwasser und keinen Strom aus der Steckdose, keine Kriminalität, keine Straßen und keine Autos, gekocht wird am offenen Feuer in dunklen Küchenhütten und am Strand, interessante Solarpanel-Konstruktionen und alte Autobatterien sorgen für Elektrizität. Knapp hundert Fischer leben ganzjährig hier, einige wenige Frauen, keine Kinder, nur wenn ein Hurrican Gefahr bringt wird die Siedlung vorübergehend verlassen. Es gibt ein paar feste Hütten, darunter sogar einen „Market“ mit ein paar Konserven und viele aus Blech, Plastik und Holz abenteuerlich zusammengestückelte Unterstände, auch ein paar in den Fels gehauene Höhlen mit Plastikplanen und Matten als Eingang. Der weiße Palmenstrand ist voller schöner Schneckenhäuser, ausgebleichte Conch-Schalen sind als Verzierung kreisförmig um die Palmen-Stämme gelegt, es ist vor den Hütten und am Strand sauber, der Müll wandert nach hinten in das Buschwerk. Wie überall in der Dom Rep gibt es auch hier einen Stützpunkt der Armada, die freundlichen Wächter kommen sogleich an Board, unser Despacho wird kontrolliert und das kleine Geschenk entgegengenommen, und auch wenn wir schon offiziell ausgereist sind dürfen wir zwei Tage hier bleiben und auch an Land gehen. Wir machen einen Schritt in die Vergangenheit und in die Zeit vor dem Tourismus, auf unserem Spaziergang durch das Dorf werden unsere Grüße von allen freundlich erwidert, wir fühlen uns fremd aber willkommen. Überall spazieren riesige Leguane herum, beseitigen die Fisch- und Essensreste und streiten um besonders schöne Bissen, kleine Drachen als Haustiere. Ein paar Hühner mit den Küken scharren im Sand und auch ein Hund und eine Katze ergänzen den exotischen Bauernhof. Und Fisch gibt es, zwischen den Palmen hängt er zum Trocknen, in allen Größen und Formen, riesige Doraden werden in das Boot verladen, das den frischen Fang  aufs Festland zu den Fischhändlern bringt. Der alte Fischer Juan, der von seiner Zeit auf der Universität auch noch etwas Deutsch und recht gut Englisch spricht, bringt uns vier fangfrische Lobster, die auf der KALI MERA sofort gegrillt werden, ein Abendessen der Extraklasse. Wir revanchieren uns bei Juan mit einem ausgedienten Solarpanel und einigen Getränken. Zwei Übernachtungen bleiben wir hier, einen Abend verbringen wir an Land und „gehen Essen“, es gibt gebratene Kochbananen und Fische, gegessen wird mit den Fingern und der Fisch schmeckt köstlich. Die Atmosphäre hier verzaubert uns, und wir würden gerne noch ein paar Tage hierbleiben, aber schon bald bekommen wir in Jamaica Familienbesuch und wir müssen weiter.

Aber noch geht es nicht in die Zivilisation zurück, die nächste Station ist die Ile A Vache, eine kleine Insel an der Südspitze von Haiti, ca. 140 sm entfernt, eine Nachtfahrt bei kräftigem Passat mit bis zu 35 Knoten und hohen Wellen. Abends entdecken wir einen blinden Passagier, ein Seevogel mit langem spitzen blauen Schnabel hat es sich am Dinghi direkt hinter dem Cockpit bequem gemacht und beschlossen, mit uns nach Haiti zu segeln. Tadeja erlaubt es und putzt dann am nächsten Tag, als uns der völlig zutrauliche Vogel bei Sonnenaufgang wieder verlässt, auch die gewaltige Sauerei weg, die das Vieh hinterlassen hat, dürfte wohl seekrank geworden sein, die gefiederte Landratte.  In der Mittagssonne, bei der man ohne die Reflexionen die Riffe gut sieht, laufen wir Ile A Vache an (die Seekarte ist hier nicht mehr verlässlich), manövrieren zwischen den Untiefen in die geschützte Bucht und werden sofort von eine Armada an Burschen in Einbäumen umringt, die unser Boot waschen, Diesel organisieren, Geld wechseln, Internet bereitstellen und was weiß ich auch immer für uns tun möchten. Nichts davon brauchen wir, und habe ich geduldig einen abgewehrt, so nimmt sofort der nächste seinen Platz ein. Alle sind freundlich, aber wir sind hundemüde und wollen nicht eine Stunde lang willkommen geheißen werden. Auf Haiti werden wir nun noch weiter zurück in die Vergangenheit geschickt, auch hier gibt es keine Autos, keine Straßen, Transportmittel sind Pferde und es gibt ein paar Mopeds als Taxi. Aber hier fehlen auch die stabilen Fischerboote mit ihren starken Außenboardern, Einbäume und traditionelle Segelkanus regieren hier das Wasser.  Die Boote mit ihren überdimensionierten Großsegeln werden mit kleiner Crew gesegelt, dienen zum Waren und  Personentransport und natürlich zum Fischen. Es ist ein Vergnügen diesen Segelmeistern zuzusehen! Die Boote sind aus Holz (und diversen Sperrmüllteilen) zusammengesetzt, bei einem Segel sieht man, dass es in grauer Vorzeit einmal eine Bavaria 38 geziert hat (wohl Kaperbeute, Haiti ist ja laut Segelguide nur was für „abenteuerlustige Cruiser“ und außerdem würde man im Hafen am Festland normalerweise überfallen, hier ist wohl die wunderbare Ausnahme).

Montags und Donnerstags ist hier Markttag, wir kommen am Donnerstag an, also nichts wie hin. Wir gehen zu Fuß, verlaufen uns natürlich und wandern fast zwei Stunden über die Insel bis wir den Markt erreichen. Bestens vorbereitet auf die Expedition wissen wir weder wie der Ort heißt, an dem der Markt stattfindet, noch wie man genau hinkommt, sind so naiv dass wir denken es wäre wohl irgendwo angeschrieben, dann spricht die Landbevölkerung auch nur französisch und wenn wir in eine Richtung deuten und „marche“ rufen dann stimmen alle begeistert zu. Um uns nicht zu verunsichern versuchen wir das Ganze nicht auch noch mit einer anderen Richtung, weil auch dort würde es sicher passen. Es ist glühend heiß und wir können stolz die Erstentdeckung verschiedener Dörfer für uns verbuchen die vor uns wohl noch keine bleichgesichtige Menschenseele betreten hat, bis wir endlich den Markt erreichen. Dieser ist ein unglaubliches Tohuwabohu, eine Art teilüberdachte Plastik-Flaschen-Müllhalde auf der viele Verkäufer wenig verkaufen, es gibt halt fast nichts, aber die Atmosphäre ist erlebenswert. Zurück lassen wir uns dann von einem Moped chauffieren, wir sind hundemüde und müssen nach der Nachtfahrt in die Koje.

Leider müssen wir einklarieren, wir haben gehofft, um die Prozedur herumzukommen, aber die Immigration ist erbarmungslos, die Behörden sitzen am Festland und dort sollen wir vorstellig werden. Wir bleiben aber hier und lassen uns das vom (selbsternannten?) „Harbour-Master“ erledigen, kostet 20 USD, dazu kommen noch Hafengebühren und Immigration Fees von weiteren 50 USDs, das hätten wir uns gerne erspart. Ungern aber doch geben wir Schiffspapiere und Reisepässe her und hoffen, dass wir diese wiedersehen, wäre ziemlich unangenehm hier auf Haiti ohne Papiere festzusitzen. Natürlich kommt der Bursche am nächsten Tag mit unseren Pässen nicht wie vereinbart zu Mittag zurück sondern erst am Abend, aber wir erhalten alles wieder retour und neue Stempel sind auch in den Pässen.  Etwas auf die Nerven gehen uns anfangs auch unsere ständigen Besucher mit ihren Einbäumen, die an der Bootswand kleben, in den für sie unvorstellbaren Luxus schauen, und einfach irgendetwas haben wollen, von Seilen über Schreibblock und Kugelschreiber, sie brauchen alles. Wir bedauern, dass wir nicht ausreichend Schulhefte für die Kinder mitgenommen haben (Schule kostet hier Schulgeld, aber alle wollen lernen und sich weiterbilden um später eine Chance zu haben, was für ein Unterschied zu daheim, wo die Schule ein notwendiges Übel ist, hier sind sie stolz darauf in die Schule gehen zu dürfen, die Jugendlichen sprechen überwiegend neben französisch auch englisch und sogar ein wenig spanisch), das wären schöne Geschenke die wir gerne hergeben würden.

Letztendlich gewöhnen wir uns an unsere jugendlichen Begleiter, plaudern mit Ihnen und erfahren wie sie hier so leben, welchem Onkel welches Segelkanu gehört und wer den Einbaum aus dem Mango-Stamm geschnitzt hat, und wir beginnen einen regen Tauschhandel und beschenken die Freundlichen (für manche sind es wohl reiche Ostergeschenke). Wir haben keine Dollars mehr und trennen uns von alten Leinen, ausgedienten Taucherbrillen, unseren alten Schwimmwesten, einem alten Handy fürs Heimatmuseum, Handy-Ladegeräten, Frisbee, Ohrenstöpsel, Schirmkappen, aber auch dem Orangensaft aus Martinique im Austausch gegen den Fang der Fischer, Trinknüsse und einige strahlende Boat-Boy-Gesichter.

Wir werden von eingetauschten Lobstern überschwemmt, ich koche die Krustentiere sofort und bald freuen sich neun fein säuberlich ausgelöste Lobster-Schwänze darauf, am Abend  Hauptdarsteller bei den Spaghetti di Mare zu werden, am nächsten Tag wird die frische Ladung von Tadeja zu Langusten-Curry verarbeitet, wir kochen für den Tag auf See vor und auch ins Tiefkühlfach wandert etwas. Wie üblich essen wir bescheiden und gesund, lokal, saisonal und günstig J

Mark, unser persönlicher jugendlicher Guide, führt uns durch sein Dorf, die hübschen windschiefen Häuser sind bunt, sauber und von kleinen Gärten umgeben, manche richtig schön gepflegt, zwischen den Häusern laufen zottelige Schweine, Hühner, Ziegen, Schafe und auch ausgerissene Maultiere herum, Pferde und Kühe weiden auf der Alm über dem Dorf, nur die Palmen passen für die Bergidylle nicht so gut ins Bild. Wir sind überrascht, dass der übliche Müll nicht herumliegt, der wird wohl außer Sichtweite entsorgt. Als wir dann eine Wanderung über die Bergkuppe machen und auf der anderen Seite zum Meer gelangen, da stehen wir plötzlich in einer anderen Welt – ein unglaublich schöner Traumstrand mit einem gepflegten kleinen Feriendorf, Hubschrauber-Landeplatz und einer Handvoll käseweißer Badenden, welch ein Kontrast, damit haben wir nicht gerechnet. Am Abend kommen unsere Freunde und Handelspartner sich noch verabschieden und mit Sonnenaufgang geht es dann weiter Richtung Jamaica.

 

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Dominikanische Republik

Wollte ich die Dominikanische Republik mit ein paar Worten umschreiben, fällt mir zunächst ‚das Leben berühren‘ und ‚mit Mensch und Tier auf Tuchfühlung gehen‘ ein; dann lebensfrohe Menschen, die oft sehr wenig besitzen, seltene Touristen und trotzdem Bestechungsgelder, bizarre Natur und wundersame Tierwelt. Und dass ein freundliches Lächeln alle Tore öffnet…

Nach einer erschöpfenden schaukeligen Nacht- und Tagfahrt legen wir am Zollpier im völlig ruhigen Wasser der Marina Boca Chica an. Wir dürfen erst von Bord, nachdem streng dreinblickende Zollbeamte wieder von Bord gegangen sind, die zwar freundlich, aber bestimmt alle Geheimfächer durchstöbert und sich wieder getrollt haben. Als Zeichen ihrer Macht haben sie sich ihre schweren Militärschuhe natürlich nicht ausgezogen. Grrr…

Schon am selben Abend bekommen wir Besuch von Sabine und Thomas aus der Heimat. Kaum angekommen, bekommen sie die unfeinen Seiten dieses Landes zu spüren – ein Auffahrunfall mit ihrem Montagsmietwagen, zwar ohne Personenschaden, dafür mit Fahrerflucht (die Polizeiberichtbeschaffung war eine wahre Odyssee!), Rückspiegeldiebstahl am Parkplatz vor dem Hotel, wieder Polizeibericht, und dann noch ein Verkehrspolizist, der sie beschuldigt, bei Rot über die Kreuzung gehfahren zu sein und ihnen erst nach Bezahlen einer saftigen Propinita (zu Deutsch: Bakschisch) weiterfahren lässt…

Dafür sind wir von der Marina und ihrem beschwingten, hilfsbereiten Team richtiggehend begeistert, außerdem ist sie wunderschön hinter einem langgezogenen Riff gelegen, wobei man fast das Gefühl hat, in einer Bucht zu liegen. Hier können wir unser Schiff ruhigen Gewissens zurücklassen, während wir das Land erkunden.

Weil wir wie die Einheimischen reisen wollen, besteigen wir den Bus zur Hauptstadt Santo Domingo, ein sogar im Innenraum kunterbuntes Gefährt in blau, pink und gelb – als einzige Weiße eingepfercht unter lauter Einheimischen – Herbert hat es wahrscheinlich gefallen, war er doch von lauter jungen Mädchen umringt! Die koloniale Altstadt ist klein aber bezaubernd, und wir lassen uns treiben. Den Zoo und den botanischen Garten teilen wir uns auf – jeder für sich nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Dieser Zoo ist eine 8 ha großen Naturanlage – die Tiere haben hier wirklich viel Platz, und können sich auf dem Gelände teilweise völlig frei bewegen. Noch nie haben wir Flusspferden in die Nasenlöcher geschaut, noch nie ist mir ein Straußenvogel mit aufgepustetem Gefieder Modell gestanden, habe ich Affen zwischen exotischen Enten nach Lust und Laune herumlaufen sehen. Ein schwarzer Panther sieht mir aus fünfzig Metern Entfernung lange direkt in die Augen, während sich Dromedare, Bisons und Büffel weniger beeindruckt geben, und auch die Flamingos lassen sich bei ihren Nachbars-Streitereien nicht von uns stören. Für die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulkrokodile und bestimmte Leguane gibt es hier sogar eine Aufzuchtstation.

Den tierischen Höhepunkt aber erleben wir mit den Walen in der freien Natur. Schon das Taxi besorgen wird zum Abenteuer. Eigentlich hätte es uns zugestellt werden sollen, stattdessen werden wir abgeholt und irgendwohin gefahren, ohne vorher Sabine und Thomas Bescheid geben zu können. Dort erfahren wir den Grund – die Versicherungspapiere sind leider an genau diesem Tag zu Mittag abgelaufen, ein Junge mit einem Moped sei schon unterwegs. Dabei wird es schon dunkel! Nach anderthalb Stunden ist der Papierkram endlich erledigt und wir finden sogar auf Anhieb die Marina wieder. So auf Anhieb geht es am nächsten Morgen leider nicht – gleich am Anfang übersehe ich den winzigen Wegweiser und damit die Ausfahrt von der Autobahn nach Samana, immerhin wegen der Wale eines der größten Tourismuszentren der Insel! Das bedeutet einen Umweg von einer halben Stunde. Wir haben ja genügend Puffer! Uups – noch einmal daneben – es wäre doch durch die Unterführung gegangen! Beim dritten Anlauf machen wir noch einmal einen ungewollten Abstecher durch eine Barackensiedlung über Feldwege, als wären sie für eine Endurostrecke präpariert – endlich auf der richtigen Straße, nur ist jetzt der Puffer weg! Wir rasen durch den Regen von der Süd- auf die Nordseite der Insel, wo das Walbeobachtungboot nur noch auf uns viere wartet. Wie schön, dass es hier auf ein bisschen Warten eben nicht ankommt!

Jedes Jahr geschieht hier ein Wunder – alle Buckelwale der nördlichen Halbkugel kommen zur Paarungszeit in die Bucht von Samana, was uns Gelegenheit gibt, sie hautnah zu beobachten. Mit einem umsichtigen Forschungsteam werden wir zu ihnen hinausgefahren. Trotz Regen und Riesenwellen, was die Sichtung natürlich behindert, haben wir das Glück, auf eine Mutter mit ihrem Walbaby zu stoßen, das gerade in bester Spiel- und Springlaune ist – direkt vor uns hechtet es mit seinen rosa Flossenarmen ein paarmal aus dem Wasser und lässt sich mit einem großen ‚Platsch!‘ auf den Rücken fallen. Die Mutter ist immer in der Nähe und wuchtet ihren massigen Rücken beim Atemholen aus dem Wasser. In Spannung halten wir unseren Blick aufs Wasser gebannt, um den nächsten Blas, wodurch sie geortet werden, nicht zu versäumen. So nah an diese Urzeitriesen heranzufühlen, erfüllt uns irgendwie mit Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur!

Den Kopf voller Eindrücke der farbenprächtigen Natur, mit dem Nachgeschmack eines feinen Gourmet-Abendessens im Mund und den Kofferraum gefüllt mit buntem frischem Obst und Gemüse und fangfrischem Fisch, den uns Fischer direkt am Strand mit viel Geschick filetiert haben, verlassen wir Samana wieder.

Der Bürokratie aber entkommen wir in diesem Land nicht, nicht einmal per Schiff. Bevor wir die Marina verlassen, werden wir noch einmal inspiziert und sanft darauf hingewiesen, dass ein kleines Regalito (Geschenklein) für die mühevolle Arbeit angebracht wäre. Na gut, er kriegt einen kleinen Rum, so restlos zufrieden ist er aber nicht. Pech gehabt! Außerdem braucht man ein Despacho – eine Genehmigung zur Befahrung der inländischen Gewässer. Die gilt aber nur bis zum nächsten Zielort, den man natürlich angeben muss. Kaum ankert man arglos vor einem Dörfchen, tauchen am Strand von irgendwoher uniformierte Beamte, die einen heranwinken, das Despacho mitnehmen und versprechen, dass man vor der Abfahrt nur zu ihrem Büro kommen muss, und schon bekommt man ein Neues ausgestellt. Das erste Mal sind wir sehr misstrauisch, aber es blieb uns nichts Anderes übrig. Wir können es kaum fassen, tatsächlich geht alles glatt! Bis zum nächsten Ankerplatz, und bis zum nächsten! Wir lernen eine Menge Beamte und Büroräumlichkeiten, die an einen Rohbau erinnern, kennen, wo alles bis auf den Stempel händisch in linkischer Schreibweise und mit unendlich viel Zeit erledigt wird. Dafür kümmert sich der Beamte aber auch darum, dass wir zum Beispiel frischen Fisch vom Fischer nebenan bekommen und jemand Obst mit dem Mofa für uns holt. Mit der einen Hand auf der Lenkstange, in der anderen einen schweren Bund Bananen händigt er ihn uns übers ganze Gesicht strahlend aus. A su orden – immer zu ihrer Verfügung!

Zwischendurch ein Dünenspaziergang in den Salinen, wo uns heißer Sand die Fußsohlen verbrennt, windgeschützte Buchten, deren Stille nur durch unser Gespräch gestört wird und Vögel, die unser Schiff umkreisen.

In Barahona, dem letzten gemeinsamen Ankerplatz empfangen uns die Beamten gleich zu viert, und alle wollen sie auf unser Schiff mit unserem Dinghy gekarrt werden – sie haben eigentlich nirgendwo ein eigenes Boot. Wozu auch?! Ivan vom Passamt, der Hauptorganisator, sichert gleich mal für alle ein Bier – aus unserem Kühlschrank. Na gut. Ja, der Ausflug zum Lago Enriquilla – das geht halt auch nur über ihn – irgendwer borgt ihm sein Auto, fahren und kassieren tut er. Die anfängliche Schärfe weicht langsam von ihm, je länger wir uns unterhalten. Meine Spanischkenntnisse zeigen wieder einmal ihre bahnbrechende Wirkung – und das Programm für die nächsten und gleichzeitig letzten gemeinsamen Tage steht fest. Noch dazu darf er Sabine und Thomas zum Flughafen bringen. Alles in allem kann er sich über einen guten Zusatzverdienst freuen.

Der Lago Enriquillo ist ein Salzsee und liegt 40 m unter dem Meeresspiegel. Vor einigen Jahren begann der Wasserspiegel aus unbekannten Gründen zu steigen an, überschwemmte fruchtbares Land und die angrenzenden Dörfer. Die Menschen mussten umgesiedelt werden und sich eine neue Lebensgrundlage suchen. Das Wasser zieht sich seit 2013 zwar wieder langsam zurück, doch hat der hohe Salzgehalt – gleich dreimal so salzig wie das Meer – die Reis- und Getreidefelder, die Bananenplantagen und Gärten verwüstet. Jetzt starren nur noch salzweiße Baumreste bizarr aus dem See, so dass man meinen könnte, die zauberhafte Märchenwelt der Schneekönigin betreten zu haben. Unter der Wasseroberfläche leben an die 400 vom Aussterben bedrohte Spitzmaul-Salzwasserkrokodile, die über 4m lang werden können. Mit einem Boot werden wir zu ihrem bevorzugten Rückzugsgebiet gefahren und erblicken hie und da die herausgestreckte Nase des Urreptils. An Land lebt ein anderes urzeitliches Drachenwesen, der Leguan – sie lassen sich von uns füttern und kommen zu fünft, zu sechst auf einen halben Meter heran, um ein Stück Brot zu ergattern. Da kann man sich an ihnen einmal so richtig sattsehen.

Für den nächsten Tag stehen die Minen des Larimar am Programm. Hier im nahegelegenen La Florentina befindet sich die weltweit einzige Abbaustätte des hellblauen Halbedelsteins. Für Sabine und mich ein Muss – und Ivan muss etwas überlegen, wie er uns in dieses unwegsame und Gefahren bergende Gebiet bringen soll. Am Fuß des Berges steigen wir um in einen ziemlich verbrauchten allradgetriebenen Pick-up und werden gemeinsam mit ein paar Arbeitern die holprige, unbefestigte, steinige und staubige steil ansteigende Straße durch sieben Klimazonen hindurch zu den Einstiegsstollen am Berg gebracht. Immer wieder werden wir von jungen Burschen auf ihrem tagtäglichen Weg zur Arbeit auf ihren Mopeds überholt, die zu zweit wie Endurofahrer mit den Straßenlöchern und dem Staub ringen – nicht auszudenken, wie es während der Regenzeit hier zugehen mag. Mitten in einem Arbeitsdorf, das aus wackeligen Blechhütten besteht, hie und da mit einer Feuerstelle, auf der schwarze Töpfe erhitzt werden, steigen wir von der Ladefläche. Wo sind wir hier gelandet?! Wie im Film aus einem anderen Jahrhundert! Überall stehen junge Burschen herum, die auf ihre Schicht warten, manchmal mit einer verstaubten Bohrmaschine, manchmal nur mit einem Hackeisen ausgestattet, hie und da bringen sie schwitzend eine Scheibtruhe voll Abbruch aus den Tiefen ans Tageslicht. Es gibt eigentlich keinen Strom und kein Fließwasser, die Stollen aber, in denen gerade gearbeitet wird, werden durch Generatoren mit Licht und Luft versorgt. Lange Rohre führen in die zwischen fünfzig und hundertfünfzig Meter tiefen Schächte hinab – der Blick lässt uns erschauern. Die Arbeiter werden nur an einer Schlaufe befestigt in die notdürftig befestigten und sehr engen Schächte hinuntergelassen, wo der Larimar aus dem Gestein gehauen wird. Sie arbeiten in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt und werden nach der geförderten Menge entlohnt – und zwar allein des Larimars, der erst aus dem Muttergestein herausgelöst werden muss. Ein paar lausige Pesos kriegen die Burschen für die Ungewissheit, wieviel des kostbaren Minerals sie heute heraufbefördern werden und ob sie überhaupt aus dem Stollen zurückkommen. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle, die Schächte brechen ein, und die darin Eingeschlossenen sind dem Tod preisgegeben. Wir kommen uns vor wie im Mittelalter. Sogar Ivan ist erschüttert.

Wir lassen unseren letzten gemeinsamen Abend bei Thunfisch-Steaks mit geröstetem Sesam ausklingen. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen – aber nur bis zum Sommer!

Wir beide beschließen, für unsere letzten 800 Pesos einkaufen zu gehen – schon bald stehen wir vor der Obst- und Gemüsestraße – Mensch und Ware sind zum Teil am Boden drapiert, zum Teil dienen einfache und windschiefe Holzgestelle als Stand. Das Obst und Gemüse ist ansprechend und für das wenige Geld erstehen wir so viel, dass wir es gerade noch tragen können – die nächsten Tage sind kulinarisch gerettet!

Dafür werden uns beim Ausklarieren noch einmal 20 $ abgeknöpft, für die wir nur widerwillig und unter Androhung der Embajada (Botschaft) – angeblich das einzige, wovor sie sich fürchten – eine Rechnung ausgestellt bekommen, sonst wäre das Geld unbemerkt in irgendeinem Hosensack verschwunden. Alles nur ein freundliches Spiel – oder?

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Mona Passage

Wir genießen noch die außergewöhnlich schönen Ankerplätze an der Südküste Puerto Ricos, zauberhafte ruhige Winkel hinter riesigen Riffen, zwischen den Mangroven in seichtem türkisblauen Wasser. Eine nächtliche Expedition führt uns mit dem Dinghi bei schwarzer Dunkelheit in die Bahia Fosforescente. Myriaden an leuchtenden Einzellern wohnen dort und schalten ihre kleinen Positionslichter ein, als wir durch die engen Mangrovenarme paddeln. Tadeja wagt sich ins Wasser und schwimmt, von einer leuchtenden Aura umgeben, durch die magische Nacht.  Hier würden wir gerne noch einige Zeit bleiben, Puerto Rico hat uns in seinen Bann gezogen, aber wir bekommen Gäste in der Dominikanischen Republik und müssen weiter.

Zwischen den beiden großen Inseln Puerto Rico und Hispaniola (Dom Rep und Haiti) liegt eine 80 Seemeilen breite Meerenge, die Mona Passage. In der Mitte befindet sich die Insel Mona, ein schachtelförmiges flaches Eiland, auch Galapagos der Karibik genannt. Und rundherum pflegt hier das Wetter und das Meer verrückt zu spielen, starke Strömungen aus allen Richtungen, schwere Böen und hoher Seegang. Der Passat sucht sich hier seinen Weg zwischen den beiden Landmassen, der Seegang kommt von Norden und Süden in die Passage, und die hohen Berge Puerto Ricos sorgen für die zusätzliche Würze durch die Fallwinde.  Wir drehen und wenden den Wetterbericht, aber es gibt anscheinend keinen Tag, der für uns wirklich gut passt, der sowieso schon kräftige Passat wird noch einmal kurz zulegen und dann soll es plötzlich für einige Tage schwachwindig werden. Die ersten Meilen wird der Wind durch die Abdeckung Puerto Ricos sowieso nicht über 12 Knoten gehen, für uns zu wenig wenn er achterlich kommt, dafür aber weiter draußen in der Nacht und am nächsten Tag kräftig zulegen. Wir entscheiden uns also noch am späten Abend abzulegen, um 2200 gehen wir Anker auf und motoren in die schwarze Nacht. Der Wind weht nach Plan, aber dem Seegang ist das völlig egal, kaum sind wir aus der Abdeckung der Bucht, bauen sich Wellenberge auf, aus allen Richtungen stürzen sie auf uns ein und spielen mit der kleinen KALI MERA Fußball.  Wellenmannschaft Süd versucht sie möglichst weit in den Norden hinaufzutreiben, Wellenmannschaft Nord gibt ihr – wo sie sie nur erwischen kann – einen Tritt nach Süden und zu allem Überfluss kommen dann auch noch Mitspieler von Osten aufs Spielfeld, um ihr ein Bein zu stellen, wenn sie einmal wieder in Fahrt kommt. Wir werden durchgeschüttelt, Tadeja zieht in die Lotsenkoje im Salon und ich polstere mir den Cockpit-Boden aus und verklemme mich dort.  Im Schiff ist alles bestens gesichert, dennoch kracht und scheppert es in den Schapps und dummerweise auch im Kühlschrank, dieser kocht sich sogar selbstständig Eintopf aus seinen Innereien. Beim Aufputzen der Sauerei mitten in der Hochschaubahn ist dann mein seeganggewohnter Magen beleidigt. Als nach Mitternacht der Wind auf 25 Knoten zunimmt, wird zwar der Seegang noch ungemütlicher, aber die KALI MERA stabilisiert sich ohne Motor mit der großen Genua. Bei hohen Wellen und achterlichem Wind brauchen wir einfach ausreichend Vortrieb, damit das Segel nicht einklappt und sich mit einem lauten Schnalzen wieder entfaltet, wenn uns eine Welle stark seitlich ablenkt. Um dieses Schlagen zu vermeiden (da zieht es mich nämlich jedesmal so richtig zusammen, als ob ich selbst eine Ohrfeige bekommen hätte) kreuzen wir dann meistens auf raumen Kurs vor dem Wind, das ist zwar etwas weiter, schont aber das Schiff und uns.

Diese Nacht bekommen wir so gut wie keinen Schlaf, manchmal dösen wir in der Pause zwischen zwei Waschprogrammen kurz ein, aber spätestens beim Schleudergang sind wir wieder voll da. Am nächsten Tag rauscht die Angel aus, ein riesiger Mahi Mahi ist am Haken, ein wunderschöner leuchtend goldschimmernder Fisch, gut 20 Minuten kämpfe ich um ihn ans Schiff zu bringen, als er dann endlich nur noch einige Meter entfernt ist macht er noch einen großen Sprung, reißt den Haken aus und ist wieder in Freiheit (und in meinem Kopf klappt sich das Kochbuch wieder zu, aber am Tag darauf hüpft und ein schöner Thun ins Boot und alles ist wieder ok).  Als wir uns dann gegen Mittag der Süd-Ost-Spitze der DR nähern wird der Wellengang homogener, die Kreuzwelle ist vorbei und es ist noch ein sehr entspannter Segelnachmittag, nach dem Kap bei der Insel Saona kommen wir sogar ins ruhige Wasser und sausen auf halbem Wind mit über neun Knoten dahin. Die KALI MERA scheint sich über diesen Abschlussgalopp richtig zu freuen und gibt noch einmal richtig Gas, das Ächzen, Krachen, Stöhnen und Schlagen ist verschwunden, ruhig zischen wir mit guter Krängung durchs Wasser und lassen einen langen, in der Abendsonne glitzernden, Gischtstreifen hinter uns, ein Hochgenuss. Dann fällt der Anker vor der Palmenküste Saonas in der Dominikanischen Republik und wir holen den versäumten Schlaf nach.

 

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Tulipan Bäume, ferne Galaxien und ein Jeep

Wo sollen wir anfangen, dieses spannende Land zu entdecken?! Die Panorama-Route, die Hauptstadt San Juan, die Berge, den Regenwald, den Osten, den Westen, den Norden und Süden wollen wir sehen!

Das Schiff liegt sicher im Hafen, die Wäsche ist gewaschen, die Rucksäcke sind gepackt und der Jeep steht bereit.

Nichts wie los, quer durch die Mitte über die Panorama-Route – aber nicht ohne Finger auf der Landkarte, denn es gibt so gut wie keine Wegweiser, die Straßen sind hier alle nummeriert, führen alle paar Kilometer eine neue Zahl wie etwa 219, 167, 899, 6899, dann wieder 104.  Ohne Lupe findet man sich in diesem Dschungel unmöglich zurecht!

Die Panorama-Route hat ihren Namen verdient – die Augen gehen uns über von all dem Grün, den mächtigen Bäumen, den mit roten Blütenblättern übersäten Straßen. Die stammen von meinem Lieblingsbaum, dem African Tulipan. Sein glatter Stamm wächst hoch hinaus über den Regenwald und bildet oben eine breite Blätterkrone, von der große rote oder weich-orange tulpenförmige Blüten ihre Kelche senkrecht der Sonne entgegenstrecken und den Horizont rot färben.

Dann wieder verdichtet sich der Regenwald und die 15 Meter langen Bambusrohre bilden, in dicken Bündeln über der Straße zueinander gebeugt, einen grünen Domgiebel, durch den wir hindurchfahren; manchmal sind sie auch mit den Stromkabeln verwoben, an denen in kleinen Büscheln Orchideen vor sich hinwachsen; an anderen Stellen verhängen seildicke Lianen, die von uralten verwunschenen Bäumen baumeln, die Straße.

Dort, wo die Straßen eng werden, versprechen sie Abenteuer – über Serpentinen geht es steil nach oben, so steil, dass man meint, hintüberzukippen – manchmal müssen wir, um der Landkarte (und Herbert mir in der Rolle des Navigators) wieder vertrauen zu können, auch fragen, ob dieser Weg denn auch tatsächlich wo hinführt oder mitten im Himmel endet – und unsere Waghalsigkeit wird jedes Mal wieder belohnt. Es begegnen uns zwar nur wenige Autos, aber nicht dass wir meinten, die Straße gehörte uns allein, oh nein, auch Hunde, stolze Hähne mit ihrem Hennenharem, Rinder, Pferde und Leguane benutzen sie für ihre Alltagserledigungen – meist in unübersichtlichen Kurven…

Am Charko Azul (= blaue Pfütze) legen wir eine Pause ein. Die nach amerikanischer Manier sehr gepflegte Campinganlage um den kleinen See herum eignet sich gut, um die Reste von der gestrigen immer noch wunderbar duftenden Gemüsepfanne zu verzehren. Übernachten wollen wir in Barranquitas, dem Geburtsort des Nationalhelden Luis Muños Marín – auf das nette Zimmer mit Aussicht müssen wir allerdings etwas warten (und wir waren zum Trost nicht die Einzigen) – der sich in Nichts aufgelöste Besitzer kam erst mit einigen Stunden Verspätung mit dem Schlüssel daher. Das Panorama war tatsächlich umwerfend – und es war kalt wie es sich für richtiges Bergklima gehörte. Weil hungrig, machen wir uns auf Essenssuche – und finden, auf Empfehlung natürlich – das schlechteste lokal ever – EL Mofongo!!! Leider ungenießbar – dann schon lieber unsere mitgebrachten Käsebrötchen im Hotelzimmer.

Nach dieser Überdosis Natur zieht es uns in die Hauptstadt der Insel. Im Nu hat uns die Stadt in ihren Bann gezogen. Die von den Spaniern 1521 gegründete Altstadt San Juan Viejo, eingebettet zwischen den zwei Festungen El Morro und San Cristobal und dem Atlantik, sozusagen uneinnehmbar, bezaubert uns durch seine pastellfarbigen kleinen Palazzos, die an Italien und Spanien erinnern, alles ist sauber, gediegen, harmonisch – eine einzige wundervolle Komposition. Herbert liebt es, im romantischen Schatten der Regenwaldriesen, die das Stadtbild eindrucksvoll mitprägen, ein Weilchen zu lesen, während es mich in die Museen mit moderner als auch 500 Jahre alter Kunst zieht.

Den Höhepunkt unserer Erkundungstour bildet die Festung El Morro, die uns mit ihrer einzigartigen Lage mit voller Kraft fühlen lässt, wie sehr wir die Kultur und Ästhetik vermissen, die bei uns zu Hause so selbstverständlich ist, dass wir sie gar nicht mehr richtig wahrnehmen und sogar davor in die Natur fliehen. Wir beide, da sind wir uns ausnahmsweise einig, brauchen beides!  Nachdem wir das weitläufige Gelände und alle 6 Etagen der Festung brav abgegangen sind, haben wir uns einen herrlichen starken Kaffee verdient.

Die Menschen hier sind – wieder einmal – sehr anders als auf den Inseln bisher. Wohl amerikanisch beeinflusst – Puerto Rico gehört tatsächlich zu Amerika – sind sie überaus freundlich, entgegenkommend, betriebsam wie bei uns – die sonst so typische Lässigkeit fehlt völlig, der Tag beginnt nicht allzu spät und endet in den frühen Abendstunden – um 10 Uhr ist die Altstadt San Juan Viejo schon wie ausgestorben. Wir finden um neun gerade noch etwas zu essen – zum dritten Mal ein Mofongo (ein Nationalgericht aus Kochbananen kombiniert beispielsweise, wie hier, mit Garnelen) – das beste bisher.

Nach einem weiteren Wandertag durch die Stadt und zwei Tagen Hotelzimmer haben wir genug und beschließen, die Ausflüge vom Schiff aus zu unternehmen. Spät abends erreichen wir unser zu Hause – müde und voller Eindrücke lassen wir uns in die Betten fallen – wie gern wir unsere kuschelige Kali Mera haben!

Ein besonderes Highlight war der Besuch des Observatoriums von Arecibo. Es hat das größte feststehende Radioteleskop der Welt und einen Parabolspiegel von 300 m Durchmesser, der mitten in das Hochland Puerto Ricos eingegossen ist. Da ist sonst nichts. Von der Plattform aus bietet sich uns eine grandiose Aussicht auf das freischwebende Empfangs- und Sendesystem. Von hier aus sendet die Erde auch Botschaften, um eventuell existierendes Leben außerhalb unserer Hemisphäre auf uns aufmerksam zu machen. Man meint, zwischen Universen zu stehen und jeden Augenblick in Kontakt mit dem Weltall treten zu können – für mich ein Symbol für die Realisierung von Visionen und Träumen, das eine magische Anziehungskraft auf mich ausübt und ich mich vom Anblick kaum lösen kann. Alle Kinder von Puerto Rico werden im Laufe ihrer Schulzeit hierhergeführt und während der Führung dazu angeregt, Träume zu haben, große Träume zu haben – und dazu einen erfahrenen Lehrmeister, der ihnen bei der Umsetzung zur Seite steht! Hier wurden auch die Filme Golden Eye mit James Bond und der Film Contact mit Judy Foster gedreht.

Unsere Monstertour durch Puerto Rico führt uns weiter in die Höhlenwelt der Cuevas de Camuy, die von den Tainos, der hiesigen Urbevölkerung, als rituelle Plätze genutzt wurden. Für die Hintergrundmusik mit hohen Pfeiftönen zeichneten Coquis, winzige braune Regenwaldrösche verantwortlich. Von den Tainos sind auch andere Zeremonienplätze mit wiedererrichteten Ballspielplätzen und gravierten Steinen erhalten geblieben und natürlich von uns besichtigt worden. Auch die Kaffeeplantagensuche erwies sich, wie schon berichtet, als erfolgreich. Wenn es dunkel wird, kehren wir zur Kali Mera zurück und starten jeden neuen Tag von dort aus. Weil wir immer neue Straßen suchen, brauchen wir dann zum Beispiel zum Canyon San Cristobal anstatt der veranschlagten zwei gleich fünf Stunden. Wie haben sie diese Wahnsinnstrassen gebaut, die fast senkrecht hinauf bis zu den höchsten Berglandschaften Puerto Ricos führen? Wir wollen schon fast umdrehen, doch ermutigt durch seltene entgegenkommende Autos führen uns diese engsten und steilsten Straßen (wenn sie sich so nennen dürfen) durch Landschaften und an Orte, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen. Oben angekommen bleiben wir stehen, das Land liegt vor uns ausgebreitet, sanfte Hügel auf über 1000 m Höhe, der Blick wandert scheinbar ins Unendliche, und die Seele will ihm nach! Auf die Anhöhe kommt man nur zu Fuß – ein dort ansäßiger pensionierter Polizist erlaubt uns, durch sein Grundstück zu gehen und gibt mir noch dazu eine Führung in Nutzpflanzenkunde – die ich leider nicht mehr wiedergeben kann. Die Menschen bauen sich hier große Häuser, pflegen und bewirtschaften das Land und fahren von dort in die umliegenden Städte zur Arbeit.

Wir müssen uns losreißen, sonst kommen wir nie an – wir sind schon seit Stunden unterwegs – doch wie heißt es doch so schön – der Weg ist das Ziel.

Da liegt doch Guavate am Weg, der Ort, der für sein köstlichstes Lechon bekannt geworden ist – an so einem Spanferkel kann Herbert nicht vorbei! Für mich bleiben immer noch die spannenden landestypischen Beilagen – und den Flan kann ich mir dann auch nicht verbeißen. Danach geht die Jagd nach einem unbedingt notwendigen Nachmittagskaffee los. Unverständlich, dass die ihren Kaffee bis nach Wien und Paris verschiffen, wo er als der beste weltweit gilt, ihn selbst aber nicht zubereiten können – außer bei den Kaffeeplantagen selbst. Kaffee? Nein, den gibt´s hier nicht! Fündig werden wir durch meinen weiblichen Weitwinkelobjektiv-Blick, in einer Kurve streift die Espresso Werbung einer Bäckerei meine Wahrnehmungsrezeptoren…

Endlich beim Canyon – aber wo ist er nur? Diesmal erhalten wir von mehreren Menschen eine ähnliche Wegbeschreibung (das ist in Puerto Rico gar nicht selbstverständlich, Auskunft kriegt man zwar immer, doch hat sie im seltensten Fall etwas mit der Frage zu tun). Herbert wäre schon fast umgekehrt, denn der Weg wurde uns als so gefährlich beschrieben, dass sich überhängende Felsen und unwegsames Gelände vor unserem geistigen Auge materialisierten, doch letzten Endes findet mein Pfadfinder nach mehrfachen Versuchen den Weg in die Schlucht. Tatsächlich führte ein Karottenzwergwegelchen in die Tiefe, und die gefährlichen Steine entpuppten sich als ein ausgetrocknetes Flussbett, das ohne Schwierigkeiten zu begehen war – wir waren völlig allein – und über uns 300m senkrecht aufragende Felsen!

Wir haben auch die heißen Quellen Baños de Coamo gefunden – angeblich der Jungbrunnen des Ponce de Leon (für Eingeweihte: siehe Fluch der Karibik, Teil 4)! Zwei Zwergenpools, nicht größer als der vierte Teil des Heißbeckens in Kehida (Herberts ungarischer Lieblingsgarkochtopf für Menschenfleisch), in denen sich die einheimischen Gäste noch zur Abendstunde wie Sardinen drängten! Ein vielsagender Blick genügte – das wäre zu viel der Liebe! Also rein in den Jeep und nach Hause unter die Dusche!

Zum krönenden Abschluss unserer Landreise haben wir die Besteigung des Pico de Yunque, den höchsten Berg, mitten im Regenwald des El Yunque Nationalpark erwählt, knappe 1100m hoch. Natürlich fängt es zu regnen an, anfangs sporadisch, doch schon bald steigen wir durch einen Dauerregen nach oben. Die Wassermengen im Regenwald vermehren sich in kürzester Zeit ums vielfache und Wasser rinnt nun in Bächen über die Wege, von den Bäumen und über die Felsen. Nasser konnte es sowieso nicht mehr werden, also halten wir durch und kommen wieder einmal völlig durchnässt zurück. Aber auch richtiggehend energetisiert – denn um nicht zu erfrieren, sieht man uns auf dem Rückweg im Laufschritt durch den Regenwald springen und hüpfen!

Am nächsten Tag verlassen wir die Marina und nehmen Kurs auf die Insel Vieques, Punta Arena. Obwohl es uns ordentlich hin und her rollt, trinken wir unseren original puertoricanischen Kaffee mit Kuchen. Über Sandgrund und glasklarem Wasser lassen wir den Anker fallen. Es ist völlig ruhig, der starke Wind der letzten Tage lässt nach, und auch wir können uns fallen und die Eindrücke der letzten Tage in uns nachwirken lassen.

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Espresso auf Puerto Rico

Wir sind im Land der Kaffeebohne. Puerto Rico hat eine großartige Geschichte als Lieferant exklusiver Hochland Kaffee-Sorten, hier wurde der feinste Kaffee für Europas Kaffeefreunde angebaut, geröstet und verschifft. Der Reichtum Puerto Ricos war auch auf dieses Exportgut zurückzuführen, große Haciendas mit gediegenen Herrenhäusern und riesigen Anbauflächen bestimmten das Landschaftsbild, und Kaffee wurde mit Stil und Können zubereitet und genossen (das war aber vor dem spanisch-amerikanischen Krieg, in dem Ende des 19. Jahrhunderts die vereinigten Staaten sich Puerto Rico einheimsten und es danach mit Mc Donalds, KFC, Wendys und Burger King sowie amerikanischer Kaffee-Kultur überschwemmten).

Als große Verehrer dieses Getränkes steht für uns natürlich eine Entdeckungsreise zu den Anbaugebieten am Reiseplan, quer durch diese traumhafte Landschaft führt uns unsere Route, die Berge präsentieren sich im grünen Kleid, es gibt alle vorstellbaren Schattierungen von Grün, Bananen wachsen auf der Alm neben Kokospalmen, Papayas, Mandarinenbäumen und natürlich auch Kaffee-Sträuchern.

Voller Vorfreude auf einen würzigen Espresso direkt vom Winzer brechen wir schon ganz in der Früh auf, unseren morgendlichen Koffeinbedarf wollen wir schon beim Erzeuger decken (wie ja schon allgemein bekannt braucht Tadeja für die gute Laune einen dazu passenden Kaffee, und wehe es gibt keinen). Nachdem dann die Fahrt viel länger wird als gedacht, müssen wir einen Notstop einlegen und versuchen ein „landestypisches Frühstück“ beim Burger-King (auf der Werbetafel war „Espresso Puerto Rico“ zu lesen), es gab mit Ei und Rindfleisch gefüllte Croissants, dazu in Altöl frittierte künstliche Erdäpfel und „Espresso“.  Der Kaffee (doppelter Espresso!) wurde in Plastikbechern serviert, mit Deckel und Strohhalm (!!!), und war absolut grauenhaft. Eine bräunliche fade Suppe, Kaffee D30, mit Milchpulver, ein Guantanamo würdiges Attentat auf die verwöhnten Kafferezeptoren von Tadeja, eine unmenschliche Grausamkeit. Aber so leicht gibt sich Tadeja bei wirklich wichtigen Dingen nicht geschlagen, da wird gekämpft, auch wenn es scheinbar ein Kampf gegen Windmühlen ist, dagegen war der alte Don Quichote ein blutiger Anfänger. Der Kaffee wird zurückgebracht und umgetauscht (und zwar mehrfach), erst der dritte Kaffee, der von dem bemitleidenswerten Burger-King-Mädel dann nach exakten Anweisungen Tadejas hergestellt wird, findet Gnade. Es ist Tadeja anscheinend gelungen, binnen fünf Minuten die 119 Jahre amerikanische „Besatzung“ – zumindest was das Kaffee-Brauen betrifft – wieder einigermaßen rückgängig zu machen.  Nicht viel besser ist es später den netten Bediensteten einer kleinen Konditorei mitten im Bergland ergangen, diese mussten für den Fehler, auf einem Plakat „Espresso“ anzubieten, ebenfalls büßen und bekamen von Tadeja eine ordentliche Nachschulung verpasst. Der dritte Versuch war auch dort dann zumindest schon trinkbar (wenn man vom obligatorischem Styropor-Becher absieht, es ist so als wenn die Winzer im Burgenland beim Heurigen den Wein nur noch im Wegwerf Plastik ausschenken würden).

Trotz aller Rückschläge dieser Art gibt es dann doch noch ein Happy End – wir besuchen im Hochland eine Hacienda, die für den selbst angebauten Kaffee weithin bekannt ist, und genießen im netten „Gastgarten“ gleich neben den Kaffeebüschen einen wunderbaren frischen Espresso, vollmundig, perfekt zubereitet und so geschmackvoll, dass wir gleich zwei Kilo Kaffee erwerben und wie einen Schatz zurück zur KALI MERA bringen. Mitten in der Plantage sitzen, großartigen Kaffee trinken und dabei den Blick über die wunderschöne Landschaft streichen zu lassen, das entschädigt für so manchen heimtückischen Versuch uns braunes Abwaschwasser Americano zu servieren. Letztendlich setzt sich doch das Gute in der Welt durch…

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St. Martin bis Puerto Rico

Nachdem Denisa und Gerhard wieder nach Österreich zurückgeflogen sind machen wir uns daran, die KALI MERA für die Weiterreise vorzubereiten. St. Martin ist der Yacht Konsumtempel der Karibik, hier gibt es (fast) alles an Ausrüstung was man sich vorstellen kann. Island Waterworld und Budget Marine haben hier ihre Zentralen und weitere Yacht-Shops gibt es an jeder Ecke.  Wir decken uns hier mit diversen Ersatzteilen ein, die wir in abgelegeneren Teilen der Welt wohl nicht mehr erhalten können, und auch wenn es nur immer Kleinigkeiten sind, müssen wir aufpassen, dass die Boardkasse nicht ein Loch bekommt. Warum muss alles nur dreimal so teuer sein wenn man es auf einer Yacht einbauen kann? Aber mit etwas Herumsuchen finden wir manche Teile auch im normalen „Autozubehörhandel“ zu leistbaren Preisen. Als einzige Großinvestition kaufen wir uns ein neues Ultralight Dinghi, Aluminiumboden und Hypalon Schläuche (wir erhalten einen Sonderpreis weil wir darauf verzichten unser altes einzutauschen, es wird dann beim Second Hand Shop versetzt) und unseren Reserve-Außenborder erwerben Gabi und Michael von der LA JOYA, auch sie haben beim Dinghi Händler zugeschlagen und sausen nun im gleichen Modell wie wir herum.  Endlich können wir die 10 PS voll auskosten ohne dass wir Angst haben, dass es den Motor-Spiegel ausreißt, so eine Freude!  Die Abende verbringen wir mit den Crews der SEVEN SEAS und der LA JOYA, es ist eine gemütliche Zeit in der Marigot Bay. Als der Wind etwas auffrischt und die Überfahrt zu den British Virgin Islands (BVI) günstig ist, brechen wir auf, wir treffen uns dort mit Christina und Hanns, unsere neue „Crew-Ergänzung“. Zu viert tingeln wir durch die BVIs, dann geht es weiter in die US Virgin Islands und von dort wieder zu zweit weiter nach Puerto Rico.  Die Virgin Islands sind landschaftlich wunderschön, traumhafte Buchten mit türkisem Wasser und trotz der vielen Charteryachten und Bojen finden wir überall schöne Ankerplätze, obwohl uns der intensive Chartertourismus fast etwas zu viel ist, es ist ein St. Anton mit Wasserskiern und wir bleiben daher nur einige Tage dort.

Nachdem wir kein US Visum hatten mussten wir mit einem Trick in die Vereinigten Staaten einreisen, zuerst einmal „Inselhopping“ mit der Fähre von den BVIs in die USVIs (von Tortola nach St. John) und damit als Tagestouristen in die USA einreisen, mit dem dabei erworbenen Einreisestempel können wir dann auch mit der KALI MERA drei Monate lang ganz offiziell die USA besuchen. Mit der Aktion haben wir viel Geld gespart, weil wir das teure amerikanische Visum in Wien nicht erwerben mussten (Vorsprechen bei der Botschaft, Pass für einige Zeit abgeben, viele 100 Euro zahlen…). Hätte ich im Geographie-Unterricht besser aufgepasst, dann hätte ich gewusst, dass Puerto Rico zu den USA gehört (zumindest so gut wie) und uns das Visum daheim besorgt, so mussten wir halt improvisieren und sind damit letztendlich sogar besser gefahren. Jedenfalls hat uns Puerto Rico nun offiziell aufgenommen, und wir haben uns in die Marina Puerto del Rey gelegt damit die KALI MERA sicher liegt, während wir jetzt mit dem gemieteten Jeep das Land erkunden (bisher sind wir ja ausschließlich an Ankerplätzen gelegen, ist einmal eine ganz neue Erfahrung so in einer Marina sein, mit Duschen und dem ganzen unnötigen Luxus…).  Ein neues Karibik-Kapitel beginnt für uns, voller Vorfreude stürzen wir uns auf die großen Antillen!

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Unter Wasser

Von St. Kitts bis Saint Martin begleiten uns Denisa und Gerhard, die KALI MERA hat Besuch. Gerhard hat vor einigen Jahren bereits einen Tauchkurs gemacht und will sein Können wieder auffrischen, und damit ihm nicht langweilig dabei wird machen wir alle mit. Einmal „Schnuppertauchen“, und um Tadeja und mich ist es geschehen, wir machen das „Open Water Diver“ Zertifikat. Die Tauchschule ist in der Simpson Bay im niederländischen Teil der Insel, täglich fahren wir also mit dem Dinghi durch die Lagune die unglaubliche Distanz von Frankreich nach Holland und wieder zurück. Mit Demian, unserem niederländischen Tauchlehrer, haben wir Glück, mit genauso viel Humor wie Können bringt er uns Theorie und Praxis bei, wir üben im kühlen Schwimmbecken zwei Stunden lang die einzelnen „Manöver“ bis wir vor Kälte zittern, weitergeübt wird dann an der Küste und im offenen Meer und letztendlich schaffen wir sogar die Prüfung 🙂 . Ein wunderbarer Tauchgang führt uns für 45 Minuten zu einem Wrack auf 20 Meter Tiefe, Haie umkreisen uns, Schildkröten, Langusten, Rochen und große Barrakudas tauchen mit uns und wir gleiten schwerelos mitten durch riesige bunte Fisch-Schwärme, ein lang gehegter Traum ist Wirklichkeit geworden.

 

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Ankern

Zwischenzeitlich sind wir in St. Martin angekommen, unserem Absprungpunkt in die BVIs, ab jetzt geht es wieder nach Westen und die Fahrt Richtung Nordpol ist zu Ende. Nevis, Saint Kitts und Stachia haben wir im Kielwasser gelassen, die örtlichen Vulkane bestiegen, ruhige Ankerplätze genossen und von den wirklich rolligen sind wir am nächsten Tag ohne Frühstück geflüchtet (einen ruhigen Ankerplatz, einen ruhigen Ankerplatz, ein Königreich für einen ruhigen Ankerplatz!!!…). Ankern ist das Fundament unserer Bequemlichkeit, erst wenn der Anker richtig sitzt und hält, die Nachbarn in sicherer Entfernung sind und das Meer rund um uns sich einsichtig und friedlich verhält kommen wir wirklich an. Grund genug ein paar Worte übers Ankern zu verlieren…

Ich denke zurück an Deshaies, einen kleinen Ort im Nordwesten von Guadeloupe. In der hübschen und gut geschützten Bucht ist eine ganze Armada verankert, hier kanalisiert sich der ganze Yacht-Verkehr, der von Antigua oder Montserrat nach Süden geht oder von Süden hinauf zu den östlichen Inseln Antigua / Barbuda oder – so wie wir – westlich nach Montserrat weitergehen. Hier wird auf den passenden Wind gewartet, die Umgebung ist malerisch und das Warten daher gar nicht so schlecht.

Aber wenn in einer kleinen Bucht sehr viele Jachten zusammenkommen dann gibt es auch immer ein wenig Aufregung – es wird nämlich auf engem Raum geankert. Das Ankern alleine ist noch nicht so spannend, – die regelmäßige Winddrehung hier in der Bucht mit ganz annehmbaren Böen ist erst das Salz in der Suppe, weil dann ist Tohuwabohu wenn die Anker nicht halten. Ankern ist eigentlich ganz einfach, wenn man ein paar Grundregeln befolgt – nachfolgend skizziere ich den Ablauf (ziemlich vereinfacht, immerhin werden zu diesem Thema ganze Bücher geschrieben, aber ein wenig Theorie schadet manchmal nicht):

  1. Man sucht sich einen Platz mit Sandgrund und einer Wassertiefe von 5 bis 10 Meter auf dem noch kein anderer Anker in unmittelbarer Nähe (so ca. zwei Schiffslängen sollten die Anker doch voneinander entfernt sein) ist. Rundherum muss ausreichend Platz zum Schwojen (so nennt man das, wenn der drehende Wind das Schiff in alle Richtungen um den Anker herumtreibt) sein.
  2. Dann fährt man gegen den Wind zu dem ausgesuchten Flecken hin, bleibt stehen und wirft dann den Anker (lässt ihn mit der Ankerwinch elektrisch ins Meer gleiten, auch wenn die echten Seebären der sommerlichen Adria jetzt entsetzt aufschreien werden – es muss doch nach alter Marine-Tradition die Kettennuss gelockert werden und der Anker ungebremst in die Tiefe rasseln und nicht elektrisch viel zu langsam nach unten zuckeln…).
  3. Bei langsamer Rückwärtsfahrt wird – abhängig von der Wassertiefe – Kette gegeben (ungefähr fünfmal die Wassertiefe, je nach Bedingungen auch etwas weniger oder mehr), sachte fährt man dann den Anker ein, damit er sich schön eingräbt. Wenn die Kette spannt, wird ordentlich Gas rückwärts gegeben und wenn dann weder die Kette ruckelt noch das Schiff fährt dann hat man gewonnen.
  4. Hierauf wird der Anker abgetaucht um zu prüfen, ob er sich auch wirklich eingegraben hat (das heimtückische Ding häuft manchmal auch nur Seegras unter sich auf und tut so als würde es halten, nur um dann bei der zweiten oder dritten Bö, wenn der Skipper schon siegessicher von Board gegangen ist, den Halt zu verlieren)
  5. Ist bisher alles nach Plan gelaufen, dann wird nun noch eine Entlastungsleine von den Bugklampen zur Kette gelegt, als Ruckdämpfer, damit die Gäste in der Bugkabine nicht von der krachenden Kette um den Schlaf gebracht werden und nicht zuletzt zum Schutz der Ankerwinch, die die ständige Belastung gar nicht mag.
  6. Hurra! Manöver geglückt, jetzt wird das vorher rechtzeitig dafür eingekühlte Bier geöffnet

Und so einfach das auch erscheint, bei jedem der Schritte können eine Reihe von Fehlern gemacht werden, wobei Nummer Sechs im Regelfall von allen einwandfrei durchgeführt wird. Folgende Anker-Archetypen können aus langjähriger Beobachtung herausgearbeitet werden, wobei die National-Flagge des ankernden Schiffes die Einteilung in einzelne Gefahrengruppen deutlich erleichtert.

Am wenigsten für Aufregung und Unterhaltung sorgen Schiffe mit Rot-Weiß-Roter oder deutscher Flagge. Hier wird im Regelfall alles genau so gemacht wie dies oben beschrieben wurde, nur dass bei Mitgliedern der Gebirgsmarine der militärische Drill etwas zu wünschen übrig lässt, hier sind uns unsere nord-westlichen Nachbarn etwas voraus, auch durch Hochtechnologie wie Wechselsprechanlagen über Funk zwischen dem Kapitän am Steuer und seiner Crew am Anker, aber die Resultate sind in beiden Fällen normalerweise voll zufriedenstellend.

Interessanter wird es bei Schiffen mit englischer Flagge, hier ist die Streuung relativ breit, vom fein behuteten Gentleman in heller Leinen-Montur auf seiner Megayacht, der wie Admiral Nelson persönlich mit ruhiger Hand alles perfekt macht, bis zum uralten Pärchen auf einem Schiff, das schon die Hochblüte der britischen Kolonialisierung miterlebt hat, die betagten Herrschaften haben dem Schreckgespenst des Altersheims schon vor einem Jahrzehnt durch Flucht auf die Yacht ein Schnippchen geschlagen haben und nehmen es mit den vorgeschriebenen Abläufen nicht mehr so genau. Bekommt man einen Engländer als Nachbar, da heißt es aufpassen die Situation korrekt einschätzen und entscheiden ob man

  • sich beruhigt in die Hängematte legen kann
  • sich für einen Kampf rüsten soll
  • oder am besten Hals über Kopf die Flucht ergreift

Kürzlich noch hatten wir hier falsch reagiert, die Besatzung der schmucken englischen Yacht hat Punkt Eins und Drei missachtet, den Anker zu nahe an unserem geworfen, zu wenig Kette gegeben und hat sich dann an Land in die Strandbar verholt. Wir hätten sofort fliehen müssen! Bei der ersten Winddrehung sind die beiden unbemannten Schiffe dann ungewollt längsseits gegangen und hätte nicht der Franz von der BRIGHT STAR mit seinem Dinghi so beherzt eingegriffen dann wäre wohl auch Schaden entstanden (den Champagner hast Du Dir redlich verdient – Danke Franz!).

Amerikanische Schiffe sind meisten ausgezeichnet ausgerüstet, haben ein imposantes Ankergeschirr und Skipper, die die Manöver mit herausragender Professionalität durchführen. Auch wenn die oben angeführten sechs Punkte nicht eingehalten werden, hat man dennoch den Eindruck, genauso wie man es soeben gesehen hatte sollte es eigentlich ablaufen. Ruhig und bestimmt, mit der Überzeugung, dass ein Amerikaner sowohl Anker als auch Ankerwinch, Kette, Ruder, Motor, Schiff und das ganze Universum erfunden hat, werden die nötigen Handgriffe getätigt. Geht die Yacht dann auf Drift oder verkeilt sich mit dem Ankergeschirr im Heckkorb des bemitleidenswerten Nachbarn, dann ist das für den US Captain überhaupt nicht akzeptabel, nirgendwo steht auf mit Hinweistafeln bestückten Bojen geschrieben „Attention – Danger – Please make sure that you have 35 meters (~115 feet) of chain out and the anchor has digged deep into the sand. Otherwise your boat might slip. This instruction may contain pieces of peanuts“. Es ist unverantwortlich hier nicht korrekt informiert zu werden, eigentlich sollten die anderen Ankerlieger (auf eigene Kosten natürlich) rundherum eine Mauer bauen oder es sollte ein Kollisionsverbot für nicht amerikanische Yachten erlassen werden. Die letzten beiden Yachten, die wir eigenmächtig durch die Bucht herumstreunen sahen, hatten eine (große) amerikanische Flagge (die Yacht SHERIC, die wir in Dominica „gerettet“ haben, ist zwischenzeitlich übrigens verschwunden ohne uns Versicherungsinformationen für den erlittenen Schaden zu übermitteln oder diesen sonstwie zu begleichen…).

Am meisten Freude machen aber die Franzosen. Hier sind in fröhlicher Buntheit alle Varianten von „so mach ich es besser nicht“ vorhanden. Der Klassiker ist folgender – das Schiff steuert völlig zielsicher einen Platz an, den der Skipper vorher wohl mit einem Vergrößerungsglas betrachtet hat – weil von ausreichend Platz zum Schwojen kann man gar nichts erkennen. Dann wird – ohne zu stoppen und noch ordentlich in Fahrt, voller Begeisterung der alte rostige Anker an seiner Leine (Leinen sind billiger als Ketten, und nachdem man Ankerketten nicht isst braucht man dafür auch kein Geld auszugeben. Dass man beim Ankern mit Leinen noch viel genauer darauf achten muss, nichts falsch zu machen, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung) ins Wasser versenkt. Leinenlänge nach Gefühl – besser nicht zu viel, man weiß ja nie, und dann schnurstracks ins Dinghi um frisches Baguette in der Bäckerei zu bekommen. Das Schiff soll sich in der Zwischenzeit um sich selbst kümmern, soll sich halt einmal erholen und dann zur Ruhe kommen – ein gut erzogenes französisches Schiff zerrt nicht an seiner Leine, das steht wie ein Westernpferd an einem Fleck, bis man ihm wieder erlaubt sich zu bewegen. Kommt der Kapitän dann ein, zwei Stunden später wieder zu seiner besegelten Rosinante (die sich in der Zwischenzeit auf die Suche nach besseren Weideplätzen gemacht hat) dann werden die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, Worte des französischen Erstaunes geflötet und dann wird Wein und Käse ausgepackt um den Schrecken standesgemäß zu verarbeiten. Geht eine Yacht auf Drift, dann ist es normalerweise eine französische (obwohl … die letzten beiden …).

Neben den bisher genannten Nationalitäten sind hier nur noch Kanadier in kategorisierbar großer Zahl zugegen, aber die verhielten sich beim Ankern bisher unauffällig, keine Besonderheiten, die uns den Blutdruck höher schnellen lassen, wenn in der Nähe das vertrauten Rasseln einer Ankerkette erklingt und sich darüber ein rotes Ahornblatt wölbt.

Wenn es besonders eng wird, dann hängen wir eine Ankerboje an unseren Anker, einen kleinen roten Ball, der jedem anzeigt, wo sich unser Anker befindet. Das erleichtert es den Haltsuchenden natürlich enorm, den richtigen Platz zu wählen und erhöht damit unseren Komfort und unsere Sicherheit. Aber auch das kann nach hinten losgehen, drei von unseren Freunden (einem Österreicher und zwei Deutschen, andere Nationen verwenden keine Ankerbojen) ist es bereits passiert, dass eine andere Yacht einfach an der Ankerboje festgemacht hat, im guten Glauben es handle sich dabei um eine Muring-Tonne zum Befestigen des Schiffes. Wie man auf die Idee kommen kann, sich mit einem 15 Tonnen Schiff an einen Spielball mit einer 3 mm starke Nylon-Leine zu hängen und dabei noch glaubt, man sei sicher befestigt, das entzieht sich meinem Verständnis. Allerdings – wenn ich über die Wahlergebnisse diverser Präsidentenwahlen nachdenke, dann wundere ich mich über die Ankerbojenfestmacher auch nicht mehr so…

Wenn ich nun mein „Einkasteln“ und „Lästern“ beende will ich auch noch sagen, dass der überwiegende Teil der Fahrtensegler rücksichtsvoll ist, das seemännische Handwerk ordentlich beherrscht und es angenehme Anker-Nachbarn sind, hilfsbereit und liebenswert. Die paar Ausnahmen sind auch zu etwas gut, sie geben Stoff für mein Geschreibsel, sorgen für Abwechslung und sind die notwendigen Hauptdarsteller im Hafenkino. Außerdem denke ich manchmal zurück an das grässliche Quietschen durch das ich in Griechenland frühmorgens aufgewacht bin, als der Heckkorb unseres Schiffs am Bugkorb eines gemütlichen Bayern gescheuert hat, wir hatten in den Nacht unseren Anker zu nahe bei seinem geworfen…

Abschließend kann ich noch den natürlichen gemeinsamen Feind aller segelnden Ankerlieger sämtlicher Nationen beschreiben – nein, nicht den Wind oder den Seegang, die Motorbootfahrer sind es, die Testosteron-strotzenden Gasgeber auf ihren schreienden und heulenden Ungetümen, die im ruhigsten Ankerplatz schon Vollgas geben müssen, damit auch ausreichend Publikum zum Bewundern vorhanden ist, die riesige krachende Wellen aufwerfen und die friedliche Ankerlieger schrecklich zum Rollen bringen. Wenn die wüssten, mit welchen Koseworten sich unsere Bewunderung ausdrückt, oder dass ich schon aus Wachs und kleinen Wrackteilen eine Motorbootfahrer-Puppe gebastelt und die Nadeln in Position gebracht habe…

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