Hitze, Höhen und Hurrikan

Sonne auf der Haut, Salz in der Nase, das leise Pfeifen des Windes – lautlos gleitet unser Schiff durchs Wasser. Ich überlasse mich dem Wind, den Wellen und dem Fluss meiner Gedanken, die Eindrücke der letzten Tage wechseln sich ab mit den Erinnerungen an zu Hause.

Sonne auf der Haut, Salz in der Nase, das leise Pfeifen des Windes – lautlos streicht unser Schiff durchs Wasser. Ich überlasse mich dem Wind, den Wellen und dem Fluss meiner Gedanken, die Eindrücke der letzten Tage wechseln sich ab mit den Erinnerungen an zu Hause.

Abends waren Delfine da, hunderte, von allen Seiten, im Spiel mit der Bugwelle, springend, Pirouetten schlagend, zu dritt, zu viert im perfekten Gleichklang.

Ankommen.

Zehn intensive Tage liegen hinter uns, zwischen extremer Hitze und kühler Bergluft, zwischen null und dreitausend Metern Seehöhe.

Es gibt Schöneres als das Schiff bei 40 Grad Celsius startklar zu machen! Es ist drückend heiß, die Nacht bringt keine Erleichterung, der Jet-Lag tut sein Übriges. Wir sehnen uns nach dem goldenen Herbst zu Hause, wären wir doch dortgeblieben und könnten uns nachts wohlig in Daunendecken kuscheln!

Nach zwei unerträglichen Nächten flüchten wir! Die gewaltige Sierra Madre lockt mit ihrer klaren frischen Luft und mit angenehmen Temperaturen. Die Straße nach Durango führt ins schroffe Bergland, über die spektakuläre höchste Brücke des amerikanischen Kontinents, über tiefe Canyons, entlang der „Wirbelsäule des Teufels“ – angeblich die gefährlichste Hochstraße der Welt.  Schlammlawinen und gewaltige Steinschläge zeugen von den hier herrschenden Unwettern – man möchte nicht gerade zur Stelle sein, wenn sich ein Felsbrocken von mehreren Metern Durchmesser aus den überhängenden Wänden löst!

Noch nie haben wir México zu dieser Jahreszeit besucht, die Regenzeit ist gerade zu Ende gegangen. Die Natur ist ein einziges Blumenmeer in Gelb, Orange, Violett, Weiß und Grün. Wir reisen in ein Hochgebirge, das sich in einen riesigen Garten verwandelt hat.

Wie Bilder einer Ausstellung reihen sich die Ereignisse in meiner Erinnerung auf. Freundliche Menschen, die sich auch unter schwierigsten Verhältnissen in den Bergen eine einfache Existenz aufgebaut haben, lachende Kinder mit schwarzem Haarschopf, Pferde, Kühe, Esel und Geier, die sich mit uns die Straße teilen. Die schöne koloniale Altstadt von Durango. Die halb zerfallene Felsenkirche in Nombre de Dios, die älteste Méxicos, in deren unterirdischen Gängen sich laut den Einheimischen unermessliche Goldschätze befinden, die aber – jammerschade – nicht geborgen werden dürfen, um die Kirche nicht zu gefährden. Ein atemberaubender Wasserfall in einer Landschaft wie aus einem alten Western.

Und dann Molinillo. Mit unserem Kia Rio biegen wir, dem Schild Richtung „Mountain Resort“ folgend, vom Highway ab. Schon nach wenigen Metern kann man eigentlich nicht mehr von Straße sprechen. Und es kommt schlimmer. Denn Herbert entscheidet sich, seiner von google maps gesteuerten Intuition und nicht dem Wegweiser zu folgen. Es wird steiler. Tiefe Gräben, Löcher, Steine, Wurzeln. Umkehren nicht möglich. Nach dem letzten Dorf, das eine halbe Stunde zurückliegt, keine Menschenseele mehr. Blick starr nach vorn gerichtet, Anspannung, kein Wortwechsel. Schaffen wir es über den nächsten Steinhaufen? Und zurück müssten wir dann auch wieder…

Belohnt wurden wir mit idyllischen Bergseen und einem Wasserfall, der hundert Meter steil nach unten – fast könnte man sagen – fliegt. Ich jedenfalls bin mit der Zip-Line und den bunten Papageien, die dort leben, drüber hinweg geflogen!

Die Rückfahrt erwies sich in der Tat einfacher– natürlich gab es eine etwas bessere und kürzere Straße, von der „maps“ eben noch nicht wusste.

Inzwischen ist Hurricane Pamela im Anflug. Pam sollte direkt in Mazatlan, wo unser Schiff liegt, an Land treffen. Vorher ist an ein Ablegen nicht zu denken. Bis dahin haben wir noch zwei Tage Zeit. Da geht sich noch ein Besuch der Steingärten von Mexiquillo auf 3200 Meter Seehöhe aus. Wir mieten uns eine Cabana (eine Art Selbstversorger-Almhütte), bekommen ein großes Bündel Holz auf die Terrasse gelegt, fürs Wasser Aufwärmen und gegen die Kälte der Nacht. Wir genießen das knisternde Feuer am offenen Kamin.

Ohne große Erwartungen hängen wir uns die Kameras um und starten unsere Expedition in den großen Abenteuerspielplatz der Mexikaner. Wir schlendern einem Bach entlang über grüne Wiesen, um uns unvermittelt inmitten skurriler Steinformationen einer Mondlandschaft gleich wiederzufinden, die uns in Ihren Bann ziehen. Stundenlang laufen wir wie Kinder umher, staunen, spielen Verstecken und klettern auf jeden Steinpilz den wir erklimmen können. Ist Pamela doch zu etwas gut! 

Zurück in Mazatlan heißt es die Kali Mera auf den herannahenden Sturm vorzubereiten. Im Yacht Club herrscht hektische Betriebsamkeit, fast alle Boote werden an Land gebracht, wir bauen Sprayhood und Bimini ab, kaufen zusätzliche Fender, bringen extra Festmacher an und verstauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, unter Deck. Pamela soll erst kurz nach Mitternacht eintreffen und wir wollen noch, nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, mit unserm Mietwagen zum Abendessen fahren. Eine grauschwarze Wolken-Walze hat sich über dem Meer aufgebaut, es herrscht Weltuntergangs-Stimmung und dann beginnt es zu regnen, nein, es schüttet wie aus Eimern. Binnen Minuten sind die Straßen überschwemmt und wir können von Glück reden, dass wir noch rechtzeitig umkehren können, bevor unser Kia, der Held von Molinillo, elendiglich in Mazatlan ersäuft. Wir nehmen die Henkersmahlzeit also an Board der Kali Mera ein und gehen mit einem mulmigen Gefühl schlafen. Pamela ist zwar kein willkommener Gast, aber pünktlich ist sie. Nach Mitternacht öffnet der Himmel nochmals seine Schleusen und ganz plötzlich ist der Sturm im Yacht Club angekommen. Kali Mera legt sich immer wieder schwer auf die Seite, ächzt und stöhnt, aber letztendlich geht für uns alles gut aus. Aber in der Nachbar-Marina sind Boote gesunken, die Einfahrt in den Marina District bleibt noch zwei Tage blockiert, und viele Straßen bleiben längere Zeit unpassierbar, unsere Fahrt nach Durango wäre nun nicht mehr möglich.

Nach dem Sturm heißt es nochmals putzen, das Deck von abgerissenen Blättern und Zweigen befreien und unser Boot zum Auslaufen bereit machen. Zwei Tage später hat sich der Seegang beruhigt und wir können endlich auslaufen, Segel setzen, den Bug Richtung Baja California richten und wieder freie Seeluft atmen.

Blutendes Meer

Das Meer ist rot! Es sieht unheimlich und gar nicht einladend aus. Unter unser Schiff schieben sich dunkelrot gefärbte Wasserstreifen, als würde das Meer von tief unten bluten. Das Rot breitet sich innerhalb kürzester Zeit in alle Richtungen aus, und unvermittelt steht die ganze Bucht in rotem Wasser, blutrote Wellen streichen in langen Zungen über den Strand, die Gischt ist nicht mehr weiß, sondern rotbraun, auch unser Dingy zieht eine schmutzig rötliche Schaumspur hinter sich nach. Beugt man sich über die Reling, sieht man dichte Wolken faseriger Schwebstoffe, die das Wasser trüb und undurchsichtig machen, während grelle rote und orange Schlieren bewegte Muster auf die Oberfläche zeichnen, ähnlich wie bei uns daheim zur Zeit des Pollenflugs, wenn alles, auch der See, mit einem feinen gelben Puder überzogen ist.

Schuld daran ist die Algenblüte. So schön es klingen mag, aber die Luft ist nicht von süßem Blumenduft erfüllt – nein, es stinkt! Und sie birgt eine tödliche Gefahr. Winzige Augentierchen, Dinoflagellaten, finden im Zusammenspiel mit den veränderten Wetterbedingungen, Wassertemperaturen und den Tonnen an Düngemittel, die durch die Böden ins Meer gelangen, optimale Bedingungen vor. Dauert die rote Flut lange und setzt sie Toxine frei, die die Nerven und Schleimhäute angreifen, bedeutet es für viele Meeresbewohner den Tod. Letztes Jahr fand man 136 tote Robben an den Stränden der Baja California, an der mexikanischen Pazifikküste verendeten über dreihundert Schildkröten, die zu den bedrohten Tierarten gehören, Fische werden vergiftet, in der Folge sterben auch die Vögel, die sich von ihnen ernähren und der Fischfang kommt zum Erliegen, womit wiederum die Lebensgrundlage vieler Menschen zunichte gemacht wird. Das Phänomen wird weltweit beobachtet, von der Arktis bis nach Australien, vom persischen Golf bis zum Atlantik.

Im Vergleich dazu haben wir mit kleineren Problemen zu kämpfen. Schwimmen entfällt. Und das Trinkwasser geht uns aus. Wir sollten unseren Wassermacher wieder in Betrieb nehmen, doch das wollen wir den Filtern und Membranen, die an sich sogar Viren und Bakterien herausfiltern, nicht zumuten.

Das rote blutende Meer drückt auf die Psyche, jeden Tag ein paar tote Fische am Strand, eine riesige Schildkröte, die am Rücken liegend leblos in den Wellen schaukelt, und kein Ende vorherzusagen. Es kann Wochen oder Monate dauern.

Eigentlich wollten wir nicht weiter in den Süden, wir scheuen die Rückfahrt, da meist mit Gegenwind und Welle von vorne zu rechnen ist. Doch der Entschluss ist schon gefallen – solche Planänderungen sind inzwischen Teil unseres Lebens geworden!  

Zwei Zwischenstopps und ein paar Tage später wissen wir, es hat sich ausgezahlt. Türkisblaues Wasser, eine traumhafte Bucht vor der Isla Grande, wir können wieder Wasser machen, schwimmen, über den Korallenfeldern mit bunten Fischen und weiß gepunkteten Adlerrochen um die Riffs schnorcheln, die Insel erkunden, den Kontrast der schroffen Felsen und Riesenkakteen im Sonnenuntergang wirken lassen. Wenn es dunkel geworden ist, liege ich auf dem Rücken und blicke ins Sternenmeer über uns – unendliche Weite und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit.

Soziale Kontakte pflegen wir nur vereinzelt und selten. Lediglich um Besorgungen zu erledigen, mischen wir uns mit Vorsicht und gut geschützt unter die Leute. Mit dem Taxiboot fahren wir an Land in den kleinen Touristenort Ixtapa, wo wir es für ein Taxi auf vier Rädern eintauschen. So eine Einkaufstour ist immer abenteuerlich! Zum Füllen unserer Gasflasche werden wir zum „Jefe de gas“ gebracht, der irgendwo am Straßenrand einen rostigen Tank bedient, der noch aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen scheint, für den Duschschlauch – unserer ist plötzlich geplatzt – in ein Schrauben-Macheten-Seil-und alles andere Geschäft, das zur Straße hin an eine Schießbude erinnert und weiter hinten unter einem Wellblechdach ein Lager voller Geheimfächer beherbergt, die Herberts Herz schneller schlagen lassen und die er sogar selbst durchstöbern darf,  dann weiter zu den „Fruteras“, kleinere und größere offene Straßenläden, deren Marktstände mit duftenden Obst und Gemüse in leuchtenden Farben beladen sind, und für den Rest zu den Supermärkten, deren Eingänge vorbildlich mit automatischer Fiebermessanlage, einer alkoholgetränkten Fußmatte, einem mit dem Fuß zu bedienenden Desinfektionsmittelbehälter und einer Kontrollperson bewacht werden. Nun steht der Kreativität beim Kochen, Brownies eingeschlossen, nichts mehr im Wege!

Zu den schönsten Reiseerlebnissen gehören für mich Begegnungen mit der Tierwelt, meine Augen sind immer wachsam, versuchen im Gestrüpp verborgenes Leben aufzuspüren, in den Lüften den Vogelflug aufzuhalten und im Wasser keine noch so flüchtige Flosse zu übersehen. So kommt es, dass wir voll beladen mit unseren Einkaufstaschen die Straße queren und ich aus dem Augenwinkel den Flügelschlag eines riesigen rosaroten Vogels einfange. Wo ist er hin verschwunden? Mein Blick durchsucht die Baumkronen, bis ich ihn entdecke – beim Füttern seiner winzigen Vogeljungen, die ihm aus dem breiten Löffelschnabel fressen. Es ist eine ganze Kolonie! Ich vergesse alles rund um mich, vergesse die Zeit, vergesse Herbert, der von kichernden Kindern umrundet wird und denen er wegen der Einkaufstaschen, die er bewachen muss, nicht entkommen kann, während ich in der rosaroten Traumwelt des rosa Löfflers verloren gehe…

Irgendwann kommen wir dann doch noch heim. Und schnorcheln auch manchmal. Dass ich dabei meinen ersten Riesenmantarochen begegnet bin, war schon sehr beeindruckend – aber was mir da im Wasser gerade weit entfernt vom Ufer entgegengeschwommen kam, geht als ultimatives Erlebnis in meine Schnorchelkarriere ein – die zwei langen Ohren gehörten zu einem Reh! Zielstrebig nahm es Kurs auf mich zu – ich muss zugeben, ganz geheuer war mir das nicht – und erkannte erst wenige Meter vor mir, dass meine hochgeklappte Maske mit dem aufragenden Schnorchel doch nicht seine Gefährtin war!

Nach zwei Wochen wird es Zeit für uns, an das Zurückkehren zu denken. Wir wollen nicht unter Druck geraten und nutzen das erste günstige Wetterfenster.

Am Rückweg zeigt sich das Meer in seinem schönsten Gewand, es hat die rote Algenflut besiegt und ist so klar und glatt, dass es zwischen uns und den Delphinen kein Wasser, sondern nur eine spiegelnde Glaswand zu geben scheint. Zahlreiche Schildkröten schwimmen zu beiden Seiten an uns vorbei, strecken neugierig ihr Köpfchen aus dem Wasser und kaum haben sie uns erblickt, tauchen sie mit einem Fußflossengruß auch schon unter.

Es ist schön zu wissen, das Meer lebt!

Mexiko hat uns wieder

Das Flugzeug berührt mexikanischen Boden. Ein bisschen fühlt es sich als wären wir aus dem Gefängnis in die Freiheit entkommen. Und irgendwie auch, als wären wir wieder nach Hause gekommen. Wir wissen sofort, wo wir Geld abheben können, wie wir zum Mietauto kommen und unsere Telefonkarten aktivieren können.

Wieder da. Mein Herz weitet sich vor Freude, die Intensität der Farbkontraste beflügelt mich, die Klänge des ‚Español‘ fangen mich ein, und wieder einmal tauche ich ein in dieses Land, deren Menschen, Kulturen, Natur mich über und unter Wasser immer wieder fasziniert, mir in ihrer Fremdheit irgendwie auch vertraut ist.

Corona hat auch vor México nicht Halt gemacht. Doch geht man hier ganz anders damit um und – und wie wir bald feststellen werden – keinesfalls überall im Land gleich. Wären nicht auch hier die Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten, könnte man stellenweise meinen, es ist alles wie immer.

Es gibt hier keinen Lock Down, es scheint auch keine strikten Vorschriften zu geben, aber schon an unserer ersten Zwischenstation sind wir nicht nur wegen der Schmetterlinge angenehm überrascht – von nahezu allen werden ganz selbstverständlich Masken getragen und verstärkte Hygienemaßnahmen eingehalten.

Wir befinden uns auf 3000 m Seehöhe, in der Heimat der Monarchfalter. Jahr für Jahr kehren sie hierher zurück, um sich zu versammeln, zu paaren und eine neue Generation ins Leben zu rufen. Deren Kinder und danach ihre Enkel werden in zwei Etappen zurück bis nach Canada fliegen, wo sie noch nie gewesen waren. Von dort aus bricht die dritte Generation wieder auf in den Süden, die ganze lange Strecke ohne Unterbrechung, weshalb sie die Methusalems genannt werden – so weit fliegen nur sie und haben auch die längste Lebenszeit. Das einzige, wonach sie sich orientieren, ist der Geruch der Pheromone, die ihre Urururahnen versprüht haben, und die ihnen untrüglich den Weg in die Zypressenzweige des mexikanischen Hochlandes weisen. Dort lassen sie sich millionenfach nieder, beschweren die nackten Zweige mit den spärlichen Nadeln, an denen sie sich in dicken Trauben festklammern, nach der langen Reise die bunten Flügel schließen und Blättern gleich in Schlaf versinken. So warten sie darauf, dass die Sonne die Nebelwolken vertreibt, ihre Körper erwärmt und sie aus ihren Träumen erweckt. Dann erheben sie sich in Scharen zum werbenden Flug und verwandeln das mehrere Hektar umfassende Gebiet durch ihr orange flimmerndes Flattern in einen märchenhaften Zauberwald.

Die bunten Falter bedeuten für viele Menschen während der Monate November bis April ein gutes Zusatzeinkommen. „Wir sind ‚obreros‘, Arbeiter aus den umliegenden Dörfern, und führen in unserer Freizeit die Besucher zu Fuß oder zu Pferd steil den Berg hinauf, um sie an diesem Naturwunder teilhaben zu lassen“, erzählt mir mein Pferdeführer. Diesmal bekamen sie wegen Corona erst spät grünes Licht von der Regierung. Vorher mussten alle Maßnahmen getroffen werden – im gesamten Besucherbereich Maskenpflicht, getrennte Wege beim Auf- und Abstieg, am Eingang wird Fieber gemessen und Desinfektionsmittel gereicht. Doch anders als bei uns verschwinden die Menschen nicht angstvoll und misstrauisch hinter ihrem bedeckten Gesicht, im Gegenteil, sie scheinen ihre Fröhlichkeit und Freimütigkeit nicht verloren zu haben und so werden sogar die notwendigen Hygienemaßnahmen zu einer persönlichen Interaktion, die sich weniger isolierend und entmenschlicht, dennoch aber sicher anfühlt. Die Krise hat die Mexikaner erfinderisch gemacht.

All das hilft schnell in der Gegenwart anzukommen und die Enge der letzten Monate abzuschütteln.

Doch schon bald sollten wir erneut überrascht werden. Um Patzquaro, eine alte Kolonialstadt im Hochland zu besuchen, entscheiden wir uns für die Route abseits der ‚cuota‘, der mautpflichtigen Autostrada. Dadurch sehen wir mehr von der Gegend und sind mehr auf Tuchfühlung mit dem Land. Farben, Stimmungen und Landschaften, dazwischen eingestreut die indigen geprägten verwinkelten Dörfer, durch die wir uns kreuz und quer den Weg suchen, hinterlassen unauslöschliche Bilder. Die Gegensätzlichkeiten könnten größer nicht sein – halbfertige Häuser, der Putz verblichen und abgefallen oder gar nicht erst vorhanden, fehlende Dächer, große Sandberge, die die halbe Fahrbahn versperren und in die Männer ihre Schaufeln treiben, kleine Läden ohne Tür, vereinzelte Marktstände am Gehsteig, alte Frauen, die nur zwei oder drei Gemüsesorten darbieten, Mopeds, die sich zwischen den Menschen hindurchschlängeln, Reiter im Arbeitssattel, Hühner hinter schiefen Bretterzäunen, Jugendliche, die trotz Verkehr sorglos mitten auf der Straße gehen, mittendrin eine überdimensional erscheinende, festlich geschmückte Kirche – eine Mischung aus christlichen Symbolen, Kitsch und den Überbleibseln der indigenen Kultur – Lebendigkeit und Geschäftigkeit beherrschen das Straßenbild. Alles wirkt selbstverständlich und irgendwie normal. Und dann fällt es uns auf – niemand, wirklich niemand trägt hier eine Maske! Es bleibt uns verborgen, warum manche Ortschaften keine Vorkehrungen gegen das Virus treffen und manche penibel darauf achten, dass sie eingehalten werden. Mehrfach versuche ich die Eindrücke fotografisch festzuhalten, doch letztendlich lasse ich den Wunsch, alles vermitteln und teilen zu wollen, fallen – das Erleben bleibt nun einmal uns allein.

In Patzquaro setzt man wieder auf Maskenpflicht, und beim Eingang ins Hotel müssen wir sogar unsere Schuhe über einen speziell präparierten und in den Boden eingelassenen Fußabstreifer desinfizieren. Vom kleinen Balkon unseres Zimmers, das originalgetreu im alten Kolonialstil gestaltet ist, überblicken wir den großen Zokalo, den quadratischen Hauptplatz, der wie alle ihn umgebenden Gebäude über 500 Jahre zählt. Er ist aufwendig weihnachtlich gestaltet, und um ihn besichtigen zu können, wurde eine Art Einbahnsystem errichtet, mit Eingang (Desinfektionsgel inklusive), Ausgang und Absperrungen – und dennoch schien es der Stimmung keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil, Familien, Paare, kleinere Grüppchen und Einzelgänger spazieren im friedlichen Müßiggang durch den überlebensgroßen Figurenwald, der gleichzeitig von der Geburt Jesu, der Geschichte der Stadt und den alten Traditionen erzählt, ein wunderbares Spiegelbild dafür, wie sich Kulturen, Religionen und Traditionen zu etwas Neuem vermengt haben. Zwei Lichtertunnel zeugen davon, dass man auch durch Einsatz moderner Technik für Stimmung zu sorgen weiß.  Alles, um wieder wie als Kind das Land der Phantasie betreten zu können, große Augen zu machen und sich zu freuen! Einzigartiges Mexico!

Es liegen immer noch 800 km zwischen uns und unserem Schiff. Um die Reise angenehm zu gestalten, wollen wir auf halber Strecke eine Pyramidenstätte besuchen, die wegen Montag dann leider geschlossen war. Solche Stätten liegen meist weit abseits der Zivilisation, und es ist schwer, eine Unterkunft in der Nähe zu finden. Nachdem Herbert schon aufgegeben hatte, wurde ich fündig – nicht ohne einen Beigeschmack von ungläubigem Zweifel (ich bin für Fehlgriffe bei der Herbergssuche bekannt…)! Ja, irgendwann endete die Straße, wir waren da, irgendwo zwischen grauen Häuserfassaden, die vielleicht einmal ein nettes buntes Städtchen gewesen waren – aber wo konnte das so prächtig beworbene Hotel an diesem Ende der Welt sein?! Aussteigen, suchen gehen. Ich biege um die Ecke und stehe plötzlich auf einem reizenden Platz, mit Springbrunnen in der Mitte, einer Kirche mit breit gestalteter Front und einer uralten herrschaftlichen Finca – unserem Hotel! Ich atme auf! Um ein weiteres Eck finden wir noch herrliche Tacos – sonst gibt es dort nichts – und nachdem wir uns eine Nacht und einen Morgen lang als scheinbar einzige Gäste wie Großgrundbesitzer fühlen dürfen, geht es auf direktem Weg zur Kali Mera.

Wir finden sie vor wie wir sie verlassen haben, machen sie in drei Tagen flott zum Ablegen, verbringen nach einem negativen Corona Selbsttest noch Weihnachten mit Freunden und Thunfisch an Bord, warten auf die richtige Tide und bis der Seegang nachlässt, einen Tag ist die Ausfahrt durch die hohen Wellen nicht passierbar, doch dann steht unserem Ablegen nichts mehr im Wege.

Unter mir schaukelt sanft die Kalimera und schon halte ich Ausschau nach den Walen … wir werden sie auf Ihrer Wanderroute  300 sm weiter in den Süden begleiten. Um diese Zeit kommen sie aus Alaska hierher, um ihre gewaltigen Paarungsrituale zu vollführen und ihre Jungen zur Welt zu bringen.

Ich kenne ihren Blas schon, und mehrmals erblicken wir ihre schwarzen Buckel, wenn sie sich geräuschvoll aus dem Meer wälzen um Luft auszublasen und einzuatmen. Mal weiter weg, mal näher, mal mehrere, dann wieder vereinzelt. Delphine kommen in großen Schulen, um mit der Kali Mera zu spielen, auf der Bugwelle zu reiten und unter dem Schiff hindurchzutauchen, ihre Jungen springen in hohen kurzen Bögen ganz aus dem Wasser – das müssen sie noch üben! Für uns willkommene Abwechslung und Vergnügen!

Auf halber Strecke liegt die Bucht Banderas Bay mit den ihr vorgelagerten Islas Mariettas. Das ist DER Hotspot für Wale! Sie sind rund um uns! Wie wundervoll! Doch da – hier vorne – da hat sich doch einer in den Netzen verfangen! Wir fahren näher heran. Zwei Bojen schwimmen über ihm, Leinen umwickeln seinen Körper und mühsam stößt er alle paar Minuten die Luft aus. Zwei andere Wale schwimmen um ihn herum und wirken aufgeregt. Schnell verständigen wir über Funk die zuständige Stelle, die sich erst nach mehrmaligem Versuchen meldet. Entsetzt müssen wir hören, dass das Walrettungsboot erst am nächsten Morgen losfahren kann, denn es ist schon Abend und Puerto Vallarta zu weit weg. Aus Angst, er könnte unter der Last der um ihn umwickelten und nachgeschleppten Netze ertrinken, winken wir Walbeobachtungsboote heran, und erfahren dann, dass der Wal schon seit einem Monat gesucht wird und von Parasiten befallen ist – er wurde damals bei Cabo San Luca, der Südspitze der Baja California gesichtet – das ist 1000 sm weiter nördlich! Der Ärmste ist schon seit mindestens einem Monat gefangen – unser Positionsbericht dürfte geholfen haben, denn am nächsten Morgen hören wir über das HVF die Nachricht, dass der Wal von den Netzen befreit werden konnte! Wir sind sehr erleichtert!

Sobald wir nach der langen Überfahrt – Tag-Nacht-Tag – wieder ausgeschlafen sind, statten wir den Walen einen neuen Besuch ab. Wir müssen auch gar nicht weit fahren – unter ihrem Blasen und Fauchen recken sie ihre warzigen Köpfe aus dem Wasser, riesige Rücken rollen durch die Gischt, die sie aufwirbeln, schlagen elegant mit der Schwanzflosse auf und wenn sie untertauchen, bleibt eine große runde völlig glatte Fläche zurück. Unser Adrenalinspiegel schlägt kurz einen Purzelbaum, als einer direkt auf uns zu schwimmt, sich direkt vor unserem Bug hoch aufwölbt um im nächsten Augenblick unter unserem Schiff in der Tiefe zu verschwinden! Wie aufregend! Die drei Tiere entscheiden sich, eine große Runde durch die ganze Bucht zu drehen und wir können ihnen über zwei Stunden bis zur Dämmerung aus nächster Nähe zuschauen. Ein letztes synchrones Abschiedswinken mit ihrer schwingenden Schwanzflosse, über die sich das Wasser wie ein glitzernder Wasserfall zurück ins Meer ergießt, und sie ziehen ihrer Wege. Diese intensiven Eindrücke werden sich für immer in uns einprägen.

EIN NEUES STÜCK MEXIKO

Ein paar Tage bleiben uns noch. Ein schneller Wechsel der Elemente, vom Wasser in die Lüfte und schon wieder festen Boden unter den Füßen. Vom Flughafen Mexiko Citys schlängeln wir uns mit dem Mietauto durch den Verkehr und über Kreuzungen, von denen man glauben könnte, sie niemals heil überqueren zu können, auf die Schnellstraße nach Puebla, einer den schönsten Kolonialstädte Mexikos.

Da waren wir schon mal, vor fast genau neun Jahren. Damals haben wir die Route über den Vulkan Popocatepetl genommen, bis hinauf auf 3600 Meter, sein majestätisches Haupt trägt er fast 5500 m hoch, nebelverschleiert und von eisigem Wind umweht. Etwas von seiner Vulkanasche habe ich zu Hause in einem Glas verwahrt. Eigentlich gab es damals auf der anderen Seite keinen Weg hinunter, ja, eine holprigen Staubstraße würde es schon geben, da hinten vorbei, die Bodenplatte müsste hoch genug sein, meinte ein Stationswärter, nachdem er unser Auto gemustert hatte. Vom Umkehren halten wir ja nicht viel … hätten wir gewusst, wie der Weg aussieht, hätten wir es wahrscheinlich getan. So ist er uns in waghalsigen Kurven, steil abfallend, mit seinen Steinen, riesigen Schlaglöchern, Furchen und schlammigen Wasserbetten und einem Schmunzeln auf den Lippen unvergesslich in Erinnerung geblieben. Und so hat die Liebe zu diesem Land begonnen.

Heute, 9 Jahre später, lassen wir uns wieder von den warmen Farben in rot, grün, blau, lila, gelb, orange und allen Tönen dazwischen verzaubern, uns durch die Gassen von Puebla treiben, in denen es nach kalter Luft und Rauch, nach Churros und Tacos riecht, wo die Fassaden mit Talavera-Fliesen und schmiedeeisernen Fenstersimsen verziert sind und urige Kaffeehäuser ihre duftenden Fangarme nach uns austrecken.  Wir schlafen in einem Haus, das 1640 zu einem Nonnenkloster gehörte und vor vier Jahren von seinem neuen Besitzer, einem Architekten, zum Hotel umgewidmet wurde – ein Kleinod voller Sammlerstücke, mit Holztramdecken, verzierten Bodenfliesen, einer alten Holzbar in graublau, an den Wänden alte Werbeschilder und Tabletts aus Metall, verbeulte Blasinstrumente und bunte Flaschen. Zum Sonnenaufgang klettere ich zitternd vor Kälte auf die Terrasse, ich will den Popokatepetl in der Morgensonne sehen – vor zwei Wochen hat er Feuer gespien, jetzt sieht man ab und zu noch Rauchsäulen aufsteigen! Wir sind nicht weit vom arkadengesäumten Zokalo, dem Hauptplatz mit der goldschweren Kathedrale, die mit einem freistehenden zentralen Altar der Könige den 14 Seitenkapellen und einer gigantischen Orgel ein sehr originelles Kirchenschiff zeichnet. Die Basilika ist so angefüllt mit christlichen Kultgegenständen, dass es schon fast an eine Rumpelkammer erinnert.

Puebla ist faszinierend. Und ihre Umgebung genauso. Eine halben Fahrtstunde entfernt liegt Cholula, es ist mit Puebla zusammengewachsen und verspricht ein besonderes Erlebnis – die unsichtbare Pyramide von Cholula. Im Laufe der Jahrhunderte verbarg sie sich unter einer grünen Ummantelung und bereits Cortez hat nichts als einen bewachsenen Hügel vorgefunden, auf dem er, ohne zu ahnen, dass sich darunter eine heidnische Kultstätte befand, eine Kirche errichten ließ, die schönste und größte von etwa 30 anderen, die er aus Dankbarkeit für den errungenen Sieg gestiftet hat – er war aus den Reihen des Feindes gewarnt worden.

Jetzt liegt sie unter uns, die größte Pyramide der Welt! Gerade eben sind wir durch ihr Inneres gekrochen, die Gänge entlang, die Archäologen angelegt haben, ganze 8 km – nur 800 m davon dem gewöhnlichen Volk zugänglich gemacht – aber genug, um einen unvergesslichen Eindruck zu hinterlassen. Schwach beleuchtet, nach links und rechts ausgegraben, manche Gänge führen über steile Stufen nach unten, andere nach oben, ohne das Ende ausmachen zu können, doch ist der Grundriss der Pyramide klar erkennbar. Man hat in ihrem Inneren Wandmalereien gefunden, die an die ägyptischen Fresken erinnern, in ihren Abstraktionen aber ebenso von Picasso stammen könnten, die Gesichter und Körper gleichsam nur angedeutet, wie die Geschichten, die sie erzählen.

Von dort oben, von der Ummauerung der gelben Basilika, blicke ich auf die Stadt Cholula, eingeschmiegt in die Ebene des Popocatepetl, und ich denke an all die Städte, auf die ich im vergangenen Jahr auf ähnliche Weise herabgeblickt habe – das biblische Jerusalem, das überraschend weiße Paris, das einem Märchen entstiegene Prag, das sich aus dem Nebel lösende Lissabon, das malerische San Miguel de Allende, Puerto Vallarta in der untergehende Sonne… Jede Stadt hat ihren einzigartigen Charme und Charakter, unverwechselbar und einzigartig in ihrer Bauart, mit ihren Wahrzeichen und Eigentümlichkeiten – sind sie nicht wie Frauen in ihren prächtigen Gewändern, mit einem ihre Persönlichkeit unterstreichendem Duft, sich stolz im Spiegel der Sonnenstrahlen betrachtend und ihre Pracht zu Schau tragend? Und will man etwas über ihre Seele und ihren Werdegang erfahren, muss man sich ganz auf sie einlassen. In meiner Erinnerung reihen sich die Bilder aneinander, überlagern sich, verbinden sich miteinander und bilden ein großes weites Netz – zwischen ihnen weitet sich mein Geist, als wollte er Welten umspannen, in ihre Vergangenheit dringen, den Geschichten lauschen, die sie erzählen und mit ihnen verschmelzen. In mir wird es weit und ich begreife, ich bin Teil davon, Teil einer lebendigen Welt, die auch Teil von mir ist und in mir lebt, durch mich hindurch in die Zukunft hinein.

Zurück kehrt mein Geist auf den Hügel von Cholula, wandert zwischen den bunt bemalten Häusern zu den feurig roten Blüten auf den kahlen Ästen des Korallen-Baums, ins Innere der Pyramide, versucht, das Leben, Denken und Fühlen der Menschen zu erahnen, die hier den Göttern gehuldigt haben, gegeneinander gekämpft und gesiegt haben, verraten, besiegt und ausgelöscht worden waren. Der immer noch aktive Popo, wie er liebevoll von den Einheimischen genannt wird, zeugt von Zeiten, in denen es noch keine Menschen, keine Tiere und keine Pflanzen gab. Vor gerade erst einer Woche ist er wieder ausgebrochen und hat für ein ungewöhnliches Erkalten des Klimas gesorgt, die Menschen sind immer noch in Alarmbereitschaft, sie leben mit ihm in einer Art symbiotischer Verbundenheit, horchend auf seine trügerische Stille wie auf sein Rumoren, das man unter den Füßen spürt, wenn er Funken, Feuer und Asche sprüht – was er in regelmäßigen Abständen immer noch tut. 

Den Abend lassen wir im Künstlerviertel von Puebla, in dem farbenprächtig bemalte Keramiktöpfe, -teller, -butterdosen, -vasen und -totenköpfe im Talaverastil ausgestellt und verkauft werden, Maler vor ihren Staffeleien sitzen und Gitarrenmusik aus den vielen Bars und Nachtlokalen dringt, bei feinem Tequila mit Salz und Limonen ausklingen.

Wir haben noch lange nicht alle Pyramiden gesehen, obwohl wir bei unserem ersten Besuch an die zwanzig verschiedene Stätten besucht haben. Jede ist anders, mal freistehend, auf hohen Plateaus gelegen, verborgen im Urwald, oder wie ein großer Park zu begehen. Cacaxtla und Xochitécatl wurden erst 1970 entdeckt. Hoch in die Berghänge gegraben, von drei Vulkanen umgeben liegen sie zwar nahe beieinander, doch zeugen sie von zwei verschiedenen Kulturen. Ursprünglich beide vor etwa 2000 Jahren von den Olteken errichtet, wurde Cacaxtla etwa 600 PD von den Mayas erobert. Von diesem Kampf zeugen in dieser Form einzigartige, flächendeckende Wandmalereien in intensiven Farben, die aus Kakteen, Blüten und Erden gewonnen und mit einem Kakteensaft- und Eiweißgemisch haltbar gemacht wurden, sodass sie an die 1200 Jahre überdauerten. An den Symbolen ist die Kultur der Maya zu erkennen, unter anderem an den charakteristischen Kopfdeformationen, die an Menschen in hochstehenden Positionen wie zum Beispiel Priestern vorgenommen wurden, um die beiden Gehirnhälften und die Gehirndrüsen einander anzunähern; auf diese Weise sollten sie Hellsichtigkeit erlangen. An den beiden Stätten wurde dem Regengott Tlaloc und dem Fruchtbarkeitskult gehuldigt; um ihn, Tlaloc, günstig zu stimmen, opferte man ihm das Beste, was der Mensch zu bieten hatte – Kleinkinder mit einem Haarwirbel am Kopf – ein Symbol der Fruchtbarkeit. Man hat an die 200 Skelette gefunden.

Beim Besteigen der Pyramide verletzt sich Herbert, eine kleine aber tiefe Wunde, unter seinem Hosenbein sickert Blut hervor – als würde Tlaloc heute noch sein Blutopfer fordern! Und so machen wir Bekanntschaft mit dem mexikanischen Gesundheitswesen. Vor allem eine Tetanusimpfung war wichtig, aber gar nicht so einfach zu bekommen. Erst das dritte Krankenhaus hatte den Impfstoff vorrätig – dafür ging es dann unbürokratisch, kostenfrei und schnell. Die Wunde versorgen konnten sie dort aber nicht – dazu musste Herbert erst in ein ‚medizinisches Zentrum‘ humpeln, und mangels Lokalanästhetikum in ein weiteres, denn die Ärztin hatte, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Wunde warf, entschieden – das muss genäht werden!

Diese ,medizinischen Zentren‘ sind großzügig mitten im Straßengewirr der Städte verteilt und stehen niederschwellig jedem zur Verfügung. Sie sind klein, mit nur einer Ärztin oder Arzt besetzt, die mit den verfügbaren Mitteln um die Erstversorgung bemüht sind. Der ganze Eingriff hat uns knapp 200 Pesos Konsultationsentgelt und 100 Pesos Trinkgeld gekostet, umgerechnet 10 € – doch die arme Bevölkerung kann sich oft nicht einmal diese leisten, und die Krankenversorgung bleibt ihnen nicht selten verwehrt. Wer hingegen Geld hat, hat Zugang zur erstklassigen Behandlung, die von den Amerikanern mit Vorliebe in Anspruch genommen wird.

Erst am  nächsten Tag können wir uns dem Charme des eher unscheinbaren Tlaxcala überlassen und genießen die entspannte Atmosphäre am Zocalo, der uns in mit seinen hohen schattenspendenden Bäumen und den flinken Eichhörnchen, wie sie mit dem Tauben um die Wette nach den Leckerbissen aus den am Baumstamm befestigten Blechdosen fischen, besonders gefällt.

Und schon ruft die Silberstadt Taxco nach uns, die für ihre Silberschmiedekunst weltberühmt ist.

Beeindruckende Landschaften brausen an uns vorbei – rote Erde, ausgetrocknete Flussbetten, windschiefe Indio-Raststätten, echte Westernreiter, riesige Kakteengebilde, steinige Graslandschaften und dunkles, bizarres vulkanisches Gebirge wechseln sich ab mit wie aus dem Nichts auftretenden tiefen Schlaglöchern und riesigen Lastwagenbrummern,  die mit ihren Rundungen und silberglänzenden Verzierungen wie Gesichter anmuten, Pritschenwagen, die so abenteuerlich beladen sind, dass man fürchten muss, unter halbherzig befestigten Möbeln, Blechwänden, Zuckerrohr, halbtoten Hühnern oder Obstbergen begraben zu werden. Zuckerrohrplantagen und hohe Temperaturen verraten, dass wir uns wieder tief in der Ebene nahe der Meereshöhe befinden, Taxco aber liegt hoch oben im Gebirge auf 1800m, zu dem wir uns gleich darauf über Serpentinen hochschwingen und mit grandiosen Talpanoramen belohnt werden. Plötzlich öffnet sich der Blick auf Taxco, die allesamt weiß getünchten Häuser, die etwas Verwittertes an sich haben, wirken wie an die Felswand geklebte Taubennester, durch enge steil ansteigende und abfallende Gassen schlängeln wir uns regelrecht bis zu unserem Hotel durch – ich klebe mit der Nase fast an der Windschutzscheibe, um ja nichts zu versäumen. Hier haben seit Jahrhunderten Minenarbeiter gelebt und gearbeitet und ich meine ihre Gegenwart zu spüren. Es stört mich nicht, dass jedes zweite Geschäft Silberschmuck verkauft, dass durch die verwinkelten Straßen unglaublich viele VW-Käfer-Taxis Einheimische und Touristen auf und ab befördern und in den unwegsamen Kurven reversieren müssen, um sie passieren zu können. Die Stadt lebt von Silberliebhabern und Touristen, aber die Preise sind günstig und die Menschen unaufdringlich. Für Stunden verfalle ich dem Bann des hellen Silberscheins und lasse mich einfach treiben. Der Abend taucht die Stadt in Gold.

Wehmut, Freude und Sehnsucht nach beiden Welten, in denen wir nun schon seit Jahren leben, begleiten uns auf dem Weg zurück – zurück wohin?

Tenacatita bis Mexico City – Saisonschluss

Im Land des Paradiesvogels

schließlich und endlich – der Costa Rica Beitrag…

Costa Rica, die reiche, prachtvolle Küste, wie es in der Übersetzung heißt. Ein Land, das über 20 Nationalparks aufzuweisen hat, statt in ein Militär lieber verstärkt in die Bildung seiner Einwohner investiert, auf Tourismus setzt und weltführend im Export von tropischen Früchten ist, lockt uns mit seiner Tier- und Pflanzenwelt und ganz besonders mit seiner Kühle versprechenden Bergluft des gebirgigen Binnenlands. In Golfito liegen wir anfangs vor der Banana Bay Marina vor Anker, es ist windstill und brütend heiß, und auch wenn wir jede unnötige Bewegung zu vermeiden suchen, schmelzen wir wie Butter in der Sonne. Aber ganz ohne Bewegung geht es nicht, schon die Behördenwege, insgesamt vier, liegen kilometerweit voneinander entfernt, und wir lassen den anfänglichen Versuch, sie zu Fuß zu bewältigen, sehr bald fallen. Wir steigen viermal in ein Taxi, haben am Ende mit vielen ehrlichen und unehrlichen Taxifahrern, freundlichen Beamten, funktionierenden und nicht funktionierenden Kopierern Bekanntschaft gemacht und eine komplette Stadtbesichtigung absolviert. Im alten Hafen steht noch die vereinsamte alte Dampflok mit einem Graffiti des großen Che im Antlitz, mit der früher Bananen transportiert wurden, bevor die Bananenproduktion auf die Karibikseite verlegt worden ist.

Unweit von Golfito liegt der Urwald der Österreicher mit einer biologischen Forschungsstation. Das können wir uns nicht entgehen lassen. Wir werden von einem alpenländischen Zivildiener empfangen, der uns die Anlage erklärt. So nebenbei weist er uns darauf hin, besser feste Schuhe zu tragen, wegen der Giftschlagen, die zwar normalerweise eh nicht direkt am Weg liegen, aber man wisse ja nie… Ein Weg soll bis zu einem Flüsschen führen, in dem man baden kann. Dort wo er sein sollte, sehen wir nur ein ausgetrocknetes Flusstal, und Herbert ist überzeugt, dass wir die Hoffnung auf ein kühlendes Bad aufgeben können. Trotzig irre ich herum, bis plötzlich das Geräusch von Wasser an unsere Ohren dringt – sie haben uns nicht getäuscht – fast kann man es zischen hören, als wir uns ins kühle Nass fallen lassen.

Wir wollen das Land besser kennenlernen und wenigsten ein paar der vielen Nationalparks besuchen. Dazu verlegen wir die KALI MERA in die Banana Bay Marina. Voller Entdeckungslust mieten wir uns ein Auto in Puerto Jimenez auf der anderen Seite des Golfes, in Golfito war keines mehr zu bekommen. Auf der Hinfahrt fliegen wir geradezu mit dem Taxiboot übers glatte Meer, in zwanzig Minuten sind wir da. Zurück braucht es mit dem Auto um die Bucht herum ganze zwei Stunden, aber wir haben Zeit und hängen gleich einen Ausflug zur Drake Bay an, wo sich der Nationalpark Carara, der eine vielfältige Tier- und Vogelwelt beherbergt, ganz bis zur Küste erstreckt. Fast überfahren wir einen riesigen Leguan, der die halbe Fahrbahn belegt. Ungläubig beobachten wir, wie er knapp vor unserem Auto stehenbleibt, wartet, bis wir vorbeigefahren sind und dann flugs die Straße ganz überquert. Deshalb ist er wohl so alt geworden! Etwas weiter im Nationalpark, gesäumt von gigantischen Bäumen, bleiben wir jäh stehen – in den Bäumen direkt über uns sitzt ein Tukan und singt sein Dup du bi doo. So nah sind wir noch nie an einen herangekommen! 

Aber es gibt noch einen anderen Vogel, dessen Heimat, die an unsere Almen und Bergwälder erinnert, im Hochgebirge zwischen 1500 und 3000 Metern zu finden ist. Seine Lieblingsnahrung aber, exotische Zwergavocados, die würde er bei uns nicht finden. Herbert hat mit seinem untrüglichen Gefühl für Außergewöhnliches als ersten Zwischenstopp ein schmuckes Luxuszelt mitten im Nirgendwo für uns aufgestöbert. Zum ersten Mal ließ uns google maps im Stich – es konnte die Adresse bzw. den Weg dorthin nicht finden! Dementsprechend abenteuerlich gestaltet sich die Fahrt über die mehr als holprige Sandpiste, durch enge steile Kurven und an kerzengerade abfallenden Abgründen vorbei, über fast 2000 Höhenmeter stetig hinab bis auf 600 m. Glamping in Providencia heißt das Ziel, ein magischer Ort, wo sich abends tausende goldene Lichtpunkte entzünden und den gegenüberliegenden Wald verzaubern. Es sind überdimensionale Glühwürmchen und man wähnt sich im Märchen – im Märchen des Quetzál, des sagenumwobenen Paradiesvogels, mit seinem grüngolden schimmernden Federkleid, dem Gott der Freiheit, der Fruchtbarkeit und des Überflusses. Der Quetzál ist ein Symbol der Macht, der den alten Mayas als heilig galt; aus seinen Federn wurde die umstrittene Federkrone hergestellt, die im Weltmuseum zu Wien ausgestellt ist und von den Mexikanern immer wieder vehement zurückgefordert wird. Die Legende, die sich um diesen zaubervollen Vogel rankt, könnt ihr in Kürze unter Tadejas Gedanken nachlesen (Anmerkung Herbert: In Kürze heißt „wahrscheinlich noch 2019“).

Vogelliebhaber sind dem Quetzál manchmal jahrelang auf der Spur, ohne ihn je zu Gesicht zu bekommen, auch wir wollen unser Glück versuchen. Kurzentschlossen buchen wir eine Quetzál Tour für den nächsten Morgen. Noch vor Sonnenaufgang geht es die Schotterstraße wieder bergauf, Providencia liegt zu tief für den Vogel. Es ist kalt und windig, und unser mit Fernglas und Stativ beladene Führer warnt uns vor, der Quetzál mag keinen Wind und es könnte gut sein, dass er heute nicht zu sehen sein wird. Die Luft wird dünner, der Atem schwerer – bewundernd schauen wir dem Besitzer des mitten im geschützten Nationalpark gelegenen Grundstücks zu, der Tag für Tag auf seinem Rücken einen dicken Strohballen für seine Kühe heranschleppt – weil er das Land vor der Umwidmung zum Nationalpark erworben hat, gehören damit auch die Quetzále ihm! Der Wind weht nach wie vor, aber die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen. Wir klettern auf den Steilhang, von wo der Gesang des heiligen Vogels wie von silbernen Glöckchen erklingt. Kurz erspähe ich etwas Grünes, schon ist es wieder weg. Ja, er ist da – nur wo? Sein Gefieder verschmilzt mit dem Laubgrün, und nur ein geübtes Auge kann ihn aufspüren. Schon hat ihn unser Guide wieder im Visier – da, dort fliegt er, die Luft um ihn scheint zu vibrieren, als würden funkelnde glitzernde Edelsteine in grün gold und rot durch die Luft flattern. Paarweise fliegen sie von Baum zu Baum und lassen sich zum Verspeisen ihres Frühstücks im Avocadobaum nieder. Nur die Männchen dürfen sich mit den begehrten langen Schwanzfedern, drei an der Zahl, schmücken, wegen derer sie gejagt wurden, um sie ihnen auszureißen und sie wieder freizulassen. Augenblicklich sind wir dem Traumvogel verfallen und bleiben über eine Stunde Zeugen eines mystischen Schauspiels. Welch ein Glück!

Der unwirklich phantastische Eindruck an diesem entrückten Ort wird durch unseren Kellner im Glamping-Restaurant, der einem fünf-Sterne-Hotel und Alice‘s Wunderland entstiegen zu sein scheint, noch verstärkt. Mit überlangen Schritten, steifer Haltung, abgehackten und irgendwie ungelenken Bewegungen ist er alle paar Minuten zur Stelle, fragt nach, wie ist das werte Befinden, ihm gehe es gut, danke der Nachfrage (alles in einem Atemzug), schenkt nach, sobald man ein paar Schlucke getrunken hat, flößt Herbert literweise Fruchtsmoothies ein, die er sonst nie trinkt und sich ihm einfach nicht widersetzen kann, dreht kunstvoll tollpatschig den Teller auf den Tisch und entfernt sich unauffällig auffällig, um in nächsten Augenblick zurückzukehren und uns wieder seine ganze Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen. Ein erstklassiges Amüsement! Zum Abschied umarmt er uns, er hat uns und wir ihn ins Herz geschlossen.

Noch ein weiteres Highlight macht unseren Aufenthalt unvergesslich – es gelingt mir, Herbert zu einer Urwald-Adventure-Tour zu überreden. Wir schwingen 30 Meter hoch zwischen den Bäumen, klettern im Inneren eines hohlen Ficusbaums 40 m hoch und seilen uns von der Baumspitze wieder ab, balancieren über hängende Affenbrücken und springen wie Tarzan in die Seilschaukel. Ein Nervenkitzel in der Abgeschiedenheit des tropischen Primär-Urwaldes, denn hier wird nur sanfter Tourismus gewünscht und so waren wir die einzigen Besucher. Auch hier zeigt sich, wie bewusst und vorbildlich Costa Rica mit seinen Naturressourcen umgeht.

Schweren Herzens nehmen wir von dieser blumenreichen, am kühlen Wasserfall gelegenen Oase Abschied. Es zieht uns weiter nach Norden ins Vulkangebiet. Die Landschaft verändert sich, üppiges Grün, hektargroße Mangobaumplantagen, nicht enden wollende Zuckerrohrfelder soweit das Auge reicht. Wieder einmal drängen sich Fragen auf, die die Ausbeutung unserer Erde betreffen. Kann man denn überhaupt noch irgendetwas ruhigen Gewissens essen? Wir denken an die riesigen Ausdehnungen der Ananasplantagen, wo der Einsatz von Pestiziden dazu geführt hatte, dass Grundwasser für die nächsten 800 Jahre vergiftet und untrinkbar wurde, die Trinkwasserversorgung muss vielerorts durch den Tankwagen erfolgen. Wieder einmal fassen wir den Vorsatz, verstärkt auf lokale Produkte zurückzugreifen und sind stolz auf unsere Kinder, die sehr auf Nachhaltigkeit bedacht sind.

Stundenlang fahren wir über die Panamericana, die sich in abenteuerlichen Serpentinen auf über 3000 Höhenmeter hinaufschraubt, es geht durch dichten Nebel, fast sieht man das Lenkrad vor den Augen nicht mehr, die Temperatur fällt auf knapp über Null Grad zurück. Von Zeit zu Zeit reißt die Nebelwand unversehens auf und gibt den Blick auf das malerische Umland preis.

In der Ferne über der Hauptstadt San Jose ragt der mit seinen knapp 3500 Metern höchste Vulkan Costa Ricas, der ‚grollende Berg‘ Irazu in die Höhe. Sein letzter Ausbruch ist nicht sehr lange her, erst 1994 versetzte er die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Da die Kraterwände sehr dünn sind, besteht die Gefahr, dass sie abbrechen und den halben Berg mit sich in die Tiefe reißen. Auch der pittoreske smaragdgrüne Säuresee in seinem Krater, der vom Regenwasser gespeist wird und 2015 versiegt war, würde dabei ausfließen. 2016 hatte der Ausbruch seines benachbarten Bruders Turrialba durch hohe Aschewolken den gesamten Flugverkehrt lahmgelegt.

Doch auch der Mensch, so scheint es, kann einem hier rund um San Jose gefährlich werden – denn warum sonst wären die Häuser von oben bis unten mit einer Gitterfront zur Straße hin abgeschirmt! Wir sind dankbar, nicht so wohnen zu müssen!

Den Irazu „erklimmen“ wir mit dem Auto, was uns nicht auf Anhieb gelingt, denn wir haben eine Vorliebe für Abkürzungen, die sich dann in ihr Gegenteil verkehren. Prompt stecken wir plötzlich hoch oben am Berg mitten in den Kaffeeplantagen fest. Erst nach mehrfacher ortskundiger Anleitung und hartnäckigem Ignorieren von Fahrverbotsschildern finden wir den richtigen Weg. Mit zunehmender Höhe und Entfernung zur Stadt nehmen die Vergitterungen vor den Häusern wieder ab, wir kommen an Bergbauernhöfen im Hochgebirge vorbei, fast wie bei uns in den Alpen. Noch weiter oben offenbart sich eine atemberaubende Kulisse der Kraterlandschaft, bis der Berg in seiner puren Schönheit, die Sicht von einem Meer zum anderen, vom Pazifik bis zum Atlantik freigebend, vor uns ausgebreitet liegt. Pura vida! mit diesen Worten wird man überall in Costa Rica begrüßt.

 Ja, hier hat man das Gefühl, mit dem Leben auf Tuchfühlung zu sein!

Nicht ganz so hoch doch nicht weniger beeindruckend präsentiert sich der Vulkan Arenal – er steht ganz für sich allein, ein riesiger Kegel, meistens in dichte Nebelwolken gehüllt – dürfen wir ihn in seiner vollen Pracht bewundern und dabei beobachten, wie er genüsslich seine dicke Zigarre raucht – auch er ist noch aktiv! Zu seinen Füßen liegen wie zur Warnung dicke schwarze Felsen von seinem letzten Ausbruch im Jahre 1968.  Auf der anderen Seite wird er von einem tiefliegenden, halb mit einer hellgrünen Decke überzogenen See geschmückt, der vielen Vögeln, die wir hier zum ersten Mal sehen, Lebensraum bietet.

Sogar das Nachtquartier beim Dirk aus Deutschland, der eine wunderschön angelegte Lodge unter einem uralten heiligen Ceiba-Baum mit Blick auf den großen Arenal-Stausee betreibt und der jedem Gast persönlich das Abendessen zubereitet, ist ein Erlebnis für sich. Beim Spaziergang durch den exotischen Steingarten wäre ich beinahe über eine kohlkopfgroße Kröte gestolpert und traue meinen Augen nicht – wird mir doch nicht etwa ein verwunschener Prinz zu Füßen liegen! Gottseidank habe ich ihn nicht geküsst, der Froschkönig ist giftig und ich würde ihn ungern von unten betrachten!  

Am nächsten Tag machen wir uns auf, um im vom Arenal aufgeheizten Wasser des Rio Chollin zu baden. Wir liegen in kleinen natürlichen Becken, das Thermalwasser, das über die Stromschnellen schießt, massiert unsere Muskeln. Über uns wiegen sich die Blätter und Äste des Tropenwaldes, neben uns laufen Jesusgekkos über die Wasseroberfläche, ein kleiner Nasenbär taucht auf und verschwindet hinter einem Felsen. Nichts wie hinterher, mit der Kamera bewaffnet, über Fels und Stein. Da drüben, auf dem Ast, da sitzt er und macht sich seelenruhig über die Pommes her, die jemand liegen gelassen hat. In beobachtender Wachsamkeit lässt er mich ohne jede Scheu bis auf zwei Meter an sich heran.

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal Halt, um einen Spaziergang durch einen kleinen doch besonders artenreichen Nationalpark zu machen. Spinnenaffen, Aras, eine kleine weiße Fledermaus, die unter einem großen Palmenblatt Schutz gesucht hat – und ein graubrauner Fluss, in dem sich hunderte Krokodile tummeln – als Aussichtspunkt dient eine hohe Autobrücke, unter der es ihnen anscheinend besonders gut gefällt. Gruselig!

Nach einer Woche Rundreise und 1500 zurückgelegten Kilometern sind wir wieder zurück bei unserer KALI MERA. Nicht nur einmal waren wir froh, in einem Allrad zu sitzen, wir haben Bäche durchgequert, unglaubliche Steigungen bezwungen, sind durch Schlaglöcher auf Schotterpisten gerattert und haben schließlich einen von oben bis unten verstaubten Toyota zurückgebracht. Weiter geht es über das Wasser!

Hawaii – und wieder zurück

Ein letzter Cocktail aus tropischen Früchten, Rum und Campari, obendrauf eine Cocktailkirsche– unser Abschiedsritual, bevor die Reise losgeht. Ab jetzt gibt es bis Hawaii keinen Alkohol mehr! Es ist aufregend! Ich freue mich auf die Nächte, in denen ich durch das Dunkel hindurchzusehen versuche, wachsam den Horizont absuchend, in eine Art Trance verfallend! Wie schnell mein Körper in den Zustand übergeht, der ihm von der Atlantikquerung in Erinnerung geblieben ist! Ein wunderbares Gefühl! Es ist windstill. Die Umrisse der Küste verlieren sich immer weiter in der Ferne bis sie ganz verschwinden.

Schon bei meiner ersten Nachtwache bekomme ich Besuch – ein Delfinbaby springt dicht am Bug zweimal hoch in die Luft und wedelt dabei mit dem Schwanz – ich denke schon, es landet an Bord! Der dunkle breite Rücken seiner Mama hebt sich mit einem leisen Schnaufen neben mir aus dem öligen wellenlosen Wasser – auf und ab. Tagsüber kann man die vielfältigsten Meeresbewohner schon aus weiter Ferne sichten; für kurze Augenblicke verlassen sie ihr Element, wie um sich zu präsentieren, kommen ganz nah ans Schiff und zuweilen weiß man gar nicht, in welche Richtung man zuerst schauen soll! Das ist ein besonderes Geschenk vom Pazifik! Während es auf den Las Perlas noch Pelikane waren, die durch ihre unglaublichen Flugkunststücke ein fesselndes Schauspiel darboten, indem sie sich torpedogleich aus größer Höhe kopfüber ins Wasser stürzten und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchten, sind es jetzt akrobatische Rochen, die elegante bis zu zwei Meter hohe Sprünge vollführen,  Delphine, die in unserer Bugwelle spielen, eine Walfamilie, die sich im ruhigen Wasser dahintreiben lässt, und Vögel, die sich um einen Platz an unserer Reling zanken.

Ich nutze dieses anfangs windarme Wetter mit wenig Welle – wer weiß wie lange es noch anhält – und verschanze mich in der Küche. Die Essensvorräte müssen auf ihren Reifegrad hin überprüft werden. Obwohl wir möglichst unreife Früchte gebunkert haben, muss manches schnell verarbeitet werden und so stehe ich fast den ganzen Tag in der Kombüse. Unter meinen Händen entstehen für mich neuartige Dinge wie in Essig eingelegter Blumenkohl, Brokkolinudeln und Brokkoli-Tomatensalat, nebenbei wird ein frisch gefangener weißer Thunfisch verarbeitet, riesige Büsche von Koriander verwandeln sich in ein Pesto mit Cashewnüssen,  Petersilie wird kleingehackt und eingefroren, Joghurt angesetzt, eine abenteuerliche Gemüse-Mischung, der testweise sogar Kochbananen beigemengt werden, wandert in den Kreativ-Curry-Topf. Wenn unsere überdimensionale Bananenstaude – bestellt war natürlich nur eine kleine! – herangereift sein wird, stehe ich vor der schier unlösbaren Aufgabe, wie auf produktive Weise mindestens 50 Bananen auf einmal zu verwerten! Vielleicht Bananeneis?

Während wir auf den Wind warten, wird die Dünung immer höher, die Gegenströmung immer stärker, das Ergebnis – wir kommen so gut wie gar nicht voran. Die Euphorie hält sich in Grenzen.

Jeden Morgen ruft Herbert per Funk das neueste Wetter ab. Das ist ein weiteres Ritual bei Überfahrten geworden. Heute funktioniert die Funkverbindung nicht, das heißt, sie funktioniert schon, doch kurz bevor das große Grib-file heruntergeladen ist, kommt die Fehlermeldung „checksum error“– das bedeutet, kein aktuelles Wetter, weil das File defekt ist. Bei jedem neuen Versuch beginnt das Dokument erneut, sich herunterzuladen und blockiert damit den ganzen Funk. Erst nach vielen Anfragen Herberts, die er an mehrere Stellen aussendet, kann er das Dokument löschen und wir bekommen die ersehnte Wetterprognose – Sturmwarnung! Die Papagayos lassen grüßen! Na gut, es hilft nichts, wir müssen da durch, um die Tradewinds zu erreichen, die uns hoffentlich aus einem günstigen Winkel schneller vorwärtsbringen. Gar so rosig sieht bei näherer Betrachtung das Ganze dann doch nicht aus, neben Starkwindgebieten sind auch mehrere Stellen mit ausgedehnten Flauten angesagt, das heißt, wir werden öfters den Motor brauchen, was wir nicht wirklich wollen. Aber das ist nicht beeinflussbar – das Wetter muss man nehmen wie es kommt.

Mit den Eigenheiten des Motors ist es ähnlich – gerade wenn man es am wenigsten brauchen kann, will er Aufmerksamkeit haben!  Gerade erst auf Touren gebracht, fällt die Motorraumbelüftung aus. Herbert ist hocherfreut in der anbrechenden Dunkeheit den Ventilator ausbauen, reparieren und wieder einbauen zu dürfen.

Inzwischen ist die vierte Nacht hereingebrochen, das Abendessen steht schon fast auf dem Tisch, als plötzlich ein rotes Warnlicht aufleuchtet. Herbert reagiert schnell und macht den Motor aus. Wie gesagt – zickig! Damit ist nicht Herbert gemeint!  Die Gemüsekisten stellt er auf die Bänke und macht den Cockpitboden frei. Mit Stirnlampe, Schraubenschlüsseln und Küchenrolle bewaffnet öffnet er die Cockpitklappe und klettert in den Motorraum. Beide Dieselfilter sind randvoll mit Wasser! Der Wasserabscheider hat zwar brav seine Arbeit verrichtet, indem er das Wasser aus dem Diesel herausgefiltert hat – normalerweise bildet sich etwas Kondenswasser im Tank, das abgesondert werden muss, um zu verhindern, dass es in den Motor gelangt – aber doch nicht so viel! Woher kommt das ganze Wasser her? Einen Moment später hätte der Wasserabscheider überlaufen können und dann wäre der Motor aus – nicht auszudenken! Angst, die ich unterdrücken muss, will sich in mir ausbreiten, sie bleibt als kleiner Klumpen im Magen sitzen. Die kann man sich jetzt nicht erlauben. Es ist das erste Mal auf unseren Reisen, dass sie sich meldet – und dass uns unsere Kali Mera einen Strich durch die Rechnung macht. Herbert reinigt und wechselt die Filter – man wünscht sich wahrlich was Schöneres so weit draußen am Meer, mutterseelenallein und auf sich selbst gestellt!  Schnell ist die Romantik verflogen, die der hell leuchtende Mond und die tausend strahlenden Sterne am Himmel herbeigezaubert und die Milchstraße in einen einzige dichten Sternen-Nebel verwandelt haben. Die Wellen schaukeln das Schiff hin und her und machen das Arbeiten mehr als ungemütlich. Trotzdem – geschafft! Alles wird wieder weggeräumt, Dieselreste werden weggeputzt, Herbert steigt etwas nervös aus dem Motorraum – ja, der Motor springt an! Jetzt ist guter Rat teuer! Über 4000 Meilen liegen noch vor uns – in den drei Tagen haben wir vergeblich darauf gewartet, dass die vier auf die drei überspringt – auf so einer langen Fahrt muss der Motor funktionieren. Herberts Gehirn rattert – wie kann es sein, dass sich so viel Wasser im Diesel gebildet hat?! Wir tanken immer über Kanister und Filter mit Wasserabscheider – schlechter Diesel scheidet damit wohl aus, für Kondenswasser ist es zu viel. Kommt es über die Tank-Entlüftung (und wo zum Teufel ist die überhaupt, höre ich ihn schimpfen) oder ist der Verschluss für den Stutzen undicht? Muss der Tank gereinigt werden? Können wir es verantworten, auf gut Glück weiterzufahren? Trotzdem – erst einmal wird gegessen und nachgedacht. Dann fällt die Entscheidung – wir kehren um, bevor der Wind kommt und ein Umdrehen unmöglich macht. Der neue Zielpunkt an der nördlichen Küste Costa Ricas wird gesetzt – Samara, eine gut geschützte Bucht, um uns in Ruhe der Sache zu widmen. Kaum kehrtgemacht, setzt der Wind ein, und wie ein altes Radfahrergesetzt bestätigt, natürlich voll auf die Nase. Die Wellen, die aus allen Richtungen zu kommen scheinen, prallen aufeinander und türmen sich in kürzester Zeit zu Bergen auf, mühsam kreuzen wir auf unser Ziel zu. Die Filter müssen noch dreimal gereinigt werden, und während Herbert im Motorraum hantiert, spiele ich den Handlanger. Gott sei Dank ist beim letzten Durchgang kaum noch Wasser zu sehen – Erklärung haben wir noch keine gefunden. Herbert schläft die ganze Nacht nicht. Kaum legt er sich hin, um ein bisschen auszuruhen, schreckt ihn eine Windänderung auf, die Segel müssen korrigiert werden. Ich bin ja mit der Gabe gesegnet, auch für 10 Minuten tief einschlafen zu können und mich dabei auch zu regenerieren. Aber Herbert trägt die ganze Verantwortung und kann sie schwer loslassen. Langsam, langsam werden die Wellen weniger, das Vorwärtskommen wird leichter. Trotzdem, das Frühstück mit frischgebackenem Brot und Bananenkuchen will uns beiden nicht so richtig schmecken, die Mägen müssen sich erst wieder beruhigen. Am Nachmittag lassen wir den Anker in der malerischen Bucht von Samara fallen, begleitet von Erleichterung, aber auch einem leichten Gefühl der Niederlage. So war das nicht geplant!

Gleich am nächsten Morgen macht sich Herbert an das eingehende wieder-in-Ordnung-bringen der unleidlichen Angelegenheit. Er reinigt und tauscht die Dieselfilter, macht den Probelauf. Es sieht gut aus, kein Wasser im Abscheider. Wir werden sehen, ob das auch bei Wellengang so bleibt. Das Wichtigste ist, dass der Motor keinen Schaden genommen hat. Immer noch bleibt unklar, ob die Maßnahmen langfristig erfolgreich waren und nicht doch der Tank gereinigt werden muss. Bald kristallisiert sich ein neuer Schlachtplan heraus. Wir beschließen, die Küste bis nach Mexiko entlangzufahren und entscheiden dann, wie es weitergehen soll. Die Fahrt an der westlichen Pazifikküste gen Norden wird als sehr anspruchsvoll und anstrengend beschrieben: Wind und Welle, zuweilen auch die Strömung gegen uns, am gefürchtetsten aber die bösen Papagayo-Winde, deren unangesagte Böen Orkanstärke erreichen können. Die Strategie heißt, dicht an der Küste bleiben, einen günstigen Zeitpunkt abwarten und den Wind überlisten. – Mexico, das wir schon 2011 über eine Strecke von 3000 km mit dem Auto durchfahren und lieben gelernt haben, wollten wir sowieso gerne auch per Schiff besuchen – es gilt als ein wahres Segelparadies! Ich freue mich, dass mein Spanisch noch etwas länger zum Einsatz kommt. Ich liebe diese Sprache!

Die letzten Tage im Atlantik

Der Wechsel vom diesmal im Schnee versunkenen Österreich auf die andere Seite der Erdkugel, in unser schwimmendes Zuhause, vollzieht sich immer sehr schnell. Wie eine Zeitreise in einen anderen Raum mit anderen Gesetzen, doch mir nicht mehr fremd – mit all ihren Farben, Geräuschen, Gerüchen, Menschen und deren Lebensgewohnheiten ist mir diese Welt inzwischen vertraut geworden. Alles ist anders hier, und ich liebe es genauso wie zu Hause.

… zwischen Himmel und Erde …

Ich möchte keine der zwei Welten missen, und in gewisser Weise ist es, als lebte ich in beiden zugleich. Parallelwelten, die in mir ihr verwoben und beide mein geworden sind. Während der Kontakt im Außen über die Entfernung hinweg durch die Technik ermöglicht wird, halten meine Gedanken und mein Herz die innerbindung aufrecht.

Immer wieder stelle ich mir vor, wie das früher wohl gewesen sein mag, als die Menschen in die ferne Fremde, ins völlig Ungewisse aufgebrochen waren. Wenn wir heute mit unserem Segelschiff auf Land treffen und anlanden, wie es in der Seglersprache so schön heißt, weisen uns hochmoderne Instrumente den richtigen Weg, sie wissen, wo es Untiefen gibt, wo und wann gefährliche Strömungen vorherrschen, wo es windgeschützte Ankerplätze gibt und wie weit wir uns dem Land nähern können, ohne Gefahr zu laufen, aufzusitzen. Noch dazu nutzen wir die Wettervorhersage, um Sturm oder ungünstige Wetterlagen möglichst zu meiden oder ihnen zumindest auszuweichen.  Früher hatte man all das nicht zur Verfügung, man musste sich aufs Auge und das Gefühl, natürlich auch einige mechanische Werkzeuge wie das Handlot zur Messung der Wassertiefe verlassen – viele Schiffe kamen niemals an; viele andere mussten, schon das Ziel vor Augen, ohnmächtig mitangesehen haben, wie ihre Galeonen samt Besatzung im Sturm an den Klippen zerschellt sind. Doch wie die Geschichte uns lehrt, haben es gar nicht so wenige auch geschafft – raue, harte Männer, die dem Leben, dem Wind und dem Wetter die Stirn geboten haben (Herbert fühlst sich sofort angesprochen!)– es muss ihnen wie ein Wunder erschienen sein. Angeführt wurden sie von einem, der seiner Vision folgte…

Amerikabrücke über den Panamakanal

Ja, wir haben etwas Großes vor. In den Tagen der Vorbereitung auf den bevorstehenden Transit durch den Panamakanal vom Atlantik in den Pazifik ist viel zu tun.

Dennoch bleibe ich in ständiger Verbindung mit dem nur fünf Minuten entfernten Regenwald und nutze jede arbeitsfreie Minute für einen Abstecher in den Regenwald, um die Affen zu besuchen, Faultiere und Vögel zu beobachten – inzwischen weiß ich, wo sie zu finden sind. Wie zum Beispiel mein Lieblings-Faultier Slotty, der seit Jahren in einem Blätterbaum mitten in der Marina lebt und sich, um zu fressen, nur ein bisschen strecken muss.

Der Regenwald ist ein besonderer Ort. Feucht und heiß, und trotzdem bietet der Schatten Erfrischung. Uralte Bäume mit dicken verknorpelten Stämmen und spitzen Dornenrinden, an denen dicke Lianen herabhängen, sich Philodendren emporwinden und Orchideen angesiedelt haben, unter deren Wurzeln und Rinden sich Riesenkäfer und bunte Krabben verstecken, scheinen Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten zu erzählen.

ein Nest

Man spürt und hört es, überall rundum ist Leben, das vom Geräusch der menschlichen Schritte für Augenblicke erstarrt.  Man muss geduldig sein im Regenwald, warten, bis sich die Tiere, von Neugier getrieben, von sich aus nähern, auf das Geräusch von schwingenden Ästen und knackenden Zweigen hören, dann weiß man, die Affen sind da.

… die Affen kommen

Man lernt, ihre Laute von der Sprache der Vögel zu unterscheiden, die meist unsichtbaren Vögel zu sichten,

… im Ausguck

und wenn man Glück hat, läuft ein Ameisenbär mit seiner Familie quer über die Straße oder ein Nasenbär raschelt im Unterholz. Aber meistens sind die Waldbewohner scheu, genauso wie die vielen Giftschlangen und Giftfrösche, denen man am besten gar nicht erst begegnet. Angeblich haben Arbeiter in der Nacht hier in der Nähe sogar einen schwarzen Panther gesichtet. Tatsächlich beheimaten die mittelamerikanischen Tropen Wildkatzen wie Jaguare, doch meist sind sie tiefer im dichten Gehölz auf der Jagd.  Da, Fruchtschalen fallen vom Baum – und das suchende Auge findet schon bald das dafür verantwortliche Eichhörnchen, das flugs mit seiner Beute davonläuft.

Beim Herumstreunen zwischen den amerikanischen Militärgebäuden, die ehemals zum Schutz des Kanals errichtet wurden und nach dem Abzug der Amerikaner und der Übernahme der Kanalverwaltung durch die Panamesen aufgelassen und dem zunehmenden Verfall preisgegeben wurden, mache ich einen Fund! Hinter der einstigen Kirche lagen doch tatsächlich dicke Mahagonibretter, die beim „Aufräumen“ einfach auf einen Schutthaufen hinter die Mauern geworfen wurden –

… braucht wohl niemand mehr …

wunderschönes, rotbraunes, weihrauchgetränktes, tausendmal bebetetes Edelholz. Das könnte Herbert doch brauchen (Robert wäre stolz auf mich!)

… ab mit der Beute!

– und tatsächlich bekomme ich unter anderem ein wunderschönes Mahagonikisterl für mein Gemüse – es muss jetzt schon an ausreichend Lagermöglichkeiten für das Proviantieren unserer 5-6-wöchigen Fahrt über den Pazifik gedacht werden.

Gemeinsam nutzen wir ein paar arbeitsfreie Stunden für eine Fahrradtour zum Fort Lorenzo, die direkt durch den Urwald führt.  In einer kleinen Lichtung neben der Straße sehe ich immer wieder Agutis, niedliche pflanzenfressende Nagetiere – ein leckes Wasserrohr lockt sie wohl an – ja sie sind auch heute wieder da! Etwas tiefer im Wald veranstalten die Brüllaffen ein Konzert für uns, das sich hören lassen kann, man wähnt sich mitten in einem Horrorfilm! Für den Lärm, den sie machen, sind sie verhältnismäßig klein, bestimmt nicht größer als einen halben Meter. Beim Fort angekommen, erwartet uns ein weiteres Konzert – die katholische Jugend übt eine Vorführung für hohen Besuch ein, der ganz Panama in höchste Aufregung versetzt – der Papst hat sich angekündigt!

… auch im Ausguck

Wir lassen den Blick vom hoch über dem Meer gelegenen, viermal angegriffenen und nach dem letzten Beschuss im 18. Jh. nie mehr aufgebauten Fort Lorenzo über die Klippen und die Ufer des Rio Chagre, der hier ins Meer mündet, schweifen.

Befestigungsanlage

Natürlich wird die Flussmündung ausgiebig nach möglichen Krokodilen untersucht – diesmal nichts. Dafür – wieder im Regenwald – geradezu unmöglich – erblicke ich hoch in den Baumkronen eine grüne Mamba, die sich direkt über mir von einem Baum zum nächsten schlängelt – ihr Kopf kommt hervor, sie visiert ihr Ziel an, streckt sich und gleitet sozusagen durch die Luft zum nächsten Ast, an dem sie Halt findet; dann folgt der Körper, der immer dicker wird und gar nicht aufzuhören scheint, bis mit einem leisen Schlag auch die Schwanzspitze verschwindet. Ich bin atemlos – eine grüne Mamba! (Später werde ich von Christian, einem österreichischen Biologen und Photographen von der IMAGINE belehrt, die gäbe es nur in Afrika und es sei nur eine schwach giftige panamaische Papageienschlange gewesen…)

Die „Grüne Mamba“

Mit Christian haben wir übrigens auch eine spannende Nachtwanderung durch den Urwald erlebt, unerschrocken bahnte er uns den Weg durch die Dunkelheit. Mit Stirnlampen gerüstet haben wir verlassene Gebäude erkundet, große Raubspinnen und spannende Insekten auf der Unterseite von gelöcherten Blättern entdeckt

Raubspinne 1
Raubspinne 2

und hin und wieder ein Tier aufgeschreckt, doch außer einem Rascheln des davoneilenden Ungeheuers nichts mehr entdecken können. Der Urwald bei Nacht – es war großartig, allein hätte ich mich das nie getraut.

Mein Slotty im Marinabaum ist leider von einem Tag auf den anderen verschwunden und nicht wieder zurückgekehrt – angeblich verlassen sie manchmal ihre adoptierten Bäume und suchen sich ein neues Zuhause.

letzte Aufnahme von meinem Slotty

Sie können aber bei ihrem wöchentlichen Toilettengang, wozu sie den Baum verlassen müssen, auch zur leichten Beute anderer Tiere werden. Ich hoffe, er ist nur umgezogen… Zum Trost habe ich einige andere im Wald entdeckt, sie sind meist schwer zu erspähen!

Faultier ganz hoch oben

Leider ist die Natur auch hier nicht unberührt geblieben, obwohl es immer mehr Nationalparks über und unter Wasser gibt. Wenn man so nah an der Natur und mit ihr lebt, ist man auch unmittelbar mit den Auswirkungen der Umweltverschmutzung konfrontiert. Der Umweltschutz und die Abfallentsorgung bedarf hier noch einiges mehr an Bewusstseinsarbeit und Erziehung. Zum Beispiel der Hausmüll, den ich zu Hause peinlich genau trenne, geht ungefiltert und fast überall ungetrennt in den Einheitscontainer – wenn überhaupt. Das, was wir wegwerfen, ist hier genauso nah und unmittelbar wie die Umwelt selbst. Wenn ich das Schiff putze, gehen die Chemikalien direkt ins Meer und werden nicht durch eine Mach-Wieder-Sauber-Kanalisation geleitet, in der Werft wird mit giftigsten Stoffen gearbeitet, und es ist nicht zu vermeiden, dass sie vom Meer und dem angrenzenden Regenwaldboden aufgesogen werden. Ich könnte mich damit trösten, die Auswirkungen des privaten Yachtverkehrs wären im Vergleich zur Handelsschifffahrt vernachlässigbar – aber es ändert nichts daran – hier ist es viel schwerer, darüber hinwegzusehen. Plastikmüll und alles, was nicht mehr gebraucht wird, wird einfach weggeworfen – die Müllcontainerkultur hat sich noch nicht herumgesprochen.

‚fortschrittliche‘ Mülltrennung

Aber ist durch unsere Mülltrennung und Abfallwirtschaft wirklich so vieles besser geworden? Lässt sich damit unser Großverbrauchertum rechtfertigen? Wird uns damit nicht nur der Blick für die Ausmaße der Verschmutzung verstellt und vorgaukelt, alles würde umweltgerecht entsorgt werden? Unsere ‚sauberen‘ Straßen, die von tausenden Autos befahren werden, unser maßloses Konsumieren, das uns in hygienisch makellosen Geschäften mit gut sortierter Markenware als erstrebenswertes Lebensziel angepriesen wird, attraktiv verpackte Lacke, Lösungsmittel, Öle bis hin zu radioaktiven Stoffen, Giften und Medikamenten, die ‚ordnungsgemäß‘ in Drittländern entsorgt werden, lassen uns nicht sehen, wie sehr jeder einzelne von uns an der Umweltverschmutzung mitverantwortlich ist. Es tut mir fast körperlich weh, wie wir mit unserem Lebensraum, unserer Erde umgehen und kaum globale Lösungen angeboten werden. Wenn wir, die Segler, zur Selbstinitiative greifen und eine Insel von Müll befreien, indem wir den herumliegenden Müll einsammeln, zusammentragen und die unterschiedlichsten Kunststoffverbindungen einfach verbrennen, fragen wir uns, was die bessere Alternative ist – alles liegenzulassen und zuzuschauen, wie die Kleinstpartikel im Magen der Meeresbewohner landen, sie verhungern lassen, unfruchtbar und krank machen, oder zuzuschauen, wie die giftigen Gase in den Himmel entweichen und die Luft verpesten. Eine weitere Gefahr für die Meeresbewohner stellen die vielen verlorengegangenen und im Meer herumschwebenden Fischernetze dar, Säugetiere müssen darin hilflos ersticken und Fische verfangen sich in ihren Maschen, aus denen sie sich nicht mehr befreien können.

In Dalmatien habe ich in manchen Hafenstädten Tafeln aufgestellt gesehen, auf denen genau verzeichnet ist, in welcher Entfernung vom Land man Kompostabfälle entsorgen kann, wie lange ein Papiertuch, ein Zigarettenstummel, Glas oder eine Metalldose brauchen, bis sie sich aufgelöst haben. Tage, Monate, Jahrzehnte – oder, wie etwa Plastik, Jahrhunderte! Aber wer macht sich schon darüber Gedanken! Längst haben wir akzeptiert, dass Bananen eben von Kindern geerntet werden, dass Avocados tausende Kilometer Transportwege bis zu uns zurücklegen, dass Mangos x-Mal mit Chemikalien behandelt werden, bevor sie gerade noch genießbar in unseren Regalen landen (ein karibischer Bürger hat sich einmal so geäußert: Zuerst vergiftet ihr die Bananen und dann esst ihr sie!); auch haben wir uns damit abgefunden, dass fast jedes Kleidungstück, dass wir erwerben, egal ob billig oder teuer, unter menschenunwürdigen Bedingungen, unter gesundheits- bis existenzgefährdenden Umständen hergestellt wurde. Ja, wir nehmen all das einfach hin und sind noch dazu überheblich und vielleicht sogar ein bisschen gegen die Ausländer, die zu uns kommen, und an unserem – wohlverdienten? – Wohlstand etwa mitnaschen wollen!

In der Nacht zum 21. Jänner liegen Herbert und ich zu zweit an Deck und blicken gen Himmel – am klaren Firmament vollzieht sich die totale Mondfinsternis. Der Mond wurde zunehmend orange, schien näher zu kommen und größer zu werden, zum ersten Mal erschien er mir faszinierend dreidimensional als echter Planet. In meinem Kopf erklingt der Song Louis Armstrongs What a wonderful world!

Dann kam der Tag des Aufbruchs, mein Magen fühlte sich an wie vor einer Prüfung, schließlich hatte ein befreundetes Boot zwei Tage zuvor einen Unfall in den Schleusen und wurde an die Schleusenmauer gedrückt – es kann immer ein Fehler passieren, man ist von den Booten, mit denen man vertäut ist, mit abhängig. Segelboote werden meist zu zweit oder zu dritt durch die Schleusen geführt. Am ersten Tag geht es durch drei Schleusen hinauf bis zum riesigen Gatun-See, wo wir unter einem sternenübersäten Himmelszelt die Nacht verbringen. Der Abend wird jazzig – John von der GEORGIA B., der uns als Linehandler hilft, ist in diesem Metier zu Hause. Herbert sucht in seiner riesigen Musikdatei fieberhaft nach Namen, die John nennt und wir noch nie gehört haben, und es gibt großes Gelächter, wenn Herbert einen zufälligen Treffer landet, den er in seiner gewohnt humorvollen Art als seinen Lieblingssong verkauft! Es war ein Genuss, diesem Spaß zuzuhören!

Am nächsten Tag werden wir durch die Miraflores-Schleusen wieder abwärts befördert, bis auf das Niveau des Pazifiks. Langsam schließt sich das riesige eiserne Tor zum letzten Mal hinter uns und das Wasser beginnt abzufließen, die Leinen müssen unter genauer Anweisung mit Gefühl und manchmal ganz schön viel Kraft nachgegeben werden und dürfen sich ja nicht verknoten – das könnte gefährlich werden – bis wir tief in der dunklen Schleuse liegen, mit zwei Segelschiffen an unserer Seite und einem riesigen Frachtschiff hinter uns, das links und rechts nur noch ein paar Zentimeter Platz hat. Glocken ertönen, und die Tore beginnen sich wieder zu öffnen, um unser Schiff in den Pazifik zu entlassen. Etwas wie ein erhabenes Gefühl durchflutet mich und riesige Freude breitet sich in mir aus! Wir haben es geschafft, alles ist gut gegangen und eine neue Welt liegt vor uns!

Dominikanische Republik

Wollte ich die Dominikanische Republik mit ein paar Worten umschreiben, fällt mir zunächst ‚das Leben berühren‘ und ‚mit Mensch und Tier auf Tuchfühlung gehen‘ ein; dann lebensfrohe Menschen, die oft sehr wenig besitzen, seltene Touristen und trotzdem Bestechungsgelder, bizarre Natur und wundersame Tierwelt. Und dass ein freundliches Lächeln alle Tore öffnet…

Nach einer erschöpfenden schaukeligen Nacht- und Tagfahrt legen wir am Zollpier im völlig ruhigen Wasser der Marina Boca Chica an. Wir dürfen erst von Bord, nachdem streng dreinblickende Zollbeamte wieder von Bord gegangen sind, die zwar freundlich, aber bestimmt alle Geheimfächer durchstöbert und sich wieder getrollt haben. Als Zeichen ihrer Macht haben sie sich ihre schweren Militärschuhe natürlich nicht ausgezogen. Grrr…

Schon am selben Abend bekommen wir Besuch von Sabine und Thomas aus der Heimat. Kaum angekommen, bekommen sie die unfeinen Seiten dieses Landes zu spüren – ein Auffahrunfall mit ihrem Montagsmietwagen, zwar ohne Personenschaden, dafür mit Fahrerflucht (die Polizeiberichtbeschaffung war eine wahre Odyssee!), Rückspiegeldiebstahl am Parkplatz vor dem Hotel, wieder Polizeibericht, und dann noch ein Verkehrspolizist, der sie beschuldigt, bei Rot über die Kreuzung gehfahren zu sein und ihnen erst nach Bezahlen einer saftigen Propinita (zu Deutsch: Bakschisch) weiterfahren lässt…

Dafür sind wir von der Marina und ihrem beschwingten, hilfsbereiten Team richtiggehend begeistert, außerdem ist sie wunderschön hinter einem langgezogenen Riff gelegen, wobei man fast das Gefühl hat, in einer Bucht zu liegen. Hier können wir unser Schiff ruhigen Gewissens zurücklassen, während wir das Land erkunden.

Weil wir wie die Einheimischen reisen wollen, besteigen wir den Bus zur Hauptstadt Santo Domingo, ein sogar im Innenraum kunterbuntes Gefährt in blau, pink und gelb – als einzige Weiße eingepfercht unter lauter Einheimischen – Herbert hat es wahrscheinlich gefallen, war er doch von lauter jungen Mädchen umringt! Die koloniale Altstadt ist klein aber bezaubernd, und wir lassen uns treiben. Den Zoo und den botanischen Garten teilen wir uns auf – jeder für sich nimmt mehrere Stunden in Anspruch. Dieser Zoo ist eine 8 ha großen Naturanlage – die Tiere haben hier wirklich viel Platz, und können sich auf dem Gelände teilweise völlig frei bewegen. Noch nie haben wir Flusspferden in die Nasenlöcher geschaut, noch nie ist mir ein Straußenvogel mit aufgepustetem Gefieder Modell gestanden, habe ich Affen zwischen exotischen Enten nach Lust und Laune herumlaufen sehen. Ein schwarzer Panther sieht mir aus fünfzig Metern Entfernung lange direkt in die Augen, während sich Dromedare, Bisons und Büffel weniger beeindruckt geben, und auch die Flamingos lassen sich bei ihren Nachbars-Streitereien nicht von uns stören. Für die vom Aussterben bedrohten Spitzmaulkrokodile und bestimmte Leguane gibt es hier sogar eine Aufzuchtstation.

Den tierischen Höhepunkt aber erleben wir mit den Walen in der freien Natur. Schon das Taxi besorgen wird zum Abenteuer. Eigentlich hätte es uns zugestellt werden sollen, stattdessen werden wir abgeholt und irgendwohin gefahren, ohne vorher Sabine und Thomas Bescheid geben zu können. Dort erfahren wir den Grund – die Versicherungspapiere sind leider an genau diesem Tag zu Mittag abgelaufen, ein Junge mit einem Moped sei schon unterwegs. Dabei wird es schon dunkel! Nach anderthalb Stunden ist der Papierkram endlich erledigt und wir finden sogar auf Anhieb die Marina wieder. So auf Anhieb geht es am nächsten Morgen leider nicht – gleich am Anfang übersehe ich den winzigen Wegweiser und damit die Ausfahrt von der Autobahn nach Samana, immerhin wegen der Wale eines der größten Tourismuszentren der Insel! Das bedeutet einen Umweg von einer halben Stunde. Wir haben ja genügend Puffer! Uups – noch einmal daneben – es wäre doch durch die Unterführung gegangen! Beim dritten Anlauf machen wir noch einmal einen ungewollten Abstecher durch eine Barackensiedlung über Feldwege, als wären sie für eine Endurostrecke präpariert – endlich auf der richtigen Straße, nur ist jetzt der Puffer weg! Wir rasen durch den Regen von der Süd- auf die Nordseite der Insel, wo das Walbeobachtungboot nur noch auf uns viere wartet. Wie schön, dass es hier auf ein bisschen Warten eben nicht ankommt!

Jedes Jahr geschieht hier ein Wunder – alle Buckelwale der nördlichen Halbkugel kommen zur Paarungszeit in die Bucht von Samana, was uns Gelegenheit gibt, sie hautnah zu beobachten. Mit einem umsichtigen Forschungsteam werden wir zu ihnen hinausgefahren. Trotz Regen und Riesenwellen, was die Sichtung natürlich behindert, haben wir das Glück, auf eine Mutter mit ihrem Walbaby zu stoßen, das gerade in bester Spiel- und Springlaune ist – direkt vor uns hechtet es mit seinen rosa Flossenarmen ein paarmal aus dem Wasser und lässt sich mit einem großen ‚Platsch!‘ auf den Rücken fallen. Die Mutter ist immer in der Nähe und wuchtet ihren massigen Rücken beim Atemholen aus dem Wasser. In Spannung halten wir unseren Blick aufs Wasser gebannt, um den nächsten Blas, wodurch sie geortet werden, nicht zu versäumen. So nah an diese Urzeitriesen heranzufühlen, erfüllt uns irgendwie mit Ehrfurcht vor dem Leben und der Natur!

Den Kopf voller Eindrücke der farbenprächtigen Natur, mit dem Nachgeschmack eines feinen Gourmet-Abendessens im Mund und den Kofferraum gefüllt mit buntem frischem Obst und Gemüse und fangfrischem Fisch, den uns Fischer direkt am Strand mit viel Geschick filetiert haben, verlassen wir Samana wieder.

Der Bürokratie aber entkommen wir in diesem Land nicht, nicht einmal per Schiff. Bevor wir die Marina verlassen, werden wir noch einmal inspiziert und sanft darauf hingewiesen, dass ein kleines Regalito (Geschenklein) für die mühevolle Arbeit angebracht wäre. Na gut, er kriegt einen kleinen Rum, so restlos zufrieden ist er aber nicht. Pech gehabt! Außerdem braucht man ein Despacho – eine Genehmigung zur Befahrung der inländischen Gewässer. Die gilt aber nur bis zum nächsten Zielort, den man natürlich angeben muss. Kaum ankert man arglos vor einem Dörfchen, tauchen am Strand von irgendwoher uniformierte Beamte, die einen heranwinken, das Despacho mitnehmen und versprechen, dass man vor der Abfahrt nur zu ihrem Büro kommen muss, und schon bekommt man ein Neues ausgestellt. Das erste Mal sind wir sehr misstrauisch, aber es blieb uns nichts Anderes übrig. Wir können es kaum fassen, tatsächlich geht alles glatt! Bis zum nächsten Ankerplatz, und bis zum nächsten! Wir lernen eine Menge Beamte und Büroräumlichkeiten, die an einen Rohbau erinnern, kennen, wo alles bis auf den Stempel händisch in linkischer Schreibweise und mit unendlich viel Zeit erledigt wird. Dafür kümmert sich der Beamte aber auch darum, dass wir zum Beispiel frischen Fisch vom Fischer nebenan bekommen und jemand Obst mit dem Mofa für uns holt. Mit der einen Hand auf der Lenkstange, in der anderen einen schweren Bund Bananen händigt er ihn uns übers ganze Gesicht strahlend aus. A su orden – immer zu ihrer Verfügung!

Zwischendurch ein Dünenspaziergang in den Salinen, wo uns heißer Sand die Fußsohlen verbrennt, windgeschützte Buchten, deren Stille nur durch unser Gespräch gestört wird und Vögel, die unser Schiff umkreisen.

In Barahona, dem letzten gemeinsamen Ankerplatz empfangen uns die Beamten gleich zu viert, und alle wollen sie auf unser Schiff mit unserem Dinghy gekarrt werden – sie haben eigentlich nirgendwo ein eigenes Boot. Wozu auch?! Ivan vom Passamt, der Hauptorganisator, sichert gleich mal für alle ein Bier – aus unserem Kühlschrank. Na gut. Ja, der Ausflug zum Lago Enriquilla – das geht halt auch nur über ihn – irgendwer borgt ihm sein Auto, fahren und kassieren tut er. Die anfängliche Schärfe weicht langsam von ihm, je länger wir uns unterhalten. Meine Spanischkenntnisse zeigen wieder einmal ihre bahnbrechende Wirkung – und das Programm für die nächsten und gleichzeitig letzten gemeinsamen Tage steht fest. Noch dazu darf er Sabine und Thomas zum Flughafen bringen. Alles in allem kann er sich über einen guten Zusatzverdienst freuen.

Der Lago Enriquillo ist ein Salzsee und liegt 40 m unter dem Meeresspiegel. Vor einigen Jahren begann der Wasserspiegel aus unbekannten Gründen zu steigen an, überschwemmte fruchtbares Land und die angrenzenden Dörfer. Die Menschen mussten umgesiedelt werden und sich eine neue Lebensgrundlage suchen. Das Wasser zieht sich seit 2013 zwar wieder langsam zurück, doch hat der hohe Salzgehalt – gleich dreimal so salzig wie das Meer – die Reis- und Getreidefelder, die Bananenplantagen und Gärten verwüstet. Jetzt starren nur noch salzweiße Baumreste bizarr aus dem See, so dass man meinen könnte, die zauberhafte Märchenwelt der Schneekönigin betreten zu haben. Unter der Wasseroberfläche leben an die 400 vom Aussterben bedrohte Spitzmaul-Salzwasserkrokodile, die über 4m lang werden können. Mit einem Boot werden wir zu ihrem bevorzugten Rückzugsgebiet gefahren und erblicken hie und da die herausgestreckte Nase des Urreptils. An Land lebt ein anderes urzeitliches Drachenwesen, der Leguan – sie lassen sich von uns füttern und kommen zu fünft, zu sechst auf einen halben Meter heran, um ein Stück Brot zu ergattern. Da kann man sich an ihnen einmal so richtig sattsehen.

Für den nächsten Tag stehen die Minen des Larimar am Programm. Hier im nahegelegenen La Florentina befindet sich die weltweit einzige Abbaustätte des hellblauen Halbedelsteins. Für Sabine und mich ein Muss – und Ivan muss etwas überlegen, wie er uns in dieses unwegsame und Gefahren bergende Gebiet bringen soll. Am Fuß des Berges steigen wir um in einen ziemlich verbrauchten allradgetriebenen Pick-up und werden gemeinsam mit ein paar Arbeitern die holprige, unbefestigte, steinige und staubige steil ansteigende Straße durch sieben Klimazonen hindurch zu den Einstiegsstollen am Berg gebracht. Immer wieder werden wir von jungen Burschen auf ihrem tagtäglichen Weg zur Arbeit auf ihren Mopeds überholt, die zu zweit wie Endurofahrer mit den Straßenlöchern und dem Staub ringen – nicht auszudenken, wie es während der Regenzeit hier zugehen mag. Mitten in einem Arbeitsdorf, das aus wackeligen Blechhütten besteht, hie und da mit einer Feuerstelle, auf der schwarze Töpfe erhitzt werden, steigen wir von der Ladefläche. Wo sind wir hier gelandet?! Wie im Film aus einem anderen Jahrhundert! Überall stehen junge Burschen herum, die auf ihre Schicht warten, manchmal mit einer verstaubten Bohrmaschine, manchmal nur mit einem Hackeisen ausgestattet, hie und da bringen sie schwitzend eine Scheibtruhe voll Abbruch aus den Tiefen ans Tageslicht. Es gibt eigentlich keinen Strom und kein Fließwasser, die Stollen aber, in denen gerade gearbeitet wird, werden durch Generatoren mit Licht und Luft versorgt. Lange Rohre führen in die zwischen fünfzig und hundertfünfzig Meter tiefen Schächte hinab – der Blick lässt uns erschauern. Die Arbeiter werden nur an einer Schlaufe befestigt in die notdürftig befestigten und sehr engen Schächte hinuntergelassen, wo der Larimar aus dem Gestein gehauen wird. Sie arbeiten in kleinen Gruppen zu zweit oder zu dritt und werden nach der geförderten Menge entlohnt – und zwar allein des Larimars, der erst aus dem Muttergestein herausgelöst werden muss. Ein paar lausige Pesos kriegen die Burschen für die Ungewissheit, wieviel des kostbaren Minerals sie heute heraufbefördern werden und ob sie überhaupt aus dem Stollen zurückkommen. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle, die Schächte brechen ein, und die darin Eingeschlossenen sind dem Tod preisgegeben. Wir kommen uns vor wie im Mittelalter. Sogar Ivan ist erschüttert.

Wir lassen unseren letzten gemeinsamen Abend bei Thunfisch-Steaks mit geröstetem Sesam ausklingen. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen – aber nur bis zum Sommer!

Wir beide beschließen, für unsere letzten 800 Pesos einkaufen zu gehen – schon bald stehen wir vor der Obst- und Gemüsestraße – Mensch und Ware sind zum Teil am Boden drapiert, zum Teil dienen einfache und windschiefe Holzgestelle als Stand. Das Obst und Gemüse ist ansprechend und für das wenige Geld erstehen wir so viel, dass wir es gerade noch tragen können – die nächsten Tage sind kulinarisch gerettet!

Dafür werden uns beim Ausklarieren noch einmal 20 $ abgeknöpft, für die wir nur widerwillig und unter Androhung der Embajada (Botschaft) – angeblich das einzige, wovor sie sich fürchten – eine Rechnung ausgestellt bekommen, sonst wäre das Geld unbemerkt in irgendeinem Hosensack verschwunden. Alles nur ein freundliches Spiel – oder?

Tulipan Bäume, ferne Galaxien und ein Jeep

Wo sollen wir anfangen, dieses spannende Land zu entdecken?! Die Panorama-Route, die Hauptstadt San Juan, die Berge, den Regenwald, den Osten, den Westen, den Norden und Süden wollen wir sehen!

Das Schiff liegt sicher im Hafen, die Wäsche ist gewaschen, die Rucksäcke sind gepackt und der Jeep steht bereit.

Nichts wie los, quer durch die Mitte über die Panorama-Route – aber nicht ohne Finger auf der Landkarte, denn es gibt so gut wie keine Wegweiser, die Straßen sind hier alle nummeriert, führen alle paar Kilometer eine neue Zahl wie etwa 219, 167, 899, 6899, dann wieder 104.  Ohne Lupe findet man sich in diesem Dschungel unmöglich zurecht!

Die Panorama-Route hat ihren Namen verdient – die Augen gehen uns über von all dem Grün, den mächtigen Bäumen, den mit roten Blütenblättern übersäten Straßen. Die stammen von meinem Lieblingsbaum, dem African Tulipan. Sein glatter Stamm wächst hoch hinaus über den Regenwald und bildet oben eine breite Blätterkrone, von der große rote oder weich-orange tulpenförmige Blüten ihre Kelche senkrecht der Sonne entgegenstrecken und den Horizont rot färben.

Dann wieder verdichtet sich der Regenwald und die 15 Meter langen Bambusrohre bilden, in dicken Bündeln über der Straße zueinander gebeugt, einen grünen Domgiebel, durch den wir hindurchfahren; manchmal sind sie auch mit den Stromkabeln verwoben, an denen in kleinen Büscheln Orchideen vor sich hinwachsen; an anderen Stellen verhängen seildicke Lianen, die von uralten verwunschenen Bäumen baumeln, die Straße.

Dort, wo die Straßen eng werden, versprechen sie Abenteuer – über Serpentinen geht es steil nach oben, so steil, dass man meint, hintüberzukippen – manchmal müssen wir, um der Landkarte (und Herbert mir in der Rolle des Navigators) wieder vertrauen zu können, auch fragen, ob dieser Weg denn auch tatsächlich wo hinführt oder mitten im Himmel endet – und unsere Waghalsigkeit wird jedes Mal wieder belohnt. Es begegnen uns zwar nur wenige Autos, aber nicht dass wir meinten, die Straße gehörte uns allein, oh nein, auch Hunde, stolze Hähne mit ihrem Hennenharem, Rinder, Pferde und Leguane benutzen sie für ihre Alltagserledigungen – meist in unübersichtlichen Kurven…

Am Charko Azul (= blaue Pfütze) legen wir eine Pause ein. Die nach amerikanischer Manier sehr gepflegte Campinganlage um den kleinen See herum eignet sich gut, um die Reste von der gestrigen immer noch wunderbar duftenden Gemüsepfanne zu verzehren. Übernachten wollen wir in Barranquitas, dem Geburtsort des Nationalhelden Luis Muños Marín – auf das nette Zimmer mit Aussicht müssen wir allerdings etwas warten (und wir waren zum Trost nicht die Einzigen) – der sich in Nichts aufgelöste Besitzer kam erst mit einigen Stunden Verspätung mit dem Schlüssel daher. Das Panorama war tatsächlich umwerfend – und es war kalt wie es sich für richtiges Bergklima gehörte. Weil hungrig, machen wir uns auf Essenssuche – und finden, auf Empfehlung natürlich – das schlechteste lokal ever – EL Mofongo!!! Leider ungenießbar – dann schon lieber unsere mitgebrachten Käsebrötchen im Hotelzimmer.

Nach dieser Überdosis Natur zieht es uns in die Hauptstadt der Insel. Im Nu hat uns die Stadt in ihren Bann gezogen. Die von den Spaniern 1521 gegründete Altstadt San Juan Viejo, eingebettet zwischen den zwei Festungen El Morro und San Cristobal und dem Atlantik, sozusagen uneinnehmbar, bezaubert uns durch seine pastellfarbigen kleinen Palazzos, die an Italien und Spanien erinnern, alles ist sauber, gediegen, harmonisch – eine einzige wundervolle Komposition. Herbert liebt es, im romantischen Schatten der Regenwaldriesen, die das Stadtbild eindrucksvoll mitprägen, ein Weilchen zu lesen, während es mich in die Museen mit moderner als auch 500 Jahre alter Kunst zieht.

Den Höhepunkt unserer Erkundungstour bildet die Festung El Morro, die uns mit ihrer einzigartigen Lage mit voller Kraft fühlen lässt, wie sehr wir die Kultur und Ästhetik vermissen, die bei uns zu Hause so selbstverständlich ist, dass wir sie gar nicht mehr richtig wahrnehmen und sogar davor in die Natur fliehen. Wir beide, da sind wir uns ausnahmsweise einig, brauchen beides!  Nachdem wir das weitläufige Gelände und alle 6 Etagen der Festung brav abgegangen sind, haben wir uns einen herrlichen starken Kaffee verdient.

Die Menschen hier sind – wieder einmal – sehr anders als auf den Inseln bisher. Wohl amerikanisch beeinflusst – Puerto Rico gehört tatsächlich zu Amerika – sind sie überaus freundlich, entgegenkommend, betriebsam wie bei uns – die sonst so typische Lässigkeit fehlt völlig, der Tag beginnt nicht allzu spät und endet in den frühen Abendstunden – um 10 Uhr ist die Altstadt San Juan Viejo schon wie ausgestorben. Wir finden um neun gerade noch etwas zu essen – zum dritten Mal ein Mofongo (ein Nationalgericht aus Kochbananen kombiniert beispielsweise, wie hier, mit Garnelen) – das beste bisher.

Nach einem weiteren Wandertag durch die Stadt und zwei Tagen Hotelzimmer haben wir genug und beschließen, die Ausflüge vom Schiff aus zu unternehmen. Spät abends erreichen wir unser zu Hause – müde und voller Eindrücke lassen wir uns in die Betten fallen – wie gern wir unsere kuschelige Kali Mera haben!

Ein besonderes Highlight war der Besuch des Observatoriums von Arecibo. Es hat das größte feststehende Radioteleskop der Welt und einen Parabolspiegel von 300 m Durchmesser, der mitten in das Hochland Puerto Ricos eingegossen ist. Da ist sonst nichts. Von der Plattform aus bietet sich uns eine grandiose Aussicht auf das freischwebende Empfangs- und Sendesystem. Von hier aus sendet die Erde auch Botschaften, um eventuell existierendes Leben außerhalb unserer Hemisphäre auf uns aufmerksam zu machen. Man meint, zwischen Universen zu stehen und jeden Augenblick in Kontakt mit dem Weltall treten zu können – für mich ein Symbol für die Realisierung von Visionen und Träumen, das eine magische Anziehungskraft auf mich ausübt und ich mich vom Anblick kaum lösen kann. Alle Kinder von Puerto Rico werden im Laufe ihrer Schulzeit hierhergeführt und während der Führung dazu angeregt, Träume zu haben, große Träume zu haben – und dazu einen erfahrenen Lehrmeister, der ihnen bei der Umsetzung zur Seite steht! Hier wurden auch die Filme Golden Eye mit James Bond und der Film Contact mit Judy Foster gedreht.

Unsere Monstertour durch Puerto Rico führt uns weiter in die Höhlenwelt der Cuevas de Camuy, die von den Tainos, der hiesigen Urbevölkerung, als rituelle Plätze genutzt wurden. Für die Hintergrundmusik mit hohen Pfeiftönen zeichneten Coquis, winzige braune Regenwaldrösche verantwortlich. Von den Tainos sind auch andere Zeremonienplätze mit wiedererrichteten Ballspielplätzen und gravierten Steinen erhalten geblieben und natürlich von uns besichtigt worden. Auch die Kaffeeplantagensuche erwies sich, wie schon berichtet, als erfolgreich. Wenn es dunkel wird, kehren wir zur Kali Mera zurück und starten jeden neuen Tag von dort aus. Weil wir immer neue Straßen suchen, brauchen wir dann zum Beispiel zum Canyon San Cristobal anstatt der veranschlagten zwei gleich fünf Stunden. Wie haben sie diese Wahnsinnstrassen gebaut, die fast senkrecht hinauf bis zu den höchsten Berglandschaften Puerto Ricos führen? Wir wollen schon fast umdrehen, doch ermutigt durch seltene entgegenkommende Autos führen uns diese engsten und steilsten Straßen (wenn sie sich so nennen dürfen) durch Landschaften und an Orte, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen. Oben angekommen bleiben wir stehen, das Land liegt vor uns ausgebreitet, sanfte Hügel auf über 1000 m Höhe, der Blick wandert scheinbar ins Unendliche, und die Seele will ihm nach! Auf die Anhöhe kommt man nur zu Fuß – ein dort ansäßiger pensionierter Polizist erlaubt uns, durch sein Grundstück zu gehen und gibt mir noch dazu eine Führung in Nutzpflanzenkunde – die ich leider nicht mehr wiedergeben kann. Die Menschen bauen sich hier große Häuser, pflegen und bewirtschaften das Land und fahren von dort in die umliegenden Städte zur Arbeit.

Wir müssen uns losreißen, sonst kommen wir nie an – wir sind schon seit Stunden unterwegs – doch wie heißt es doch so schön – der Weg ist das Ziel.

Da liegt doch Guavate am Weg, der Ort, der für sein köstlichstes Lechon bekannt geworden ist – an so einem Spanferkel kann Herbert nicht vorbei! Für mich bleiben immer noch die spannenden landestypischen Beilagen – und den Flan kann ich mir dann auch nicht verbeißen. Danach geht die Jagd nach einem unbedingt notwendigen Nachmittagskaffee los. Unverständlich, dass die ihren Kaffee bis nach Wien und Paris verschiffen, wo er als der beste weltweit gilt, ihn selbst aber nicht zubereiten können – außer bei den Kaffeeplantagen selbst. Kaffee? Nein, den gibt´s hier nicht! Fündig werden wir durch meinen weiblichen Weitwinkelobjektiv-Blick, in einer Kurve streift die Espresso Werbung einer Bäckerei meine Wahrnehmungsrezeptoren…

Endlich beim Canyon – aber wo ist er nur? Diesmal erhalten wir von mehreren Menschen eine ähnliche Wegbeschreibung (das ist in Puerto Rico gar nicht selbstverständlich, Auskunft kriegt man zwar immer, doch hat sie im seltensten Fall etwas mit der Frage zu tun). Herbert wäre schon fast umgekehrt, denn der Weg wurde uns als so gefährlich beschrieben, dass sich überhängende Felsen und unwegsames Gelände vor unserem geistigen Auge materialisierten, doch letzten Endes findet mein Pfadfinder nach mehrfachen Versuchen den Weg in die Schlucht. Tatsächlich führte ein Karottenzwergwegelchen in die Tiefe, und die gefährlichen Steine entpuppten sich als ein ausgetrocknetes Flussbett, das ohne Schwierigkeiten zu begehen war – wir waren völlig allein – und über uns 300m senkrecht aufragende Felsen!

Wir haben auch die heißen Quellen Baños de Coamo gefunden – angeblich der Jungbrunnen des Ponce de Leon (für Eingeweihte: siehe Fluch der Karibik, Teil 4)! Zwei Zwergenpools, nicht größer als der vierte Teil des Heißbeckens in Kehida (Herberts ungarischer Lieblingsgarkochtopf für Menschenfleisch), in denen sich die einheimischen Gäste noch zur Abendstunde wie Sardinen drängten! Ein vielsagender Blick genügte – das wäre zu viel der Liebe! Also rein in den Jeep und nach Hause unter die Dusche!

Zum krönenden Abschluss unserer Landreise haben wir die Besteigung des Pico de Yunque, den höchsten Berg, mitten im Regenwald des El Yunque Nationalpark erwählt, knappe 1100m hoch. Natürlich fängt es zu regnen an, anfangs sporadisch, doch schon bald steigen wir durch einen Dauerregen nach oben. Die Wassermengen im Regenwald vermehren sich in kürzester Zeit ums vielfache und Wasser rinnt nun in Bächen über die Wege, von den Bäumen und über die Felsen. Nasser konnte es sowieso nicht mehr werden, also halten wir durch und kommen wieder einmal völlig durchnässt zurück. Aber auch richtiggehend energetisiert – denn um nicht zu erfrieren, sieht man uns auf dem Rückweg im Laufschritt durch den Regenwald springen und hüpfen!

Am nächsten Tag verlassen wir die Marina und nehmen Kurs auf die Insel Vieques, Punta Arena. Obwohl es uns ordentlich hin und her rollt, trinken wir unseren original puertoricanischen Kaffee mit Kuchen. Über Sandgrund und glasklarem Wasser lassen wir den Anker fallen. Es ist völlig ruhig, der starke Wind der letzten Tage lässt nach, und auch wir können uns fallen und die Eindrücke der letzten Tage in uns nachwirken lassen.

Martinique

Der Anker fällt in der großen Ankerbucht vor Sainte Anne – und damit sind wir wieder in Europa angekommen – ja, das geht hier schnell mit den Kontinenten – in den Karibischen Inseln ist von Süd-, Mittel- und Nordamerika, Frankreich, Großbritannien und Holland innerhalb weniger Meilen alles vertreten.

Das Einklarieren auf Martinique bringt einige Annehmlichkeiten mit sich – wir können zum Beispiel wieder nach Hause telefonieren (E.T. lässt grüßen) – was uns besonders um Weihnachten und Neujahr herum, das wir hier verbringen wollen, gelegen kommt –nach Belieben französischen Käse und französischen Wein einkaufen und mein Frühstücksjoghurt hat ein Ablaufdatum vor 2020! Es macht zwar nichts, wenn anderswo die Supermärkte nur spärlich bestückt sind und man mit dem auskommen muss, was auch die Einheimischen zur Verfügung haben, aber wenn man plötzlich in einem Supermarkt wie Carrefoure steht, der alle Stücke spielt und alles hat, dann schlägt doch die alte Konditionierung zu und man steht vor den überfüllten Regalen wie ein Kind vorm Weihnachtsbaum.

Hier treffen wir auch einige unserer alten Freunde wieder, Reiner von der BALOU, Daniel und Anette von der ME und einige andere Schiffe, die nach und nach von Trinidad herauftrudeln oder schon vor uns da waren. Also werden beim Sundowner mal auf diesem, mal auf jenem Schiff, in der einen oder anderen Bar die Neuigkeiten und Sommererlebnisse aus dem ‚anderen Leben‘ ausgetauscht, Pläne für die nächsten Tage geschmiedet – was in Gesellschaft immer leichter fällt, denn Herbert kann manchmal in getaktete Tagesablaufbedürfnisse verfallen, die ich mich bei der Ausflugsplanung weigere zu erfüllen – was natürlich gleichbedeutend ist mit Widerstand gegen die allmächtige Skippergewalt und nicht goutiert wird. Schließlich setzt sich die intuitive Tagesgestaltung mit einer Vielzahl an zur Auswahl stehenden Möglichkeiten durch, und mit dem Mietauto machen wir uns auf zum Insel erkunden.

Das startet – wie auch anders – im Carrefoure. Die Gänge werden durchforstet, in den Einkaufswägen türmt sich langsam eine kleine Gemischtwarenhandlung mit Waren aller Art, die uns im nächsten halben Jahr als Vorrat dienen und das Leben angenehm machen wird. Und weil wir schon beim Einkaufen sind, stürmen wir noch das Sportgeschäft Decathlon, um uns mit Schwimmbrillen, Wasserball, Handtüchern, Lampen, Flip-Flops, die ja ständig kaputtgehen, und anderem Kleinrat zu bestücken. Schließlich ist ja bald Weihnachten. Das ist auch der Grund, warum wir die Heimfahrt im Schneckentempo zurücklegen – in einer nicht aufhören wollenden durchgehenden Kolonne zwischen Fort de France und Martinique werden wir unserem Ziel näher geschoben. Eigentlich wollten wir den Einkauf mit mehreren (zeitlich genau festgelegten!) Besichtigungen verbinden, doch in der Zwischenzeit ist es schon dunkel geworden, und die eigentliche Schwerarbeit steht uns noch bevor– wie schaffen wir das alles aufs Schiff? Das steht schließlich vor Anker, und das Dinghi am Steg. Also alles zum Steg geschleppt, ins Dinghi versenkt (es liegt ja ungefähr zwei Meter tiefer als der Steg) und dabei aufpassen, dass es nicht untergeht. Dann tuckert Herbert unter bedrohlichem Wellengeschaukele und mit einer Stirnlampe bewaffnet ein paar Mal zwischen Boot und Steg hin und her – an ein ins Gleiten kommen ist beim besten Willen auch mit dem neuen Super-Turbo-Motor nicht zu denken – bis auch ich noch bei der letzten Fuhre ein Plätzchen im Dinghi ergattere und die ganze Fracht glücklich und trocken am Boot angekommen ist. Gott sei Dank hat die KALI MERA so viele Geheimfächer, dass alles in ihrem Bauch verschwindet und man sich am Boot wieder frei bewegen kann, ohne über Schachteln, Flaschen, Dosen und umherrollende Orangen zu stolpern. Den Tag lassen wir bei einem guten Gläschen französischen Weins ausklingen.

Der folgende Tag steht ganz im Zeichen der Inselentdeckung. Aus Schaden klug geworden biegen wir bei der erstbesten Möglichkeit von der Hauptstraße ab, die sich schon wieder zu verstopfen beginnt, und schlagen uns durch unbekanntes Gelände durch. Und schon umfängt uns die Natur mit einer Intensität und Farbenpracht, die unsere Lungen durchatmen lässt und die Sinne weit öffnet. Martiniques Vulkanboden ist fruchtbar, überall sieht man Bananen- und Zuckerrohrplantagen, dichten Dschungel, und grün, grün, grün in allen Schattierungen. Steil in den Berg geschlagene Straßen scheinen manchmal ins Nirgendwo zu führen, doch dann lichtet sich das Panorama, bunte, große Siedlungen und Anwesen mit gepflegten blütenreichen Gärten säumen den Weg, der Blick schweift über Almwiesen in Kleinformat, wo mächtige Stiere gemächlich ihre Häupter nach uns drehen – diese allerdings nicht in Kleinformat. Diese Riesen leben in enger Freundschaft mit kleinen weißen Reihervögeln, die seelenruhig auf ihren Rücken herumspazieren dürfen und ihnen die köstlichen oder lästigen Insekten – je nachdem –  hinter den Ohren herauspicken, während die Rinder ungerührt weitergrasen. Der Weg führt uns über kleinste und unwegsamste Sträßchen, teilweise durch reißende Wassermassen, die wegen der immer noch anhaltenden Regenfälle einfach quer über die Straßen statt unten durch fließen und uns einmal sogar zum Umdrehen zwingen – nicht so die Einheimischen, die mit ihren Geländewägen wie in einem Actionfilm einfach hindurchpflügen, ohne, wie befürchtet, seitlich hinweggeschwemmt zu werden. Dafür brauchen wir auch fünf statt eineinhalb Stunden bis nach Sainte Pierre. Dort wollen wir die Überreste der Stadt besichtigen, die nach dem Vulkanausbruch 1904 (da war mein Großvater gerade mal drei Jahre alt) nicht mehr in ihrer alten Pracht wiederaufgebaut wurde. Alte Abbildungen zeigen das einstige „Paris der Karibik“, das eine Laune der Natur mit einem Atemzug einfach ausgelöscht hat – der Vulkan raucht heute nicht einmal mehr, als wäre er seit Jahrhunderten inaktiv. Der ganze Spuk dauerte angeblich nur Sekunden, alle Bewohner bis auf einen Gefangenen, dessen Zelle man unter dem alten Theater noch besichtigen kann, wurden in den Tod gerissen, die Schiffe im Hafen fingen Feuer und liegen noch heute als Wracks im Hafenbecken unter Wasser.

Den Verursacher dieser Katastrophe wollen wir ganz genau in Augenschein nehmen! Am nächsten Tag packen wir die Wanderschuhe in unsere Rucksäcke, holen Reiner von der Balou ab und mutigen Schrittes nehmen wir zu dritt den Aufstieg in Angriff. Zu Anfang scheint alles ganz einfach, der Weg ist durch Stufen befestigt und es ist wie ein etwas anstrengender Spaziergang. Meist gehen wir durch dichten Nebel, erahnten nur die steil abfallenden und mit sattem Grün bewachsenen Hänge und geben uns ganz der mystischen Atmosphäre des Monte Peleé hin. Oben am Krater angelangt öffneten sich die Nebelschwaden für ein paar Augenblicke und erlaubten uns einen Blick wie durch ein Guckloch bis ins Tal – und schon ging der Vorhang wieder zu. Eine Karte zeigt, dass man den Krater zu dreiviertel umrunden und dann noch ein kurzes Stück bis zum Gipfel gehen muss. Na, ein Kinderspiel, das haben wir in fünfzehn Minuten geschafft! Weit gefehlt! Hier zeigt der Berg, was er kann! Es gibt keine befestigten Treppen mehr, nur noch große Steine, über die man sich an allen vieren hochziehen muss und die gar nicht aufhören wollen, sich übereinander zu türmen. Zudem fängt es heftig zu regnen an und meine lange Hose wird nassschwer und klebt an den Beinen. Aufgeben? Umkehren? Nicht im Traum! Also weiter! Über den Kraterrand wächst ein dichtes Buschwerk, das man besser nicht betritt – man sieht den Boden des Kraters nicht, er ist nebelgefüllt, doch das, was sich erahnen lässt, würde bei einem Fehltritt nichts Gutes verheißen. Durch den Regen wurden die Steine glitschig und man schaut zwischen ihnen hindurch in tiefe Höhlen, also keine feste Erde, auf die man sich wie bei uns in den Bergen verlassen könnte. Eigentlich wollten wir uns gemütlich zur Gipfeljause hinsetzen, so wie sich das laut Herbert gehört, er hat darum auch vorher keinen Bissen gegessen, jetzt stehen wir da, im dichten Nebel, vom Regen gepeitscht und von einem eisigen Wind umweht, aber mit einem Lachen im Gesicht! Ein herrliches Gefühl! Die Jause haben wir im Stehen weiter unten, in einer Regenpause vertilgt.

Wieder im Tal machen wir noch einen Abstecher in die Rumfabrik Saint James und belohnen uns mit einem deftigen kreolischen Abendessen. Die Besichtigung der Rumfabrik La Mauny und der gravierten Steine der Arawakindianer vertagen wir auf ein andermal – und als es dann so weit war mussten wir feststellen, dass die Gravuren nur mit viel Fantasie überhaupt als solche erkannt werden konnten, sie gaben aber Herbert einen Grund zur Belustigung über ‚meine hochinteressante Tour, die als kultureller Höhepunkt unserer Reise gewertet werden könne‘.

Und schon stand Weihnachten vor der Tür, und obwohl die Menschen hier alles überbordend weihnachtlich schmücken und beleuchten, ohne Schnee und Weihnachtsbaum will keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen – da hilft auch die Vorstellung nicht, dass Jesus eigentlich in einem Land mit Palmen geboren wurde. Aber gefeiert haben wir trotzdem, und statt mit der echten Familie, die zu Hause schon in den Betten lag, als wir uns zum gemeinsamen Abendessen zusammensetzen, eben mit unserer großen zusammengewürfelten ‚Seglerfamilie‘. Das Feiern, dass bis in die Morgenstunden dauerte, setzen wir zwei Tage später beim Entenschmaus auf Daniels Katamaran fort und wieder ein paar Tage später gibt es gemeinsam Silvesterschmaus, mit Feiern und Tanzen und allem was dazugehört.

Jetzt ist aber Schluss mit dem Gelage, und am ersten Jänner lichten wir den Anker und segeln mit einem Zwischenstopp in der Schnorchelbucht Anse Noir nach Sainte Pierre. Ich will dort unbedingt den Zoo besuchen, der noch auf der Liste unserer Rundfahrt stand. Mehrere Stunden spazieren wir durch das malerisch angelegte Gelände, wo man zwischen den Ruinen einer alten Rumfabrik, die beim Vulkanausbruch ebenfalls völlig zerstört worden war, mehrere heimische und nicht-heimische Tierarten beobachten kann. Trotz der prachtvollen Natur, in die sich die Gehege scheinbar nahtlos fügen, wissen die Tiere, dass sie eingesperrt sind – besonders tun uns die Jaguare und der Puma leid, obwohl es etwas tröstet, dass der siebzehn Jahre alte Jaguar Ullyses verwundet aufgegriffen und hier gesundgepflegt wurde und er mit dem drei Jahre alten in einem französischen Zoo geborenen schwarzen Jaguarmädchen Faya zusammenlebt. Richtig gut geht es den Kleintieren wie den Waschbären und Faultieren, die in den Bäumen und ihren Bauten vereinzelt oder zusammengedrängt herumhängen, die größeren Affen aber würden wir am liebsten gleich freilassen. Dafür haben es mir die kleinen bunten Papageie angetan, die überhaupt nicht scheu sind und neugierig an meiner Kamera knabbern und unter meine Fransentasche kriechen, um zu begutachten, ob sie zu was taugt. Als ich einen streichele, zwickt er mich zwar in den Finger – so nach dem Motto: ‚lass mich in Ruhe, ich bin ja kein Gemeingut!‘ – sonst lässt er sich bei seinen Untersuchungen aber nicht stören.

Morgen werden wir nach Domenica weiterfahren und die schöne Kulisse Saint Pierres, die mit ihrem großen Dom hinter dem Marktplatz und dem Glockengeläute, das soeben wieder erklungen ist, wohltuend an die kroatischen Küstenstädte erinnert, hinter uns lassen.

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