Nachtfahrten

Meine erste Nachtfahrt wird dunkel und mondlos sein!

Ich bin aufgeregt, meine Sinne sind hellwach, ich stehe auf den Zehenspitzen und spähe in die Nacht hinaus, in der nichts als dunkles Schwarz zu sehen ist. Die Nacht macht mich wach, ich bin nicht müde. Die Auf- und Abbewegungen des Schiffs wirken gemildert, verschwimmen in der Kontourlosigkeit. Nichts als Meer rund um uns, kein Land in Sicht, nicht nur, weil es Nacht ist! Nur ein einziges Mal kommt uns ein Schiff entgegen – geisterhaft werden die Lichter immer größer, ohne dass man erkennen kann, wie nah es wirklich ist. Lange Zeit scheint es, als würde es direkt auf uns zu fahren, unsere Kursänderungen nachvollziehen, uns verfolgen. Ein Schiff in Seenot? Warum steuert es immer wieder auf uns zu? Vielleicht Piraten, die unser Schiff entern wollen?! Die Phantasie schlägt Kapriolen, bis sich abzeichnet, dass das Segelschiff in deutlicher Entfernung an uns vorüberziehen wird, dorthin, wo wir hergekommen sind. Irgendwann löst Herbert mich ab, und als ich aufwache, zeichnet sich bereits die Küste Italiens am Horizont ab.

Die nächsten zwei Nachtfahrten stehen bevor.

Ein blutroter Sonnenuntergang, dann geht die erste zarte dunkelrote Mondsichel auf, um schon bald auch wieder vom Meer verschluckt zu werden. Der Mond hat nur einen kurzen Bogen geschlagen. Es wird in dieser mondlosen Nacht trotzdem nie ganz dunkel, seitlich erleuchtet eine Lichterkette von Siziliens Küste samt Palermo den Horizont, und der Himmel ist ein flimmernder Sternenteppich, die Milchstraße breit und deutlich zu sehen. Sternschnuppen werfen mir vom Himmel Grüße zu. Doch etwas ganz anderes nimmt meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich werde Zeuge eines phantastischen Phänomens im Meer. Große glitzernde Planktonpünktchen zeigen sich im von der Fahrt aufgewühlten Meer an den Schiffsflanken, und dann – ich kann meinen Augen nicht trauen! Blau leuchtende Lichter, die mich an phosphoreszierende wegsäumende Gartenbeleuchtung denken lassen, tauchen auf, schweben an mir vorbei und verschwinden wieder in der Dunkelheit des Meeres. In unregelmäßigen Abständen tauchen sie während meiner ganzen Nachtwache vereinzelt oder in kleinen Grüppchen auf und vertreiben meine Müdigkeit. Wohl Quallenköpfchen, die ihre Schönheit zur Schau tragen!

Die riesigen aber meist sanften Wellen, in denen sich der in der Nacht beleuchtete Großmast über mir bedrohlich von einer Seite zur anderen neigt, legen sich erst in den Morgenstunden, wir motoren, der Wind hat nachgelassen, und wir können in Ruhe kochen und vorkochen. Tagsüber begegnen wir Delfinen.

Die folgende Nacht war wieder nicht dunkel – doch diesmal wurde der nächtliche Himmel in seiner ganzen Breite von einem Blitzkonzert wie von Beethovens 9 Symphonie erhellt. Ein Blitz folgte in kurzen Abständen auf den nächsten und zeichnete bizarre Muster in den verdunkelten Hintergrund.

Und wieder – elektrisiert, mit angehaltenem Atem – beobachte ich – was ist das? Meine Augen werden weit und weiter – blau fluoreszierende Flächen, groß wie Delfine, die an die Oberfläche schweben, sich in einem Bogen zum Schiff, ganz nahe heranbewegen, ein Stück weit mitschwimmen, sich wieder entfernen, noch einmal wiederkommen, dann leuchtet es noch einmal in der Ferne an mehreren Stellen blau auf. War das wirklich? Habe ich das wirklich gesehen? Als Zeugnis, dass sich etwas unglaubliches abgespielt hat, bleiben nur meine erstarrten Glieder – das elektrisierende, Angst und Spannung hervorrufende Körpergefühl war da gewesen – das Phänomen in er Nacht verschwunden. Später erfahre ich, dass Delfine, wenn sie durch planktonreiches Wasser schwimmen, tatsächlich blauleuchtend erscheinen.

40 Seemeilen vor dem Ziel sichte ich am Horizont vor uns das erste Aufleuchten von Sardiniens Nachtbeleuchtung. Als ich am Morgen aus der Kajüte krieche, liegt Sardiniens Küste vor uns, felsig, schroff aufsteigend und lieblich in langgezogenen Lagunen hingestreckt.

Das Meer um die Balearen soll zahlreiche Delfine und auch Wale beherbergen – also beginnt meine Nachtwache schon in den Stunden davor mit „Abgrasen“ der Meeresoberfläche. Drei, vier Meter hohe Wellen, die sich nach tagelangem Wind aus der gleichen Richtung aufgebaut haben und uns Gott sei Dank von hinten treffen und so mitschieben – kämen sie von vorne, müssten wir gegen sie ankämpfen – machen die haargenau 300 Seemeilen lange Fahrt diesmal anstrengend. Mein schläfriger Blick gleitet gedankenlos über das Meer, als ich plötzlich ein Blasen erblicke – und wieder, ja, es ist ein Wal! – die verhältnismäßig kleine Rückenflosse macht mich unsicher – er bläst wieder, ich pfeife, er wendet sich uns zu, bläst wieder, er ist keine 50 m entfernt, wir verringern die Geschwindigkeit, trauen uns aber nicht näher – gemächlich, alle 20 – 30 Sekunden einen hohen Sprühnebel in die Luft versprühend, zieht er fast majestätisch an uns vorüber, seine dunkle Masse vom Meer verborgen. Fast 5 Minuten schauen wir ihm zu und nach. Als wir nachschauen, stellen wir erschrocken fest, dass es ein 18-22m langer Blauwal gewesen sein muss! Ein gelungenes Wale-watching!

Die Nacht über hält mich ein Hörbuch und die Erinnerung an den Wal lange wach! Zweimal noch kommen Delfine, die verspielt durch die Wellen auf uns zuspringen, zum Greifen nahe, sind aber schnell wieder weg.

Als wir nach zwei Tagen und zwei Nächten ununterbrochen wellenreitend an der spanischen Südküste durch eine Brücke ins Mare Menor, ruhig wie ein See daliegend, einfahren, atmen wir beide auf – und plötzlich bekomme ich zumindest wieder Appetit!

Nachtfahrt
Nachtfahrt

5 Antworten auf „Nachtfahrten“

  1. Hallo, Ihr Lieben!
    Habe jetzt zum ersten Mal eure Web-Site angeschaut und eure Reise von März an „verfolgt“. Wunderbar, aufregend, spannend, romantisch,…. und ich finde es so schön, dass ihr uns daran teilhaben lässt. Schade, dass wir euch nicht ein paar Tage begleiten konnten! Kommt ihr vor der großen Überfahrt noch einmal in unsere Nähe?
    Wir umarmen euch, Traude und Otto

  2. Lieber Herbert – meine kurzen Besuche eures Reisetagebuchs ziehen mich immer wieder in eure faszinierende Welt. Danke fürs Teilen.
    Bei der Nachtfahrt dachte ich mir: Ist doch gut, dass ich mit Dir die nächtliche Einfahrt nach Grado in mehreren Anläufen geübt habe 😉
    Lieben Gruß,
    H.

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