Fahrt zu den Kapverden

Wir brechen am späteren Nachmittag in St. Cruz auf, nachdem wir vorher noch ausklariert, Obst und Gemüse eingekauft, das Schiff für die erste große Überfahrt vorbereitet und sämtliche Verabschiedungen erledigt haben. Bill und Judy kommen zum Steg und winken zum Abschied, der nächste Treff wird wohl in der Karibik sein, die beiden werden Anfang Jänner mit Jimmy Cornell nach St. Lucia aufbrechen.

Das riesige Hafenbecken ist völlig ruhig, aber kaum haben wir die Einfahrt passiert gibt es hohe Wellen, die KALI MERA schaukelt fürchterlich und stampft von einer Welle in die nächste. Es ist starker konstanter Wind angesagt, aber zwischen Teneriffa und Gran Canaria bläst es schwach und kommt – so scheint es – aus allen Richtungen gleichzeitig. Es gibt eine unangenehme Kreuzsee und wir kämpfen uns das erste Stück unter Motor nach Süden.  Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verlassen wir die Abdeckung der Insel, der Wind wird stark und der Seegang grob, eine schnelle Achterbahnfahrt, die mehrere Tage andauern wird, beginnt. Wir sausen mit acht Knoten Fahrt nach Süden, werden durchgeschüttelt und haben interessanterweise einige Zeit gar keinen Appetit.

In den Kojen werden die Lee-Bretter eingehängt damit man nicht aus dem Bett katapultiert wird und der Großteil des Tages wird horizontal verbracht, der Körper muss sich an das ständige Auf und Ab  und Hin und Her erst gewöhnen, der Magen möchte möglichst in Ruhe gelassen werden und überhaupt ist es gar nicht so wie man sich einen entspannenden Segeltag vorstellt. Ich kann mir die Frage – warum ich mir das eigentlich antun musste – nicht verkneifen.

Von Beginn weg herrscht eine gewisse Boardroutine, täglich werden ein Positionsreport über SSB abgesetzt, Grib Files für das Wetter heruntergeladen und über email (per Kurzwellenfunk) mit der Außenwelt Kontakt gehalten. Der kurze Aufenthalt vor dem Funkgerät führt anfangs schon zu einem Aufstand in der Magengegend, aber nach einigen Tagen wird nicht nur der Wind sondern auch die latente Übelkeit schwächer und plötzlich wacht man in der Früh auf und hat Hunger, Hurra! Am vierten Tag hat sich der Körper an die schaukelnde Umgebung gewöhnt und das Reisen wird endlich wieder zum Genuss, es gibt nun das nötige Joghurt zum Frühstück und frischgekochtes Essen zu  Mittag.  Am vierten Tag wird die Schleppangel aktiviert und am Abend beißt eine Gold-Dorade, ca 75 cm lang und einige Kilo schwer, die nächsten zwei Tage gibt es köstlichen Fisch zu Mittag.

Wind und Seegang flauen weiter ab und die Amel-Passatbesegelung wird aktiviert, mit den beiden ausgebaumten symetrischen Vorsegeln ziehen wir eine ruhige Bahn durch das tiefblaue Meer, wir segeln fast so schnell wie der achterliche Wind und es ist ein großer Genuss. Die Nächte sind magisch, durch den Neumond sieht man ein unvorstellbares Sternengefunkel mit einer Sternschnuppe nach der anderen. Wir sind völlig alleine weit draußen auf dem Ozean, die ganze Reise kommt kein anderes Schiff in Sicht, rund um uns nur Wasser (von den Kanaren zu den Kapverden geht es ca. 1.700 km nach Südwesten, beinahe eine halbe Atlantikquerung), aber es kommt nicht das Gefühl auf alleine zu sein. Unser Schiff ist ein eigener Mikrokosmos mitten in den endlosen blauen Wellen, eine autarke kleine Welt, die durch das Ozean-All fliegt (… getragen von vier Elefanten die jeweils auf einer Schildkröte sitzen…).

Nach sieben Tagen und Nächten auf See taucht in der Früh die Insel Sal am Horizont auf, eine Schule Delphine begrüßt uns und spielt eine Zeit lang mit der KALI MERA, elegant tanzen sie in der Bugwelle.  Zwei Stunden später ankern wir im gut geschützten Hafen von Palmeira zwischen knapp 30 anderen Yachten. Der erste Versuch einzuklarieren scheitert, es ist kein Verantwortlicher mehr im Büro (der freundliche junge Polizist, der eigentlich genau dort sitzt wo auch Polizei – bei der wir uns ja melden müssen – draufsteht , empfindet sich jedenfalls selbst nicht als Verantwortlicher. Die Bürozeiten fürs Einklarieren werden zwar mit 08:00 – 16:00 angegeben, aber damit nimmt man es nicht so genau. Eine gute Zeit sei von 08:00 – 11:00 werden wir aufgeklärt, und wir könnten ja in Ruhe morgen alles erledigen (intuitiv spüre ich, dass „morgen“ ein wichtiges Wort wird und lerne damit mein erstes portugiesisches Vokabel, das ich dann auch gleich schon mehrfach verwenden kann).  Ich denke dass man hier als Berater für Zeitmanagement viel lernen könnte und dann ganz innovative Reorganisationsprojekte in unseren Büros durchführen müsste. Dieses ganze „pünktlich bei Meetings erscheinen“, „etwas bis heute end of business fertig machen“, „effizient und effektiv sein“ könnte man als Palmeira-zertifizierter Zeitberater sofort abschaffen, die „Morgen-Ideologie einführen“ und dann interessiert abwarten, was sich daraus entwickelt.  Große Gelassenheit zeichnet die Menschen hier aus, viele sitzen auf der Strasse vor den kleinen schuhschachtelförmigen  Häusern und plaudern, sortieren irgendetwas, verkaufen irgendetwas oder machen irgendetwas oder auch irgendetwas nicht. Viele Hunde gibt es, richtige liebeswürdige Straßenköter die mit den Kindern spielen oder in der Sonne liegen, bellen dürfte etwas zu viel Energie benötigen also sind sie leise.  Auf der Suche nach einer Bank werden wir mit größter afrikanischer Freundlichkeit in zwei entgegengesetze Richtungen gleichzeitig geschickt, aber auch der dann plötzlich in einem „Industrie-Block“ auftauchende Bankomat hat gerade Siesta. Internet gibt es natürlich, aber das dazugehörende Lokal hat erst morgen wieder geöffnet, und ohne Lokal dann doch kein Internet.  Palmeira besteht eigentlich nur aus ein paar Straßen und ein paar Häusern, ein paar Kiosks und ein paar undefinierbaren Gebäuden. Es ist auf den ersten Blick so trostlos, dass man am liebsten sofort einen Film drehen möchte um die grandiose Stimmung einzufangen. Es gibt hier eigentlich nichts, und zwar so ein intensives Nichts dass es fast schon Ähnlichkeiten mit einem schwarzen Loch hat, ich kann mir gut vorstellen dass es sich ganz plötzlich, ohne dass man es merkt (außer es knallt dabei wegen irgendwelcher Naturgesetze), auflöst und nur die graubraune trostlose Gegend hinterlässt. Und dennoch liegen hier eine Menge Yachten auch für längere Zeit (manche anscheinend schon so lange dass man sich nicht mehr ganz sicher sein kann ob es nicht vielleicht gar nicht um ein Boot sondern um so eine eine Art Schwimmkoralle oder Riesenseegurke handelt), so als ob man wieder einmal eine Zeit lang da bleiben muss um die Atmosphäre eines Ortes richtig aufnehmen zu können und dann auch schön zu finden. Ich bleibe hier nun jedenfalls bis Tadeja in drei Tagen nachkommt und freu mich dass der Platz ruhig und geschützt ist. Der Anker ist fest eingegraben, es ist schön warm, die Proviantkisten sind voll, das Bier ist eingekühlt, der spanische Wein im „Keller“ temperiert und da kann nun kommen was will, Hurra und Willkommen Capo Verde …

Überfahrt Capo Verde, Passatsegel

Überfahrt Capo Verde, Passatsegel

Überfahrt Capo Verde, Mittagessen

Überfahrt Capo Verde, Mittagessen

Überfahrt Capo Verde, Hausmusik

Überfahrt Capo Verde, Hausmusik

Überfahrt Capo Verde, Sal Sonnenuntergang

Überfahrt Capo Verde, Sal Sonnenuntergang

Überfahrt Capo Verde, Sal

Überfahrt Capo Verde, Sal

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2 Responses to Fahrt zu den Kapverden

  1. Helmut Dalik sagt:

    Lieber Herbert,
    Deine Beschreibung dieser ersten langen Überfahrt lässt mich schon beim Lesen seekrank werden. Damit weiß ich einmal mehr, warum ich mir das nicht antun wollte!
    Allerdings erkenne ich auch die Schönheit der Lebenserfahrung in ihrer Einmaligkeit und Bereicherung. Lifemusik mit Geige und Ziehharmonika an Bord scheint mir alledings schon etwas zu viel Luxus.
    Ich hoffe, Tadeja kommt gut an und ich wünsche Euch friedliche Festtage.
    Umarmung,
    Helmut

    • herbert sagt:

      Lieber helmut, tadeja ist wohlbehalten angekommen, die kali mera und ich haben wieder eine boardfrau. Die überfahrt war auch wunderschön und ein besonderes erlebnis. Vor der nächsten – etwas längeren etappe – habe ich zwar Respekt aber keine angst, der Atlantik ist berechenbarer als das mittelmeer. Wir wünschen euch frohe festtage! Alles liebe, tadeja znd herbert

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