Im Land des Paradiesvogels

schließlich und endlich – der Costa Rica Beitrag…

Costa Rica, die reiche, prachtvolle Küste, wie es in der Übersetzung heißt. Ein Land, das über 20 Nationalparks aufzuweisen hat, statt in ein Militär lieber verstärkt in die Bildung seiner Einwohner investiert, auf Tourismus setzt und weltführend im Export von tropischen Früchten ist, lockt uns mit seiner Tier- und Pflanzenwelt und ganz besonders mit seiner Kühle versprechenden Bergluft des gebirgigen Binnenlands. In Golfito liegen wir anfangs vor der Banana Bay Marina vor Anker, es ist windstill und brütend heiß, und auch wenn wir jede unnötige Bewegung zu vermeiden suchen, schmelzen wir wie Butter in der Sonne. Aber ganz ohne Bewegung geht es nicht, schon die Behördenwege, insgesamt vier, liegen kilometerweit voneinander entfernt, und wir lassen den anfänglichen Versuch, sie zu Fuß zu bewältigen, sehr bald fallen. Wir steigen viermal in ein Taxi, haben am Ende mit vielen ehrlichen und unehrlichen Taxifahrern, freundlichen Beamten, funktionierenden und nicht funktionierenden Kopierern Bekanntschaft gemacht und eine komplette Stadtbesichtigung absolviert. Im alten Hafen steht noch die vereinsamte alte Dampflok mit einem Graffiti des großen Che im Antlitz, mit der früher Bananen transportiert wurden, bevor die Bananenproduktion auf die Karibikseite verlegt worden ist.

Unweit von Golfito liegt der Urwald der Österreicher mit einer biologischen Forschungsstation. Das können wir uns nicht entgehen lassen. Wir werden von einem alpenländischen Zivildiener empfangen, der uns die Anlage erklärt. So nebenbei weist er uns darauf hin, besser feste Schuhe zu tragen, wegen der Giftschlagen, die zwar normalerweise eh nicht direkt am Weg liegen, aber man wisse ja nie… Ein Weg soll bis zu einem Flüsschen führen, in dem man baden kann. Dort wo er sein sollte, sehen wir nur ein ausgetrocknetes Flusstal, und Herbert ist überzeugt, dass wir die Hoffnung auf ein kühlendes Bad aufgeben können. Trotzig irre ich herum, bis plötzlich das Geräusch von Wasser an unsere Ohren dringt – sie haben uns nicht getäuscht – fast kann man es zischen hören, als wir uns ins kühle Nass fallen lassen.

Wir wollen das Land besser kennenlernen und wenigsten ein paar der vielen Nationalparks besuchen. Dazu verlegen wir die KALI MERA in die Banana Bay Marina. Voller Entdeckungslust mieten wir uns ein Auto in Puerto Jimenez auf der anderen Seite des Golfes, in Golfito war keines mehr zu bekommen. Auf der Hinfahrt fliegen wir geradezu mit dem Taxiboot übers glatte Meer, in zwanzig Minuten sind wir da. Zurück braucht es mit dem Auto um die Bucht herum ganze zwei Stunden, aber wir haben Zeit und hängen gleich einen Ausflug zur Drake Bay an, wo sich der Nationalpark Carara, der eine vielfältige Tier- und Vogelwelt beherbergt, ganz bis zur Küste erstreckt. Fast überfahren wir einen riesigen Leguan, der die halbe Fahrbahn belegt. Ungläubig beobachten wir, wie er knapp vor unserem Auto stehenbleibt, wartet, bis wir vorbeigefahren sind und dann flugs die Straße ganz überquert. Deshalb ist er wohl so alt geworden! Etwas weiter im Nationalpark, gesäumt von gigantischen Bäumen, bleiben wir jäh stehen – in den Bäumen direkt über uns sitzt ein Tukan und singt sein Dup du bi doo. So nah sind wir noch nie an einen herangekommen! 

Aber es gibt noch einen anderen Vogel, dessen Heimat, die an unsere Almen und Bergwälder erinnert, im Hochgebirge zwischen 1500 und 3000 Metern zu finden ist. Seine Lieblingsnahrung aber, exotische Zwergavocados, die würde er bei uns nicht finden. Herbert hat mit seinem untrüglichen Gefühl für Außergewöhnliches als ersten Zwischenstopp ein schmuckes Luxuszelt mitten im Nirgendwo für uns aufgestöbert. Zum ersten Mal ließ uns google maps im Stich – es konnte die Adresse bzw. den Weg dorthin nicht finden! Dementsprechend abenteuerlich gestaltet sich die Fahrt über die mehr als holprige Sandpiste, durch enge steile Kurven und an kerzengerade abfallenden Abgründen vorbei, über fast 2000 Höhenmeter stetig hinab bis auf 600 m. Glamping in Providencia heißt das Ziel, ein magischer Ort, wo sich abends tausende goldene Lichtpunkte entzünden und den gegenüberliegenden Wald verzaubern. Es sind überdimensionale Glühwürmchen und man wähnt sich im Märchen – im Märchen des Quetzál, des sagenumwobenen Paradiesvogels, mit seinem grüngolden schimmernden Federkleid, dem Gott der Freiheit, der Fruchtbarkeit und des Überflusses. Der Quetzál ist ein Symbol der Macht, der den alten Mayas als heilig galt; aus seinen Federn wurde die umstrittene Federkrone hergestellt, die im Weltmuseum zu Wien ausgestellt ist und von den Mexikanern immer wieder vehement zurückgefordert wird. Die Legende, die sich um diesen zaubervollen Vogel rankt, könnt ihr in Kürze unter Tadejas Gedanken nachlesen (Anmerkung Herbert: In Kürze heißt „wahrscheinlich noch 2019“).

Vogelliebhaber sind dem Quetzál manchmal jahrelang auf der Spur, ohne ihn je zu Gesicht zu bekommen, auch wir wollen unser Glück versuchen. Kurzentschlossen buchen wir eine Quetzál Tour für den nächsten Morgen. Noch vor Sonnenaufgang geht es die Schotterstraße wieder bergauf, Providencia liegt zu tief für den Vogel. Es ist kalt und windig, und unser mit Fernglas und Stativ beladene Führer warnt uns vor, der Quetzál mag keinen Wind und es könnte gut sein, dass er heute nicht zu sehen sein wird. Die Luft wird dünner, der Atem schwerer – bewundernd schauen wir dem Besitzer des mitten im geschützten Nationalpark gelegenen Grundstücks zu, der Tag für Tag auf seinem Rücken einen dicken Strohballen für seine Kühe heranschleppt – weil er das Land vor der Umwidmung zum Nationalpark erworben hat, gehören damit auch die Quetzále ihm! Der Wind weht nach wie vor, aber die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen. Wir klettern auf den Steilhang, von wo der Gesang des heiligen Vogels wie von silbernen Glöckchen erklingt. Kurz erspähe ich etwas Grünes, schon ist es wieder weg. Ja, er ist da – nur wo? Sein Gefieder verschmilzt mit dem Laubgrün, und nur ein geübtes Auge kann ihn aufspüren. Schon hat ihn unser Guide wieder im Visier – da, dort fliegt er, die Luft um ihn scheint zu vibrieren, als würden funkelnde glitzernde Edelsteine in grün gold und rot durch die Luft flattern. Paarweise fliegen sie von Baum zu Baum und lassen sich zum Verspeisen ihres Frühstücks im Avocadobaum nieder. Nur die Männchen dürfen sich mit den begehrten langen Schwanzfedern, drei an der Zahl, schmücken, wegen derer sie gejagt wurden, um sie ihnen auszureißen und sie wieder freizulassen. Augenblicklich sind wir dem Traumvogel verfallen und bleiben über eine Stunde Zeugen eines mystischen Schauspiels. Welch ein Glück!

Der unwirklich phantastische Eindruck an diesem entrückten Ort wird durch unseren Kellner im Glamping-Restaurant, der einem fünf-Sterne-Hotel und Alice‘s Wunderland entstiegen zu sein scheint, noch verstärkt. Mit überlangen Schritten, steifer Haltung, abgehackten und irgendwie ungelenken Bewegungen ist er alle paar Minuten zur Stelle, fragt nach, wie ist das werte Befinden, ihm gehe es gut, danke der Nachfrage (alles in einem Atemzug), schenkt nach, sobald man ein paar Schlucke getrunken hat, flößt Herbert literweise Fruchtsmoothies ein, die er sonst nie trinkt und sich ihm einfach nicht widersetzen kann, dreht kunstvoll tollpatschig den Teller auf den Tisch und entfernt sich unauffällig auffällig, um in nächsten Augenblick zurückzukehren und uns wieder seine ganze Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Ein erstklassiges Amüsement! Zum Abschied umarmt er uns, er hat uns und wir ihn ins Herz geschlossen.

Noch ein weiteres Highlight macht unseren Aufenthalt unvergesslich – es gelingt mir, Herbert zu einer Urwald-Adventure-Tour zu überreden. Wir schwingen 30 Meter hoch zwischen den Bäumen, klettern im Inneren eines hohlen Ficusbaums 40 m hoch und seilen uns von der Baumspitze wieder ab, balancieren über hängende Affenbrücken und springen wie Tarzan in die Seilschaukel. Ein Nervenkitzel in der Abgeschiedenheit des tropischen Primär-Urwaldes, denn hier wird nur sanfter Tourismus gewünscht und so waren wir die einzigen Besucher. Auch hier zeigt sich, wie bewusst und vorbildlich Costa Rica mit seinen Naturressourcen umgeht.

Schweren Herzens nehmen wir von dieser blumenreichen, am kühlen Wasserfall gelegenen Oase Abschied. Es zieht uns weiter nach Norden ins Vulkangebiet. Die Landschaft verändert sich, üppiges Grün, hektargroße Mangobaumplantagen, nicht enden wollende Zuckerrohrfelder soweit das Auge reicht. Wieder einmal drängen sich Fragen auf, die die Ausbeutung unserer Erde betreffen. Kann man denn überhaupt noch irgendetwas ruhigen Gewissens essen? Wir denken an die riesigen Ausdehnungen der Ananasplantagen, wo der Einsatz von Pestiziden dazu geführt hatte, dass Grundwasser für die nächsten 800 Jahre vergiftet und untrinkbar wurde, die Trinkwasserversorgung muss vielerorts durch den Tankwagen erfolgen. Wieder einmal fassen wir den Vorsatz, verstärkt auf lokale Produkte zurückzugreifen und sind stolz auf unsere Kinder, die sehr auf Nachhaltigkeit bedacht sind.

Stundenlang fahren wir über die Panamericana, die sich in abenteuerlichen Serpentinen auf über 3000 Höhenmeter hinaufschraubt, es geht durch dichten Nebel, fast sieht man das Lenkrad vor den Augen nicht mehr, die Temperatur fällt auf knapp über Null Grad zurück. Von Zeit zu Zeit reißt die Nebelwand unversehens auf und gibt den Blick auf das malerische Umland preis.

In der Ferne über der Hauptstadt San Jose ragt der mit seinen knapp 3500 Metern höchste Vulkan Costa Ricas, der ‚grollende Berg‘ Irazu in die Höhe. Sein letzter Ausbruch ist nicht sehr lange her, erst 1994 versetzte er die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Da die Kraterwände sehr dünn sind, besteht die Gefahr, dass sie abbrechen und den halben Berg mit sich in die Tiefe reißen. Auch der pittoreske smaragdgrüne Säuresee in seinem Krater, der vom Regenwasser gespeist wird und 2015 versiegt war, würde dabei ausfließen. 2016 hatte der Ausbruch seines benachbarten Bruders Turrialba durch hohe Aschewolken den gesamten Flugverkehrt lahmgelegt.

Doch auch der Mensch, so scheint es, kann einem hier rund um San Jose gefährlich werden – denn warum sonst wären die Häuser von oben bis unten mit einer Gitterfront zur Straße hin abgeschirmt! Wir sind dankbar, nicht so wohnen zu müssen!

Den Irazu „erklimmen“ wir mit dem Auto, was uns nicht auf Anhieb gelingt, denn wir haben eine Vorliebe für Abkürzungen, die sich dann in ihr Gegenteil verkehren. Prompt stecken wir plötzlich hoch oben am Berg mitten in den Kaffeeplantagen fest. Erst nach mehrfacher ortskundiger Anleitung und hartnäckigem Ignorieren von Fahrverbotsschildern finden wir den richtigen Weg. Mit zunehmender Höhe und Entfernung zur Stadt nehmen die Vergitterungen vor den Häusern wieder ab, wir kommen an Bergbauernhöfen im Hochgebirge vorbei, fast wie bei uns in den Alpen. Noch weiter oben offenbart sich eine atemberaubende Kulisse der Kraterlandschaft, bis der Berg in seiner puren Schönheit, die Sicht von einem Meer zum anderen, vom Pazifik bis zum Atlantik freigebend, vor uns ausgebreitet liegt. Pura vida! mit diesen Worten wird man überall in Costa Rica begrüßt.

 Ja, hier hat man das Gefühl, mit dem Leben auf Tuchfühlung zu sein!

Nicht ganz so hoch doch nicht weniger beeindruckend präsentiert sich der Vulkan Arenal – er steht ganz für sich allein, ein riesiger Kegel, meistens in dichte Nebelwolken gehüllt – dürfen wir ihn in seiner vollen Pracht bewundern und dabei beobachten, wie er genüsslich seine dicke Zigarre raucht – auch er ist noch aktiv! Zu seinen Füßen liegen wie zur Warnung dicke schwarze Felsen von seinem letzten Ausbruch im Jahre 1968.  Auf der anderen Seite wird er von einem tiefliegenden, halb mit einer hellgrünen Decke überzogenen See geschmückt, der vielen Vögeln, die wir hier zum ersten Mal sehen, Lebensraum bietet.

Sogar das Nachtquartier beim Dirk aus Deutschland, der eine wunderschön angelegte Lodge unter einem uralten heiligen Ceiba-Baum mit Blick auf den großen Arenal-Stausee betreibt und der jedem Gast persönlich das Abendessen zubereitet, ist ein Erlebnis für sich. Beim Spaziergang durch den exotischen Steingarten wäre ich beinahe über eine kohlkopfgroße Kröte gestolpert und traue meinen Augen nicht – wird mir doch nicht etwa ein verwunschener Prinz zu Füßen liegen! Gottseidank habe ich ihn nicht geküsst, der Froschkönig ist giftig und ich würde ihn ungern von unten betrachten!  

Am nächsten Tag machen wir uns auf, um im vom Arenal aufgeheizten Wasser des Rio Chollin zu baden. Wir liegen in kleinen natürlichen Becken, das Thermalwasser, das über die Stromschnellen schießt, massiert unsere Muskeln. Über uns wiegen sich die Blätter und Äste des Tropenwaldes, neben uns laufen Jesusgekkos über die Wasseroberfläche, ein kleiner Nasenbär taucht auf und verschwindet hinter einem Felsen. Nichts wie hinterher, mit der Kamera bewaffnet, über Fels und Stein. Da drüben, auf dem Ast, da sitzt er und macht sich seelenruhig über die Pommes her, die jemand liegen gelassen hat. In beobachtender Wachsamkeit lässt er mich ohne jede Scheu bis auf zwei Meter an sich heran.

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal Halt, um einen Spaziergang durch einen kleinen doch besonders artenreichen Nationalpark zu machen. Spinnenaffen, Aras, eine kleine weiße Fledermaus, die unter einem großen Palmenblatt Schutz gesucht hat – und ein graubrauner Fluss, in dem sich hunderte Krokodile tummeln – als Aussichtspunkt dient eine hohe Autobrücke, unter der es ihnen anscheinend besonders gut gefällt. Gruselig!

Nach einer Woche Rundreise und 1500 zurückgelegten Kilometern sind wir wieder zurück bei unserer KALI MERA. Nicht nur einmal waren wir froh, in einem Allrad zu sitzen, wir haben Bäche durchgequert, unglaubliche Steigungen bezwungen, sind durch Schlaglöcher auf Schotterpisten gerattert und haben schließlich einen von oben bis unten verstaubten Toyota zurückgebracht. Weiter geht es über das Wasser!

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