St. Vincent

Nach zwei geruhsamen Wochen in der Admirality Bay auf Bequia richten wir den Bug unserer KALI MERA nach St. Vincent, wir bekommen kräftigen Wind auf die Nase und segeln – wieder einmal stark gerefft und dennoch ziemlich schnell – über die Meerenge zwischen den beiden Inseln. Die Einfahrt zur Blue Lagoon, in der einige bekannte Schiffe ankern, ist uns zu seicht, weiter geht es nach Norden in die Buccament Bay. Hier liegen wir als einziges Schiff ruhig in der Nähe eines Luxus-Ressorts, das Meer ist dunkel, der Sand ist schwarz. Am nächsten Tag durchschnorcheln wir die „Fledermaus-Höhle“, in der tausende der kleinen Draculas herumflattern und bestaunen die unglaublich schöne Unterwasserwelt mit ihren Korallen, Fischen, Kraken, Rochen und weiterem Getier, dann geht es müde und begeistert zurück zur KALI MERA. Die Sonne macht sich daran unterzugehen, ein kleiner „green flash“ ist uns wieder gegönnt, eine traumhafte Kulisse und Abendessen direkt am Meer – nichts stört die Idylle … – bis dann plötzlich der Samstag Abend beginnt, an dem die hiesige Jugend auch ihren Spaß haben möchte – und das heißt halt Musik am Strand, wie schon gewohnt in einer Lautstärke, die als Abhärtung für den nächsten Karneval bestens geeignet ist. Die Musik an sich stört nicht so, das gehört schon irgendwie dazu, nur ist für den Betrieb der Boxen auch ein überdimensionierter Benzingenerator nötig, und der macht dem Rest der Anlage mit seinen Dezibel durchaus Konkurrenz. Nach zwei Stunden – ich bin gerade beim Überlegen, wie man das Monster zerstören könnte – macht es plötzlich einen lauten Knall und himmlische Ruhe kehrt ein, Generator, Strom und Musik sind verschwunden und kommen nicht wieder –das Universum ist doch grundsätzlich nicht bösartig (jetzt fahren wir schon so lange nicht mehr mit dem Fahrrad dass wir den universellen Hang zum Gegenwind vergessen haben).

Am nächsten Tag geht’s weiter in die Wallilabou-Bay, berühmt wegen seiner spektakulären Szenerie und vor allem, weil hier Captain Jack Sparrows mit seinem Segelboot angelandet ist, – hier ist einer der Hauptdreh-Orte vom „Fluch der Karibik“. Wir ankern dort, wo vor uns schon die INTERCEPTOR gelegen ist und flanieren in den Resten der Kulissen an der Uferpromenade. Gott-Sei-Dank haben wir gerade alle Film-Teile gesehen und kennen uns hier also aus. Es gibt ein kleines Film-Museum, ein Restaurant mit vielen Plastik-Seeräubern, Totenköpfen und einer Menge von Holzsärgen, alles desolat und heruntergekommen. Die Landschaft ist überwältigend, der Rest nicht so ganz unser Geschmack. Nach so positiven Erfahrungen mit den Menschen auf den bisher besuchten Inseln ist es hier ein wenig sonderbar. Es herrscht eine aggressive Grundstimmung, die „Boat-Boys“ sind aufdringlich und wir sperren am Schiff alles ordentlich ab, das erste Mal dass wir Abrahams Schoß verlassen.

Dennoch wollen wir ein paar Tage bleiben und die Insel entdecken, zuerst fahren wir mit dem Minibus nach Kingstown, der Hauptstadt der Insel, dort besuchen wir den sehr schönen botanischen Garten, einen der ältesten seiner Art, hier brachte schon Captain Bligh (der von der Bounty, laut Tadeja mein großes Kapitänsvorbild) die ersten Brotfruchtbäume her, Setzlinge davon sind immer noch zu sehen. Aber mit dem Garten hat es sich auch schon wieder mit den schönen Dingen ins Kingstown, der Rest ist laut, schmutzig, unfreundlich, drückend heiß, und wer hier lächelt dem wird wohl sofort die Aufenthaltserlaubnis entzogen. Die Fahrt mit dem voll besetzten Minibus ist für mich ein Grenzerlebnis, der Fahrer ist noch jung (schlechtes Zeichen, als Evolutionsanhänger bin ich überzeugt dass ältere Exemplare sicherer fahren), die kurzen Erholungsphasen wenn es bergauf geht werden in Sekundenbruchteilen wieder zunichte gemacht, wenn dann in halsbrecherischen Tempo die enge Küstenstraße wieder nach unten geht, es wird hemmungslos beschleunigt (bis auf „lächerliche Geschwindigkeit“) und mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starre ich dann auf die 180 Grad Kurven die auf uns zurasen, wie durch ein Wunder fällt der Bus nicht in die riesigen Schlaglöcher und schafft die Kurve millimetergenau, ohne auch nur ein klein bisschen zu viel an Speed zu verlieren. Die ohrenbetäubende Musik, die ununterbrochen aus den an die Blechwände geklebten Lautsprechern herausbrüllt, scheint mich irgendwie zu betäuben und ich kann daher nicht in Panik aus dem Fenster springen. Auf der Rückfahrt sitzen wir dann zu siebzehnt in einem Minibus, der Fahrer ist diesmal schon älter und scheint mit seinem Gefährt verschmolzen zu sein, mit ruhiger Gelassenheit und katatonischem Kopfwackeln rast er die Strecke zurück, er gleitet richtiggehend dahin, es ist diesmal kein Hochschaubahn-Fahren sondern eher das Gefühl, als wenn der Intercity der ÖBB mit 240 km/h über den Semmering fahren würde.

An Folgetag stehen sportliche Höchstleistungen am Programm – der höchste Vulkan der Insel ist zu besteigen, wir nehmen die als „sehr steil“ beschriebene Route und organisieren einen Guide, da speziell dieser Trail als „nicht sicher“ gilt. Etwas verspätet aber doch werden wir zeitig in der Früh mit einem winzigen Fischerboot abgeholt, dann geht es einige Meilen nordwärts bis zum Startpunkt, einem trockenen Flussbett am Strand. Mit letzter Kraft schafft es der Motor bis zum Ufer, schon seit 20 Minuten spuckt er und wird ständig langsamer, dann stirbt er endgültig und wir hüpfen ins seichte Wasser. Unser Guide ist ohne Schuhe und mit wenig Worten unterwegs, in unregelmäßigen Abständen und ohne nachvollziehbaren Grund hören wir ein „Yeah“ oder so eine Art leises Brüllen von ihm, sonst gibt es wenig Gesprächsstoff. Aber den Weg kennt er, er muss zwar regelmäßig rasten und braucht viel von unserem Trinkwasser das wir für uns hinaufschleppen, aber wir kommen ohne Zwischenfälle hin und zurück. Der steile Weg, der sich zuerst durch tief eingeschnittene Flussbette und dann durch den Regenwald hinaufwindet, ist ein Erlebnis, es geht durch Berg und Tal, über enge Grate bei denen es links und rechts fast senkrecht hinuntergeht, an Bananenstauden, Mangos, Zuckerrohr und Marihuana vorbei (entlang des Pfades befinden sich hinter dem Unterholz die großen Anbaugebiete St. Vincents, wir treffen nur einen Farmer aber sehen große Säcke voll frischer Ernte), mit der höher steigenden Sonne beginnt es zu dampfen. Am Gipfel angekommen (auf ca. 1000 Meter Seehöhe) weht ein frischer starker Wind und wir genießen die dramatische Szenerie, aus dem Vulkankrater steigen Schwefeldämpfe auf und das Panorama ist fantastisch. Nach einer zünftigen Jause (die wir mit unserem Guide teilen, er hat ja selbst nichts mitgenommen) und einer Erholungspause auf der Alm (ich verspüre ein eigenartiges Gefühl – ist das Heimweh nach den österreichischen Bergen??) geht es wieder hinunter in den Dschungel und zurück zu KALI MERA. Wir bezahlen den Guide und das Boat-Taxi (sie sind beide beleidigt, weil wir nur den Preis bezahlen den wir vorher exakt vereinbart haben), und am Abend fallen wir hundemüde in die Koje.

So sehr uns die Landschaft hier beeindruckt, so unglücklich sind wir über die Unfreundlichkeit der Bewohner, die Boatboys sind unverschämt und fast schon aggressiv, ein freundliches Nein wird nicht akzeptiert, sonderbare dunkle Gestalten (die wohl schon kräftig den Raucherzeugnissen der Insel und dem Rum zugesprochen haben) kommen auf Surfbrettern längsseits und versuchen minderwertiges Obst zu verkaufen oder wollen einfach Geld (mich wundert ja dass sie in dem Zustand nicht vom Surfbrett kippen, aber irgendwie halten sie sich doch oben), jedenfalls haben wir noch nie so wenig Gastfreundschaft erlebt wie hier, ich habe ein ungutes Gefühl hier weiter zu bleiben und wir brechen einige Tage früher als geplant zeitig am Morgen auf, nächstes Ziel ist Martinique, und St. Vincent bleibt uns als Naturparadies mit gutem Verbesserungspotential, was die Freundlichkeit der Bewohner betrifft, in Erinnerung.

Nachtrag: Wir sind unmittelbar von der Wallilabou Bay mit einem Nachtstop auf St. Lucia nach Martinique gesegelt, dort haben wir dann erfahren, dass in der Nacht nach unserer Abreise in der Wallilabou-Bay bei einem Raubüberfall auf ein Charterboot ein deutscher Segler getötet und der deutsche Skipper verletzt wurde. Wir sind – so wie auch unsere Seglerfreunde – schockiert, denken an die Opfer und werden auch weiterhin auf unsere Intuition hören.

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