Jamaica

Wir ankern am westlichsten Zipfel von Jamaica, in der Bloody Bay, dort, wo vor 300 Jahren die berühmten Piratinnen Anne Bonney und Mary Reade gemeinsam mit dem berüchtigten Calico Jack gefangen wurden (weil sei schwanger waren wurden die Damen nicht wie der Rest der Besatzung gleich gehängt). Der riesige wunderschöne Sandstrand ist voller Verkaufs-Stände, dahinter große gepflegte Hotel Anlagen, es ist eine sehr touristische Angelegenheit hier, und dennoch der schönste Ankerplatz, den wir bisher auf Jamaica hatten. Das Wasser ist unglaublich klar und wir wagen es fast nicht vom Schiff aus hineinzuspringen, da man das Gefühl hat, es sei nur einen halben Meter tief. Wir werden noch zwei Tage hier bleiben und dann nach Providencia aufbrechen, knapp 400 Seemeilen liegen vor uns. Von hier aus werden wir die Antillen verlassen, seit über einem Jahr tingeln wir nun von einer Antillen-Insel zu anderen, zuerst die ganzen kleinen Antillen, dann noch die Großen, und nun geht es weiter zu neuen Ufern, vorher aber noch ein kurzer Bericht über unsere Zeit auf Jamaica:

Von Haiti aus segelten wir nach Port Antonio, es war eine raue Überfahrt,  kräftiger Passat von achtern und stellenweise bis zu zwei Knoten Strömung gegen uns haben einen unangenehm hohen Seegang erzeugt, es war eine holprige und anstrengende Passage. Im hübschen Port Antonio warten dann schon Julian und Sascha auf uns, in den nächsten zwei Wochen herrscht wieder Familienleben auf der KALI MERA. Mit dem Mietwagen erkunden wir die „Blue Mountains“, einen wunderschönen Gebirgszug zwischen Porto Antonio und Kingston in dem der „Champagner der Kaffees“, der Blue Mountain Coffee angebaut wird. Vor den Straßen wurden wir zwar gewarnt, aber damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Wie üblich legen wir unsere Route quer durchs Landesinnere auf gemütliche und verkehrsarme Landstraßen, da sieht man einfach mehr vom Land als auf der Autobahn. Wenn aber die Autobahn (Straße Kategorie 1 auf unserem Plan) eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h zulässt, die Bundesstraße (Kategorie 2) eine Art Feldweg mit Asphaltbestandteilen ist und unsere „Landstraße“ (Kategorie 3 auf der Karte ) dann noch mindestens eine Kategorie weniger „Straße“ ist, dann hat man vielleicht eine Ahnung, was auf uns zugekommen ist. Mit einer atemberaubenden Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp über 10 km/h rasen wir durch die beeindruckende Landschaft, der Weg besteht plötzlich nur noch aus Schlaglöchern in die mein braver Smart daheim als ganzer hineinpassen würde, die Löcher werden durch große Felsblöcke und hin und wieder sogar durch einen Asphaltrest miteinander verbunden, es geht so steil bergauf, dass die Räder im Schotter immer wieder durchdrehen, und als wir dann denken es kann eh nicht mehr schlimmer kommen da kommt es schlimmer. Eine abenteuerliche Brücke führt hoch über den Fluss, aber die Jugendlichen die in der Nähe stehen (unsere Reisegeschwindigkeit ist so gesprächsfreundlich dass man sich in aller Ruhe während der Fahrt mit den Fußgängern in der Nähe unterhalten kann) empfehlen uns besser gleich durch den Fluss zu fahren, das sei sicherer, eher bleibe man noch auf (oder in) der Brücke stecken. Es wird uns auch noch gezeigt wo wir im Fluss auf keinen Fall hinfahren sollten und schon zischen wir durch, mit dem Mut der Verzweiflung, das Wasser spritzt und es zischt und gurgelt und der Toyoto Corolla schwimmt fröhlich auf die andere Seite. Zwischenzeitlich haben wir den „Point of no return“ überschritten, wenn wir umkehren kommen wir in die Dunkelheit und damit auf den Autofriedhof, wenn wir weiterfahren ist uns auch eine Nacht in den Bergen gewiss. Aber mitten drinnen, dort wo die Kaffeeplantagen sind, dort gibt es auch ein Hotel für Wanderer, das könnten wir erreichen. Nur noch 10 Kilometer im Schritttempo und schon sind wir zwei Stunden später völlig erschöpft beim Hotel, es ist kühl auf ca 1000 Meter Seehöhe, und nach einem feinen Abendessen und einem Glas grauenhaften Rotwein fallen wir erschöpft ins Bett. Am nächsten Tag sehen wir erst, in welch atemberaubender Gegend wir genächtigt haben, der Blue Mountain Peak schaut ohne die übliche Halskrause aus Wolken auf uns herunter, rund um uns ist Alpin-Dschungel und schillernde Kolibris mit langen gepfeilten Schwänzen flattern um uns herum.  Von hier an wird die Strasse besser und die Einheimischen zollen uns Anerkennung dass wir die Strecke von der anderen Seite her gemeistert haben (wir haben nun das Cedar Valley Driving Certificate). Am Heimweg kaufen wir noch Kaffee direkt von der Plantage, Kleinbauern ernten hier in dem unwegsamen Gelände die kostbaren roten Beeren, der Kaffee wird per Hand geschält und über dem Feuer in kleinsten Mengen geröstet. Voller Stolz erklärt uns der Kaffeebauer den ganzen Ablauf und wir decken uns dann mit dem köstlichen Blue Mountain Coffee ein, einfach großartig.

Bei der Rückgabe des Mietautos vereinbaren wir einen Zuschlag von 100 US Dollar, damit ist die verspätete Rückgabe, die verbogene Felge und der leicht demolierte Kotflügel (ganz ohne Schäden ist es diesmal nicht abgegangen) abgegolten. Alle sind wir damit zufrieden, „Relax, my friend, I told you, there will be no problem“ hat mir der liebenswürdige Vermieter noch mitgegeben ?.

Sascha und Julian besuchen mit dem Route Taxi die schönen Strände im Osten Jamaicas während Tadeja und ich uns um das leibliche Wohl kümmern. Die Marina in Port Antonio ist winzig klein und sehr gepflegt, die netteste Marina in der wir je waren. Die Gegend um Port Antonio gefällt uns sehr gut, der Tourismus ist sanft, es landen hier nur selten Kreuzfahrtschiffe und wir treffen herzliche und liebenswürdige Menschen.

Nach ein paar Tagen geht es weiter die Nordküste entlang, es gibt ausreichend geschützte Ankerplätze, besonders gefallen hat mir die Ocabessa Bay, aber auch in der Montego Bay haben wir ruhig vor dem Yacht Club geankert, von dort aus mussten dann nach zwei sehr schönen Wochen Sascha und Julian wieder zurück nach Wien.

Noch nie sahen wir so viele Kreuzfahrtschiffe wie auf Jamaica (Ocho Rios und Montego Bay), und das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unser Wohlbefinden, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen da sind die Fahrtensegler irgendwie fehl am Platz. Wenn auf einen Schlag mehrere tausend zahlungskräftige und -willige Touristen einen Hafen stürmen dann geht die ganze Tourismus-Maschinerie so richtig los. Riesige Party-Katamarane mit ohrenbetäubendem Lärm zischen herum, Big Game Fischer sausen aufs offene Meer und die Einheimischen versuchen fast aggressiv sich ihr Stück vom großen Tourismuskuchen abzuschneiden. In kleinen Becken machen die Delphine ihre Kunststücke, am Fährterminal spielt eine verkleidete Karibik-Band, Souvenier-Stände mit karibischer Handarbeit „made in China“ wachsen wie Schwammerl aus dem Boden und die Preise erreichen ein schwindelerregendes und eigentlich unseriöses Niveau das wir uns nicht mehr leisten wollen. Als Tourist wird man hier als Freiwild angesehen, das möglichst effizient ausgenommen werden soll. Als Eintrittspreise haben sich 20 USD pro Person etabliert, ob fürs Vögel beobachten, fürs Spukhaus der Annie Palmer oder für einen Wasserfall, überall werden Unsummen für verhältnismäßig wenig Gegenwert verlangt.  Die großen und kleinen Antillen sind landschaftlich wunderschön, aber teilweise vermissen wir auf den Inseln Lebensfreude, Gastlichkeit, Kultur und Sinn für Schönheit. Zu viel leicht ausgegebenes (amerikanisches) Touristen-Geld hat das Geschäft zu groß werden lassen, das Verhältnis zwischen Preis und Leistung ist dabei aus dem Ruder gelaufen.

Wir haben hier wunderschöne Orte gefunden, liebe Menschen (und nicht nur andere Segler) kennengelernt, Abenteuer erlebt und Landschaften von so großer Schönheit entdecken dürfen dass wir diese Eindrücke für immer in unseren Herzen tragen werden, wir haben aber auch die zerstörerische Komponente eines radikalen Tourismus sehen können und die Entwurzelung und die Achtlosigkeit erleben müssen. Und so werden uns diese Inseln als gefallenes Paradies in Erinnerung bleiben, von dem wir uns nun ohne Wehmut verabschieden.

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3 Kommentare zu Jamaica

  1. Julian sagt:

    Hallo,
    Super Beitrag!

    Der Sasha gefällt das Bild von ihr mit der Mango nicht so gut, und würde sich freuen wenn ihr es entfernt! 🙂
    lg

  2. chris sagt:

    tolle bilder. schöner mann mit hut 🙂

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