Martinique

Der Anker fällt in der großen Ankerbucht vor Sainte Anne – und damit sind wir wieder in Europa angekommen – ja, das geht hier schnell mit den Kontinenten – in den Karibischen Inseln ist von Süd-, Mittel- und Nordamerika, Frankreich, Großbritannien und Holland innerhalb weniger Meilen alles vertreten.

Das Einklarieren auf Martinique bringt einige Annehmlichkeiten mit sich – wir können zum Beispiel wieder nach Hause telefonieren (E.T. lässt grüßen) – was uns besonders um Weihnachten und Neujahr herum, das wir hier verbringen wollen, gelegen kommt –nach Belieben französischen Käse und französischen Wein einkaufen und mein Frühstücksjoghurt hat ein Ablaufdatum vor 2020! Es macht zwar nichts, wenn anderswo die Supermärkte nur spärlich bestückt sind und man mit dem auskommen muss, was auch die Einheimischen zur Verfügung haben, aber wenn man plötzlich in einem Supermarkt wie Carrefoure steht, der alle Stücke spielt und alles hat, dann schlägt doch die alte Konditionierung zu und man steht vor den überfüllten Regalen wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum.

Hier treffen wir auch einige unserer alten Freunde wieder, Reiner von der BALOU, Daniel und Anette von der ME und einige andere Schiffe, die nach und nach von Trinidad herauftrudeln oder schon vor uns da waren. Also werden beim Sundowner mal auf diesem, mal auf jenem Schiff, in der einen oder anderen Bar die Neuigkeiten und Sommererlebnisse aus dem ‚anderen Leben‘ ausgetauscht, Pläne für die nächsten Tage geschmiedet – was in Gesellschaft immer leichter fällt, denn Herbert kann manchmal in getaktete Tagesablaufbedürfnisse verfallen, die ich mich bei der Ausflugsplanung weigere zu erfüllen – was natürlich gleichbedeutend ist mit Widerstand gegen die allmächtige Skippergewalt und nicht goutiert wird. Schließlich setzt sich die intuitive Tagesgestaltung mit einer Vielzahl an zur Auswahl stehenden Möglichkeiten durch, und mit dem Mietauto machen wir uns auf zum Insel erkunden.

Das startet – wie auch anders – im Carrefoure. Die Gänge werden durchforstet, in den Einkaufswägen türmt sich langsam eine kleine Gemischtwarenhandlung mit Waren aller Art, die uns im nächsten halben Jahr als Vorrat dienen und das Leben angenehm machen wird. Und weil wir schon beim Einkaufen sind, stürmen wir noch das Sportgeschäft Decathlon, um uns mit Schwimmbrillen, Wasserball, Handtüchern, Lampen, Flip-Flops, die ja ständig kaputtgehen, und anderem Kleinrat zu bestücken. Schließlich ist ja bald Weihnachten. Das ist auch der Grund, warum wir die Heimfahrt im Schneckentempo zurücklegen – in einer nicht aufhören wollenden durchgehenden Kolonne zwischen Fort de France und Martinique werden wir unserem Ziel näher geschoben. Eigentlich wollten wir den Einkauf mit mehreren (zeitlich genau festgelegten!) Besichtigungen verbinden, doch in der Zwischenzeit ist es schon dunkel geworden, und die eigentliche Schwerarbeit steht uns noch bevor– wie schaffen wir das alles aufs Schiff? Das steht schließlich vor Anker, und das Dinghi am Steg. Also alles zum Steg geschleppt, ins Dinghi versenkt (es liegt ja ungefähr zwei Meter tiefer als der Steg) und dabei aufpassen, dass es nicht untergeht. Dann tuckert Herbert unter bedrohlichem Wellengeschaukele und mit einer Stirnlampe bewaffnet ein paar Mal zwischen Boot und Steg hin und her – an ein ins Gleiten kommen ist beim besten Willen auch mit dem neuen Super-Turbo-Motor nicht zu denken – bis auch ich noch bei der letzten Fuhre ein Plätzchen im Dinghi ergattere und die ganze Fracht glücklich und trocken am Boot angekommen ist. Gott sei Dank hat die KALI MERA so viele Geheimfächer, dass alles in ihrem Bauch verschwindet und man sich am Boot wieder frei bewegen kann, ohne über Schachteln, Flaschen, Dosen und umherrollende Orangen zu stolpern. Den Tag lassen wir bei einem guten Gläschen französischen Weins ausklingen.

Der folgende Tag steht ganz im Zeichen der Inselentdeckung. Aus Schaden klug geworden biegen wir bei der erstbesten Möglichkeit von der Hauptstraße ab, die sich schon wieder zu verstopfen beginnt, und schlagen uns durch unbekanntes Gelände durch. Und schon umfängt uns die Natur mit einer Intensität und Farbenpracht, die unsere Lungen durchatmen lässt und die Sinne weit öffnet. Martiniques Vulkanboden ist fruchtbar, überall sieht man Bananen- und Zuckerrohrplantagen, dichten Dschungel, und grün, grün, grün in allen Schattierungen. Steil in den Berg geschlagene Straßen scheinen manchmal ins Nirgendwo zu führen, doch dann lichtet sich das Panorama, bunte, große Siedlungen und Anwesen mit gepflegten blütenreichen Gärten säumen den Weg, der Blick schweift über Almwiesen in Kleinformat, wo mächtige Stiere gemächlich ihre Häupter nach uns drehen – diese allerdings nicht in Kleinformat. Diese Riesen leben in enger Freundschaft mit kleinen weißen Reihervögeln, die seelenruhig auf ihren Rücken herumspazieren dürfen und ihnen die köstlichen oder lästigen Insekten – je nachdem –  hinter den Ohren herauspicken, während die Rinder ungerührt weitergrasen. Der Weg führt uns über kleinste und unwegsamste Sträßchen, teilweise durch reißende Wassermassen, die wegen der immer noch anhaltenden Regenfälle einfach quer über die Straßen statt unten durch fließen und uns einmal sogar zum Umdrehen zwingen – nicht so die Einheimischen, die mit ihren Geländewägen wie in einem Actionfilm einfach hindurchpflügen, ohne, wie befürchtet, seitlich hinweggeschwemmt zu werden. Dafür brauchen wir auch fünf statt eineinhalb Stunden bis nach Sainte Pierre. Dort wollen wir die Überreste der Stadt besichtigen, die nach dem Vulkanausbruch 1904 (da war mein Großvater gerade mal drei Jahre alt) nicht mehr in ihrer alten Pracht wiederaufgebaut wurde. Alte Abbildungen zeigen das einstige „Paris der Karibik“, das eine Laune der Natur mit einem Atemzug einfach ausgelöscht hat – der Vulkan raucht heute nicht einmal mehr, als wäre er seit Jahrhunderten inaktiv. Der ganze Spuk dauerte angeblich nur Sekunden, alle Bewohner bis auf einen Gefangenen, dessen Zelle man unter dem alten Theater noch besichtigen kann, wurden in den Tod gerissen, die Schiffe im Hafen fingen Feuer und liegen noch heute als Wracks im Hafenbecken unter Wasser.

Den Verursacher dieser Katastrophe wollen wir ganz genau in Augenschein nehmen! Am nächsten Tag packen wir die Wanderschuhe in unsere Rucksäcke, holen Reiner von der Balou ab und mutigen Schrittes nehmen wir zu dritt den Aufstieg in Angriff. Zu Anfang scheint alles ganz einfach, der Weg ist durch Stufen befestigt und es ist wie ein etwas anstrengender Spaziergang. Meist gehen wir durch dichten Nebel, erahnten nur die steil abfallenden und mit sattem Grün bewachsenen Hänge und geben uns ganz der mystischen Atmosphäre des Monte Peleé hin. Oben am Krater angelangt öffneten sich die Nebelschwaden für ein paar Augenblicke und erlaubten uns einen Blick wie durch ein Guckloch bis ins Tal – und schon ging der Vorhang wieder zu. Eine Karte zeigt, dass man den Krater zu dreiviertel umrunden und dann noch ein kurzes Stück bis zum Gipfel gehen muss. Na, ein Kinderspiel, das haben wir in fünfzehn Minuten geschafft! Weit gefehlt! Hier zeigt der Berg, was er kann! Es gibt keine befestigten Treppen mehr, nur noch große Steine, über die man sich an allen vieren hochziehen muss und die gar nicht aufhören wollen, sich übereinander zu türmen. Zudem fängt es heftig zu regnen an und meine lange Hose wird nassschwer und klebt an den Beinen. Aufgeben? Umkehren? Nicht im Traum! Also weiter! Über den Kraterrand wächst ein dichtes Buschwerk, das man besser nicht betritt – man sieht den Boden des Kraters nicht, er ist nebelgefüllt, doch das, was sich erahnen lässt, würde bei einem Fehltritt nichts Gutes verheißen. Durch den Regen wurden die Steine glitschig und man schaut zwischen ihnen hindurch in tiefe Höhlen, also keine feste Erde, auf die man sich wie bei uns in den Bergen verlassen könnte. Eigentlich wollten wir uns gemütlich zur Gipfeljause hinsetzen, so wie sich das laut Herbert gehört, er hat darum auch vorher keinen Bissen gegessen, jetzt stehen wir da, im dichten Nebel, vom Regen gepeitscht und von einem eisigen Wind umweht, aber mit einem Lachen im Gesicht! Ein herrliches Gefühl! Die Jause haben wir im Stehen weiter unten, in einer Regenpause vertilgt.

Wieder im Tal machen wir noch einen Abstecher in die Rumfabrik Saint James und belohnen uns mit einem deftigen kreolischen Abendessen. Die Besichtigung der Rumfabrik La Mauny und der gravierten Steine der Arawakindianer vertagen wir auf ein andermal – und als es dann so weit war mussten wir feststellen, dass die Gravuren nur mit viel Fantasie überhaupt als solche erkannt werden konnten, sie gaben aber Herbert einen Grund zur Belustigung über ‚meine hochinteressante Tour, die als kultureller Höhepunkt unserer Reise gewertet werden könne‘.

Und schon stand Weihnachten vor der Tür, und obwohl die Menschen hier alles überbordend weihnachtlich schmücken und beleuchten, ohne Schnee und Weihnachtsbaum will keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen – da hilft auch die Vorstellung nicht, dass Jesus eigentlich in einem Land mit Palmen geboren wurde. Aber gefeiert haben wir trotzdem, und statt mit der echten Familie, die zu Hause schon in den Betten lag, als wir uns zum gemeinsamen Abendessen zusammensetzen, eben mit unserer großen zusammengewürfelten ‚Seglerfamilie‘. Das Feiern, dass bis in die Morgenstunden dauerte, setzen wir zwei Tage später beim Entenschmaus auf Daniels Katamaran fort und wieder ein paar Tage später gibt es gemeinsam Silvesterschmaus, mit Feiern und Tanzen und allem was dazugehört.

Jetzt ist aber Schluss mit dem Gelage, und am ersten Jänner lichten wir den Anker und segeln mit einem Zwischenstopp in der Schnorchelbucht Anse Noir nach Sainte Pierre. Ich will dort unbedingt den Zoo besuchen, der noch auf der Liste unserer Rundfahrt stand. Mehrere Stunden spazieren wir durch das malerisch angelegte Gelände, wo man zwischen den Ruinen einer alten Rumfabrik, die beim Vulkanausbruch ebenfalls völlig zerstört worden war, mehrere heimische und nicht-heimische Tierarten beobachten kann. Trotz der prachtvollen Natur, in die sich die Gehege scheinbar nahtlos fügen, wissen die Tiere, dass sie eingesperrt sind – besonders tun uns die Jaguare und der Puma leid, obwohl es etwas tröstet, dass der siebzehn Jahre alte Jaguar Ullyses verwundet aufgegriffen und hier gesundgepflegt wurde und er mit dem drei Jahre alten in einem französischen Zoo geborenen schwarzen Jaguarmädchen Faya zusammenlebt. Richtig gut geht es den Kleintieren wie den Waschbären und Faultieren, die in den Bäumen und ihren Bauten vereinzelt oder zusammengedrängt herumhängen, die größeren Affen aber würden wir am liebsten gleich freilassen. Dafür haben es mir die kleinen bunten Papageie angetan, die überhaupt nicht scheu sind und neugierig an meiner Kamera knabbern und unter meine Fransentasche kriechen, um zu begutachten, ob sie zu was taugt. Als ich einen streichele, zwickt er mich zwar in den Finger – so nach dem Motto: ‚lass mich in Ruhe, ich bin ja kein Gemeingut!‘ – sonst lässt er sich bei seinen Untersuchungen aber nicht stören.

Morgen werden wir nach Domenica weiterfahren und die schöne Kulisse Saint Pierres, die mit ihrem großen Dom hinter dem Marktplatz und dem Glockengeläute, das soeben wieder erklungen ist, wohltuend an die kroatischen Küstenstädte erinnert, hinter uns lassen.

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