einmal guna yala und retour

Während ich diesen Beitrag schreibe befindet sich die KALI MERA schon längst an Land, sitzt bequem auf Ihrem Kiel und träumt von fernen Ozeanen, frischem Antifouling und ruhigen Ankerplätzen.  Wir dagegen hocken in Wien, haben den Navigationstisch mit dem Büro und das Achterdeck mit der Praxis getauscht, den Ankerplatz mit unserem Garten und das Dinghi mit den Autos. Die Saison war diesmal kurz, aber ein absolutes Highlight der bisherigen Reise.

Zwei Wochen lang segeln wir mit unseren Kindern (wir haben Besuch!) von einer Insel zur nächsten, gemütliches umherstreunen ist angesagt, auch einen Landausflug mit Lisa, weithin bekannter Transvestit, Mola Verkäuferin und Guide, steht am Programm. Die Flusswanderung durch Rio Sidre ist ein eindrucksvolles Erlebnis, anfangs fürchte ich noch, dass es ein 08/15 Touristen-Ausflug werden wird, aber als wir dann mitten im Flussbett zurück wandern, in tiefe Becken mit glasklarem kühlen Wasser springen, Wasserfälle hinunterrutschen, an Krokodilbabys vorbei spazieren,  von der Mutter nicht und von den Sandfliegen schon gefressen werden, da wird es zum einmaligen Erlebnis. Nach einer äußerst nassen Überfahrt mit dem kleinen Motorboot gegen die steilen Wellen und den Wind zurück zur KALI MERA gibt es noch ein gemeinsames Abendessen, Tadeja hat Lobster-Curry gekocht und unser Besuch erzählt noch Geschichten über die Kunas, ein schöner und stimmiger Ausklang. Danke Lisa!

Nach dem letztendlich viel zu kurzen Aufenthalt in dem traumhaften San Blas Archipel zischen wir tags darauf bei kräftigem Nord-Ostwind und richtig großen Wellen zurück in die Linton Bay. Florian hat uns in Salardup verlassen um rechtzeitig zu seinem Rendezvous in Panama City zu sein, Timi steigt in der Linton Bay in den Bus Richtung Bocas del Toro, wir sind wieder allein und nach ausgefüllten zwei Wochen tut uns nun ein kurzes Relaxen gut. Dann geht es aber gleich weiter zurück in die Shelter Bay, ein Katzensprung mit Starkwind und hoher See von achtern.  Nach der gemütlichen Feiertags-Seglerei im Kuna Land zeigt uns das karibische Meer noch einmal so richtig, was es drauf hat, die höchsten Wellen unserer bisherigen Reise, es geht gewaltig hinauf und hinunter, und schneller als erwartet sind wir bei der eindrucksvollen Einfahrt in das geschützte Becken vor dem Panama-Kanal. Donnernde Gischtfontänen schießen viele Meter hoch über die riesigen Wellenbrecher, viele Tage lang hat der starke Wind eine hohe Welle vor sich hergeschoben, die sich nun erbost über die plötzliche Gegenwehr gegen die mächtigen Betonblöcke wirft. Wir melden uns per Funk bei der Cristobal Station Control, Gottseidank ist gerade kein Frachter auf der Durchreise, wir brauchen nicht zu warten und queren mit geblähten Segeln die Fahrlinie der Großschifffahrt. Anlegen in der Marina erfordert Konzentration, auch dort steht noch eine steife Brise, aber alles läuft perfekt.

Es sind noch nette Tage in der Shelter Bay, ATANGA ist da und repariert emsig die Blitz-Schäden, die THAT’S LIFE mit Susanne und Thomas läuft einen Tag nach uns ein, nachdem sie sich tapfer und seekrank bei dem schweren Wetter von Providencia nach Panama durchgekämpft haben, es gibt viel zu erzählen, am Abend hilft dabei das eine oder andere Glas Wein, und so wird wieder einmal ordentlich Seemannsgarn gesponnen.

Eine knappe Woche haben wir in der Marina Zeit um alles wieder für den Sommer zu verpacken, nichts wird diesmal an Deck gelassen, wir haben von der letzten Saison gelernt.  Motoren und die ganze restliche Technik werden serviciert und eingesommert, der UV Schutz beim Groß vom Segelmacher etwas nachgenäht, Bimini und Sprayhood gewaschen und verstaut. Das Wetter ist perfekt zum Packen, die Sonne ist schüchtern und es ist völlig trocken, moderate Temperaturen machen die Arbeit angenehm. Nur der Wind der bläst und bläst und die Segel sind noch angeschlagen, bei so viel Winddruck können wir sie nicht abnehmen. Am Abend, als der Wind kurz nachlässt (ich bin mir schon sicher dass er nur richtig Luft holt, um genau dann loszuprusten, wenn wir das Fall lösen) nehmen wir blitzschnell mit der Hilfe von Thomas die Segel herunter, ich pass kurz nicht auf und Thomas ist schon begraben unter 55m2 Genua und geht dennoch nicht über Board. Blitzschnell alles zusammenlegen, unter Deck verstauen, fertig –  Nervosität vorbei.

Auch wenn wir schon ziemlich routiniert beim Zusammenpacken sind, bis dann die gute Dame sicher an Land steht, korrekt aufgebockt und ordentlich konserviert ist und meine Anspannung sich in Erleichterung verwandelt kann, braucht es so manchen Schweißtropfen. Aber dann ist alles fertig, ich sperre zu, nehme die Leiter weg, verabschiede mich und verlasse den Hochsicherheitsbereich – und es will mir einfach nicht einfallen, was ich diesmal wieder vergessen habe.  Mein Gedächtnis arbeitet wie erwartet mit äußerster Präzision, sobald am Abend alles abgesperrt ist und keiner mehr da ist, der mich in den Storage Bereich hineinlassen kann, fällt es mir sofort ein – die Dokumente fehlen! Schlecht schlafen, in der Früh in die Werft huschen, das Taxi warten lassen und gerade rechtzeitig zum Flughafen kommen, noch eine kleine Weltreise über Bogota nach Istanbul und weiter nach Wien, und schon liegt unsere Segelsaison 2018 im Kielwasser und wir freuen uns – ein wenig wehmütig – auf die Zeit in Europa.  Zehn Monate werden wir als Landratten dem schnöden Mammon hinterherjagen um uns dann voller Tatendrang, neuer Energie und nachgefüllter Reisekassa in den Pazifik aufzumachen – für den nächsten großen Abschnitt unserer Reise.

 

die KALI MERA ankert vor Esnasdup (Danke Adrian für das Video):

 

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Rio Diablo und Inselhüpfen

Nach dem ersten Schrecken über die Rückkehr in die Zivilisation kann ich am nächsten Tag dann doch schöne Seiten an Nargana entdecken. Der Rio Diablo ist eine solche, ein schöner ruhiger Fluss den wir mit unserem Dinghi kurz nach Sonnenaufgang einige Meilen stromaufwärts fahren. Tief aus dem Herz des Regenwaldes kommend fließt hier in malerischen Biegungen der „teuflische Fluss“ langsam zum Meer. Über die Eingangs-Barre müssen wir das Dinghi noch ziehen, dann wird es tiefer und bald ist das Wasser für die Groß-Dinghi-Fahrt wunderbar schiffbar und völlig klar. Die Frühaufsteher unter den Vögeln lassen sich schon blicken, von den Krokodilen sehen wir nur die Spuren, die sie beim Gute-Nacht-Landgang im Schlamm hinterlassen haben. Langsam manövrieren wir zwischen halb untergetauchten Baumstämmen in den Urwald hinein, und langsam erwachen auch die Tiere, zuerst kommt nur ein verschlafenes Guten Morgen aus dem grünen Dickicht, aber bald füllt sich das Blätterdach mit Krächzen, Gurren, Schreien und Zwitschern.  Zurück, mit der schwachen Strömung, da paddeln wir, und kein Motorengeräusch mischt sich in die Stimme des Regenwaldes.

Nach diesem Ausflug bin ich mit Nargana versöhnt und wir freuen uns schon wieder auf die traumhaften Ankerplätze der umliegenden Inseln. Zuerst segeln wir zurück nach Esnasdup, warten dort auf unsere Kinder, die vom Kuna-Taxi direkt ans Boot geliefert werden. Tim ist von der Überfahrt halbseitig gegrillt als er auf die KALI MERA steigt (wer denkt schon an Sonnenschutz wenn er aus dem Winter kommt) und hat einen leichten Sonnenstich, aber es dauert nicht lange und er ist wieder fit. Auf einer kleinen unbewohnten Insel, eine knappe Meile entfernt, da treffen sich die Segler zum Sundowner und Potluck (jeder bringt was mit und dann gibt es ein großes buntes Buffet), in der Dunkelheit geht es dann zurück zum Ankerplatz, die Wellen sind klein, es reicht aber um im Dinghi klitschnass zu werden. Unsere Sundowner Insel hat nicht mehr als 30 Meter im Durchmesser, ist voller Kokospalmen und hat zur Verschönerung ein paar leuchtend rot blühende Bäume in denen sich die Kolibris tummeln. Der Strand besteht aus feinem Korallensand und im türkisen Meer sitzen rote Seesterne.  Adrian von der WHISPER (https://littlecity.ch) filmt uns von oben mit seiner Drohne (siehe seine Bilder unten, auch unseren Ankerplatz sieht man da), dort ist dann das ganze unglaubliche Ausmaß der Schönheit aus der Vogelperspektive ersichtlich.

Mit unseren Kindern sind auch ein paar Ersatzteile eingeflogen und nun haben wir wieder Strom im Überfluss (neues Ladegerät) und das Thermostat am Kühlschrank konnte ich auch endlich reparieren. Dicke Yogamatten machen das Faulenzen am Achterdeck zum Vergnügen und die Luken kann man mit den neuen Griffen wieder ordentlich bedienen.

Die nächsten Tage hüpfen wir von einer Insel zur nächsten, Esnasdup, Green Island, Coco Banderas, weiter soll es noch zu den Holland Cays und dann zur Dschungelwanderung mit Lisa gehen. Das Tagesprogramm ist jeweils sehr ähnlich, schnorcheln, faulenzen, kochen, essen. Kulinarisch geht es uns weiterhin blendend, frische Meeresfrüchte werden uns so gut wie täglich an Board geliefert, Flo und Tim haben bei der Anreise den halben Rey leergekauft  und Hunger, ausreichend Zeit, Freude am Kochen und volle Vorratsschränke sind eine gute Kombination…

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Nargana

Nargana und Jesu Corazon sind das „moderne Zentrum“ vom Kuna Land, zwei Inseln knapp am Festland, mit einer Brücke verbunden, an der Mündung des Rio Diabolo. Hütten mit Blechdächern, desolate Gebäude, Staubstraßen und Tümpel zwischen den Häusern. Hierher verschlägt es uns, weil wir eine Wäscherei benötigen und etwas Proviant aufnehmen wollen. Freundliche Menschen, jede Menge ballspielende Kinder, überall kläffende angebundene Hunde, ein paar kleine Läden mit Konserven und dem ein oder anderen Gemüse, und Plastikmüll, wohin auch immer das Auge sich hinflüchtet. Es ist mir ein Rätsel, wie man sich in diesem Unrat wohl fühlen kann, aber hier stört es anscheinend niemanden. Wenn alle zusammenhelfen würden, dann wäre diese Müllinsel innerhalb von kurzer Zeit gesäubert, aber hier wartet man lieber bis sich das von selbst reinigt. Die Bananenschalen lösen sich ja auch nach kurzer Zeit ganz von alleine auf, fürs Plastik braucht man halt ein bisschen mehr Geduld, eigentlich typisch für mich spießigen Sklaven unserer europäischen Leistungs-Gesellschaft, dass ich nicht einfach warten möchte bis die Weisheit der Schöpfung auch dieses Problem durch Zeitablauf löst.  Im Hafen schwimmt eine dichte Kunststoff-Müll-Decke vorm Dinghi Dock, der kleine Strand vor den Häusern auf der Ost-Seite ist vielfärbig bunt, besteht fast nur aus angeschwemmten oder weggeworfenen Verpackungen. Plastik-Flaschen, Dosen, Tuben, Plastiksackerl in allen Größen und Farben, die ganze Kreativität und Vielfalt der Verpackungsindustrie verschönert hier den Schrebergarten. Panamas Umweltministerium müsste hier einmal einen längeren Zwangsaufenthalt verordnet bekommen, vielleicht hat dann jemand eine gute Idee was man dagegen tun könnte. Zutiefst deprimierend ist dieser Ort für mich, der Lärm des Dieselkraftwerkes, den der Wind über den Ankerplatz weht, gibt mir den Rest (und während auf den paradiesischen Inseln ein paar Meilen weiter nördlich sicher die Sonne scheint, haben sich hier Nebel und Regenwolken langfristig angesiedelt um auch zarte grüne Sprossen von guter Laune sofort zu ertränken). Liebe Wäsche, sobald Du sauber bist, verschwinden wir, bitte beeile dich. Ich will weg von Plastik-Town. Danke.

 

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Esnasdup und Green Island

Esnasdup könnte auch Austriasdup heißen, hier liegt eine ganze Österreicher-Kolonie vor Anker. TIFRICAT, TANGAROA, die Tiroler MUOZA und einige Tage später auch die BRIGHT STAR. Es ist eine lustige Runde, teils langgediente San Blas Insider, und die Abende werden in fröhlicher Gesellschaft lang. Tadeja muss allerdings immer frühmorgens aufstehen, täglich gibt es um sieben Uhr Yoga auf dem alten Fischkutter von Joyce und Lorenzo, nachmittags wird dann gemeinsam geschnorchelt, das Social Life in Esnasdup ist hervorragend organisiert, die Funke auf Kanal 72 ist geschwätzig wie selten, und die Dinghis sausen zwischen den Ankerliegern hin und her. Für uns ist es perfekt, wir bekommen alle San Blas Infos die wir uns nur wünschen können, die „alten Hasen“ kennen und wissen alles.

Wieder einmal sehen wir, dass sich unsere eigenen Erlebnisse nicht an die Erzählungen der anderen halten, nichts ist mit den befürchteten Versorgungsengpässen, von ausschließlich Reis,  Nudeln und Konserven essen. Alle paar Tage liefert ein schwimmender Kuna Gemischtwarenhändler Obst und Gemüse direkt an die Boardwand. So gut wie täglich pfeift uns ein Einbaum-Kapitän aus der Kajüte und bietet Fische, Lobster oder auch Oktopus an. Sogar Bier und Wein (letzterer im Tetrapack mit geschätzten 95 Falstaff Punkten, Not macht genießerisch) wird zugestellt, hin und wieder ist sogar ein frisches Huhn dabei. Die Preise sind moderat und auf ein einfaches Zusammenrechnen ausgelegt, manchmal kostet alles einen Dollar, dann sind es wieder einmal zwei und nur die hiesigen Zahlenmystiker, die Gödels der karibischen Inseln, die wagen sich and die Komplexität der 1,5 Dollar Notierungen. Milchprodukte bekommen wir hier am Floating Market nicht, aber die restliche Versorgung ist ausgezeichnet.  Wir machen es uns zur Angewohnheit, einfach zu warten, was heute der Zustelldienst am Menüplan hat, und das wird dann auch gekocht. Als Draufgabe haben wir leidlich gutes Internet, der Besan-Mast wird zum „Handy-Mast“ umgewandelt, dort hinauf wird das Smartphone mit dem aktivierten Hotspot gezogen (am Deck kein Empfang, zehn Meter höher ist alles ok, warum auch immer, und das nicht nur bei uns, auch auf anderen Schiffen kann man das Ritual des morgendlichen Handy-hissens beobachten).

Die Natur ist beindruckend schön, die Korallenriffe sind bunt und dicht bevölkert, es gibt Ammenhaie, Langusten, Rochen, Schildkröten und Unmengen an Fischen. Angeblich treiben auch ein paar Salzwasserkrokodile ihr Unwesen, hier auf Green Island soll vor nicht allzu langer Zeit eine Französin von so einem Reptil ziemlich übel zugerichtet worden sein. Und wenn wir schon bei den unangenehmen Zeitgenossen sind, Portugiesische Galeeren gibt es hier auch, wunderschöne majestätisch dahinsegelnde Staatsquallen, attraktiv und gefährlich. Ich kann zwischenzeitlich als Überlebender eines Galeerenangriffs bestätigen, dass die Viecher (a) nicht tödlich sind, (b) mehrere Meter lange quasi unsichtbare Nesselarme haben, (c) höllische Schmerzen verursachen die aber eh schon nach ein paar Stunden nachlassen und (d) langanhaltende, sehr hübsche und individuelle Tattoos am ganzen Körper eingravieren.  Tadeja hat sich da wieder einmal die sympathischeren Schwimm-Partner ausgesucht, beim Morgenbad neben dem Schiff erhält sie Delphinbesuch.

Das Wetter ist stabiler geworden, die Solarpaneele übernehmen wieder die Stromversorgung und der Wind legt zu. Es weht nun konstant mit 20 Knoten und frischt in Böen auf 30 Knoten auf, aber die Ankerplätze innerhalb des Riffs sind so gut geschützt, dass es nie unangenehm wird. Wir verkriechen uns einfach in die Lagune und lassen es uns gut gehen, noch ein paar Tage haben wir das Schiff für uns alleine, dann aber werden unsere Kinder die KALI MERA entern und aus ist es mit dem süßen Nichtstun, da freuen wir uns schon darauf…

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Linton Bay und Kuna Yala

In der Linton  Bay liegen wir für einige Tage, füttern die Affen auf Linton Island, kaufen Gemüse beim Grün-Futter-Pickup und machen bei den Reparaturen weiter. Das Batterie-Ladegerät hat sich verabschiedet und der Kühlschrank ist dummerweise nur noch ein Lauwarmschrank. Wie gut, dass wir noch die Tiefkühl-Box an Board haben, die wird auf +6 Grad eingestellt und nimmt dem schwächelnden Fridge die Arbeit ab. Aber wie es der Zufall will, ist Ewan, der dicke Wirt und Hühner-Koch der Floating Bar, auch gleich Kühlschrank-Experte, wir bauen den Kühlschrank aus und transportieren ihn mit dem Dinghi zur Bar, dort wird dann ein gröberer Umbau in die Wege geleitet. Die Kühlflüssigkeit muss nachgefüllt werden, nur hat unser Uralt-Kühlschrank ein geschlossenes System und nix ist mit Nachfüllen, wäre da nicht Fridge-Ewan, der die Leitungen auftrennt, „Service Ports“ einlötet, Kühlmittel nachfüllt und dann am Schluss noch das Thermostat tauscht (das Thermostat hatte ich am Gewissen, mit kindlichem Entdeckergeist wollte ich wissen wie das funktioniert, habe es zerlegt, optimiert, – und damit auch gleich in die ewigen Jagdgründe geschickt). Der Kühlschrank kühlt nun wie der Teufel, aber das Thermostat ist von einer Gefriertruhe, und schaltet wohl erst bei – 20 Grad ab. Kein Problem, Ewan besorgt ein neues, wenn wir wieder vorbei kommen wird es eingebaut, „don’t worry, you are in good hands“ wird mir von Meister der Refrigeration versichert. Also schalten wir, völlig beruhigt, weil ja in den besten Händen, den Kühlschrank zwischenzeitlich einfach regelmäßig von Hand ein und aus, die „empfindlichen“ Sachen sind eh in der Box. Wir könnten den Kühlschrank natürlich auch durchlaufen lassen und am Ankerfeld Eiswürfel verkaufen, würde das Batterie-Ladegerät funktionieren oder wären die Sonnenkollektoren ohne Sonne nicht genauso unnütz wie eine Dachrinne in der Sahara, wir sind also plötzlich notgedrungen im Energie-Spar-Modus, AAA+ sozusagen, und da ist nun nix mit Eiswürfel für alle.

Der Wetterbericht ist günstig für die Weiterfahrt zu den San Blas Inseln, der Wind hat gedreht und ein leichter Norder bringt schrecklichen Schwell in die Bucht, wir rollen aufs Allerschlimmste und um halb vier Uhr krabbeln wir aus der Hochschaubahn und gehen Anker auf, tasten uns im Zick-Zack durch den stockdunklen Ankerplatz und folgen unserem Track hinaus aufs offene Meer (sehr praktisch so ein Track in der Nacht, wenn man genau dort fährt wie man hereingekommen ist dann stehen die Chancen gut, dass man auch beim Hinausfahren nicht die Costa Concordia als Vorbild hat). Dann geht es, bei hohen Wellen und leichter Seekrankheit, hoch am Wind nach Osten. Seit drei Jahren fahren wir immer nach Westen, die arme KALI MERA ist nix anderes mehr gewöhnt, ist anfangs etwas irritiert, hält sich jedoch tapfer und bringt uns sicher ans Ziel. Nach 10 Stunden fällt der Anker in der Südsee, durch die brodelnde Riffeinfahrt geht es in eine Lagune und dort liegen wir wie in Abrahams Schoß. Unglaublich schön ist es hier, die niedrigen Inseln um uns sind mit Kokospalmen bewaldet und rund um die Inseln zieht sich ein weites Riff, die gewaltige Brandung der mächtigen Brecher lässt weiße Gischtfontänen in die Luft steigen und ein dumpfes, Gottseidank entferntes, Grollen erfüllt die Luft.  Wie ein riesiger Rettungsreifen hat sich das Riff kreisförmig um die Inseln gelegt, und mitten drinnen, da liegen wir, in türkisem Wasser über Sandgrund, im Schwimmbecken mit Südsee-Idylle rundherum. Eine frische Brise sorgt für Abkühlung, die Sonne kommt immer öfter hervor, tagsüber Schnorcheln wir am Riff und beobachten Tintenfische, Langusten und Rochen, am Abend versinken unsere Blicke in den funkelnden Weiten des Nachthimmels, schier unendlich viele schimmernde und funkelnde Sterne tummeln sich dort oben, ich fühle  mich gleichzeitig klein und unbedeutend aber auch als stabiles (wenn auch schaukelndes) Zentrum einer ganzen Welt.

Kurz nach der Ankunft in der Foto-Tapete gibt es wieder einen Szenenwechsel: In der Nacht wechselt das Wetter, die nächsten drei Tage wird eine Gewitterfront nach der anderen hier durchziehen. Sturmböen, Starkregen, Blitz und Donner schreiben das Drehbuch für unser Seglerleben. Es blitzt und kracht, das „Mitzählen“ vom Blitz zum Donner geht schon ganz automatisch, „ein km entfernt, kommt näher“, „zwei km, geht wieder“. Die Notebooks und Tablets kommen in den Backofen, werden herausgenommen, kommen hinein, heraus, hinein, heraus…. Das Innere des Backofens ist vom Blitzschlag geschützt, dort, wo normalerweise der Teig hinein und das frische Brot herauskommt, wo der Legende nach auch der alte Faraday gefangen gehalten wird, da ist die empfindliche Elektronik vor Thors Anfällen sicher. Wir verziehen uns ins Schiffsinnere und warten auf bessere Zeiten. Drinnen dampft es schon vor Feuchtigkeit aber heimelig ist es dennoch, ein bisschen wie als Kind beim Gewitter in der Hollywood-Schaukel sitzen und das Unwetter beobachten, nur noch eine Spur direkter. Beim Blick aus dem Seitenfenster sehen wir einen Fluss, der das Deck entlang rauscht, am Heck gehen die Niagarafälle direkt ins Meer. Lang kann es nicht mehr dauern und die Inseln, die sich ja nur ein paar Zentimeter über dem Meeres-Spiegel befinden, werden plötzlich verschwunden sein. Immerhin war unsere Pütz nach ein paar Stunden mit Wasser voll, und das sind 30cm Wassersäule, genug um Venedig zu überfluten. Jetzt ist so ein Segelschiff ja keine Queen-Mary und der Raum ist begrenzt, nach drei Tagen wünscht man sich schon wieder einmal zum Minigolf Spielen auf die Terrasse zu gehen, außerdem brauchen wir Sonne für unsere Solar-Panels, damit die sich um die Batterien kümmern können. Das Rezept in so einem Fall heißt Lesen, Lesen, Kochen, Essen, Lesen und Geduld.

Aber, ganz plötzlich, da ist die Sonne wieder da. Ohne Vorankündigung, als ob ein riesiger Reißverschluss geöffnet worden wäre, da ist sie mitten im hellblauen Samtkleid wieder hoch am Himmel und in kürzester Zeit trocknet das Deck und gleichzeitig verdampft die Erinnerung ans schlechte Wetter. Wir machen die KALI MERA segelklar und verlassen unseren Zufluchtsort mit geblähten Segeln Richtung Osten.

Es sind keine großen Strecken, die wir hier segeln müssen, ein paar Riffdurchfahrten und ein schöner Am Wind Schlag bei vier Windstärken, und schon fällt der Anker auf der nächsten Insel. Eine Guna-Familie im Einbaum begrüßt uns, überlässt uns einen großen Lobster gegen ein paar Dollar und ich befördere das arme Vieh gegen seinen  Willen in den Kochtopf (für schwache Nerven ist das nichts und Tadeja, sonst der Schrecken der geangelten Doraden, weigert sich zu assistieren und verholt sich weit weg von der Kombüse an Deck). Als es dann am Abend köstliche Hummer-Spaghetti al la KALI MERA gibt ist Tadeja wieder voll dabei (Endstand Fressen gegen Moral – ein klares 1:0).

Die Unterwasserwelt hier ist fantastisch, es sind richtige Gärten unter Wasser, bunte Korallen und noch buntere Fische, eine Zauberwelt, von der wir nicht genug bekommen können. Dennoch geht’s am nächsten Tag schon weiter, der Anker fällt mittags am wohl spektakulärsten Ankerplatz an dem wir jemals waren, dem „Swimming-Pool-Anchorage“. Fast alleine liegen wir hier auf drei Meter Wassertiefe über hellblauem Sandgrund, vor uns eine kleine kitschige Insel, rund um uns ein Ringriff, an dem ununterbrochen die gewaltigen Wellen brechen, ein beständiges leises Grollen und hoch in die Luft schießende weiße Gischt erinnern uns an die Kraft des Ozeans, der ohne Pause versucht, einen Zutritt zu unseren Zufluchtsort zu finden, aber der Schutzwall aus Korallen, über tausende Jahre gewachsen, der hält. Es ist ein Ankerplatz der Superlative, Schönheit ist nicht das richtige Wort, es ist beindruckend, spektakulär und ehrfurchtsgebietend. In der Nacht verstärkt sich der Eindruck noch, das Donnern wird stärker, man spürt die Gewalt der Brandung, und rund um das Schiff, in völliger Dunkelheit, da beginnt eine wilde Jagd im Wasser, ein Wettschwimmen auf Leben und Tod, dem lauten Platschen nach sind es große Fische sein, die hier jagen und gejagt werden.  Wir wollen herausfinden was das für Viecher sind und die Strömung ist so stark, dass wir – vor Anker liegend – die Schleppangel verwenden können. Prompt beißt ein dreiviertel-Meter Barrakuda in unseren Gummi-Tintenfisch, entert das Deck und verwandelt sich dann in einer von Tadeja dirigierten kulinarisch spektakulären Metamorphose in ein Barrakuda-Curry-Erlebnis.

Das Revier ist entspannend und einfach zu besegeln, perfekt für uns Boots-Camper, nur wenige Meilen trennen ein Palmenparadies vom nächsten, geschütztes flaches Wasser und schöner Segelwind, sichere Ankerplätze, es ist wie Inselhüpfen in  Kroatien, nur dass die Locals hier aus den Kanus mit Molas und Lobster winken und nicht aus dem Motorboot mit dem Rechnungsblock für die Ankergebühr…

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Shelter Bay und Panama Kanal

Sieben Monate waren wir jetzt in Europa. Nicht nur die Arbeit hat uns wieder, auch die ganzen „Annehmlichkeiten der Zivilisation“ durften wir genießen, und, – besonders schön -, es ist für uns nicht mehr selbstverständlich in solchem Luxus leben zu dürfen. Zeit für Familie und Freunde, Geburtstagsfeste, Heurigenbesuche, Urlaub zu Hause machen. Den Wechsel der Jahreszeiten zu erleben und endlich, mitten in die vorweihnachtliche Stimmung hinein, wieder im Schnee spazieren zu gehen. Nach drei Jahren ohne Winter sehen wir endlich wieder die Schneeflocken tanzen und sogar eine kleine Ski-Tour geht sich aus.

Ein paar kalte Wochen sind jedoch genug, für uns soll der Winter schon wieder vorbei sein, es geht wieder zurück zur KALI MERA. Über Istanbul und Bogota fliegen wir nach Panama City, dann weiter mit dem Taxi zur Shelter Bay. Es bleiben uns sechs Stunden bis zum Launch-Termin, wir wollen unbedingt vor den Jahreswechsel-Feiertagen ins Wasser damit wir nicht tagelang im Trockendock leben müssen (habe ich beim Flug-buchen völlig vergessen, dass es hier so etwas wie Feiertage gibt).  In Windeseile wird repariert, geputzt, ausgewintert, poliert, und nach einem halben Tag schaukelt unser Schiff schon wieder fröhlich im Wasser.  Alle Systeme funktionieren, der Innenraum ist trocken und schimmelfrei, aber außen, da hat der Dschungel schon versucht sich ein wenig Terrain zurückzuholen, wahrscheinlich als Rache für die Abholzung der Regenwälder im Amazonas. Dicke grüne Algen wachsen überall, die Vögel haben es sich heimisch gemacht, die Leinen haben eine dezente grünbraune Farbe angenommen, was vorher strahlend weiß war ist jetzt grau-braun-schwarz, aber mit Essig und Soda und viel Motivation schaut nach einigen Tagen alles wieder so aus wie früher.

Die Shelter Bay Marina hat sich als gute Entscheidung erwiesen, das Sommerlager war gut und die Betreuung den karibischen Umständen entsprechend professionell, wir werden hier noch eine Saison verbringen.

Die nächsten Tage verbringe ich entweder im Motorraum oder in einer der Backskisten, neue Systeme zur Optimierung der Energieversorgung werden installiert, die Kühlwasserpumpe gedichtet (mach ich zum Üben gleich ein paar Mal und lerne dabei, wie vorteilhaft es ist, die Welle vor dem Einbau ordentlich zu polieren). Einen neuen Vetus Wassersammler bekommt der Volvo, und der Generator bekommt eine eigene Starterbatterie spendiert. Dieselfilter werden getauscht, Öle nachgefüllt und gewechselt, und damit meine Zeit in den Backskisten nicht allzu bequem wird kehrt die Regenzeit wieder zurück.  Es schüttet wie aus Eimern und der ausgewachsene Starkregen hört nur hin und wieder auf, um einem erfrischenden jugendlichen Nieselregen Platz zu machen.  Die Straßen sind überschwemmt und der Verkehr zwischen Marina und Colon bricht einmal sogar völlig zusammen, – Hochwasser überflutet die desolaten Straßen.

Sylvester feiern wir mit Veronika und Robert von der SEVEN SEAS, die Seglergemeinschaft organisiert eine tolle Grillparty, ganz traditionell tanzen wir uns mit dem Donauwalzer ins Jahr 2018. Und ebenso traditionell sind die Österreicher die letzten, die frühmorgens das Feld räumen.

Gemeinsam mit Veronika machen wir als Linehander einen Trip durch den Panama-Kanal nach Panama-City, wir helfen SAPPHIRE von Elina und Greg die Passage zu machen. Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, wenn sich die gewaltigen Schleusen öffnen und wir hoch über dem Meer in den Gatun-See einfahren. Zwei Tage sind wir unterwegs und machen uns mit dem Kanal vertraut, nächstes Jahr sind wir selbst an der Reihe, um die legendäre Kanal-Passage in den Pazifik zu machen. Ein abendlicher Spaziergang durch Panama Viejo steht noch auf dem Programm und am nächsten Tag fahren wir, wie es sich für Touristen gehört, mit dem Panorama-Wagen der Kanal-Eisenbahn nach Colon zurück.

Immer mehr Bekannte geben sich nun ihr Stelldichein hier in der Shelter Bay, alle wollen in den Pazifik. Die REBEL mit Birgit und Bernd sind schon da, und auch die ATANGA ist eingetroffen, allerdings havariert, die Ärmsten hat gerade der Blitz getroffen und sie müssen sich auf einen längeren Reparaturstop einstellen.

Das Wetter wird endlich besser, die Sonne zeigt sich und die Arbeit geht zu Ende (es ist ca. eine Woche „Schwerarbeit“ bis so ein Schiff nach einer langen Pause in den Tropen wieder voll einsatzfähig ist, und das auch nur wenn man keine wirklichen Reparaturen hat), ich darf nun hin und wieder aus dem Motorraum herauskommen und frühmorgens führt Tadeja Spaziergänge in den Regenwald, dort flattern Tucane, riesige blaue Schmetterlinge und Moskitos herum, Krokodile klappern mit den Zähnen (auch mitten in der Marina, damit das Propeller-Putzen zum Abenteuer wird) und die Brüllaffen geben ein schauriges Konzert. Die ganze Marina hallt von dem dumpfen Gebrüll wieder, und wenn man dann die zierlichen und fröhlichen Affen sieht, die den unheimlichen Gesangsverein bilden, dann kann man das gar nicht glauben, dass solch gewaltiges tiefes Heulen aus den kleinen Kehlen der „Howling Monkeys“ kommen.

Aber bevor wir hier nun Wurzeln schlagen, brechen wir auf, von unseren Freunden müssen wir uns verabschieden, die werden wir wohl erst auf der anderen Seite der Welt wieder treffen, unsere nächste Station ist nicht der Pazifik sondern es geht nach Osten zu den San Blas Inseln …

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Panama

Die Shelter Bay Marina ist ein gemütlicher Flecken, hier auf der karibischen Seite des Panama Kanals verbringen einige Yachten die Hurrican-Saison, manche warten auf die Kanal-Passage und andere wieder sind gerade aus dem Pazifik angekommen.  Ein nettes Restaurant mit guter Küche und günstigem Bier in der Happy Hour gibt es hier, einen wunderbaren krokodilfreien Swimming-Pool gleich daneben, einen kleinen Shop und den Versuch einer kleinen Chandlery. Die Marina liegt mitten im Dschungel, man hört die Brüllaffen und mit etwas Glück sieht man einen Alligator von der Uferböschung ins Meer hüpfen. Die Langfahrt-Segler-Gemeinde organisiert Aktivitäten wie gemeinsames Grillen, musizieren, abends zusammensitzen, es sind wieder einmal alle Nationen hier vertreten. Täglich fährt ein Marina Bus kostenfrei nach Colon ins Einkaufszentrum und zum Busbahnhof, den nehmen wir gleich einmal, weil wir in Panama einklarieren müssen.  Alles geht einfach und kostenfrei, keinen Dollar müssen wir bei den Offiziellen lassen, wie so oft ist alles viel einfacher und auch billiger, als wir es in der Gerüchteküche auf seglerlateinisch gehört haben. Colon-Zentrum ist allerdings eine ziemlich heruntergekommene Gegend die man nur im Taxi bereisen darf, die Kriminalität ufert dermaßen aus, dass wir dringend angehalten werden keine Wege zu Fuß zu machen, das Gelände des großen Einkaufszentrums etwas außerhalb ist jedoch sicher und man kann hier alles gut und günstig kaufen..

Eine Woche haben wir Zeit, unsere KALI MERA für ihre Sommerpause vorzubereiten, alles wird serviciert, gereinigt, gepflegt, verstaut, Öle werden gewechselt, Filter getauscht, Segel verpackt, Bimini und Sprayhood bauen wir ab und dann verstauen wir alles unter Deck.

Das Wetter ist überaus stabil, man kann sich nämlich darauf verlassen, dass es in zwar unregelmäßigen Abständen, aber dafür sehr häufig gewittert und dass dabei Wassermassen vom Himmel fallen, die man sich in Österreich gar nicht vorstellen kann. Es gibt gar keine besseren Bedingungen, um endlich das Leck zu finden, bei dem immer Wasser in die Bug-Lockers gekommen ist, seit sieben Monaten suche ich schon und nun kann ich schon nach drei Tagen „alles dicht“ melden.  Die Luftfeuchtigkeit hat sich bei subjektiven 128% eingependelt, tropische Hitze animiert nicht zum Arbeiten, nur in unserem Schiff, in dem die Klimaanlage tagsüber durchgehend läuft, ist es trocken und kühl, welch ein Segen doch diesmal dieses klobige Klima-Ding ist, das wir da mitschleppen und bisher erst einmal in Italien verwendet haben. Eine Zwei-Segler-Klassen-Gesellschaft entsteht bei diesen Bedingungen: Die Bevorzugten sitzen tagsüber im klimatisierten Schiff, alle Luken geschlossen und machen einen entspannten Eindruck, den anderen rinnt der Schweiß in Strömen herunter und auf Ihren Schiffen gehen – je nach aktueller Regensituation – die Luken ständig auf und zu.

Wir packen auch unsere Räder wieder aus, auch diese werden gereinigt und geschmiert, und bevor wir sie wieder verpacken, machen wir einen Radausflug in den Nationalpark zum alten Fort, einem Welt-Kultur-Erbe. Bunte Landkrabben, Affen, Schlangen, riesige blaue Schmetterlinge, Alligatoren, jede Menge Vögel und Moskitos können wir hier sehen. Besonders die Moskitos und die Sandfliegen sind gar nicht scheu und kommen näher als uns lieb ist.

Termingerecht erledigen wir alles und dann – wird alles erledigt, bevor… kommt die KALI MERA in das Sommerlager an Land. Beim Kranen läuft leider nicht alles nach Plan, als wir den Motor – schon in den Gurten hängend – mit Frischwasser spülen wollen, da explodiert mit einem großen Krach im Motorraum der Vetus Wasser-Sammler. Die Spezialisten haben die Gurte genau über den Auspuff gelegt und diesen völlig verschlossen, ich muss das Teil ausbauen und den Motor noch einige Zeit mit Auspuff-in-die-Bilge laufen lassen damit alles freigespült ist. Dann heißt es Motorraum putzen um die Sauerei wieder zu entfernen. Letztendlich ist nicht viel passiert, den Wassersammler muss ich im Dezember tauschen, aber mehr dürfte nicht kaputtgegangen sein. Ist eine gute Gelegenheit gleich auch den Auspuff-Schlauch zu ersetzen, Schlauch und Wassersammler waren mir eh schon etwas suspekt.  Wir sind gespannt, ob die Versicherung der Marina das auch wirklich bezahlt, wir werden sehen.

Wir bauen noch den Luftentfeuchter ein, den wir gemietet haben und der dafür sorgen soll dassim Schiff trotz der extremen Umgebungsbedingungen der Schimmel keine Chance hat, und dann steigen wir ins Taxi nach Panama City – Städte (Stadt)-Urlaub vor dem Rückflug.

Nachdem wir Colon gesehen haben und auch sonst in der Karibik nicht unbedingt städte-bauliche Diamanten entdecken durften, fahren wir ohne besondere Erwartungen in die panamesische Hauptstadt – umso größer ist dann die Begeisterung, als wir durch dieses Juwel flanieren dürfen. Es ist eine hochmoderne Großstadt mit beeindruckenden Wolkenkratzern, eine stadt-planerische Meisterleistung ist auch das riesige Grün-und Erholungsareal an der Pazifik-Küste, die koloniale Altstadt ist wunderschön und wir können uns an der städtischen Schönheit gar nicht satt sehen. Wir fühlen uns wunderbar sicher in Panama City, der Großteil der Grünuniformierten jagt keine Verbrecher sondern Unkraut, wir sehen viel mehr Gärtner als Polizisten, welch ein Unterschied zu Colon (das übrigens jetzt sowieso „abgerissen“ und neu aufgebaut werde soll). Uns gefällt die entspannte Atmosphäre, die Synthese aus alt und modern, die lebenswerte Gestaltung. Panama City ist eine Stadt, in der wir uns für einige Zeit auch uns selbst vorstellen könnten.

Die Tage vergehen schnell, ein Highlight ist der tägliche Gang zum Mercado Pescadero, dort gibt es die besten Cevichevariationen, die wir jemals essen durften, hervorragende Qualität und günstige Preise. Dass man aus rohem Fisch, Zwiebeln und Zitronen so was köstliches zusammenmixen kann, das wundert mich immer noch.

Fast einen ganzen Tag verbringen wir an den Miraflores-Schleusen und bewundern die technische Meisterleistung, die schon seit über 100 Jahren den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Wir besuchen den großen grünen Nationalpark mitten in der Stadt,  sind weite Strecken zu Fuss unterwegs, fahren mit Bussen und der neuen U-Bahn und dann ist der Aufbruch zum Flughafen schon wieder da, es geht zurück nach Europa.

Panama lädt uns dazu ein, die bisherige Reise Revue passieren zu lassen und uns zu fragen, wie es weitergehen soll. Als es 2015 in der Türkei „Leinen los“ geheißen hat, da war es noch völlig offen, ob uns diese Form des Reisens auch das geben wird, was wir uns erhofft haben – nun sind wir vor dem Eingang zum Pazifik, ein Wendepunkt für viele Segler. Einmal durch  den Kanal – dann muss die Welt wohl fertig umsegelt werden, hier ist der letzte einigermaßen einfache Rückkehr-Punkt nach Europa. Ist man erst einmal im Pazifik, dann geht es nicht mehr nach Osten. Nächstes Jahr wollen wir noch die San Blas Inseln in Panama besuchen, aber 2019, da wollen wir den Sprung in den Pazifik wagen, es zieht uns weiter, zu viel gibt es noch zu entdecken. Aber es sind nicht die ausgetretenen Routen, die uns nun immer mehr interessieren, die Reviere abseits der klassischen Barfußroute, die haben es uns zwischenzeitlich angetan. So wie Providencia unser Reise-Herz viel mehr berührt hat als die Destinationen mit den großen Namen, den Traumstränden und den vielen Hotels,   so sind vielleicht auch im Pazifik unsere Traumdestinationen gar nicht die üblichen Hotspots – und wer weiß, vielleicht geht es auch für einige Zeit nach Norden, Richtung Kanada und Alaska, wir werden sehen. Jetzt sitzen auch wir einmal für einige Zeit auf dem Trockendock von Praxis und Büro, überholen unsere Reisekasse, genießen den europäischen Luxus und haben erst einmal Zeit zum Träumen und Planen …

Sobald die Kälte unsere Alpenrepublik wieder fest im Griff hat, Schnee und Eis, Glühwein und Christbäume überall um uns sein werden, da werden wir wieder das Salz auf den Strassen gegen das Salz im Wasser tauschen – spätestens dann melden wir uns hier wieder.

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Überfahrt nach Panama

Unsere Zeit auf Providencia neigt sich dem Ende zu. Wir haben kurzfristig beschlossen, Anfang Juni nach Österreich zurückzufliegen, um dort wieder für einige Zeit wertvolle Mitglieder der arbeitenden Gesellschaft zu werden, gilt es doch Reisebudget für den Pazifik zu organisieren. Die Flüge sind gebucht, am dritten Juni wollen wir in Panama City abheben, für die KALI MERA haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina bestellt, dort darf sie im Trockendock den panamesischen Sommer genießen und sich von den Strapazen der diesjährigen Etappe erholen.

Es sind zwar nur 260 sm von Providencia nach Colon, zum Eingang des Panama Kanals, dort ist unsere Ziel-Marina nämlich, aber die haben es wettertechnisch in sich.  Wir holen unterschiedliche Wetterberichte ein, wie wir es drehen und wenden, richtig zu passen scheint es nie, nicht einmal dann, wenn man voller Optimismus die guten Seiten der unterschiedlichen Berichte kombiniert und den Rest ignorierr. Viel Wind kommt aus Osten, in der zentralen Karibik bläst es ganz ordentlich und eine hohe Welle hat sich aufgebaut. Die ersten 150 sm gibt es Starkwindbedingungen, und das dummerweise schräg von vorne, danach soll der Wind plötzlich aufhören um einige Zeit später frontal auf uns loszugehen. Soweit man wettertechnisch voraus blicken kann wird sich daran nichts verbessern, nur die Form des Übels kann sich ändern, also brechen wir gemeinsam mit der Libertad, einer Amel Maramu, die wir schon seit Marokko immer wieder treffen, auf.  Dennis und Virginia sind auf der letzten Etappe ihrer Weltumsegelung und wollen diese in der Shelter Bay Marina abschließen. Es ist angenehm auf dieser Etappe ein „Buddy Boat“ zu haben, mit dem wir uns alle sechs Stunden über Funk (VHF und SSB) kurzschließen, checken dass alles in bester Ordnung ist („How is Virginia, still sea-sick? – Tadeja and I could not eat today, everything is fine“) und Positionsdaten austauschen.

Als wir aufbrechen das kachelt es am Ankerplatz, noch nie sind wir bei solchen Windbedingungen losgefahren. Was uns erwartet kann man dem Segler in einem Satz erklären: Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten.

Ein bisschen blumiger möchte ich es aber dennoch beschreiben, damit man sieht warum wir uns für „Am Wind Kurs, sieben Windstärken, durchschnittliche Wellenhöhe vier Meter, durchgängig Squalls und Gewitterfronten“ im Segeln nicht begeistern können. Die ganz und gar nicht durchschnittlichen Wellen sind riesig und auch noch unangenehm kurz und steil, nur eine Kreuzwelle bleibt uns Gottseidank diesmal erspart. An und für sich machen uns große Wellen schon lange nichts mehr aus, und Wind mit bis zu 30 Knoten ist auch kein Problem, wenn doch alles bloß von hinten kommen würde. Vor dem Wind, oder auch raumschot, da kann das dann durchaus recht spektakulär werden, aber es bleibt immer noch in gewisser Weise angenehm, aber gegenan, das müssen wir doch nicht wirklich haben. Es kracht und poltert, muss man dummerweise einmal aus dem Cockpit ins Schiff hinunterklettern dann wird man herumgeschossen wie eine Flipper-Kugel beim Rekordversuch, Essen kochen können wir vergessen, wir sind nicht einmal in der Lage das in weiser Voraussicht vorgekochte aufzuwärmen.  Wie gut, dass uns beiden ausreichend übel ist und wir eh gar nichts essen wollen.  Trotz der ungemütlichen Bedingungen schießen wir mit sieben bis acht Knoten dahin, manchmal sogar noch schneller. Wir haben Genua, Groß und Besan gesetzt, allerdings alles gut gerefft und die KALI MERA fühlt sich dabei wesentlich wohler als wir – sie steuert sich alleine und wenn wir nicht drauf wären dann würde sie halt ohne uns nach Panama fahren. Das wieder festgeschraubte Getriebe klopft nicht mehr und benimmt sich mustergültig, ein Stein fällt mir von Herzen. Der Wellengenerator ist damit wieder im Einsatz und wir haben Strom im Überfluss – damit können wir das Radar ständig mitlaufen lassen. Mit dem Radar schauen wir lange schon keinen anderen Schiffen mehr hinterher, sondern die Regenwolken vor uns, die beobachten wir, damit wir zwischen den schlimmsten Wolkentürmen „durchschlüpfen“ können. Nur keinen Blitzschlag und dann womöglich ohne Elektronik mit Koppelnavigation und von Hand steuern, – ein Alptraum.  Sicherheitshalber wandert das Ipad mit den elektronischen Seekarten und die Handfunke in den Backofen – nur dort ist das Zeug richtig sicher, außer man schaltet versehentlich den Ofen ein… . Manche Segler,  die schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel haben und deren Kurzzeitgedächtnis erfolgreich den Schritt in den Energiesparmodus geschafft hat, die hängen sich sicherheitshalber einen Zettel auf die Backofen-Tür. Das brauchen wir natürlich nicht, und der Zettel am Generator-Startknopf (NICHT einschalten, Seeventile zu…) hat natürlich andere Gründe, und das Ipad finde ich gerade nicht… .

Herausfordernd wird es dann in der stockdunklen Nacht, wenn man nichts mehr sieht als hin und wieder schwarze Wellenberge mit weißen Gischt-Brechern, wenn man sich auf keine heranrollenden Wellen einstellen kann, wenn es plötzlich steil nach oben geht, die KALI MERA wie ein Buckelwal aus dem Wasser springt um dann mit einem gewaltigen Krachen voller Freude wieder einzutauchen, und unser Magen erst wieder eine Beruhigungs-Sekunde braucht. Festgeklammert und gut verspreizt liegen wir auf den Bänken im Cockpit, und nach einer ersten Eingewöhnungsphase gibt es sogar im Salon auf der Bank einen Platz an dem wir uns „wohlfühlen“. Durch die starke Krängung liegt man in der Bank auf der Steuerboard-Seite ganz bequem, dort darf derjenige versuchen zu schlafen, der gerade nicht Dienst hat, einer ist immer im Cockpit und tut so als könnte er auf irgend etwas aufpassen. In solchen Momenten da fragt man sich dann schon warum wir uns das ganz freiwillig angetan haben, man könnte ja daheim auch gerade im Kino sitzen, oder in der Therme herumplanschen, oder auch nur einen Nachmittagsschlaf mit ein wenig leiser klassischer Musik im Hintergrund halten.

Wir wissen, dass das Schiff das aushält, wissen auch, dass wir das aushalten und wissen dummerweise auch, dass das einzige, was hilft, ist durchhalten, daliegen, festklammern, nichts essen, und genau so viel trinken dass wir ein Optimum zwischen verhinderter Dehydration und möglichst seltenem WC-Besuch erreichen. Irgendwann wird es wieder Tag, und da schaut es dann immer fröhlicher aus, wenn die Sonne durch die Wolken lacht und das Meer sich beruhigt, der Oberkellner das Frühstück ans Bett gebracht hat, die Vögel in den Masten trällern und der Computer nach einem Windows Update deutlich schneller und zuverlässiger geworden ist. – Auweh, eingeschlafen und geträumt, es wird zwar Tag aber es regnet, stürmt und gewittert.

Die Blitze an sich sind schon ein Naturschauspiel, das ich stundenlang anschauen könnte (und dummerweise auch muss), aber schöner wäre das unter dem festen Dach einer Hollywoodschaukel mit einem Bier in der Hand und einem Blitzableiter am Haus, heißa, wäre das ein Vergnügen. Aber hier tun die Blitze in den Augen weh, oft ist der halbe Himmel grellweiß erleuchtet, dann kann man super sehen, wie hoch die Wellen sind…

Wie lieben wir besonders bei schwierigen Bedingungen unser Schiff, den sicheren Platz im Mittelcockpit hinter dem festen Spritzschutz, das gutmütige und kontrollierbare Verhalten bei schwerer See, das einfache Rigg das einem nie abverlangt zu Manövern das Cockpit zu verlassen und die feste See Reling, die uns Sicherheit gibt – solange wir das Cockpit nicht verlassen, brauchen wir uns auch bei solch unangenehmen Bedingungen nicht angurten. Hin und wieder gischtet ein Brecher über das ganze Schiff und dann regnet es auch im Cockpit, aber nur sehr selten kommt wirklich ein Platscher Seewasser hinein, das natürlich genau dann, wenn wir uns gerade etwas aus der Deckung gewagt haben.

Wenn die mondlose Nacht die KALI MERA wie mit schwarzem Samt in völlige Dunkelheit einhüllt, dann beginnt die Gischt, die vom Bug hochgeschleudert wird, plötzlich wie 1000 Glühwürmchen zu leuchten, wir sausen durch ein Lichtermeer, ein Schauspiel, das die ganze Mühsal plötzlich vergessen lässt, die Welt dreht sich auf den Kopf und das Meer rund um uns wird zum Kosmos in dem Myriaden von Sterne kurz aufleuchten und wieder verglühen, wir sehen von oben  aus dem Urknall zu, nach dem Welten entstehen und vergehen (weniger pathetisch ausgedrückt: Es schaut aus als ob vor uns ein Container mit chinesischen Mikro-LED-Taschenlampen aufgeplatzt ist und wir durch die überall herumschwimmende Fracht durchsegeln).

In der zweiten Nacht lässt dann der Wind nach, der örtliche Windgott liebt anscheinend die Extreme und kurz danach ist fast Flaute, wir starten die Maschine (die Salzwasserpumpe vom Volvo, die mir bei der letzten Untersuchung in Providencia beteuert hat, dass ihr absolut nichts fehlt, tropft natürlich) und motorsegeln durch die stetig nachlassende (aber immer noch einige Meter hohe) Dünung weiter Richtung Panama. Langsam kommt Ruhe ins Schiff und in uns, Appetit regt sich, wir essen ein wenig und finden dann (abwechselnd) sogar richtigen Schlaf. Kurz vor Panama nehmen wir die Segel völlig weg, es wird noch ein gemütliches Ankommen hier in Mittelamerika.  Durch die riesigen Frachter, die vor dem Panama Kanal ankern, schlängeln wir uns durch, wir passieren den großen Wellenbrecher vor dem Kanal und biegen dann nach rechts in die Shelter Bay Marina ab. Schiff vertauen, Libertad begrüßen, Ankunftsbier trinken und schon ist alles Unangenehme vergessen und wir sind schon wieder sicher, dass uns auch „Gegenan-Segeln“ eigentlich gar nichts ausmacht.

Ein großer Abschnitt unserer Reise ist zu Ende, vom Mittelmeer über den Atlantik durch die gesamte Karibik, nun liegen wir direkt vor dem Eingang in den Pazifik. Wie oft habe ich mir beim Lesen von Reiseberichten den Panama Kanal vorgestellt, nun sind wir selbst genau hier, – wieder einmal ist ein langgehegter Traum Wirklichkeit geworden.

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Isla de Providencia

Ein großes Mysterium ist endlich geklärt. Das Paradies hat eine Fläche von 25 Quadratkilometer, 5.000 ständige Einwohner, 15.000 Touristen pro Jahr. Wenn man frisch im Paradies eintrifft, dann denkt man vielleicht, es handle sich um eine ganz normale Insel, ein kleines Eiland, wie wir schon so viele gesehen haben. Aber spätestens, wenn man bei Mr. Bush, dem Einklarierungs-Agent, der hier für die Segler so eine Art Petrus darstellt, sitzt und die „Offiziellen“ mit einem Lächeln und fröhlichem Gesicht nacheinander uns die Aufwartung machen, da merkt man, dass hier etwas anders ist.  Zum Hafenmeister gehen und Formulare ausfüllen? Nein, Formulare füllt Mr. Bush aus und der Hafenmeister kommt persönlich bei uns vorbei, um uns zu begrüßen. Wir erhalten auch noch einen vollständigen Cruising Guide für Kolumbien, ein Geschenk der Regierung an die Segler, und generell ist hier alles „no problem“.  Wie die Sicherheit hier am Ankerplatz ist? No problem! Ob man Geld abheben kann? No problem! Ob es Internet gibt? No problem! Kann man gut und günstig essen? No problem! Die Frage nach den 30 Jungfrauen, die verkneife ich mir…

Der Ankerplatz ist riesig und geschützt, wir liegen auf 5m Wassertiefe über Sandgrund, unter uns liegen Seesterne und schauen uns interessiert an. Das Wasser ist wunderbar warm, eine riesige Badewanne.

Providencia ist klein, so klein dass man in 2-3 Stunden gemütlich mit dem Rad rund herum fahren kann, es gibt eine (gute) Straße, ein paar Dörfer zwischendurch, wunderbare Strände und ein riesiges Ringriff (angeblich das zweit-größte der Welt), das wunderbaren Schutz gibt. Der Tourismus ist sanft, einige junge Leute die auf Weltreise sind, ein paar Segler, es gibt hübsche Apartments und Herbergen, wunderbare einfache Restaurants direkt am Strand, einen schönen kleinen Vulkan zum Besteigen, günstige Scooter-Vermietung, freundliche Menschen, es gibt alles was man braucht aber auch nicht mehr.

Wir mieten einen Scooter, als ich den Führerschein herzeigen möchte werde ich seltsam angeschaut. Führerschein? Braucht man nicht. Vertrag? Braucht man nicht. Ausweis? Nicht nötig. Auftanken? Braucht man nicht. Ist eh genug Benzin drinnen und nachtanken ist nicht nötig. Wenn zum Zurückgeben niemand da ist dann im Supermarkt den Schlüssel abgeben. No problem! Und das um 12 Euro.

Die Dörfer und Häuser sind gepflegt, Luxus findet man hier keinen, aber es ist nicht desolat wie die Infrastruktur auf so vielen anderen Inseln in der Karibik, mich erinnert vieles spontan an das Griechenland von früher. Fischessen in der Taverne am Strand ist ein vorzügliches und sehr preiswertes Vergnügen, ein gebratener Fisch mit allen Beilagen kostet ca. 6 eur, das kolumbianische Bier dazu nochmals 1,5 eur. Die Hängematte am Strand ist kostenlos. Hier lässt es sich aushalten. Sehr lange aushalten.

Isla de Providencia ist bekannt für seine Pferderennen und die großartigen Tauchspots, beides steht bei uns am Programm. Am Samstag gibt es in der riesigen Bucht im Süden am Sandstrand einen Wettlauf zwischen dem Champion und seinem Herausforderer, in rasendem Tempo galoppieren die wunderschönen Pferde den Strand entlang, die Jockeys ohne Sattel und nur mit Badehose und Socken, das Rennen ein Volksfest. Nach dem Zieleinlauf geht es hoch her, es wurde auf Teufel komm raus gewettet und jetzt wird mit viel Emotion abgerechnet.

Jeden zweiten Tag gehen wir Tauchen, das ist hier – wie alles – leistbar, wir werden (sehr komfortabel) in der Früh von der KALI MERA abgeholt und nach den zwei Tauchgängen am Nachmittag wieder „daheim“ abgeliefert. Die Tauchguides sind kompetent und liebenswürdig. Am Vormittag gibt es einen „Wall-Dive“, es geht die Riffkante hinunter in die Tiefe, wir tauchen durch unterirdische Canyons, um uns kreisen die Haie und kommen so nahe, dass wir sie berühren könnten.  Am Nachmittag gibt es dann Spazierentauchen durch den Korallengarten auf nur fünf bis zehn Metern Wassertiefe, wir tauchen durch Fischschwärme, sehen jede Menge Langusten, Rochen, große Krebse, Muränen, bunte Rifffische und ganze Wälder aus Korallen. Es ist eine wunderbare Zauberwelt, die wir betreten dürfen, schwerelos gleiten wir durch ein stilles und intaktes Paradies.

Wir besteigen den Peak, etwas über 300 Meter Seehöhe und dennoch ein richtiger Berg mit fantastischen Rundumblick über die ganze Insel. Im Regenwald musiziert ein riesiges Orchester aus Bongos und Flöten, die musikalischsten Frösche, die wir je erleben durften, werden von den Vögeln begleitet. Blitzblaue Eidechsen huschen über den Weg und die eine oder andere der großen Landkrabben, die zu tausenden in Kürze von den Bergen zur Eiablage zum Meer krabbeln werden, können wir schon sehen.

Die Zeit vergeht im Flug, normalerweise zieht es uns spätestens nach zwei Wochen wieder weiter, nur hier wollen wir nicht weg, da ist es ja richtig gut, dass das Wetter auch nicht zur Weiterfahrt nach Panama einlädt, also heißt es weiter hier ausharren, im Paradies ?

 

 

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Überfahrt Isla Providencia

Nach Panama sind es von der Bloody Bay aus knapp 600 Seemeilen, und weil das westkaribische Meer ganz schön rauh sein kann haben die praktischen Kolumbianer als Zwischenstop für die ermüdeten Segler mittenhinein eine Insel hingebaut, die Isla Providencia.  Dieses exotische Eiland, diesmal wirklich „abseits der ausgetretenen Pfade“, Piraten-Schlupfloch, immer noch vom „Morgans Head“, dem steinernen Kopf des Captain Morgan bewacht und (vielleicht deswegen) von der Touristenplage noch nicht heimgesucht, ist unser nächstes Ziel.

360 Seemeilen haben wir vor uns, wir kalkulieren vorsichtig mit einem Etmal von 120 Meilen und brechen um 1300 auf, da haben wir dann nach vorne und hinten ausreichend Puffer, ein Einlaufen bei Dunkelheit wollen wir bei den ganzen Riffs nicht riskieren (und wer sich hier auf die Seekarten verlässt der wird ganz schnell eine Markierung auf ebendieser).  Vor der Abfahrt gehe ich noch einmal schwimmen und denke dabei, dass wir in der ganzen Saison noch keine einzige „Panne“ hatten, völlig abnormal bei einem Segelboot. So was soll man nie aussprechen oder auch nur denken wenn man nicht sofort auf Holz klopfen kann, aber es ist halt passiert. Und als wir dann, umzingelt von den Nachmittagsgewittern, den Anker holen und aus der Bucht motoren, da fällt mir ein untypisches Klopfen auf. So ein Segelboot macht ja die absonderlichsten Geräusche, es knarrt, knirscht, summt, quietscht, klopft und was weiß ich noch was auch immer, aber wenn plötzlich etwas anders ist dann fällt das sofort auf, auch wenn es nur eine kleine neue Stimme im Schiffsorchester ist. Und es ist keine hübsche Stimme, das Getriebe klopft im Leerlauf, ein unangenehmes metallisches Knirsch-Klopfen, eine Kakophonie im sonst so vertrauten Wohlklang. Ich klettere in dem Motorraum, baue den Wellengenerator ab um herauszufinden woher das Geräusch kommt, und es klopft eindeutig beim Wendegetriebe. Unter Last scheint es weniger Lärm zu machen, aber dennoch bleibt der Motor sicherheitshalber aus und das Getriebe im Retourgang fixiert. Was sich nicht bewegen kann das klopft auch nicht. Wir sind ein Segelboot und werden auch ohne Maschine nach Panama kommen, dummerweise funktioniert halt bei festgeklemmter Welle auch der Wellengenerator nicht mehr und wir müssen das erste Mal beim Segeln auf unseren Energieverbrauch achten.  Noch sind sind wir im Lee von Jamaica, und nachdem das erste Gewitter über uns hinweggebraust ist dümpeln wir in der Flaute und die Strömung setzt uns langsam nach Norden, obwohl wir in den Süden wollen. Aber als zwischenzeitlich reines Segelboot müssen wir damit zurechtkommen und irgendwie schaffen wir es aus der Windabdeckung hinaus in den Passat. Äolus ist uns wohlgesonnen, voll besegelt ziehen wir schnell auf halben Wind nach Süden, der Seegang ist mäßig und das Schiff hat viel Bewegung. Uns ist beiden schlecht, wir haben Kopfschmerzen und drei Tage lang schaffen wir es fast nicht das Cockpit zu verlassen. Im Schiff drinnen ist es heiß und es schaukelt erbärmlich und das tut uns gar nicht gut. Am ersten Tag essen wir noch vorgekochtes, dann ist es aus mit dem Völlern, ich verweigere die Nahrungsaufnahme und beginne spontan eine lange geplante Fastenkur, Tadeja nascht noch etwas von unseren Vorräten, hält sich aber auch sehr zurück. Es werden keine angenehmen 68 Stunden, erst am vierten Morgen da wird es besser. Haben wir uns irgendeinen Virus eingefangen oder ist es Seekrankheit? Noch nie waren wir so außer Gefecht an Board. Anfangs angeln wir noch, zuerst reißt uns ein riesiger silberner Fisch den Köder ab, dann bleibt eine wunderschöne intensiv leuchtende Dorade dran, kurz darauf beißen noch zwei gleichzeitig und dann lassen wir das Fischen auch schon wieder sein – das Gefrierfach ist voll und essen können wir derzeit eh nichts, wir liegen nun wieder im Cockpit…

Vom Wetter her haben wir Glück, konstanter Ostwind lässt uns weitgehend ohne Segelmanöver vorankommen, manchmal etwas reffen wenn der Wind zulegt oder ein Squall in der Nähe vorbeizieht, aber die Gewittertürme sorgen zwar für Unterhaltung, weichen uns aber immer gerade rechtzeitig aus. Wäre uns nicht so übel es wäre wunderbares Segeln.

Die See ist hier tückisch, viele Riffs und Sandbänke haben das Meer zu einem riesigen Schiffsfriedhof gemacht, um sicher durchzukommen halten wir uns genau an die Wegpunkte aus Jimmy Cornells „Segelrouten der Welt“. Auf der Höhe von Honduras schalten wir unseren AIS Sender aus und fahren ohne Positionslichter, mehrere Piratenüberfälle auf Yachten hat es heuer hier schon gegeben, und die kritischen Stellen passieren wir „unsichtbar“ in der Nacht. Wir sehen keine Yacht und auch keine Fischer, nur große Frachter die ebenso wie wir die Route zwischen den Bänken nehmen. Radar-Alarme, die wir haben, entpuppen sich fast alle als Squalls, starke lokale Regengüsse die ein gutes Radarecho abgeben, Piraten bewirtschaften dieses Gebiet gerade nicht.  Weiter im Süden, vor Nicaragua, da schalten wir den AIS Sender wieder ein und sind ordentlich befeuert, damit uns die Frachter als Segelboot erkennen und uns ausweichen.

Am vierten Tag sind wir schon fast wieder genesen und pünktlich zur Mittagszeit fällt dann in der großen ruhigen Bucht von Providencia der Anker, wir klarieren in Kolumbien ein, freuen uns über die schönen ersten Eindrücke und die günstigen Preise im Supermarkt, die Testbiere werden gekauft (eines von jeder Sorte einheimischer Biere damit man weiss was man später dann bunkern muss, nie wieder wird uns das schreckliche Missgeschick passieren wie auf Martinique, als ich das billigste im Angebot gleich in einer großen Palette gekauft habe und es dann nicht trinken konnte weil es so grausam schmeckte, Tantulasqualen erleidet man da wenn man einen riesigen Bierdurst hat, die Vorräte voll sind aber immer wenn man hingreift der Durst sofort wieder verschwindet), danach das erste Doradenfilet verspeist, als Draufgabe schauen wir uns einen Film an und fallen in die Koje in tiefen Schlaf…

Heute vormittag habe ich dann symbolisch den Blaumann angezogen, die große Werkzeugkiste gepackt und bin in den Motorraum umgesiedelt. Da haben sich doch glatt bei der Kupplung zwischen Getriebe und Welle alle vier Schrauben gelockert (bei der Vetus Flexible coupling hatte ich letztes Jahr in Martinique die Gummis tauschen lassen), etwas Spiel und Krachen war die Folge. Alles festgezogen, Krachen weg, ob alles wieder einwandfrei funktioniert werden wir erst beim Weitersegeln sehen, vorerst schaut es einmal gut aus…

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