Bahia de los Muertos bis Mulege

Nur 190 Seemeilen sind es von Mazatlan bis zur Bahia de los Muertos, der stillen Bucht im Südosten der  Baja California, doch die eineinhalb Segeltage sind wie eine Reise zu einem anderen Kontinent.  Nach dem immer noch trüben, von Pamela aufgewühlten Meer vor der Festlandküste segeln wir nun in kristallklarem ruhigen Wasser. Tiefblau ist es auf Hoher See, wo die Delphine am Bug spielen, türkis in den Buchten, wo wir den Anker am Grund liegen sehen. Wir tauschen Palmenhaine und schwüles Tropenklima gegen Felsenwüste mit riesigen Kakteen, gut ausgebaute touristische Infrastruktur gegen einsame Buchten, und wir tauschen Supermärkte und Restaurants gegen unsere Angeln und gelegentlich gegen eine Palapa am Strand. Board-Alltag stellt sich wieder ein, Fischen, Schnorcheln, Lesen, Wandern, kleine Boardarbeiten, und unser innerer Rhythmus beginnt wieder im Einklang mit unserer Umgebung, mit den Gezeiten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zu schwingen. Hier im Golf von Kalifornien ist die Zeit eine andere, alles wird langsamer und nach einigen Tagen ist unser Blick nicht mehr auf „vorne“ fixiert, er wird weit und wendet sich schließlich nach Innen. 

homeward bound

„Aus is und gar is, a Schmarrn is, dass’s wahr is!“ Frei nach dem Monaco Franze, Winter in der Sonne, ohne Lockdown und mit viel Salzwasser, vorbei!

Die KALI MERA liegt fest vertäut in Mazatlan und wir sind wieder in Österreich, ebenso fest angebunden, aber halt im Homeoffice mit „Ausgangssperre light“. Wir hatten eine angenehme Rückreise und einen leidlichen Kulturschock bei unseren Ankunft, nach drei Monaten in Land der fröhlichen Menschen sind die ersten Stunden im Pandemie-geplagten Wien eine Rosskur gegen zuviel gute Laune.  Aber es kann sich kein Heimkehr-Blues breit machen, wir sehen endlich Familie und Freunde wieder, das weltbeste Gegenmittel, und dann erwacht auch noch der heimatliche Frühling und wir freuen uns wieder daheim zu sein.

Die Tage in Mexiko hatten dieses Jahr etwas ganz Besonderes, nicht nur weil wir diesmal „fulltime“ gearbeitet haben, ein etwas anderes Homeoffice, es war kein richtiger Urlaub aber sehr wohl eine „Auszeit“, ein Luftholen und Energie-Tanken. Es war eine ruhige, aufmerksame und vorsichtige Zeit, weit entfernt von Influencern und Party-Touristen, eine Zeit in der wir erfahren konnten, wie Menschen ohne enges soziales Netz mit dieser weltweit so schwierigen Situation zurechtkommen, eine lehrreiche und bereichernde Zeit, für die wir sehr dankbar sind.

Und nun freuen wir uns voll Optimismus auf Frühling und Sommer hier in Österreich, unsere KALI MERA wissen wir in guten Händen, und im Herbst schon werden wir sie wieder besuchen…

die Highlights des Winters

work sail balance

Ständig kommt mir der Begriff „Work Life Balance“ unter. Muss eine unglaublich wichtige Sache sein, googled man das kommt man auf ca. 1.440.000.000 Ergebnisse. Für mich ist schon der Begriff ein ausgemachter Unsinn. Als ob es eine Trennung zwischen Leben und Arbeit gäbe. Lebt man bei der Arbeit nicht? Immer wieder muss ich erkennen, dass es bei manchen eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Verstand gibt, aber lebendig waren dabei bisher noch alle. „Work Brain Balance“ wäre also ein viel besseres Thema, oder die „Work Sleep Balance“, die macht auch mehr Sinn, da gibt es sogar ganz besondere Synergien, der überaus gesunde Büroschlaf ist hier zu nennen, oder auch der ehrenwerte Beruf des Matratzentesters, den unser mittlerer Sohn im Kindesalter auf neugierige Fragen von Bekannten „was willst Du denn einmal werden?“ als sein Ziel angegeben hat. Oder eben auch Work-Sail-Balance. Dieser Ausgleich beschäftigt uns derzeit intensiv, sind wir doch dem Lockdown, der Kälte, den geschlossenen Restaurants, den ununterbrochenen Virusbotschaften und den langen dunklen Winternächten Richtung Mexiko entflohen, ohne einen Urlaub fern von allen beruflichen Verpflichtungen anzutreten.

Corona hat auch seine Vorteile, für uns ist es die kompromisslose Umstellung unserer Arbeitsumgebung auf Remote-Work, die unsere KALI MERA ins Homeoffice verwandelt. Wir haben sogar den Luxus eines eigenen Arbeitsraums (kombinierte Gästekabine, Fernsehzimmer und Arbeitszimmer), und das gibt mit der Salon-Küche-Navigations-Esszimmer-Arbeitskombination komfortablen Platz für zwei im Homeoffice. Internet gibt es aus der Handy Wertkarte, 8GB kosten 25 Euro, 5GB benötige ich pro Tag, die Datenübertragung ist ausgezeichnet, webex und Zoom funktionieren besser als bei manchen Kollegen im Büro im guten alten Europa. Wir haben hier anscheinend Heimvorteil im Land des Herrn Slim, Telcel sticht Telekom.

Gewöhnungsbedürftig ist der Zeitunterschied, 7 Stunden früher ist es hier, das Daily Meeting, der Startschuss zum Bürotag, das in Wien erst zur Developer-freundlich-späten Stunde von 09:30 beginnt, wirft mich hier schon um 02:00 früh aus den Federn, um spätestens um 02:15 zur Arbeit adjustiert und auf den Tag vorbereitet zu sein. Muss ein Termin schon vor 09:00 stattfinden, dann heißt es kurz nach Mitternacht aus der Koje zu kriechen. Dafür ist das Tagwerk schon spätestens zu Mittag erledigt und der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Gibt es zwischen den Video-Konferenzen eine kurze Pause dann nutze ich die Zeit manchmal zum Brot backen, dann gibt es zum Frühstück warmes Brot direkt aus dem Backofen. Der Nachteil der Schichtarbeit ist chronischer Schlafmangel, mein einziges Rezept dagegen: früh Schlafen gehen und einen „nap“ am Nachmittag.

Tadeja teilt sich Ihre Arbeit besser ein und kann ihre Termine ganz gut auf unseren Vormittag legen, sogar Ihre gewohnte Yoga Stunde über Zoom geht sich dabei aus.

Noch vor einem Jahr war es völlig unvorstellbar, dass für uns beide ein Fullltime Job am Boot ohne Einschränkungen von Arbeitsqualität oder Leistung möglich wäre. Während sich die Welt nur einmal um die Sonne drehte ist ein neues Segler-Arbeitsleben möglich geworden. Wo es (Corona) Schatten gibt, da gibt es – Gottseidank – auch Licht!

Und so genießen wir dieses besondere Geschenk, ohne jeden Urlaubsverbrauch hier auf der KALI MERA zu sitzen, uns auf Ihr mit dem langsamen Walzer, den Sie vor Anker täglich mit den Gezeiten tanzt, mitzudrehen, Sonne und Salz auf der Haut und den Wind in den Haaren (Tadeja mehr und ich weniger) zu spüren und den Arbeitstag mit langen Strandspaziergängen auf dem goldenen Korallensand zu beschließen. Dafür nehmen wir gerne die Nachtarbeit und das weniger gut ausgestattete Büro in Kauf.

Arbeiten und Segeln als Teil unseres Lebens kombinierbar, was für ein Genuss!

Tenacatita Reloaded

Die mexikanische Pazifik-Küste ist eher ein Revier für Big-Game-Fischer, Power-Boat-Machos, Shrimps-Trawler und pensionierte Boots-Camper, aber nicht für Segler. Der Nordwest Wind weht praktisch ausschließlich parallel zur Küste, damit gibt es nur Vorwind oder direkt-auf-die Nase-Kurse, eine Strömung von 1-2 Knoten hat man immer gegen sich, ganz egal in welche Richtung man will, das ist wohl ein von Murhpy erfundenes Naturgesetz (wie der Gegenwind beim Radfahren). Windstärke üblicherweise 6 – 15 Knoten, die 6 Knoten natürlich dann, wenn man nach Süden unterwegs ist, die 15 Knoten von vorne, wenn man wieder zurück will. In drei Worten: nix zum Segeln! Daher verwenden die Mexiko-Segler keine Segel sondern den Motor, oder es wird gleich über Wochen oder Monate in einer Bucht geankert um jede Schiffs-Bewegung zu vermeiden.

Wir dagegen wollen segeln, müde des „motorens“ haben wir in Punta Mita auf eine durchziehende Front gewartet, die uns dann mit Starkwind bis zu 30 Knoten und einer ekelhaft steilen kurzen Welle die 130 Meilen nach Tenacatita unter Segel heruntergeschüttelt hat. Knapp sieben Knoten Fahrt durchs Wasser und dennoch nicht einmal fünf Knoten über Grund, natürlich Strömung gegen Wind und uns. Aber immerhin – ohne Diesel. Und belohnt werden wir dann wieder durch die Schönheit der Bucht Tenacatita, den friedlichen und ruhigen Ankerplatz, die Buckelwale, die uns am Eingang der Bucht erwarten, die Delphinfamilie, die jeden Vormittag um die ankernden Boote spielt, die Rochen mit ihren Luftsprüngen, den traumhaften Sandstrand, und endlich die Möglichkeit wieder die Seele baumeln zu lassen und unsere inneren Batterien, denen das Jahr 2020 wie so vielen auch ordentlich zugesetzt hatte, wieder einmal richtig aufzuladen.

Wir sind hier das einzige europäische Boot, alles ist fest in nordamerikanischer Hand. Die kanadischen „Snowbirds“, so werden die Pensionisten genannt, die aus dem Winter nach Mexiko in die Sonne fliegen und Rentner aus den USA verbringen hier die „kalte Jahreszeit“, der Altersdurchschnitt der Crews muss auf die 70 zugehen, eine ganz eigene Community hat sich hier entwickelt. In den wenigen geschützten Ankerplätzen sind nautische Schrebergärten entstanden, in der Früh wird mit der täglichen Funkrunde der Tag gestartet, Neuankömmlinge werden begrüßt, der Wetterbericht ausgetauscht, seine „Treasures of the Bilge“ versucht man zu verramschen, und dann werden gemeinsame Ausflüge mit dem Dinghi zum Strand organisiert, um bei Risikosportarten wie Boccia nervenzerfetzende Tourniere abzuhalten. Dinghis flitzen zwischen den Booten hin und her, American-Coffe-Kränzchen finden statt, und in diesem Schrebergarten Tenacatita, mitten drinnen in dem Abenteuerspielplatz der Snowbirds, da schwimmt auch die KALI MERA gut gelaunt und dreht sich zwei mal am Tag mit den Gezeiten langsam um ihren Anker, und wir auf ihr (und nicht am Strand beim „boccie ball“, weil unser tägliches familiäres „Schnapsen-Tournier“ ist uns schon genügend Aufregung und Social Activity).

Die Zeit vergeht schnell, ich habe ausreichend Material für „Boots-Projekte“ mitgenommen und so wird nun gesägt und gebohrt, verkabelt, geschraubt, installiert und konfiguriert, und auch ein wenig repariert. Neue Instrumente, raffinierte indirekte Beleuchtung im Salon, Umbau der Installation des Wassermachers, neue schwarz glänzende Acrylplatten hinter den Navigationsgeräten, viele kleine Verbesserungen und „Verschönerungen“. Unsere nun schon 26 Jahre alte Dame hat die 11 Monate Stehzeit gut überstanden, es hat auf Anhieb fast alles funktioniert, nur die Frischwasser-Pumpe und ein Motorlüfter haben den Geist aufgegeben, Ersatzteile waren aber Gottseidank an Board, jetzt läuft wieder alles, – oder fast alles: Das AIS hat sich in der langen Stehzeit so ans alleine sein gewöhnt, – es sendet zwar, sobald man es aber ins Netzwerk hängt sind alle Raymarine Geräte nicht mehr erreichbar. Vielleicht übt es „Social Distancing“? Soll es halt alleine bleiben, wir haben eine Ersatzlösung über das Funkgerät. Mir macht das „Herumwerkeln“ am Boot ungeheure Freude, schon das Organisieren der ganzen Teile daheim, das Planen und dann auch die Einbauten, die handwerkliche Arbeit, die Erfolgserlebnisse wenn etwas funktioniert und besser oder schöner wurde, ein wunderbarer Ausgleich zur ständigen Bildschirmarbeit daheim. Apropos Arbeit: Auch unser Job hat uns nun wieder, die nächsten vier Wochen sind wir webex-, zoom- und whatsapp-sei-Dank beide wieder halbtags im Dienst, die Zeitdifferenz ist da eine gewisse Herausforderung, aber an Nachtwachen sind wir ja gewöhnt, und unsere Arbeit mögen wir!

Die restliche Zeit verbringen wir mit Spazieren gehen, Kochen, und vor allem Lesen. Ich trau es mich fast nicht sagen, aber ich habe mich nach nunmehr 40 Jahren Abstinenz wieder auf die dicken Perry Rhodan Sammelbände gestürzt (in einem Anfall von „Gehirnfasten“) und in den letzten Tagen die ersten sechs davon gelesen (ca 20 habe ich noch vor mir…). Großartig, am meisten Freude machen mir die Stellen, in denen die nur Armbanduhr-großen Mikro-Funkgeräte verwendet werden (Wunderdinge der extraterranischen Mikromechaniker), oder wenn das allmächtige Positronen-Gehirn auf der Venus mit Informationen auf Plastikkarten gefüttert wird, oder wenn die Videophon-Konversationen auf Bänder aufgezeichnet werden um dann mit Funk in den Hyperraum übermittelt zu werden, vorher müssen jedoch die Röhren der Verstärker warm laufen…

Im Gegensatz zum letzten Jahr ist das Meer heuer kalt, knapp über 20 Grad hat es nur, und durch eine Algenblüte ist es auch trüb, also kein Schnorcheln oder Tauchen, leider. An manchen Tagen haben wir sogar eine sogenannte „Red-Tide“, da nehmen die Algen so überhand, dass sich das Meer blutrot färbt, keine Einladung zum Schwimmen! Dafür ist die Szenerie in der Nacht umso eindrucksvoller, fluoreszierende Delphine leuchten im dunklen Wasser und ziehen eine langen funkelnden Kometenschweif hinter sich her wenn sie in der Nacht um das Boot zischen, leuchtende Spiralen im Wasser, ein unwirklicher Anblick, könnte auch in einer von Perry Rhodans fremden Welt spielen.

In der Hoffnung auf ein Meer ohne Algen machen wir einen Abstecher in die 30 Meilen nördlich gelegene Bucht Chamela, dort ist das Wasser aber so intensiv rot, als ob Familie „Weißer Hai“ gerade gemeinsam mit den vielen Badegästen einen weihnachtlichen Festschmaus abgehalten hätte, wir ziehen den Parasailer hoch und lassen uns von dem riesigen Leichtwindsegel und der sanften Brise wieder zurück in die Tenacatita schieben. Hier bleiben wir nun, die paar Algen hin oder her, es ist wunderschön.

zurück nach Mazatlan, Bootsarbeiten

Um diese Jahreszeit gibt es an der mexikanischen Pazifik-Küste überwiegend Nordwind. Er weht normalerweise genau so stark, dass er für ein komfortables Vorwind-Segeln zu schwach ist (Schaukelei am Weg nach Süden) und wenn man nach Norden zurück möchte, dann reicht er aus, um die Strecke gegen Wind und Welle richtig unangenehm zu machen. Dieser Teil Mexikos ist kein Revier für Segler die ohne Diesel auskommen wollen.  Maximal ein Drittel der Strecke schaffen wir es ohne Motor-Unterstützung, meistens läuft die Maschine mit geringer Drehzahl mit und hilft den Segeln.

Die Bosheit des Universums sorgt dafür, dass der Wind genau dann, wenn wir zurück nach Norden müssen, stärker wird und wir ohne „ein Wetterfenster“ festsitzen. Ungefähr alle zwei Wochen gibt es vom Tehuantepec herauf eine Front, die an der Küste für ein bis zwei Tage für einen Windwechsel sorgt, und eine solche nutzen wir aus. Die 300 Seemeilen nach Mazatlan fahren wir in einem durch und kommen vor der Rückkehr des  Nordwinds wohlbehalten in der Marina an.  

Wir starten sofort die Arbeiten zum „Einsommern“ um noch etwas Zeit für einen Landurlaub ins Hochland von Mexiko zu haben. Drei intensive Tage brauchen wir, um unsere Checkliste abzuarbeiten, dabei haben wir schon viel Routine und sind – im Vergleich zu früher – richtig schnell.

Für die Lagerperiode putzen wir die KALI MERA innen und außen, die Essens-Vorräte schenken wir her, an Lebensmitteln bleiben nur lang haltende Konservendosen an Board, Textilien kommen zur Wäscherei, und die ganze Technik wird serviciert.  

Kaum sind die letzten Handgriffe erledigt, sitzen wir auch schon im Taxi zum Flughafen, bevor wir wieder zurück in den Winter müssen haben wir zum Akklimatisieren noch einige Tage im Hochland von Mexiko vor uns (Tadeja wird dazu im letzten Blog-Beitrag dieser Saison berichten…).

Gut Fünf Wochen haben wir am Boot verbracht, es war eine wunderbare Zeit am Wasser, der Aufwand dafür ist aber auch enorm. Die KALI MERA aus dem Sommerschlaf wecken, alles herrichten, Reparaturen, Wartungsarbeiten, und wieder fürs Lager bereit machen, es gehört eine große Portion Liebe zum Schiff und diesem Lebensstil dazu, um sich das alles anzutun.

Als ich – vor vielen Jahren – mit der Idee einer langen Segelreise schwanger wurde, jedes mir in die Hände gefallene Buch über Weltumsegelungen gelesen und die Reiseblogs der Weltumsegler sehnsüchtig verfolgt habe, da bin ich mehrfach auf den Satz „Weltumsegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt zu reparieren“ gestoßen. 

Gottseidank macht es mir Freude am Boot herumzubasteln, Verbesserungen einzubauen, die Ausstattung zu optimieren, und im Laufe der Zeit hat sich auch so einiges an Boots-Know-How angesammelt um so gut wie alles selbst machen zu können. 

Diese Form des Reisens ist oft anstrengend und manchmal sogar ziemlich ungemütlich, es ist ein gelebter Traum, aber dieser hat seinen Preis. Die KALI MERA ist eine anspruchsvolle Geliebte, sie fordert und ist alles andere als bescheiden, und sie rächt sich, wenn sie vernachlässigt wird, man kann sie nicht einfach auf die Seite stellen wie ein Auto, sie benötigt kontinuierliche Aufmerksamkeit. Lebt man ganzjährig am Boot, dann ist es einfacher, weniger komprimiert, es ist dann mehr Zeit verfügbar um sich ihr gebührend zu widmen.  Eigentlich wollte ich hier auch noch auflisten,  was so an typischen Service-Arbeiten zu tun sind, aber Tadeja hat mir klar gemacht, dass das niemanden interessiert. Ich habs dann trotzdem geschrieben, aber hier abgelegt.

Ein Segelboot, auch wenn von einer Serie mehrere 1000 Stück gebaut werden, ist immer ein Prototyp, ist nie vergleichbar mit einem Auto, von dem Millionen an Einheiten gebaut werden und bei dem Kinderkrankheiten schon längst behoben sind, wenn es auf den Markt kommt. Boote sind unglaublich wartungsintensiv, und das liegt nicht nur am Salzwasser, jedes Boot hat seine Besonderheiten, hat etwas andere Komponenten, nur Baunummern, die unmittelbar aufeinander folgen, sind einigermaßen gleich. Unsere Amel Santorin mit der Baunummer 120, ein ausgereiftes Exemplar seiner Gattung, ca 150 wurden insgesamt gebaut, glänzt durch außerordentlich hohe Verarbeitungsqualität, und dennoch muss man ihre ganz besonderen Eigenheiten und Vorlieben erst einmal verstehen, um sie bei Stimmung halten zu können.  Im Gegenzug bekommt man die gute Pflege dann auch wieder abgegolten, durch Zuverlässigkeit bei unangenehmen Bedingungen, durch Sicherheit in sonst brenzligen Situationen, durch Komfort der uns das Leben auf so engem Raum oft leichter macht. 

Wer sich – wie wir das getan haben – auf das Abenteuer Blauwassersegeln einlässt, der muss damit rechnen, dass die Sonne nicht immer scheint, die Bilder aus den Segelmagazinen nur einen Teil der Wirklichkeit darstellen, der muss sich mit der Technik beschäftigen können und wollen, darf weder vor der Mechanik, den Motoren oder der Elektronik zuviel Scheu haben und muss sich hier selbst zu helfen wissen, mit Boardmitteln, weil die Dinge dazu neigen, vor allem dann nicht mehr zu funktionieren, wenn man irgendwo im Nirgendwo ist.

Wir haben durch dieses Abenteuer viel gelernt, nicht nur „Technik“, auch Selbstvertrauen und Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Optimismus, Vertrauen darauf, dass wir mit jeder Situation zurechtkommen, auch wenn man keinen Pannendienst rufen kann.  Es war eine Investition in uns selbst, keine Vergnügungsfahrt, sondern ein Weg zu einem neuen Lebenstil, ein Weg, bei dem wir bisher keinen Schritt bereut haben. 

Bootsarbeiten 12/2019 – 01/2020

Inbetriebnahme nach dem Sommerlager:

  • Bootsabdeckung und Persenning abbauen
  • Impeller bei Generator und Hauptmaschine einbauen
  • Wassersammler beim Generator anschließen
  • Segel und Leinen kontrollieren
  • Diesel kontrollieren
  • Innen und außen putzen
  • Logge montieren
  • Außenplotter montieren
  • gesamte Technik checken

Wenn nichts zu reparieren ist, dann besteht das technische Service-Programm beim „Einsommern“ unserer KALI MERA zumindest aus:

  • Ölwechsel bei Generator und Hauptmaschine,
  • Wechsel von Öl- und Diesel Filter,
  • Getriebeöl wechseln
  • Spülen der Motoren mit Süßwasser,
  • Konservieren des Wassermachers, Ausbau und Spülen der Filter
  • Prüfen und Reinigen der Ankerkette (ich reinige die Edelstahlkette mit Phosphorsäure, das zeigt genau ob und welche Glieder von Lochfraß beeinträchtigt sind, Problemstellen werden dann repariert),
  • Segel reinigen und prüfen,
  • Furling und Vorstag entsalzen,
  • Bimini und Sprayhood reinigen und abbauen, 
  • Rigg mit Süßwasser spülen,
  • Winchen prüfen und tw. schmieren,
  • Dinghi reinigen,
  • Außenboarder im Süßwasser laufen lassen, Storage Seal in die Zylinder sprühen, Benzin aus dem Vergaser entfernen, Getriebeöl wechseln
  • Diesel konservieren,
  • Wassertank konservieren,
  • Toiletten mit Süßwasser spülen,
  • Fensterdichtungen schmieren,
  • Leinen waschen,
  • Logge ausbauen,
  • Backskisten ausräumen und reinigen,
  • Fahrräder konservieren,
  • Gas und Diesel absperren,
  • Außenplotter abbauen,
  • Bäume abspannen,
  • Kakerlaken- und Ameisenfallen aufstellen (zur Sicherheit),
  • Wasser bei den Batterien nachfüllen,
  • Schnorchelausrüstung waschen
  • Entfeuchter aufbauen
  • Bootsabdeckung montieren.

Meistens sind aber noch einige Reparaturen durchzuführen die bis zum Ende warten mussten, diesmal war die Furling von der Genua dran und zwei neue flexible Solarpanele, der Rest war schon erledigt. Dieser Rest war diesmal gar nicht so viel, aber einige Dinge hatten es in sich:

  • Die Volvo Hauptmaschine mit einem Kettenzug anheben, Kupplung demontieren und dann Motor und Antrieb korrekt ausrichten um die Vibrationen weg zu bekommen. Zwei Tage Arbeitslager im Motorraum.
  • Die Wasserpumpe beim Volvo erneuern.
  • Die Bilgepumpe, an der ich schon seit 5 Jahren herumbastle, mit den richtigen Ersatzteilen (Rückschlagklappen) endlich wieder „wie neu“ zu machen.
  • Die Dieselheizung wieder zum Heizen zu bringen, hier hat die Dieselpumpe Nachhilfe benötigt (Wir brauchen zwar derzeit keine Heizung, aber ich mag es einfach nicht wenn etwas an Board nicht funktioniert. Zu lange haben wir die Heizung nicht verwendet, was an Board nicht gebraucht wird, wird kaputt).
  • Die Küchenbeleuchtung mit LED Leisten auf den neuesten Stand zu bekommen damit Tadeja beim Abtrocknen jedes Fuzzelchen sieht, das ich beim Abwaschen übersehe.
  • Einen neuen Inverter für die Elektronik-Ecke einbauen,
  • alte Navigationsinstrumente im Cockpit ausbauen und eine schöne Plexiglas Abdeckung montieren, dort die neuen Instrumente einbauen.
  • Eine Anzeige für die Volvo Kühlwasser-Temperatur einbauen. Aus Gründen, die zumindest ich nicht verstehe, hat Amel beim Instrumentenpanel gespart und die Billig-Variante ohne Temperatur- und Öldruckanzeige eingebaut.
  • Die Bugkabine mit einem großen Flachbildschirm zum Kino umrüsten.
  • USB Steckdosen in der Bugkabine montieren damit Gäste ihre Smartphones laden können.
  • Ein zusätzliches Fall am Großmast montieren um endlich den Parasail fliegen zu können.
  • Und letztendlich den Einbau eines zusätzlichen Autopiloten zu projektieren, die Umsetzung ist dann ein Projekt fürs nächste Mal.

La Cruz nach Tenacatita

Logbuch-Auszüge:

La Cruz: rolliger Ankerplatz vor der Luxus-Marina, ehemaliger Fischerort, viele nette Lokale, gute Tacos. Marina Restaurant hervorragend (mit Sylvestermenü getestet).  Fest in amerikanischer Hand, überall Gringos.

  • Abenteuer: Fahrt mit dem lokalen Bus nach Puerto Vallarta.
  • Reinfall: Überteuerter Tauchausflug auf die Isla Marietas, einem Naturschutzgebiet mit fader grauer Unterwasserwelt.
  • Gefallen hat uns: entspannte Atmosphäre, gutes günstiges Essen, super Dinghi Dock.

Puerto Vallarta: Touristen und LGBT Hotspot Mexikos, Unmenge an Lokalen, Gringos wohin man auch immer schaut, Bankomate spucken hier Dollars statt Pesos aus. Zwei Besuche reichen uns, genug Tourismus für die nächsten Wochen. Pro: wunderbares Weihnachtsessen am Heiligen Abend.

Tenecatita: Paradies, schönster Ankerplatz der Westküste. Hier hält man es wochenlang aus. Türkises klares Wasser, ruhig, tolles Schnorchelrevier (ein Ankerplatz hat den passenden Namen „Aquarium“). Palapas am Strand, Mangroven-Dschungel-Tour mit dem Dinghi, Einfahrt in den Fluss vom Ankerplatz aus.   Treffen hier alte Bekannte, Lagerfeuer am Strand, Besuch einer Mescal-Distillery (Hicks).  Wollen nicht mehr weg, müssen dummerweise aber wieder zurück zur Arbeit. Verschieben die Rückfahrt nach Norden mit dem Scheinargument „Wetterfenster“.

Gefallen hat uns: alles!

La Manzanilla: netter sauberer Ort gegenüber von Tenecatita, mit dem Dinghi Full-Speed in 15 Minuten erreichbar. Ideal zum Frühstücken, Einkaufen, Müll entsorgen, bummeln.

Banderas Bay nach Tenacatita

Mazatlan nach Banderas Bay, Sturm und Wale

Am frühen Nachmittag, wenn die Tide kentert und die täglichen Baggerarbeiten in der Marinausfahrt kurz pausieren, da darf die KALI MERA endlich wieder von der Leine und hinaus in den blauen Pazifik. Alle Systeme funktionieren einwandfrei, und zu meiner großen Erleichterung sind auch die Vibrationen vom Volvo verschwunden, die Ausrichte-Aktion war erfolgreich.  Der Anker fällt knapp nach der Ausfahrt vom Marina-District vor einer kleinen Insel, wir wollen erst am nächsten Tag in der Früh weiter nach Süden. Die Küste südlich von Mazatlan bietet keinen Schutz, an einer Nachtfahrt führt kein Weg vorbei, der nächste Ankerplatz ist ca 140 Seemeilen entfernt.

Ich habe diesmal ein mulmiges Gefühl, immer noch haben mich die Nachwehen der Grippe im Griff, das Wetter ist nicht ideal, ein Sturmtief im Norden der Sea of Cortez bringt unruhige See und der schwache achterliche Wind reicht nicht aus um das Schiff unter Segeln zu stabilisieren. Die erste Nacht wird lange und Tadeja übernimmt bis in die frühen Morgenstunden die Wache, der Kapitän ist nicht fit.

Mit der Morgendämmerung frischt dann auch der Wind auf, die Segel spielen mit ihm, fangen ihn ein, blähen sich auf und beginnen zu ziehen und ohne das Wummern der Maschine beginnt das Schiff seinen Segel-Zauber zu entfalten, die nächsten Stunden bis zum Ankerplatz sind reiner Genuss. Wie in einer Lagune liegt die KALI MERA dann völlig ruhig vor Anker, und wir haben Zeit zum Nichts-Tun, und als der glutrote Ball hinter den Palmen versinkt zieht es auch mich schon wieder in die Koje.

Ein Frühaufsteher ist auch der nächste Tag, kaum blinzelt die Morgensonne über die Reling lichten wir den Anker und weiter geht es zur Banderas Bay, unserem ersten Etappenziel für diese Reise, dort wollen wir einige Zeit bleiben und die Weihnachtsfeiertage verbringen. Die Banderas Bay ist die größte Tiefwasser-Bucht Mexikos, das Winterquartier der Buckelwale, und der Absprungort für die Segler, die den „Pacific Puddle Jump“, die Überfahrt in den Südpazifik, in Angriff nehmen.

Als wir unter Maschine bei Windstille aus der Lagune tuckern bereite ich schon den Parasailor, unser großes Leichtwindsegel, vor. Schwacher achterlicher Wind ist angesagt, ein weiterer Motor-Segel-Tag soll vor uns liegen. Nicht die geringste Vorstellung haben wir von dem, was uns in den nächsten Stunden erwarten soll.

Ein Wind-Dreher, ein Zupfen and den Leinen, plötzlich sind Wellen da, sie haben sogar lustige weiße Häubchen, dann plötzlich weiße Bärte, weiße Mäntel, und schon sind wir mitten drinnen im Getümmel. Was soll denn das? Motorsegeln war eingeplant, nicht Sturm abwettern gleich nach dem Aufstehen! Vielleicht hat Aeolus schlecht geschlafen, oder Poseidon war mit Amphitrites Frühstück unzufrieden, irgendwo muss es jedenfalls ordentlich Stunk gegeben haben. Konstant 30 Knoten Wind, in Böen bis zu 40 Knoten, Sturmfahrt gibt es, der Schleudergang ist eingeschaltet und auf der KALI MERA geht es rund. Wir ändern den Kurs und laufen für einige Stunden auf raumen Wind dem Sturm aufs offene Meer davon, ungemütlich ist es, wir tragen Schwimmwesten und hängen in den Lifebelts.  Wären wenigstens die Seebeine schon gewachsen, aber nein, die kommen erst nach einigen Tagen. Stattdessen ist leichte Übelkeit zu Gast.

Nach vier Stunden wird der Wind dann wieder ausgeschaltet, genug für heute, und eine halbe Stunde später benötigen wir schon wieder die Maschine, um der Flaute zu entkommen. Die Wettergötter müssen verrückt sein!

Der Sturm ist überstanden und schon kommt die nächste Überraschung: die Buckelwale sind da! Auf diesen Moment wartet Tadeja schon seit Jahren, Wale rund ums Schiff! Überall sehen wir sie blasen, in Fontänen schießt der weiße Dampf in die Luft, eine grandiose Show wird uns von den riesigen Akrobaten geboten. Sie kommen direkt auf uns zu, tauchen unter der KALI MERA durch und lassen uns mit offenen Mündern an der Reling stehen.  Wenn die Wale blasen, und sich danach die mächtigen Lungen mit Luft füllen, da zischt und braust und orgelt es als ob Riesenkinder ein Didgeridoo gefunden hätten. Es ist ein Schauspiel der Extraklasse, was für ein ereignisreicher Tag!

Die Buckelwale paaren sich hier in der Banderas Bay, bringen hier Ihre Jungen zur Welt, und verbringen den Winter hier im seichten warmen Wasser. Gefressen wird nur im Sommer, in den nährstoffreichen Fischgründen Alaskas, im Winter leben sie ausschließlich von ihren Fettreserven (so wie bei uns die weihnachtliche Kekszeit dazu dient, den dann folgenden langen Winter zu überstehen), eine lange Entschlackungskur. Interessant ist auch, dass sie den Äquator normalerweise nicht überqueren, die Population im Nordpazifik pendelt zwischen Panama und Alaska, die südlichen Kollegen schwimmen zum Fressen in das südpolare Meer.   

Die KALI MERA ist jetzt ein Walfänger geworden, statt der Harpune eine Kamera, Tadeja-Queequeq steht gestikulierend und schreiend am Bug und Herbert-Ahab steuert mit eiserner Hand, immer dem Blas hinterher. Aber irgendwann sind die Ölfässer voll und wir steuern den sicheren Hafen von St. Cruz an, der leichte Wind passt für unseren Parasailor und wir lassen uns vom bunten Riesenflügel zum Ankerplatz für die Feiertage ziehen. Die Weihnachtsgeschenke haben wir heute schon von Mutter Natur bekommen.

Mazatlan nach Banderas, Sturm und Wale from zbertl on Vimeo.

Wieder zurück in Mazatlan

Die KALI MERA hat uns wieder, und wir endlich wieder schwankenden Boden unter den Füßen, auch ohne Adventpunch. Auf eine Beschreibung der Anreise verzichte ich, ist uns ja zwischenzeitlich schon peinlich dass wir überhaupt fliegen, und ich habe eine immer tiefere Abneigung gegen Flughäfen. Das ständige Schlange-stehen, Gewicht vom Gepäck optimieren und auf alle Stücke korrekt aufteilen (warum muss ich wegen 3 kg Übergewicht 40 euro zahlen und der Amerikaner neben mir, der gut 70kg schwerer ist als ich, nicht?) Und dann noch die Security, mein neues Feindbild. Für unseren Motor bringe ich eine Wasserpumpe als Ersatzteil mit, die alte ist immer wieder undicht. Um auf Nummer sicher zu gehen nehme ich sie im Handgepäck mit, wie alles was nicht verloren gehen darf. In Wien wird das Teil zwar gründlich inspiziert (könnte ja eine Bombe sein), nachdem aber kein Sprengstoff gefunden werden konnte darf ich sie mitnehmen. Beim Weiterflug von Mexico City nach Mazatlan schaltet die Security Dame inklusive ihrem Supervisor auf stur, keine Wasserpumpen im Handgepäck (viel zu gefährlich, zu schwer, falsches Material, – keine Ahnung was ich damit anrichten soll – den Piloten ersäufen?). Also wieder zurück und als zusätzliches Gepäcksstück (50 eur) aufgeben, und dann auf den Abflug warten. Flug hat 2 Stunden Verspätung, wir warten, und warten, und irgendwann muss ich aufs WC. Ich folge den Schildern, finde die Toilette, und als ich wieder zurück zum Gate möchte, da versperrt mir eine stämmige Dame den Weg, zurück darf ich nicht mehr. Ich muss hinaus in den Eingangsbereich, stehe wieder vor der Security (dem Himmel sei Dank habe ich Boarding- und Reisepass mit aufs WC genommen), und hier heißt es dann endgültig Stop. Mein Flug sei vor einer Stunde geflogen, ich dürfe nicht mehr hinein. Meine wortreichen und emotionalen Argumente verpuffen, Security Dame versteht nur Spanisch und spricht hauptsächlich das universal-sprachliche „No“. Dass mein Flug erst in einer Stunde geht, Tadeja am Gate auf mich wartet, ich schon längst beim Gate war und mich die heimtückische WC Beschilderung in die Irre geführt hat, tut nichts zur Sache. „No, too late“. Ich gehe aber nicht weg, die Schlange hinter mir wird länger, irgendwann geht der Dame dann doch das „No“ aus und sie winkt mich durch. Meine Nerven sind nicht mehr da. Fliegen gehört mitsamt Security abgeschafft.

Angenehm ist dann das Ankommen in Mazatlan, die KALI MERA ist blitzsauber, alles ist in bester Ordnung, und wir können sofort einziehen. Die neue Bootsabdeckung, die wir im Juni beauftragt haben, ist Gold wert. Die nächsten Tage sind nun schon Routine, alles wohnlich herrichten, Servicearbeiten mit den frischen Ersatzteilen (zb. die neue Wasserpumpe), ich verbringe ganze zwei Tage im Motorraum, hauptsächlich um Motor und Antrieb korrekt auszurichten. Dazu hebe ich den  Motor mit einem Kettenzug an, hämmere dann 6 Stunden auf die festgefressene Vetus Kupplung auf der Welle bis sie sich endlich lösen kann (die hatten 25 Jahre Zeit um sich ganz intensiv aneinander zu gewöhnen) und kann dann endlich Motorblock, Getriebe und Welle exakt ausrichten. Vibrationen ade, hoffentlich halt.

Vier Tage  nach der Ankunft sind wir bereit zum Lossegeln, aber vorher geht es noch ins Landesinnere, Tadeja hat kurzentschlossen Ballett-Tickets für den „Nussknacker“ gebucht, das Ensemble aus St. Petersburg ist auf Welttournee und gastiert im nur 500 km entfernten Guadalajara, also müssen wir da hin. Heute holen wir noch den Mietwagen und morgen sind wir dann schon wieder „on the road“. Bin schon gespannt wie das Ballett wird, mir tut von meinem Mechaniker-Einsatz jeder Teil meines Büro-gestählten Körpers weh, wahrscheinlich krieg ich Schmerzen vom Zuschauen…

heimwärts

Es wird Sommer in Mexiko. Die Sonne glüht vom Himmel, die Wassertemperatur steigt. Die Hitze legt sich träge und schwer über die Baja California und verliert langsam die Angst vor der Nacht. Für uns ist die Zeit gekommen hier Abschied zu nehmen. Noch ein paar letzte gesellige Tage in La Paz, dann nutzen wir das erste Wetterfenster für die Querung der Sea of Cortez, zurück zum Main-Land. Der Südwind hat bereits eingesetzt, wir haben eine angenehme und schnelle Überfahrt, knapp 50 „schräge“ Stunden sind wir „Am Wind“ unterwegs.  Die Einfahrt in den Mazatlan Marina Disctrict wagen wir bei Niederwasser, laut Tidenkalender sind die Gezeiten schwach und wir wollen die Strömung und die Brandung vermeiden. Während ich die Einfahrtrinne suche und dann unter Vollgas durch-steuere hat Tadeja das Echolot im Auge und sagt laut die Tiefe an – bei der Ansage 1,8 Meter kommt ein Adrenalin Schub, immerhin haben wir knapp 2 Meter Tiefgang.  Dennoch, nicht aufgesessen, gut durchgekommen, ein wenig Puffer haben wir anscheinend doch.

In der Nautica Costa Bonita stellen wir die KALI MERA an „unseren Liegeplatz“, hier darf sie die nächsten 6 Monate auf uns warten. Wie immer sind es arbeitsreiche Tage, alles will serviciert, geputzt, fachgerecht stillgelegt und hurrican-sicher verstaut werden. Diesmal bleibt unser Boot im Wasser und kommt nicht an Land, das macht es bequemer für uns. Wir schlagen die Segel nicht ab, sie werden gewaschen und dann völlig eingerollt, die Genua und die Schothörner von Besan und Groß erhalten vom Segelmacher eine Sunbrella Schutzabdeckung. Wir beauftragen einiges an Canvas-Arbeiten, die KALI MERA erhält eine Abdeckung fürs gesamte Deck, Schutz vor Regen und Sonne, alle zehn Winchen bekommen ein Sunbrella Häubchen, unser Dinghi ein schönes Cover und neue bunte Sunbrella Chaps.  Was nach dem Einpacken von der KALI MERA noch an Kunststoffteilen der Sonne ausgesetzt ist, das wickle ich zum Schutz in Alu-Folie ein. Dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen, voller Vorfreude auf die anstehende Landreise durch Mexiko und auch schon auf die Heimat, aber auch traurig, dass wir nach sechs Monaten an Board unser schaukelndes Zuhause zurücklassen müssen, machen wir uns auf den Weg.

Unser Rückflug nach Wien startet in Mexiko City, und dorthin fliegen wir nicht sondern wir nehmen den Mietwagen, 1.300 km durch das Hochland von Mexiko, wir sind auf „Kolonialstadt-Tour“. Es geht nach Durango, Zacatecas, Guanajato und in das zauberhafte San Miguel de Allende, wunderschöne alte Städte mit kolonialem Flair, beindruckender Architektur, voller überschäumender Vitalität. Wir sind nur eine Nacht in jeder Stadt, viel zu kurz zum Kennenlernen, aber gerade ausreichend um einen ersten Eindruck zu gewinnen und uns fest vorzunehmen, wieder zu kommen, mit mehr Zeit im Gepäck. Besonders San Miguel hat es uns angetan, wir residieren wie die Könige in einem Prunkbau im Zentrum in der Fußgängerzone und genießen das komfortable Landleben.  In Guanajato besuchen wir das schaurige „Mumien-Museum“, die berühmten Toten von Guanajato wurden schon bei Werner Herzogs Nosferatu berühmt, und beide kämpfen wir nach dem Besuch mit leichter Übelkeit. Einen Abstecher machen wir zu einer Maja Kultstätte im Hochland, auf beinahe 3000 Meter Seehöhe, einer heiligen Stadt mit einer wunderbar erhaltenen großen Säulenhalle und den obligatorischen Pyramiden. Die letzte Etappe führt uns nach Mexiko City, dort retournieren wir den Mietwagen und schon geht’s wieder zurück nach Wien.

Die diesjährige 3.500 Meilen Etappe gehört wohl zu den schönsten Abschnitten unserer bisherigen Reise um die Welt. Es war zwar die schwierigste Segelstrecke der letzten 13.000 Meilen, nicht alles ist immer glatt gelaufen, unsere KALI MERA war ein wenig zickig, unsere Reisepläne mussten wir völlig umkrempeln (und ich hab die ganzen Reiseführer von Hawaii und Alaska umsonst studiert), wir hatten neben Hochs auch ausreichend Tiefs und, so zwischendurch, – ich gestehe es – hätte ich am liebsten eine Annonce unter „Schiff zu verkaufen“ aufgegeben. Die Unannehmlichkeiten – sobald ausgestanden – sind aber schnell vergessen, und die schönen Erinnerungen bleiben. Es war spannend, bereichernd, vielseitig, ob die beeindruckende Pazifik-Küste Panamas, oder die Nationalparks von Costa Rica, oder das vielseitige Guatemala, oder schließlich das wunderbare Mexiko, diesmal konnten wir bei unseren Landgängen aus dem Vollen schöpfen. Traumhafte Natur, alte Kulturen und neue Kultur, beeindruckende Architektur und kulinarische Highlights.  Technische Probleme, die mich so oft in den Motorraum verbannt haben, konnten wir letztendlich alle lösen, wir haben viel dazugelernt, und die KALI MERA ist wieder topfit, technisch und optisch 1A, sogar eingekleidet wurde sie neu. 

Mexiko wird noch einige Zeit unsere Basis bleiben, die nächste lange Überfahrt in die Südsee ist erst nach unserem neuen Arbeitsaufenthalt in Österreich geplant – und der wird diesmal wieder etwas länger ausfallen, bis dahin gibt es halt Arbeit daheim und Winterurlaub am Schiff…

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