Dominica – Rettungsmanöver und große Belohnung

Ich sitze gerade gemütlich an Deck, hingekuschelt in die ganzen Polster, die ich um mich aufgehäuft habe, so dass es im Cockpit ausschaut wie im Gemach eines Sultans, und lese die höchst vergnüglichen Bücher von Herrn Vettermann. Es herrscht eine leichte Brise, das Schiff schaukelt gemütlich vor sich hin, ruckelt hin und wieder am Anker wir fühlen uns pudelwohl. Da klopft es plötzlich an der Boardwand und ein aufgeregter Segelnachbar steht in seinem Dinghi neben uns und deutet hinter mich. Ich beschließe den üblichen Smalltalk (where do you come from? what are your travelling-plans for the season? what is on your repair list for today? How many EC is the beer in the beach-bar?…) unter Seglern kurz auszusetzen und schaue in die Richtung in die er deutet – da ankert doch wirklich direkt neben uns eine Yacht, die kurze Zeit vorher am anderen Ende der Bucht beheimatet war. Und irgendwas stimmt nicht, weil sie bewegt sich, trotz Ankerkette im Wasser, immer schneller in unsere Richtung.  Mit aller meiner langjährigen seglerischen Erfahrung, unter Abwägung verschiedenster Einflussfaktoren wie Wetterbedingungen, Wellengang, und auch dass keine Besatzung an Bord ausgemacht werden konnte, komme ich zum einzig richtigen Schluss – sie driftet, der Anker hält nicht, und wir sind das letzte feste Teil zwischen ihr und der mexikanischen Küste.  Blitzartig reagieren wir, hinaus mit unseren Fendern, Leinen vorbereiten, Kanonen gefechtsklar machen, Motor starten, längsseits gehen, und dann entert Tadeja das angreifende Schiff, fängt die Ausreißerin wie ein junges bockendes Pferd mit dem Lasso ein und vertäut sie fest an unseren Klampen. Bei ihren verzweifelten Versuchen zu entkommen gelingt es ihr noch, einen Kratzer in unsere makellose Bordwand zu machen, so als Rache, weil wir ihr die langersehnte Freiheit verwehrt haben.  Während wir warten, bis die ahnungslosen Landausflügler zu unserem neuen ‚Beiboot‘ zurückkommen, malen wir uns schon aus, mit welchen überschwänglichen Dankesbekundungen wir uns überhäufen lassen werden. Immerhin ist so ein Schiff nicht gerade billig und es würde uns mindestens 10% des Wertes als Bergeprämie zustehen. Einige Stunden später ist es dann so weit, zwei Dinghis kommen herangeschossen, erstaunte Gesichter und große Augen. Als siegreicher Kapitän kommandiere ich hierauf das Ablegemanöver, empfehle noch so nebenbei doch zukünftig mehr als 20 Meter Kette zu geben, wenn man vom Schiff geht. Das „Packerl“ löst sich dann ohne weitere Probleme auf und die schockierten Eigner verankern ihren Streuner nach fast stundenlangem Herumkreisen aufs Neue.  In der Zwischenzeit warte ich schon auf den Besuch der beiden amerikanischen Eigner um unseren Schaden zu regulieren und um die Dankesbezeugungen huldvoll entgegenzunehmen. Leider wird mir das „auf der Lauer liegen“ bald zu fad, weil niemand vorhat, bei uns vorbeizukommen.  Erst Stunden später bekommen wir Besuch, und erfahren dann im Detail dass Ric (so heißt der Kapitän des Unglücksdampfers, im Zivilberuf Verkäufer) als Segler auf einen ausgesprochen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann ist und auch professionell Regatta gesegelt ist. Als mir das dann zu bunt wird und ich auch zur Einsicht komme, dass unsere Heldentat gar nicht angesprochen werden wird, erwähne ich höflich, dass wir nun an Land gehen möchten, vorher aber noch die Regulierung des Schadens geklärt haben wollen. Alles kein Problem, Ric ist ja Gottseidank auch Schiffsbau-Experte, er wird das selber machen und alles sei wieder erledigt.  Nix ist erledigt, wir sind leicht verstimmt, werden das professionell reparieren lassen und über die Versicherung von Ric abrechnen.  Kurz bringe ich das Gespräch auch noch auf das Thema „Bergelohn“, verweise auf die notwendige und natürliche Hilfsbereitschaft der Fahrtenseglergemeinschaft und wie schön es doch ist, dass dabei Geld nie eine Rolle spielt und wir natürlich keinerlei finanzielle Ansprüche stellen, aber wenn ein Flascherl Schampus danach auf die KALI MERA herüberwandert dann freuen wir uns sehr.  Sales Manager Ric versteht den Wink mit dem Zaunpfahl und zwei Tage später bekommen wir zwei Flaschen Wein auf unser Schiff geliefert mit dem Hinweis es sei zwar „no champagne“ aber sie werden uns sicher dennoch schmecken. Ich bedanke mich, zische in den Salon und packe die edlen Tropfen voller Vorfreude aus – aber die Vorfreude schafft es nicht, sich in eine Mittel- oder zumindest Nachfreude zu verwandeln, es sind leider die Weine, die ich trotz aller seglerischen Sparsamkeit und budgetärer Beschränkungen beim Leaderprice in Martinique nicht auf die Degustations-Liste gesetzt habe, weil man nicht einmal in Frankreich um zwei Euro pro Flasche einen ordentlichen Wein bekommt.

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4 Responses to Dominica – Rettungsmanöver und große Belohnung

  1. Daniel Frey sagt:

    Ihr Lieben

    Vorab: Glückwunsch zur Rettungsaktion! Falls die HEUREKA mal abtreibt und Ihr zwei in der Nähe seid, weiss ich nun, dass sie gerettet wird…!

    Was den „Finderlohn“ angeht, prallen natürlich zwei Kulturen aufeinander. Einerseits der „Wir sind Kaiser“-gestählte Österreicher, der „huldvoll“ den Dank der Untertanen entgegennehmen will, und anderseits der US-Amerikaner, wo selbst der Präsident „just a guy“ ist…

    Die HEUREKA ist inzwischen so wertvoll, dass aus meiner Sicht eine Schweizer Rolex-Uhr als Bergelohn das Mindeste wäre, wenn Ihr sie vor dem Zerschellen an den rauen Klippen der karibischen Inseln bewahren würdet…

    Huld- und neidvoll aus den eisigen Kälten Zürichs grüsst – Commodore Mustafa Süleyman

  2. chris sagt:

    coole Story 🙂

  3. Harald Lederer sagt:

    Ihr seid Helden. Und wenn der „Guy“ schon keine Manieren hat, woher soll sie dann ein Sales Manager haben.
    Hugs, Harald

    PS: Die Captcha Aufgaben werden immer unlösbarer…

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