Isla Beata und Haiti

Wieder alleine an Board lichten wir bei Sonnenaufgang den Anker in Barahona und segeln zur Südspitze der Dom Rep, zur Isla Beata.  In vier Meter Wassertiefe gräbt sich der schwere Rocna tief in den feinen Korallensand, wir sind die einzige Yacht hier. Der kräftige Passat weht über die flache Insel hinweg und rüttelt am Schiff, aber das in allen blau und türkis-Schattierungen leuchtende Wasser ist ruhig, und wir genießen den friedlichen Platz vor dem palmengesäumten Fischercamp.

Dass wir hier endlich in einer neuen Welt angekommen sind das sehen wir erst am nächsten Tag beim Landgang. Fast neuntausend Meilen sind wir seit der Türkei unterwegs, aber bis auf Tobago und die Kap-Verden waren wir immer in touristisch gut erschlossenen Gebieten, mit allen Vor und Nachteilen. Auch wenn einsame Flecken dabei waren, immer war eine Grundinfrastruktur greifbar und wir sind auch viele touristisch ausgetretene Pfade gewandert. Hier ist es plötzlich anders, und das berührt uns.

Hier gibt es kein Fließwasser und keinen Strom aus der Steckdose, keine Kriminalität, keine Straßen und keine Autos, gekocht wird am offenen Feuer in dunklen Küchenhütten und am Strand, interessante Solarpanel-Konstruktionen und alte Autobatterien sorgen für Elektrizität. Knapp hundert Fischer leben ganzjährig hier, einige wenige Frauen, keine Kinder, nur wenn ein Hurrican Gefahr bringt wird die Siedlung vorübergehend verlassen. Es gibt ein paar feste Hütten, darunter sogar einen „Market“ mit ein paar Konserven und viele aus Blech, Plastik und Holz abenteuerlich zusammengestückelte Unterstände, auch ein paar in den Fels gehauene Höhlen mit Plastikplanen und Matten als Eingang. Der weiße Palmenstrand ist voller schöner Schneckenhäuser, ausgebleichte Conch-Schalen sind als Verzierung kreisförmig um die Palmen-Stämme gelegt, es ist vor den Hütten und am Strand sauber, der Müll wandert nach hinten in das Buschwerk. Wie überall in der Dom Rep gibt es auch hier einen Stützpunkt der Armada, die freundlichen Wächter kommen sogleich an Board, unser Despacho wird kontrolliert und das kleine Geschenk entgegengenommen, und auch wenn wir schon offiziell ausgereist sind dürfen wir zwei Tage hier bleiben und auch an Land gehen. Wir machen einen Schritt in die Vergangenheit und in die Zeit vor dem Tourismus, auf unserem Spaziergang durch das Dorf werden unsere Grüße von allen freundlich erwidert, wir fühlen uns fremd aber willkommen. Überall spazieren riesige Leguane herum, beseitigen die Fisch- und Essensreste und streiten um besonders schöne Bissen, kleine Drachen als Haustiere. Ein paar Hühner mit den Küken scharren im Sand und auch ein Hund und eine Katze ergänzen den exotischen Bauernhof. Und Fisch gibt es, zwischen den Palmen hängt er zum Trocknen, in allen Größen und Formen, riesige Doraden werden in das Boot verladen, das den frischen Fang  aufs Festland zu den Fischhändlern bringt. Der alte Fischer Juan, der von seiner Zeit auf der Universität auch noch etwas Deutsch und recht gut Englisch spricht, bringt uns vier fangfrische Lobster, die auf der KALI MERA sofort gegrillt werden, ein Abendessen der Extraklasse. Wir revanchieren uns bei Juan mit einem ausgedienten Solarpanel und einigen Getränken. Zwei Übernachtungen bleiben wir hier, einen Abend verbringen wir an Land und „gehen Essen“, es gibt gebratene Kochbananen und Fische, gegessen wird mit den Fingern und der Fisch schmeckt köstlich. Die Atmosphäre hier verzaubert uns, und wir würden gerne noch ein paar Tage hierbleiben, aber schon bald bekommen wir in Jamaica Familienbesuch und wir müssen weiter.

Aber noch geht es nicht in die Zivilisation zurück, die nächste Station ist die Ile A Vache, eine kleine Insel an der Südspitze von Haiti, ca. 140 sm entfernt, eine Nachtfahrt bei kräftigem Passat mit bis zu 35 Knoten und hohen Wellen. Abends entdecken wir einen blinden Passagier, ein Seevogel mit langem spitzen blauen Schnabel hat es sich am Dinghi direkt hinter dem Cockpit bequem gemacht und beschlossen, mit uns nach Haiti zu segeln. Tadeja erlaubt es und putzt dann am nächsten Tag, als uns der völlig zutrauliche Vogel bei Sonnenaufgang wieder verlässt, auch die gewaltige Sauerei weg, die das Vieh hinterlassen hat, dürfte wohl seekrank geworden sein, die gefiederte Landratte.  In der Mittagssonne, bei der man ohne die Reflexionen die Riffe gut sieht, laufen wir Ile A Vache an (die Seekarte ist hier nicht mehr verlässlich), manövrieren zwischen den Untiefen in die geschützte Bucht und werden sofort von eine Armada an Burschen in Einbäumen umringt, die unser Boot waschen, Diesel organisieren, Geld wechseln, Internet bereitstellen und was weiß ich auch immer für uns tun möchten. Nichts davon brauchen wir, und habe ich geduldig einen abgewehrt, so nimmt sofort der nächste seinen Platz ein. Alle sind freundlich, aber wir sind hundemüde und wollen nicht eine Stunde lang willkommen geheißen werden. Auf Haiti werden wir nun noch weiter zurück in die Vergangenheit geschickt, auch hier gibt es keine Autos, keine Straßen, Transportmittel sind Pferde und es gibt ein paar Mopeds als Taxi. Aber hier fehlen auch die stabilen Fischerboote mit ihren starken Außenboardern, Einbäume und traditionelle Segelkanus regieren hier das Wasser.  Die Boote mit ihren überdimensionierten Großsegeln werden mit kleiner Crew gesegelt, dienen zum Waren und  Personentransport und natürlich zum Fischen. Es ist ein Vergnügen diesen Segelmeistern zuzusehen! Die Boote sind aus Holz (und diversen Sperrmüllteilen) zusammengesetzt, bei einem Segel sieht man, dass es in grauer Vorzeit einmal eine Bavaria 38 geziert hat (wohl Kaperbeute, Haiti ist ja laut Segelguide nur was für „abenteuerlustige Cruiser“ und außerdem würde man im Hafen am Festland normalerweise überfallen, hier ist wohl die wunderbare Ausnahme).

Montags und Donnerstags ist hier Markttag, wir kommen am Donnerstag an, also nichts wie hin. Wir gehen zu Fuß, verlaufen uns natürlich und wandern fast zwei Stunden über die Insel bis wir den Markt erreichen. Bestens vorbereitet auf die Expedition wissen wir weder wie der Ort heißt, an dem der Markt stattfindet, noch wie man genau hinkommt, sind so naiv dass wir denken es wäre wohl irgendwo angeschrieben, dann spricht die Landbevölkerung auch nur französisch und wenn wir in eine Richtung deuten und „marche“ rufen dann stimmen alle begeistert zu. Um uns nicht zu verunsichern versuchen wir das Ganze nicht auch noch mit einer anderen Richtung, weil auch dort würde es sicher passen. Es ist glühend heiß und wir können stolz die Erstentdeckung verschiedener Dörfer für uns verbuchen die vor uns wohl noch keine bleichgesichtige Menschenseele betreten hat, bis wir endlich den Markt erreichen. Dieser ist ein unglaubliches Tohuwabohu, eine Art teilüberdachte Plastik-Flaschen-Müllhalde auf der viele Verkäufer wenig verkaufen, es gibt halt fast nichts, aber die Atmosphäre ist erlebenswert. Zurück lassen wir uns dann von einem Moped chauffieren, wir sind hundemüde und müssen nach der Nachtfahrt in die Koje.

Leider müssen wir einklarieren, wir haben gehofft, um die Prozedur herumzukommen, aber die Immigration ist erbarmungslos, die Behörden sitzen am Festland und dort sollen wir vorstellig werden. Wir bleiben aber hier und lassen uns das vom (selbsternannten?) „Harbour-Master“ erledigen, kostet 20 USD, dazu kommen noch Hafengebühren und Immigration Fees von weiteren 50 USDs, das hätten wir uns gerne erspart. Ungern aber doch geben wir Schiffspapiere und Reisepässe her und hoffen, dass wir diese wiedersehen, wäre ziemlich unangenehm hier auf Haiti ohne Papiere festzusitzen. Natürlich kommt der Bursche am nächsten Tag mit unseren Pässen nicht wie vereinbart zu Mittag zurück sondern erst am Abend, aber wir erhalten alles wieder retour und neue Stempel sind auch in den Pässen.  Etwas auf die Nerven gehen uns anfangs auch unsere ständigen Besucher mit ihren Einbäumen, die an der Bootswand kleben, in den für sie unvorstellbaren Luxus schauen, und einfach irgendetwas haben wollen, von Seilen über Schreibblock und Kugelschreiber, sie brauchen alles. Wir bedauern, dass wir nicht ausreichend Schulhefte für die Kinder mitgenommen haben (Schule kostet hier Schulgeld, aber alle wollen lernen und sich weiterbilden um später eine Chance zu haben, was für ein Unterschied zu daheim, wo die Schule ein notwendiges Übel ist, hier sind sie stolz darauf in die Schule gehen zu dürfen, die Jugendlichen sprechen überwiegend neben französisch auch englisch und sogar ein wenig spanisch), das wären schöne Geschenke die wir gerne hergeben würden.

Letztendlich gewöhnen wir uns an unsere jugendlichen Begleiter, plaudern mit Ihnen und erfahren wie sie hier so leben, welchem Onkel welches Segelkanu gehört und wer den Einbaum aus dem Mango-Stamm geschnitzt hat, und wir beginnen einen regen Tauschhandel und beschenken die Freundlichen (für manche sind es wohl reiche Ostergeschenke). Wir haben keine Dollars mehr und trennen uns von alten Leinen, ausgedienten Taucherbrillen, unseren alten Schwimmwesten, einem alten Handy fürs Heimatmuseum, Handy-Ladegeräten, Frisbee, Ohrenstöpsel, Schirmkappen, aber auch dem Orangensaft aus Martinique im Austausch gegen den Fang der Fischer, Trinknüsse und einige strahlende Boat-Boy-Gesichter.

Wir werden von eingetauschten Lobstern überschwemmt, ich koche die Krustentiere sofort und bald freuen sich neun fein säuberlich ausgelöste Lobster-Schwänze darauf, am Abend  Hauptdarsteller bei den Spaghetti di Mare zu werden, am nächsten Tag wird die frische Ladung von Tadeja zu Langusten-Curry verarbeitet, wir kochen für den Tag auf See vor und auch ins Tiefkühlfach wandert etwas. Wie üblich essen wir bescheiden und gesund, lokal, saisonal und günstig J

Mark, unser persönlicher jugendlicher Guide, führt uns durch sein Dorf, die hübschen windschiefen Häuser sind bunt, sauber und von kleinen Gärten umgeben, manche richtig schön gepflegt, zwischen den Häusern laufen zottelige Schweine, Hühner, Ziegen, Schafe und auch ausgerissene Maultiere herum, Pferde und Kühe weiden auf der Alm über dem Dorf, nur die Palmen passen für die Bergidylle nicht so gut ins Bild. Wir sind überrascht, dass der übliche Müll nicht herumliegt, der wird wohl außer Sichtweite entsorgt. Als wir dann eine Wanderung über die Bergkuppe machen und auf der anderen Seite zum Meer gelangen, da stehen wir plötzlich in einer anderen Welt – ein unglaublich schöner Traumstrand mit einem gepflegten kleinen Feriendorf, Hubschrauber-Landeplatz und einer Handvoll käseweißer Badenden, welch ein Kontrast, damit haben wir nicht gerechnet. Am Abend kommen unsere Freunde und Handelspartner sich noch verabschieden und mit Sonnenaufgang geht es dann weiter Richtung Jamaica.

 

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4 Kommentare zu Isla Beata und Haiti

  1. Daniel Frey sagt:

    Ihr Lieben

    Tolle Reportage! Stimmungsvoll und sehr eindrücklich.

    Täusche ich mich, oder schauen die Kinder auf den Fotos eher etwas misstrauisch drein?

    Beste Grüsse aus der fast 9000 Seemeilen entfernten Türkei – Daniel

    • herbert sagt:

      Hi Daniel, Captain der Heureka, die jungen Haitianer haben Respekt vor der Kamera. Die meinsten Leute darf man dort gar nicht fotografieren, Wodoo ist noch sehr verbreitet… lG ins Land des Halbmondes 🙂

  2. Paul u. Erni Perc sagt:

    Hallo Tadeja, Hallo Herbert!

    Wünschen euch schöne Osterfeiertage in Haiti.
    Wie und ob sie dort gefeiert werden wissen wir nicht aber vieleicht schreibt Ihr dann darüber?
    Wir freueun uns jedenfalls schon auf eine gute Osterjause (Schninken etc.) und wünschen euch noch alles Gute auf eurer Reise.

    Schöne Grüße Erni und Paul

  3. Marjeta Vitrih sagt:

    no, pa še en komentar po slovensko: želimo vama doživeto Veliko noč, šunke, potice, pisanih jajčk in debelega hrena! Če vama vse to ni na dosego, pa uživajta v vsem, kar si lahko privoščita. Srečno rajžo še naprej in ugodno vreme!

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