Fes

Wir wollen mehr von Marokko, packen also unsere Rucksäcke und steigen in die gar nicht hierher-passen-wollende hochmoderne und sehr saubere Tram zum Bahnhof von Rabat. Nach einer angenehmen Zugfahrt bringt uns ein Taxi bis zur alten Stadtmauer der Medina, denn innerhalb sind nur Esel als Beförderungsmittel erlaubt – es würde ein Auto aber auch schwerlich hindurchpassen. Wohin jetzt? Unsere Ratlosigkeit wird bemerkt, noch ehe sie uns selbst bewusst wird, und schon hat uns ein hilfsbereiter Wegsucher gefunden (im wahrsten Sinne des Wortes), der uns im flotten Tempo dreimal die Medina im Kreis führt, bis er uns im Gewirr der neuntausend Gässchen an unser Ziel bringt. Fes hat uns regelrecht aufgesogen, und wir genießen es vom ersten Augenblick an!

Unsere Unterkunft erweist sich als ein Palast aus 1001-er Nacht – ein märchenhaftes Riad, eines der vielen meist von Ausländern renovierten alten Herrschaftshäuser mit Innenhofgärten. Hinter unscheinbaren Mauern liegen ungeahnte Schätze verborgen, die in Staunen versetzen – bunte mit Mosaik geschmückte Böden und Stuckaturen an den Wänden, reich verzierte Fensterläden und vorgewölbte Haremsfenster, durch die die Frauen ungesehen das Treiben auf den Straßen beobachten konnten – gemütlich ist es aber nicht!

Umso gemütlicher unser stimmungsvolles und köstliches Abendessen inmitten einer grünen Oase, mit kunstvoll gestaltetem Hausbrunnen und allerlei museumswürdigen Einrichtungsgegenständen.

Nach einem ultra-verwöhn-wahnsinns-bauchvollstopf-Frühstück sind wir reif, uns unter der Führung von Samira Fes einzuverleiben. Die verwinkelten Gassen winden sich bergauf und bergab, zeigen sich in buntem Gewand oder kahl und tonlos, verschwinden manchmal im Nirgendwo und geben Pracht unmittelbar neben Armut preis. Unsere Riechorgane erleben wahre Geruchskaskaden – duftende Gewürze wechseln sich mit Gestank nach rohen Tierfellen (unvorstellbar!) ab, herber Kamelfleischgeruch weht uns entgegen, ein von oben baumelnder Kamelkopf mit langen Wimpern weist unmissverständlich auf die Quelle hin, Eselsdung und Katzenpisse wetteifern mit süßem Weihrauch und türkischem Honig.

Wir dürfen einen Schritt in einen Kindergarten oder eine Art Vorschule tun, sechs Kinder sitzen mit verschränkten Armen vor der Lehrerin und sagen einstimmig Koranverse oder Poesie auf – und für den Besuch wird gleich ein begeistertes „Bruder Jakob“ auf Marokkanisch angestimmt.

Wir werfen verstohlene Blicke in für Nicht-Muslime verbotene Moscheen, auch die prachtvoll verzierte älteste Koranschule und Universität aus dem 9. Jh. ist nur bis zum Vorhof zugänglich.

Dafür darf man sich die Gerberei und das dazugehörende Ledergeschäft nach Herzenslust zu Gemüte führen, was leider trotz mitgelieferter „Gasmaske“ (ein Minzezweig) nur beschränkt möglich ist – es stinkt bestialisch!

Der angeblich letzte verhutzelte Bearbeiter von Horn – inzwischen lieben alle Marokkaner Plastik – wird uns vorgeführt, wir bewundern teuren Berberschmuck und filigrane Holzarbeiten mit Kamelknochenintarsien, während zwischen unseren Füssen streunende Katzen in Miniformat hindurchhuschen.

Metallisches Klopfen kündigt schon von Weitem das Viertel der Kupfertreiber an – wunderschön glänzendes Kochgeschirr – zu unserem Glück fehlt weder die Geschicklichkeit der Teppichweberin mit den geschwinden Fingern, noch die Hochzeitsmöbel aus weiß und gold getünchtem Zedernholz, weder Kaftane und Dschellabas in allen Farben und Ausführungen, noch Arganöl und Kajalpulver – und noch ganz viel Tand und Ramsch, an dem nur die Packesel unbeeindruckt vorbeitrotten, kurz, ein perfekter Basar!

Den Abend verbringen wir mit Geschichtenhören in einem literarischen Kaffeehaus, vorgetragen von einem echten Geschichtenerzähler und seinem epischen Nachwuchs. Obwohl die Geschichten teilweise auf Arabisch erzählt werden, nehmen sie die Zuhörer gefangen und zaubern allen, ob jung oder alt, staunende Kinderaugen ins Gesicht.

Der Heimweg durch das nächtliche Fes hat eine eigentümliche Stimmung – kaum noch Frauen in den Straßen, dafür jede Menge lärmender Kinder, alte bettelnde Männer und geschäfteschließende Händler – die Nebengassen, durch die wir unser Riad suchen müssen, sind dunkel und verlassen; obwohl Gastfreundschaft in Marokko hoch geschrieben steht, hoffen wir, dass es auch nachts noch so ist.

Am nächsten Tag steht das jüdische Viertel am Programm – wir haben es uns anders vorgestellt! An den einstigen Wohlstand erinnert nur noch die Fassade mit den zierlich geschnitzten Balkonen. Viele Juden sind schon vor langer Zeit ausgewandert, und der Bezirk außerhalb der Stadtmauern wirkt etwas heruntergekommen, mit Ausnahme des darin prangenden Palastgebäudes, das mit den umliegenden Gärten 80 ha für sich beansprucht. Bewundert werden darf nur das riesige, schwere, fest verschlossene und bewachte Messingtor. Als wir Unwissenden über den gepflasterten Platz auf die andere Seite spazieren wollen, werden wir von der Wache energisch zurückgepfiffen.

Wir schaffen noch die Besichtigung des ganz in weiß getünchten jüdischen Friedhofs und der Parkanlage vor dem blauen Tor – dann knickt mein Captain ein – ein Virus hat ihn erwischt. Während er schwitzend im Bett das Fieber von innen bekämpft, gönne ich mir ein paar heiße Stunden im marokkanischen Hamam – ich werde geschrubbt, mit Eukalyptusseife geputzt und mit duftendem Orangenblütenöl eingelassen und durchgewalkt – ein herrliches Antifoulingprogramm!

Zum Auskurieren beschließen wir, wieder aufs Schiff zurückzukehren und Marrakesch in ein paar Tagen von dort aus zu besuchen.

Fes, Agavenseide

Fes, Agavenseide

Fes, müder Vorreiter

Fes, müder Vorreiter

Fes, Schule

Fes, Schule

Fes, Schuhe, Schuhe, Schuhe ...

Fes, Schuhe, Schuhe, Schuhe …

Fes, Gerberei, schrecklicher Gestank

Fes, Gerberei, schrecklicher Gestank

Fes, gegerbt wird mit Taubendreck

Fes, gegerbt wird mit Taubendreck

Fes, Kamel am Markt

Fes, Kamel am Markt

Fes, Gemüsestand

Fes, Gemüsestand

Fes, Kupfertreiber

Fes, Kupfertreiber

Fes, Moschee

Fes, Moschee

Fes, Koranschule, natürlich nur für Männer

Fes, Koranschule, natürlich nur für Männer

Fes, Frühstücksgarten im Riad

Fes, Frühstücksgarten im Riad

Fes, Blick vom Cafe Clock

Fes, Blick vom Cafe Clock

Fes, Märchenerzähler im Cafe Clock

Fes, Märchenerzähler im Cafe Clock

Fes, künstlerisches Stilleben mit Vogel, Dachterasse und Satellitenschüssel vor der Medina

Fes, künstlerisches Stilleben mit Vogel, Dachterasse und Satellitenschüssel vor der Medina

Fes, Blick von der Riad Terasse über die Medina

Fes, Blick von der Riad Terasse über die Medina

Fes, Judenviertel

Fes, Judenviertel

Fes, jüdischer Friedhof

Fes, jüdischer Friedhof

Fes, Park außerhalb der Medina

Fes, Park außerhalb der Medina

Fes, Königspalast

Fes, Königspalast

Fes, traditionelle Linsensuppe

Fes, traditionelle Linsensuppe

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3 Responses to Fes

  1. Daniel Frey sagt:

    Hi hi, Massage als „Antifoulingprogramm“… grossartig!

    Und gute Besserung an „Deinen Captain“.

    Liebe Grüsse – Daniel

    PS: Die Wantenspanner gehen heute raus.

  2. Helmut Dalik sagt:

    den Besserungswünschen schließe ich mich an.
    Wer je eine Gerberei oder Färberei gesehen/gerochen hat, der weiß gar nicht mehr, was sie/er anziehen soll…
    Liebe Tadeja, Lieber Herbert,
    ich genieße wöchentlich Euch zu begleiten. Marokko ist offensichtlich eine Reise wert- muß ja nicht mit dem Schiff sein…?
    Umarmung,
    Helmut

    • herbert sagt:

      Lieber helmut, bin wieder topfit, danke für die wünsche. Ja, marokko ist eine reise wert, können wir Euch sehr empfehlen, ist sogar viel bequemer mit dem flugzeug 🙂 . Wir hoffen es geht Euch gut in der Heimat, es wird wohl schon sehr herbstlich sein. LG an alle, herbert

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