Hawaii – und wieder zurück

Ein letzter Cocktail aus tropischen Früchten, Rum und Campari, obendrauf eine Cocktailkirsche– unser Abschiedsritual, bevor die Reise losgeht. Ab jetzt gibt es bis Hawaii keinen Alkohol mehr! Es ist aufregend! Ich freue mich auf die Nächte, in denen ich durch das Dunkel hindurchzusehen versuche, wachsam den Horizont absuchend, in eine Art Trance verfallend! Wie schnell mein Körper in den Zustand übergeht, der ihm von der Atlantikquerung in Erinnerung geblieben ist! Ein wunderbares Gefühl! Es ist windstill. Die Umrisse der Küste verlieren sich immer weiter in der Ferne bis sie ganz verschwinden.

Schon bei meiner ersten Nachtwache bekomme ich Besuch – ein Delfinbaby springt dicht am Bug zweimal hoch in die Luft und wedelt dabei mit dem Schwanz – ich denke schon, es landet an Bord! Der dunkle breite Rücken seiner Mama hebt sich mit einem leisen Schnaufen neben mir aus dem öligen wellenlosen Wasser – auf und ab. Tagsüber kann man die vielfältigsten Meeresbewohner schon aus weiter Ferne sichten; für kurze Augenblicke verlassen sie ihr Element, wie um sich zu präsentieren, kommen ganz nah ans Schiff und zuweilen weiß man gar nicht, in welche Richtung man zuerst schauen soll! Das ist ein besonderes Geschenk vom Pazifik! Während es auf den Las Perlas noch Pelikane waren, die durch ihre unglaublichen Flugkunststücke ein fesselndes Schauspiel darboten, indem sie sich torpedogleich aus größer Höhe kopfüber ins Wasser stürzten und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchten, sind es jetzt akrobatische Rochen, die elegante bis zu zwei Meter hohe Sprünge vollführen,  Delphine, die in unserer Bugwelle spielen, eine Walfamilie, die sich im ruhigen Wasser dahintreiben lässt, und Vögel, die sich um einen Platz an unserer Reling zanken.

Ich nutze dieses anfangs windarme Wetter mit wenig Welle – wer weiß wie lange es noch anhält – und verschanze mich in der Küche. Die Essensvorräte müssen auf ihren Reifegrad hin überprüft werden. Obwohl wir möglichst unreife Früchte gebunkert haben, muss manches schnell verarbeitet werden und so stehe ich fast den ganzen Tag in der Kombüse. Unter meinen Händen entstehen für mich neuartige Dinge wie in Essig eingelegter Blumenkohl, Brokkolinudeln und Brokkoli-Tomatensalat, nebenbei wird ein frisch gefangener weißer Thunfisch verarbeitet, riesige Büsche von Koriander verwandeln sich in ein Pesto mit Cashewnüssen,  Petersilie wird kleingehackt und eingefroren, Joghurt angesetzt, eine abenteuerliche Gemüse-Mischung, der testweise sogar Kochbananen beigemengt werden, wandert in den Kreativ-Curry-Topf. Wenn unsere überdimensionale Bananenstaude – bestellt war natürlich nur eine kleine! – herangereift sein wird, stehe ich vor der schier unlösbaren Aufgabe, wie auf produktive Weise mindestens 50 Bananen auf einmal zu verwerten! Vielleicht Bananeneis?

Während wir auf den Wind warten, wird die Dünung immer höher, die Gegenströmung immer stärker, das Ergebnis – wir kommen so gut wie gar nicht voran. Die Euphorie hält sich in Grenzen.

Jeden Morgen ruft Herbert per Funk das neueste Wetter ab. Das ist ein weiteres Ritual bei Überfahrten geworden. Heute funktioniert die Funkverbindung nicht, das heißt, sie funktioniert schon, doch kurz bevor das große Grib-file heruntergeladen ist, kommt die Fehlermeldung „checksum error“– das bedeutet, kein aktuelles Wetter, weil das File defekt ist. Bei jedem neuen Versuch beginnt das Dokument erneut, sich herunterzuladen und blockiert damit den ganzen Funk. Erst nach vielen Anfragen Herberts, die er an mehrere Stellen aussendet, kann er das Dokument löschen und wir bekommen die ersehnte Wetterprognose – Sturmwarnung! Die Papagayos lassen grüßen! Na gut, es hilft nichts, wir müssen da durch, um die Tradewinds zu erreichen, die uns hoffentlich aus einem günstigen Winkel schneller vorwärtsbringen. Gar so rosig sieht bei näherer Betrachtung das Ganze dann doch nicht aus, neben Starkwindgebieten sind auch mehrere Stellen mit ausgedehnten Flauten angesagt, das heißt, wir werden öfters den Motor brauchen, was wir nicht wirklich wollen. Aber das ist nicht beeinflussbar – das Wetter muss man nehmen wie es kommt.

Mit den Eigenheiten des Motors ist es ähnlich – gerade wenn man es am wenigsten brauchen kann, will er Aufmerksamkeit haben!  Gerade erst auf Touren gebracht, fällt die Motorraumbelüftung aus. Herbert ist hocherfreut in der anbrechenden Dunkeheit den Ventilator ausbauen, reparieren und wieder einbauen zu dürfen.

Inzwischen ist die vierte Nacht hereingebrochen, das Abendessen steht schon fast auf dem Tisch, als plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtet. Herbert reagiert schnell und macht den Motor aus. Wie gesagt – zickig! Damit ist nicht Herbert gemeint!  Die Gemüsekisten stellt er auf die Bänke und macht den Cockpitboden frei. Mit Stirnlampe, Schraubenschlüsseln und Küchenrolle bewaffnet öffnet er die Cockpitklappe und klettert in den Motorraum. Beide Dieselfilter sind randvoll mit Wasser! Der Wasserabscheider hat zwar brav seine Arbeit verrichtet, indem er das Wasser aus dem Diesel herausgefiltert hat – normalerweise bildet sich etwas Kondenswasser im Tank, das abgesondert werden muss, um zu verhindern, dass es in den Motor gelangt – aber doch nicht so viel! Woher kommt das ganze Wasser her? Einen Moment später hätte der Wasserabscheider überlaufen können und dann wäre der Motor aus – nicht auszudenken! Angst, die ich unterdrücken muss, will sich in mir ausbreiten, sie bleibt als kleiner Klumpen im Magen sitzen. Die kann man sich jetzt nicht erlauben. Es ist das erste Mal auf unseren Reisen, dass sie sich meldet – und dass uns unsere Kali Mera einen Strich durch die Rechnung macht. Herbert reinigt und wechselt die Filter – man wünscht sich wahrlich was Schöneres so weit draußen am Meer, mutterseelenallein und auf sich selbst gestellt!  Schnell ist die Romantik verflogen, die der hell leuchtende Mond und die tausend strahlenden Sterne am Himmel herbeigezaubert und die Milchstraße in einen einzige dichten Sternen-Nebel verwandelt haben. Die Wellen schaukeln das Schiff hin und her und machen das Arbeiten mehr als ungemütlich. Trotzdem – geschafft! Alles wird wieder weggeräumt, Dieselreste werden weggeputzt, Herbert steigt etwas nervös aus dem Motorraum – ja, der Motor springt an! Jetzt ist guter Rat teuer! Über 4000 Meilen liegen noch vor uns – in den drei Tagen haben wir vergeblich darauf gewartet, dass die vier auf die drei überspringt – auf so einer langen Fahrt muss der Motor funktionieren. Herberts Gehirn rattert – wie kann es sein, dass sich so viel Wasser im Diesel gebildet hat?! Wir tanken immer über Kanister und Filter mit Wasserabscheider – schlechter Diesel scheidet damit wohl aus, für Kondenswasser ist es zu viel. Kommt es über die Tank-Entlüftung (und wo zum Teufel ist die überhaupt, höre ich ihn schimpfen) oder ist der Verschluss für den Stutzen undicht? Muss der Tank gereinigt werden? Können wir es verantworten, auf gut Glück weiterzufahren? Trotzdem – erst einmal wird gegessen und nachgedacht. Dann fällt die Entscheidung – wir kehren um, bevor der Wind kommt und ein Umdrehen unmöglich macht. Der neue Zielpunkt an der nördlichen Küste Costa Ricas wird gesetzt – Samara, eine gut geschützte Bucht, um uns in Ruhe der Sache zu widmen. Kaum kehrtgemacht, setzt der Wind ein, und wie ein altes Radfahrergesetzt bestätigt, natürlich voll auf die Nase. Die Wellen, die aus allen Richtungen zu kommen scheinen, prallen aufeinander und türmen sich in kürzester Zeit zu Bergen auf, mühsam kreuzen wir auf unser Ziel zu. Die Filter müssen noch dreimal gereinigt werden, und während Herbert im Motorraum hantiert, spiele ich den Handlanger. Gott sei Dank ist beim letzten Durchgang kaum noch Wasser zu sehen – Erklärung haben wir noch keine gefunden. Herbert schläft die ganze Nacht nicht. Kaum legt er sich hin, um ein bisschen auszuruhen, schreckt ihn eine Windänderung auf, die Segel müssen korrigiert werden. Ich bin ja mit der Gabe gesegnet, auch für 10 Minuten tief einschlafen zu können und mich dabei auch zu regenerieren. Aber Herbert trägt die ganze Verantwortung und kann sie schwer loslassen. Langsam, langsam werden die Wellen weniger, das Vorwärtskommen wird leichter. Trotzdem, das Frühstück mit frischgebackenem Brot und Bananenkuchen will uns beiden nicht so richtig schmecken, die Mägen müssen sich erst wieder beruhigen. Am Nachmittag lassen wir den Anker in der malerischen Bucht von Samara fallen, begleitet von Erleichterung, aber auch einem leichten Gefühl der Niederlage. So war das nicht geplant!

Gleich am nächsten Morgen macht sich Herbert an das eingehende wieder-in-Ordnung-bringen der unleidlichen Angelegenheit. Er reinigt und tauscht die Dieselfilter, macht den Probelauf. Es sieht gut aus, kein Wasser im Abscheider. Wir werden sehen, ob das auch bei Wellengang so bleibt. Das Wichtigste ist, dass der Motor keinen Schaden genommen hat. Immer noch bleibt unklar, ob die Maßnahmen langfristig erfolgreich waren und nicht doch der Tank gereinigt werden muss. Bald kristallisiert sich ein neuer Schlachtplan heraus. Wir beschließen, die Küste bis nach Mexiko entlangzufahren und entscheiden dann, wie es weitergehen soll. Die Fahrt an der westlichen Pazifikküste gen Norden wird als sehr anspruchsvoll und anstrengend beschrieben: Wind und Welle, zuweilen auch die Strömung gegen uns, am gefürchtetsten aber die bösen Papagayo-Winde, deren unangesagte Böen Orkanstärke erreichen können. Die Strategie heißt, dicht an der Küste bleiben, einen günstigen Zeitpunkt abwarten und den Wind überlisten. – Mexico, das wir schon 2011 über eine Strecke von 3000 km mit dem Auto durchfahren und lieben gelernt haben, wollten wir sowieso gerne auch per Schiff besuchen – es gilt als ein wahres Segelparadies! Ich freue mich, dass mein Spanisch noch etwas länger zum Einsatz kommt. Ich liebe diese Sprache!

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