Regatta

Beim sonntäglich-abendlichen Grillfest in der Prince Rupert Bay plaudern wir über den am nächsten Tag geplanten Aufbruch nach Guadeloupe, und da fällt plötzlich das Zauberwort „Regatta“, die WHY KNOT IV kündigt an, dass sie mit uns (KALI MERA und ME) um die Wette segeln wollen.

Jetzt ist es ja so, dass viele Fahrtensegler gar keine Regattaambitionen haben, es geht uns um materialschonendes, sicheres und wohl auch bequemes Segeln, nicht um eine Jagd nach Geschwindigkeit. Die Geschwindigkeit auf einer Fahrtenjacht ist so ein ganz spezielles Thema. Hochinteressant ist es, dass fast jeder Fahrtensegler, wenn er ganz alleine auf hoher See unterwegs ist, absolute Traumrekorde aufstellt. Es dürfte ein Naturgesetz sein, dass die natürliche Obergrenze der Geschwindigkeit einer Yacht, – die sogenannte Rumpfgeschwindigkeit -, regelmäßig deutlich überschritten wird wenn das Schiff sich nicht beobachtet fühlt. Statt der üblichen 6-8 Knoten zischt man dann plötzlich mit über 10 Knoten durch das Wasser, gemütliche Fahrtenkatamarane beschleunigen dann sogar in Gleitfahrt auf angstmachende 20 Knoten (Flugzeuge würden hier schon mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen), aber kaum segelt man in Sichtweite von Bekannten so wird die Geschwindigkeit aus Rücksicht gedrosselt. Rücksicht –  auf das Schiff damit es nicht überbelastet wird, auf die anderen Segler, um Ihnen nicht die Vorfahrt zu nehmen, oder auch auf die Fische, damit man diese nicht versehentlich überfährt. Man fährt sozusagen immer nur in den ersten drei Gängen damit alles überschaubar bliebt, oder mit „nur angelehntem Gasfuß“ im „Overdrive“, um ruhig und schonend dahinzugleiten.

Auf die „in Sichtweite“ erreichbare Geschwindigkeit angesprochen wird in der Regel klargemacht, dass es ums sicher Ankommen geht, ums Genießen, und auch darum, endlich die ersehnte und notwendige Langsamkeit ins Leben einsickern zu lassen.  Hatten zwei Yachten für eine Überfahrt zwischen zwei Inseln eine ähnliche Zeit gebraucht, dann war es im Gespräch danach oft eine zwar schnelle Fahrt, aber halt natürlich nur verhältnismäßig schnell, weil man hat ja stark gerefft, Komfort und Sicherheit stand nämlich im Vordergrund, Ankommen ist wichtig und nicht wer schneller segelt.

Interessanterweise kommt diese Ruhe, Gelassenheit und umsichtige Art erst im Hafen oder am Ankerplatz so richtig ans Licht.  Unterwegs war das noch ganz anders – sobald ein anderes Segelschiff mit ähnlichem Kurs in Reichweite kommt, da zwingen alte Verhaltensmuster, die wohl noch aus einer Zeit stammen, als Freibeuter und Handelsschiffe eine ganz besondere Liebe füreinander auf den Weltmeeren ausleben konnten, den Skipper in einen Wettkampfmodus. Ein Segler mit demselben Kurs ist entweder eine Beute oder ein Jäger – sieht man eine Chance schneller zu sein, dann wird er blitzschnell in die Kategorie „Beute“ eingereiht, erscheint der andere als ein wenig schneller (aber keinesfalls aussichtslos überlegen) dann ist er der Jäger und wir sind die Gejagten. Kann man erkennen, dass es chancenlos ist weil man mit einem alten VW-Bus auf der Autobahn dahinzuckelt und ein Porsche im Rückspiegel auftaucht, dann wird der Porsche sofort disqualifiziert weil man nur gegen andere „Bullis“ antritt und der Blutdruck geht wieder auf Normal.

Hat die Jagd erst begonnen dann wird plötzlich am Rigg herumgezogen, Holepunkte werden verstellt (auf der ganzen Atlantik-Querung hat man das Zeug nicht anrühren müssen aber jetzt geht es um jeden Zentimeter), das lang verschollene Buch „Regatta auf Fahrtenyachten“ ist plötzlich wieder da, hier wird dichter geholt, dort ein wenig gefiert, bei wenig Wind vielleicht (aus Sicherheitsgründen) die Maschine angeworfen (aber nur dann wenn der Auspuff auf der Seite ist, die vom anderen Schiff nicht gesehen werden kann). Auch wenn man mit besorgtem Blick auf Wind, See und Mast üblicherweise vorsichtig und frühzeitig Segelfläche verringert so wird es nun klar, dass man bei den läppischen 20 Knoten Wind noch ganz und gar nicht reffen braucht, das Schiff freut sich, wenn es etwas mehr Segel tragen darf, das Rigg muss das schon aushalten, hätte sonst kein Rigg werden sollen. Die ganze Hektik hat ganz plötzlich ihr Ende, wenn man vom Jäger in Luv überholt wird – wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt dann die Erkenntnis, dass es nun Zeit ist, Segel wegzunehmen, weil der Wind gerade zugenommen hat. Etwas unverantwortlich ist es eigentlich wie viel Segelfläche auf dem Schiff gesetzt wurde, das da völlig überpowert vorbeigezogen ist, ist wohl ein Charterschiff (!!!), eh klar, denen ist das Material ja egal. Und dass so ein großes Schiff ja von der Bauform (natürlich, Länge läuft!) her viel schneller segelt weiß jeder, interessant ist nur, warum die doch so lange gebraucht haben uns Cruisern nachzufahren, die hätten ja längst vorbeizischen müssen. Außerdem wird in der Skipper-Todo-Liste gedanklich notiert dass das Unterwasserschiff gründlich inspiziert werden muss, es dürfte doch Bewuchs drauf sein, hätte man es eilig würde das sicher einen halben Knoten bringen, aber Gott Sei Dank sind wir ja Fahrtensegler und wollen es sicher und komfortabel haben.

Konnten wir unsere Pole-Position verteidigen, oder den armen Tropf vor uns überholen, dann sind wir stolz auf unser Schiff und unsere Leistung. War es sogar eine größere Yacht als unser Renner dann fühlen wir tiefe Zufriedenheit, konnten wir eine kleine Yacht abhängen dann kommt uns in den Sinn, dass diese doch von der Bauform her viel wendiger sein müsste als wir, schon bei Salamis hatten die großen Schiffe der Perser gegen die kleinen wendigen griechischen Gefährte keine Chance, – aber nicht so mit uns. Und wie wir vorbeigezischt sind, mühelos und schnell, Können und Erfahrung macht sich halt bezahlt.

Ganz anders ist die Situation natürlich wenn es eine Regatta gibt, ein ganz offizielles Wettfahren. Hier sind die Verhältnisse plötzlich klar, jeder kann offen zugeben, dass er gerne schnell wäre, danach dazu stehen, dass es einfach nicht schneller gegangen ist und dass man sich redlich bemüht hat. Die Geschwindigkeiten werden plötzlich ehrlich, die Windmesser zeigen plötzlich fast gleich an (ein anderes Mysterium – das hier nicht erschöpfend behandelt werden kann – ist es, dass zwei Yachten, die die gleiche Strecke zum selben Zeitpunkt gesegelt sind, oft völlig unterschiedliche Windstärken hatten. Konnte eine Yacht mit 18-20 Knoten Wind und 2 Meter Welle die Strecke bewältigen musste die andere mit 30 -35 Knoten Wind und 3-4 Meter Welle kämpfen. Bei solchen Wetterverhältnissen zeigt sich nämlich das Können des Kapitäns besonders, weil er trotz der erschwerten Bedingungen die Strecke beinahe in der gleichen Zeit schaffen konnte).  Segeln wird plötzlich zum freudig sportlichen Ereignis, jeder gibt das was er kann und seinem Schiff zutraut.

Bei unserer kurzen Regatta ohne exakte Zeitmessung von Dominica nach Guadeloupe hatten wir folgendes Ergebnis: Start war für ungefähr 09:30 vereinbart, WHY KNOT IV ist schon um 09:15 losgezischt, ME war pünktlich auf der Startlinie und die KALI MERA ist um 09:45 Anker auf gegangen, weil eine Viertelstunde Verspätung bei der KALI MERA Crew systemimmanent ist. ME hat als erste eine Boje bei „The Saintes“ ergattert und haushoch gewonnen, danach kam WHY KNOT IV und zum Schluss die KALI MERA, insgesamt wohl ähnlich schnell als die Nummer zwei.  Wind zwischen 20 und 25 Knoten aus NE, in Böen etwas über 30, Welle zwei bis dreieinhalb Meter, unsere Geschwindigkeit konstant zwischen sieben und acht Knoten, Spitzen bis neun Knoten, ein spritzig-schnelles, schönes und anstrengendes Segeln.

Hochsee-Regatta-Segeln mit Freunden macht Freude!

 

 

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3 Responses to Regatta

  1. Harald Lederer sagt:

    Lieber Herbert,
    Dein Regatta-Beitrag hat mich zum Schmunzeln gebracht. Das Thema steht Dir gut 😉
    Hier ist es knapp vor 2300 Uhr, ich fahr mit dem Zug durchs Saarland – morgen Präsentation bei einem potenziellen Kunden. Draußen hat es Minus 15 Grad und der gedankliche Ausflug zu euch nach Guadeloupe war sehr angenehm. Danke und liebe Grüße, auch an Tadeja.
    pfuh – Math Captcha kurz vor Mitternacht!

  2. Helmut Dalik sagt:

    Danke, lieber Herbert,
    mit Deinen Regatta-Gedanken hast Du mich zurückerinnern lassen an meinen jugendlichen Ehrgeiz am Neusiedlersee. Blaues band und 24 -Stunden -Regatten waren sportliche Pflicht und die klar identifizierten Gegner ebenso ehrgeizig. Es ging ja um Sekunden, daher gab es auch riskante Wettläufe über längere Stege, vom Schiff zum Stempel abholen an Land .
    Ich freue mich, dass Ihr genießt und ich sende nach Wärme sehnende Grüße, auch an Tadeja,
    Helmut

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