Mona Passage

Wir genießen noch die außergewöhnlich schönen Ankerplätze an der Südküste Puerto Ricos, zauberhafte ruhige Winkel hinter riesigen Riffen, zwischen den Mangroven in seichtem türkisblauen Wasser. Eine nächtliche Expedition führt uns mit dem Dinghi bei schwarzer Dunkelheit in die Bahia Fosforescente. Myriaden an leuchtenden Einzellern wohnen dort und schalten ihre kleinen Positionslichter ein, als wir durch die engen Mangrovenarme paddeln. Tadeja wagt sich ins Wasser und schwimmt, von einer leuchtenden Aura umgeben, durch die magische Nacht.  Hier würden wir gerne noch einige Zeit bleiben, Puerto Rico hat uns in seinen Bann gezogen, aber wir bekommen Gäste in der Dominikanischen Republik und müssen weiter.

Zwischen den beiden großen Inseln Puerto Rico und Hispaniola (Dom Rep und Haiti) liegt eine 80 Seemeilen breite Meerenge, die Mona Passage. In der Mitte befindet sich die Insel Mona, ein schachtelförmiges flaches Eiland, auch Galapagos der Karibik genannt. Und rundherum pflegt hier das Wetter und das Meer verrückt zu spielen, starke Strömungen aus allen Richtungen, schwere Böen und hoher Seegang. Der Passat sucht sich hier seinen Weg zwischen den beiden Landmassen, der Seegang kommt von Norden und Süden in die Passage, und die hohen Berge Puerto Ricos sorgen für die zusätzliche Würze durch die Fallwinde.  Wir drehen und wenden den Wetterbericht, aber es gibt anscheinend keinen Tag, der für uns wirklich gut passt, der sowieso schon kräftige Passat wird noch einmal kurz zulegen und dann soll es plötzlich für einige Tage schwachwindig werden. Die ersten Meilen wird der Wind durch die Abdeckung Puerto Ricos sowieso nicht über 12 Knoten gehen, für uns zu wenig wenn er achterlich kommt, dafür aber weiter draußen in der Nacht und am nächsten Tag kräftig zulegen. Wir entscheiden uns also noch am späten Abend abzulegen, um 2200 gehen wir Anker auf und motoren in die schwarze Nacht. Der Wind weht nach Plan, aber dem Seegang ist das völlig egal, kaum sind wir aus der Abdeckung der Bucht, bauen sich Wellenberge auf, aus allen Richtungen stürzen sie auf uns ein und spielen mit der kleinen KALI MERA Fußball.  Wellenmannschaft Süd versucht sie möglichst weit in den Norden hinaufzutreiben, Wellenmannschaft Nord gibt ihr – wo sie sie nur erwischen kann – einen Tritt nach Süden und zu allem Überfluss kommen dann auch noch Mitspieler von Osten aufs Spielfeld, um ihr ein Bein zu stellen, wenn sie einmal wieder in Fahrt kommt. Wir werden durchgeschüttelt, Tadeja zieht in die Lotsenkoje im Salon und ich polstere mir den Cockpit-Boden aus und verklemme mich dort.  Im Schiff ist alles bestens gesichert, dennoch kracht und scheppert es in den Schapps und dummerweise auch im Kühlschrank, dieser kocht sich sogar selbstständig Eintopf aus seinen Innereien. Beim Aufputzen der Sauerei mitten in der Hochschaubahn ist dann mein seeganggewohnter Magen beleidigt. Als nach Mitternacht der Wind auf 25 Knoten zunimmt, wird zwar der Seegang noch ungemütlicher, aber die KALI MERA stabilisiert sich ohne Motor mit der großen Genua. Bei hohen Wellen und achterlichem Wind brauchen wir einfach ausreichend Vortrieb, damit das Segel nicht einklappt und sich mit einem lauten Schnalzen wieder entfaltet, wenn uns eine Welle stark seitlich ablenkt. Um dieses Schlagen zu vermeiden (da zieht es mich nämlich jedesmal so richtig zusammen, als ob ich selbst eine Ohrfeige bekommen hätte) kreuzen wir dann meistens auf raumen Kurs vor dem Wind, das ist zwar etwas weiter, schont aber das Schiff und uns.

Diese Nacht bekommen wir so gut wie keinen Schlaf, manchmal dösen wir in der Pause zwischen zwei Waschprogrammen kurz ein, aber spätestens beim Schleudergang sind wir wieder voll da. Am nächsten Tag rauscht die Angel aus, ein riesiger Mahi Mahi ist am Haken, ein wunderschöner leuchtend goldschimmernder Fisch, gut 20 Minuten kämpfe ich um ihn ans Schiff zu bringen, als er dann endlich nur noch einige Meter entfernt ist macht er noch einen großen Sprung, reißt den Haken aus und ist wieder in Freiheit (und in meinem Kopf klappt sich das Kochbuch wieder zu, aber am Tag darauf hüpft und ein schöner Thun ins Boot und alles ist wieder ok).  Als wir uns dann gegen Mittag der Süd-Ost-Spitze der DR nähern wird der Wellengang homogener, die Kreuzwelle ist vorbei und es ist noch ein sehr entspannter Segelnachmittag, nach dem Kap bei der Insel Saona kommen wir sogar ins ruhige Wasser und sausen auf halbem Wind mit über neun Knoten dahin. Die KALI MERA scheint sich über diesen Abschlussgalopp richtig zu freuen und gibt noch einmal richtig Gas, das Ächzen, Krachen, Stöhnen und Schlagen ist verschwunden, ruhig zischen wir mit guter Krängung durchs Wasser und lassen einen langen, in der Abendsonne glitzernden, Gischtstreifen hinter uns, ein Hochgenuss. Dann fällt der Anker vor der Palmenküste Saonas in der Dominikanischen Republik und wir holen den versäumten Schlaf nach.

 

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7 Responses to Mona Passage

  1. Andreas sagt:

    Wow, das kling ja richtig nach Abenteuer. Ihr scheint ja mit mit der KALI MERA ein wirkliches Dream-Trio zu sein. Natürlich hab ich wieder zwei Fragen: wenn bei einer geplanten Nachtfahrt der Sundowner ausgelassen wird (nur falls wirklich …) – gibt es dann dafür einen replacement sun riser? Und wo lagert ihr euer Solar-Panel, wenn es mal gefährdet oder im Weg ist?
    lg, Andi

    • herbert sagt:

      Servus Andi, bei uns gibt es strikt keinen Alkohol wenn wir segeln (Tag oder Nacht, ganz egal), umso mehr freu ich mich auf ein „Ankunftsbier“ am Ankerplatz (wenn wir abends ankommen :-)) . Die Solar-Panele an der Reling klappen wir ab wenn es nötig wird (können hinuntergeklappt und dort fixiert werden) und das am Vorschiff ist mit Leinen gut befestigt. lg nach Wien

  2. chris sagt:

    Dieser Wind im Video erinnert mich an unsere Abenteuer. Temperatur macht neidisch. Alles Liebe aus Wien. Chris & Family.
    PS habe die ein email mit Fotolink gesendet,

  3. Helmut Dalik sagt:

    Hallo ihr zwei!
    Ich sehe mich in meinen Albträumen auf Minerva genau so geschleudert, wie Du es, Herbert, auf dieser Überfahrt beschreibst. Das letzte Stück wäre ich gern dabei gewesen, so wie am Film mitzuerleben.
    Danke, Umarmung, Helmut

    • herbert sagt:

      Lieber Helmut, wenn das Internet hier vernünftig funktionieren würde dann könnte ich die Filmsequenzen von der Überfahrt nach Jamaica hochladen, die war wirklich ungemütlich, 25 knoten wind von hinten und 2 knoten gegenströmung haben eine kurze, steile und mehrere meter hohe see aufgebaut, wir haben immer wieder aus dem cockpit auch plötzlich in wasserwände geschaut die zwei Meter über unseren Köpfen aufgehört haben, hinter uns, neben uns, überall, aber wundersamerweise hebt sich gerade im letzten Momnent das Schiff und wir werden nicht nass. Besonders in der Nacht kann das beängstigend werden 🙂 . und dann kommt man in den geschützten hafen und das meer ist spiegelglatt und man kann es gar nicht mehr glauben dass man vor kurzem noch in der waschmaschine gesessen ist 🙂 alles liebe

  4. Alexandra sagt:

    Ein wirklich toller Blog und eine wirklich tolle Reise! Ich beneide Euch und freue mich, dass es Euch so gut geht und Ihr so viele tolle Sachen sehen könnt!
    Lg. aus Wien

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