Tenacatita Reloaded

Die mexikanische Pazifik-Küste ist eher ein Revier für Big-Game-Fischer, Power-Boat-Machos, Shrimps-Trawler und pensionierte Boots-Camper, aber nicht für Segler. Der Nordwest Wind weht praktisch ausschließlich parallel zur Küste, damit gibt es nur Vorwind oder direkt-auf-die Nase-Kurse, eine Strömung von 1-2 Knoten hat man immer gegen sich, ganz egal in welche Richtung man will, das ist wohl ein von Murhpy erfundenes Naturgesetz (wie der Gegenwind beim Radfahren). Windstärke üblicherweise 6 – 15 Knoten, die 6 Knoten natürlich dann, wenn man nach Süden unterwegs ist, die 15 Knoten von vorne, wenn man wieder zurück will. In drei Worten: nix zum Segeln! Daher verwenden die Mexiko-Segler keine Segel sondern den Motor, oder es wird gleich über Wochen oder Monate in einer Bucht geankert um jede Schiffs-Bewegung zu vermeiden.

Wir dagegen wollen segeln, müde des „motorens“ haben wir in Punta Mita auf eine durchziehende Front gewartet, die uns dann mit Starkwind bis zu 30 Knoten und einer ekelhaft steilen kurzen Welle die 130 Meilen nach Tenacatita unter Segel heruntergeschüttelt hat. Knapp sieben Knoten Fahrt durchs Wasser und dennoch nicht einmal fünf Knoten über Grund, natürlich Strömung gegen Wind und uns. Aber immerhin – ohne Diesel. Und belohnt werden wir dann wieder durch die Schönheit der Bucht Tenacatita, den friedlichen und ruhigen Ankerplatz, die Buckelwale, die uns am Eingang der Bucht erwarten, die Delphinfamilie, die jeden Vormittag um die ankernden Boote spielt, die Rochen mit ihren Luftsprüngen, den traumhaften Sandstrand, und endlich die Möglichkeit wieder die Seele baumeln zu lassen und unsere inneren Batterien, denen das Jahr 2020 wie so vielen auch ordentlich zugesetzt hatte, wieder einmal richtig aufzuladen.

Wir sind hier das einzige europäische Boot, alles ist fest in nordamerikanischer Hand. Die kanadischen „Snowbirds“, so werden die Pensionisten genannt, die aus dem Winter nach Mexiko in die Sonne fliegen und Rentner aus den USA verbringen hier die „kalte Jahreszeit“, der Altersdurchschnitt der Crews muss auf die 70 zugehen, eine ganz eigene Community hat sich hier entwickelt. In den wenigen geschützten Ankerplätzen sind nautische Schrebergärten entstanden, in der Früh wird mit der täglichen Funkrunde der Tag gestartet, Neuankömmlinge werden begrüßt, der Wetterbericht ausgetauscht, seine „Treasures of the Bilge“ versucht man zu verramschen, und dann werden gemeinsame Ausflüge mit dem Dinghi zum Strand organisiert, um bei Risikosportarten wie Boccia nervenzerfetzende Tourniere abzuhalten. Dinghis flitzen zwischen den Booten hin und her, American-Coffe-Kränzchen finden statt, und in diesem Schrebergarten Tenacatita, mitten drinnen in dem Abenteuerspielplatz der Snowbirds, da schwimmt auch die KALI MERA gut gelaunt und dreht sich zwei mal am Tag mit den Gezeiten langsam um ihren Anker, und wir auf ihr (und nicht am Strand beim „boccie ball“, weil unser tägliches familiäres „Schnapsen-Tournier“ ist uns schon genügend Aufregung und Social Activity).

Die Zeit vergeht schnell, ich habe ausreichend Material für „Boots-Projekte“ mitgenommen und so wird nun gesägt und gebohrt, verkabelt, geschraubt, installiert und konfiguriert, und auch ein wenig repariert. Neue Instrumente, raffinierte indirekte Beleuchtung im Salon, Umbau der Installation des Wassermachers, neue schwarz glänzende Acrylplatten hinter den Navigationsgeräten, viele kleine Verbesserungen und „Verschönerungen“. Unsere nun schon 26 Jahre alte Dame hat die 11 Monate Stehzeit gut überstanden, es hat auf Anhieb fast alles funktioniert, nur die Frischwasser-Pumpe und ein Motorlüfter haben den Geist aufgegeben, Ersatzteile waren aber Gottseidank an Board, jetzt läuft wieder alles, – oder fast alles: Das AIS hat sich in der langen Stehzeit so ans alleine sein gewöhnt, – es sendet zwar, sobald man es aber ins Netzwerk hängt sind alle Raymarine Geräte nicht mehr erreichbar. Vielleicht übt es „Social Distancing“? Soll es halt alleine bleiben, wir haben eine Ersatzlösung über das Funkgerät. Mir macht das „Herumwerkeln“ am Boot ungeheure Freude, schon das Organisieren der ganzen Teile daheim, das Planen und dann auch die Einbauten, die handwerkliche Arbeit, die Erfolgserlebnisse wenn etwas funktioniert und besser oder schöner wurde, ein wunderbarer Ausgleich zur ständigen Bildschirmarbeit daheim. Apropos Arbeit: Auch unser Job hat uns nun wieder, die nächsten vier Wochen sind wir webex-, zoom- und whatsapp-sei-Dank beide wieder halbtags im Dienst, die Zeitdifferenz ist da eine gewisse Herausforderung, aber an Nachtwachen sind wir ja gewöhnt, und unsere Arbeit mögen wir!

Die restliche Zeit verbringen wir mit Spazieren gehen, Kochen, und vor allem Lesen. Ich trau es mich fast nicht sagen, aber ich habe mich nach nunmehr 40 Jahren Abstinenz wieder auf die dicken Perry Rhodan Sammelbände gestürzt (in einem Anfall von „Gehirnfasten“) und in den letzten Tagen die ersten sechs davon gelesen (ca 20 habe ich noch vor mir…). Großartig, am meisten Freude machen mir die Stellen, in denen die nur Armbanduhr-großen Mikro-Funkgeräte verwendet werden (Wunderdinge der extraterranischen Mikromechaniker), oder wenn das allmächtige Positronen-Gehirn auf der Venus mit Informationen auf Plastikkarten gefüttert wird, oder wenn die Videophon-Konversationen auf Bänder aufgezeichnet werden um dann mit Funk in den Hyperraum übermittelt zu werden, vorher müssen jedoch die Röhren der Verstärker warm laufen…

Im Gegensatz zum letzten Jahr ist das Meer heuer kalt, knapp über 20 Grad hat es nur, und durch eine Algenblüte ist es auch trüb, also kein Schnorcheln oder Tauchen, leider. An manchen Tagen haben wir sogar eine sogenannte „Red-Tide“, da nehmen die Algen so überhand, dass sich das Meer blutrot färbt, keine Einladung zum Schwimmen! Dafür ist die Szenerie in der Nacht umso eindrucksvoller, fluoreszierende Delphine leuchten im dunklen Wasser und ziehen eine langen funkelnden Kometenschweif hinter sich her wenn sie in der Nacht um das Boot zischen, leuchtende Spiralen im Wasser, ein unwirklicher Anblick, könnte auch in einer von Perry Rhodans fremden Welt spielen.

In der Hoffnung auf ein Meer ohne Algen machen wir einen Abstecher in die 30 Meilen nördlich gelegene Bucht Chamela, dort ist das Wasser aber so intensiv rot, als ob Familie „Weißer Hai“ gerade gemeinsam mit den vielen Badegästen einen weihnachtlichen Festschmaus abgehalten hätte, wir ziehen den Parasailer hoch und lassen uns von dem riesigen Leichtwindsegel und der sanften Brise wieder zurück in die Tenacatita schieben. Hier bleiben wir nun, die paar Algen hin oder her, es ist wunderschön.

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Mexiko hat uns wieder

Das Flugzeug berührt mexikanischen Boden. Ein bisschen fühlt es sich als wären wir aus dem Gefängnis in die Freiheit entkommen. Und irgendwie auch, als wären wir wieder nach Hause gekommen. Wir wissen sofort, wo wir Geld abheben können, wie wir zum Mietauto kommen und unsere Telefonkarten aktivieren können.

Wieder da. Mein Herz weitet sich vor Freude, die Intensität der Farbkontraste beflügelt mich, die Klänge des ‚Español‘ fangen mich ein, und wieder einmal tauche ich ein in dieses Land, deren Menschen, Kulturen, Natur mich über und unter Wasser immer wieder fasziniert, mir in ihrer Fremdheit irgendwie auch vertraut ist.

Corona hat auch vor México nicht Halt gemacht. Doch geht man hier ganz anders damit um und – und wie wir bald feststellen werden – keinesfalls überall im Land gleich. Wären nicht auch hier die Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten, könnte man stellenweise meinen, es ist alles wie immer.

Es gibt hier keinen Lock Down, es scheint auch keine strikten Vorschriften zu geben, aber schon an unserer ersten Zwischenstation sind wir nicht nur wegen der Schmetterlinge angenehm überrascht – von nahezu allen werden ganz selbstverständlich Masken getragen und verstärkte Hygienemaßnahmen eingehalten.

Wir befinden uns auf 3000 m Seehöhe, in der Heimat der Monarchfalter. Jahr für Jahr kehren sie hierher zurück, um sich zu versammeln, zu paaren und eine neue Generation ins Leben zu rufen. Deren Kinder und danach ihre Enkel werden in zwei Etappen zurück bis nach Canada fliegen, wo sie noch nie gewesen waren. Von dort aus bricht die dritte Generation wieder auf in den Süden, die ganze lange Strecke ohne Unterbrechung, weshalb sie die Methusalems genannt werden – so weit fliegen nur sie und haben auch die längste Lebenszeit. Das einzige, wonach sie sich orientieren, ist der Geruch der Pheromone, die ihre Urururahnen versprüht haben, und die ihnen untrüglich den Weg in die Zypressenzweige des mexikanischen Hochlandes weisen. Dort lassen sie sich millionenfach nieder, beschweren die nackten Zweige mit den spärlichen Nadeln, an denen sie sich in dicken Trauben festklammern, nach der langen Reise die bunten Flügel schließen und Blättern gleich in Schlaf versinken. So warten sie darauf, dass die Sonne die Nebelwolken vertreibt, ihre Körper erwärmt und sie aus ihren Träumen erweckt. Dann erheben sie sich in Scharen zum werbenden Flug und verwandeln das mehrere Hektar umfassende Gebiet durch ihr orange flimmerndes Flattern in einen märchenhaften Zauberwald.

Die bunten Falter bedeuten für viele Menschen während der Monate November bis April ein gutes Zusatzeinkommen. „Wir sind ‚obreros‘, Arbeiter aus den umliegenden Dörfern, und führen in unserer Freizeit die Besucher zu Fuß oder zu Pferd steil den Berg hinauf, um sie an diesem Naturwunder teilhaben zu lassen“, erzählt mir mein Pferdeführer. Diesmal bekamen sie wegen Corona erst spät grünes Licht von der Regierung. Vorher mussten alle Maßnahmen getroffen werden – im gesamten Besucherbereich Maskenpflicht, getrennte Wege beim Auf- und Abstieg, am Eingang wird Fieber gemessen und Desinfektionsmittel gereicht. Doch anders als bei uns verschwinden die Menschen nicht angstvoll und misstrauisch hinter ihrem bedeckten Gesicht, im Gegenteil, sie scheinen ihre Fröhlichkeit und Freimütigkeit nicht verloren zu haben und so werden sogar die notwendigen Hygienemaßnahmen zu einer persönlichen Interaktion, die sich weniger isolierend und entmenschlicht, dennoch aber sicher anfühlt. Die Krise hat die Mexikaner erfinderisch gemacht.

All das hilft schnell in der Gegenwart anzukommen und die Enge der letzten Monate abzuschütteln.

Doch schon bald sollten wir erneut überrascht werden. Um Patzquaro, eine alte Kolonialstadt im Hochland zu besuchen, entscheiden wir uns für die Route abseits der ‚cuota‘, der mautpflichtigen Autostrada. Dadurch sehen wir mehr von der Gegend und sind mehr auf Tuchfühlung mit dem Land. Farben, Stimmungen und Landschaften, dazwischen eingestreut die indigen geprägten verwinkelten Dörfer, durch die wir uns kreuz und quer den Weg suchen, hinterlassen unauslöschliche Bilder. Die Gegensätzlichkeiten könnten größer nicht sein – halbfertige Häuser, der Putz verblichen und abgefallen oder gar nicht erst vorhanden, fehlende Dächer, große Sandberge, die die halbe Fahrbahn versperren und in die Männer ihre Schaufeln treiben, kleine Läden ohne Tür, vereinzelte Marktstände am Gehsteig, alte Frauen, die nur zwei oder drei Gemüsesorten darbieten, Mopeds, die sich zwischen den Menschen hindurchschlängeln, Reiter im Arbeitssattel, Hühner hinter schiefen Bretterzäunen, Jugendliche, die trotz Verkehr sorglos mitten auf der Straße gehen, mittendrin eine überdimensional erscheinende, festlich geschmückte Kirche – eine Mischung aus christlichen Symbolen, Kitsch und den Überbleibseln der indigenen Kultur – Lebendigkeit und Geschäftigkeit beherrschen das Straßenbild. Alles wirkt selbstverständlich und irgendwie normal. Und dann fällt es uns auf – niemand, wirklich niemand trägt hier eine Maske! Es bleibt uns verborgen, warum manche Ortschaften keine Vorkehrungen gegen das Virus treffen und manche penibel darauf achten, dass sie eingehalten werden. Mehrfach versuche ich die Eindrücke fotografisch festzuhalten, doch letztendlich lasse ich den Wunsch, alles vermitteln und teilen zu wollen, fallen – das Erleben bleibt nun einmal uns allein.

In Patzquaro setzt man wieder auf Maskenpflicht, und beim Eingang ins Hotel müssen wir sogar unsere Schuhe über einen speziell präparierten und in den Boden eingelassenen Fußabstreifer desinfizieren. Vom kleinen Balkon unseres Zimmers, das originalgetreu im alten Kolonialstil gestaltet ist, überblicken wir den großen Zokalo, den quadratischen Hauptplatz, der wie alle ihn umgebenden Gebäude über 500 Jahre zählt. Er ist aufwendig weihnachtlich gestaltet, und um ihn besichtigen zu können, wurde eine Art Einbahnsystem errichtet, mit Eingang (Desinfektionsgel inklusive), Ausgang und Absperrungen – und dennoch schien es der Stimmung keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil, Familien, Paare, kleinere Grüppchen und Einzelgänger spazieren im friedlichen Müßiggang durch den überlebensgroßen Figurenwald, der gleichzeitig von der Geburt Jesu, der Geschichte der Stadt und den alten Traditionen erzählt, ein wunderbares Spiegelbild dafür, wie sich Kulturen, Religionen und Traditionen zu etwas Neuem vermengt haben. Zwei Lichtertunnel zeugen davon, dass man auch durch Einsatz moderner Technik für Stimmung zu sorgen weiß.  Alles, um wieder wie als Kind das Land der Phantasie betreten zu können, große Augen zu machen und sich zu freuen! Einzigartiges Mexico!

Es liegen immer noch 800 km zwischen uns und unserem Schiff. Um die Reise angenehm zu gestalten, wollen wir auf halber Strecke eine Pyramidenstätte besuchen, die wegen Montag dann leider geschlossen war. Solche Stätten liegen meist weit abseits der Zivilisation, und es ist schwer, eine Unterkunft in der Nähe zu finden. Nachdem Herbert schon aufgegeben hatte, wurde ich fündig – nicht ohne einen Beigeschmack von ungläubigem Zweifel (ich bin für Fehlgriffe bei der Herbergssuche bekannt…)! Ja, irgendwann endete die Straße, wir waren da, irgendwo zwischen grauen Häuserfassaden, die vielleicht einmal ein nettes buntes Städtchen gewesen waren – aber wo konnte das so prächtig beworbene Hotel an diesem Ende der Welt sein?! Aussteigen, suchen gehen. Ich biege um die Ecke und stehe plötzlich auf einem reizenden Platz, mit Springbrunnen in der Mitte, einer Kirche mit breit gestalteter Front und einer uralten herrschaftlichen Finca – unserem Hotel! Ich atme auf! Um ein weiteres Eck finden wir noch herrliche Tacos – sonst gibt es dort nichts – und nachdem wir uns eine Nacht und einen Morgen lang als scheinbar einzige Gäste wie Großgrundbesitzer fühlen dürfen, geht es auf direktem Weg zur Kali Mera.

Wir finden sie vor wie wir sie verlassen haben, machen sie in drei Tagen flott zum Ablegen, verbringen nach einem negativen Corona Selbsttest noch Weihnachten mit Freunden und Thunfisch an Bord, warten auf die richtige Tide und bis der Seegang nachlässt, einen Tag ist die Ausfahrt durch die hohen Wellen nicht passierbar, doch dann steht unserem Ablegen nichts mehr im Wege.

Unter mir schaukelt sanft die Kalimera und schon halte ich Ausschau nach den Walen … wir werden sie auf Ihrer Wanderroute  300 sm weiter in den Süden begleiten. Um diese Zeit kommen sie aus Alaska hierher, um ihre gewaltigen Paarungsrituale zu vollführen und ihre Jungen zur Welt zu bringen.

Ich kenne ihren Blas schon, und mehrmals erblicken wir ihre schwarzen Buckel, wenn sie sich geräuschvoll aus dem Meer wälzen um Luft auszublasen und einzuatmen. Mal weiter weg, mal näher, mal mehrere, dann wieder vereinzelt. Delphine kommen in großen Schulen, um mit der Kali Mera zu spielen, auf der Bugwelle zu reiten und unter dem Schiff hindurchzutauchen, ihre Jungen springen in hohen kurzen Bögen ganz aus dem Wasser – das müssen sie noch üben! Für uns willkommene Abwechslung und Vergnügen!

Auf halber Strecke liegt die Bucht Banderas Bay mit den ihr vorgelagerten Islas Mariettas. Das ist DER Hotspot für Wale! Sie sind rund um uns! Wie wundervoll! Doch da – hier vorne – da hat sich doch einer in den Netzen verfangen! Wir fahren näher heran. Zwei Bojen schwimmen über ihm, Leinen umwickeln seinen Körper und mühsam stößt er alle paar Minuten die Luft aus. Zwei andere Wale schwimmen um ihn herum und wirken aufgeregt. Schnell verständigen wir über Funk die zuständige Stelle, die sich erst nach mehrmaligem Versuchen meldet. Entsetzt müssen wir hören, dass das Walrettungsboot erst am nächsten Morgen losfahren kann, denn es ist schon Abend und Puerto Vallarta zu weit weg. Aus Angst, er könnte unter der Last der um ihn umwickelten und nachgeschleppten Netze ertrinken, winken wir Walbeobachtungsboote heran, und erfahren dann, dass der Wal schon seit einem Monat gesucht wird und von Parasiten befallen ist – er wurde damals bei Cabo San Luca, der Südspitze der Baja California gesichtet – das ist 1000 sm weiter nördlich! Der Ärmste ist schon seit mindestens einem Monat gefangen – unser Positionsbericht dürfte geholfen haben, denn am nächsten Morgen hören wir über das HVF die Nachricht, dass der Wal von den Netzen befreit werden konnte! Wir sind sehr erleichtert!

Sobald wir nach der langen Überfahrt – Tag-Nacht-Tag – wieder ausgeschlafen sind, statten wir den Walen einen neuen Besuch ab. Wir müssen auch gar nicht weit fahren – unter ihrem Blasen und Fauchen recken sie ihre warzigen Köpfe aus dem Wasser, riesige Rücken rollen durch die Gischt, die sie aufwirbeln, schlagen elegant mit der Schwanzflosse auf und wenn sie untertauchen, bleibt eine große runde völlig glatte Fläche zurück. Unser Adrenalinspiegel schlägt kurz einen Purzelbaum, als einer direkt auf uns zu schwimmt, sich direkt vor unserem Bug hoch aufwölbt um im nächsten Augenblick unter unserem Schiff in der Tiefe zu verschwinden! Wie aufregend! Die drei Tiere entscheiden sich, eine große Runde durch die ganze Bucht zu drehen und wir können ihnen über zwei Stunden bis zur Dämmerung aus nächster Nähe zuschauen. Ein letztes synchrones Abschiedswinken mit ihrer schwingenden Schwanzflosse, über die sich das Wasser wie ein glitzernder Wasserfall zurück ins Meer ergießt, und sie ziehen ihrer Wege. Diese intensiven Eindrücke werden sich für immer in uns einprägen.

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EIN NEUES STÜCK MEXIKO

Ein paar Tage bleiben uns noch. Ein schneller Wechsel der Elemente, vom Wasser in die Lüfte und schon wieder festen Boden unter den Füßen. Vom Flughafen Mexiko Citys schlängeln wir uns mit dem Mietauto durch den Verkehr und über Kreuzungen, von denen man glauben könnte, sie niemals heil überqueren zu können, auf die Schnellstraße nach Puebla, einer den schönsten Kolonialstädte Mexikos.

Da waren wir schon mal, vor fast genau neun Jahren. Damals haben wir die Route über den Vulkan Popocatepetl genommen, bis hinauf auf 3600 Meter, sein majestätisches Haupt trägt er fast 5500 m hoch, nebelverschleiert und von eisigem Wind umweht. Etwas von seiner Vulkanasche habe ich zu Hause in einem Glas verwahrt. Eigentlich gab es damals auf der anderen Seite keinen Weg hinunter, ja, eine holprigen Staubstraße würde es schon geben, da hinten vorbei, die Bodenplatte müsste hoch genug sein, meinte ein Stationswärter, nachdem er unser Auto gemustert hatte. Vom Umkehren halten wir ja nicht viel … hätten wir gewusst, wie der Weg aussieht, hätten wir es wahrscheinlich getan. So ist er uns in waghalsigen Kurven, steil abfallend, mit seinen Steinen, riesigen Schlaglöchern, Furchen und schlammigen Wasserbetten und einem Schmunzeln auf den Lippen unvergesslich in Erinnerung geblieben. Und so hat die Liebe zu diesem Land begonnen.

Heute, 9 Jahre später, lassen wir uns wieder von den warmen Farben in rot, grün, blau, lila, gelb, orange und allen Tönen dazwischen verzaubern, uns durch die Gassen von Puebla treiben, in denen es nach kalter Luft und Rauch, nach Churros und Tacos riecht, wo die Fassaden mit Talavera-Fliesen und schmiedeeisernen Fenstersimsen verziert sind und urige Kaffeehäuser ihre duftenden Fangarme nach uns austrecken.  Wir schlafen in einem Haus, das 1640 zu einem Nonnenkloster gehörte und vor vier Jahren von seinem neuen Besitzer, einem Architekten, zum Hotel umgewidmet wurde – ein Kleinod voller Sammlerstücke, mit Holztramdecken, verzierten Bodenfliesen, einer alten Holzbar in graublau, an den Wänden alte Werbeschilder und Tabletts aus Metall, verbeulte Blasinstrumente und bunte Flaschen. Zum Sonnenaufgang klettere ich zitternd vor Kälte auf die Terrasse, ich will den Popokatepetl in der Morgensonne sehen – vor zwei Wochen hat er Feuer gespien, jetzt sieht man ab und zu noch Rauchsäulen aufsteigen! Wir sind nicht weit vom arkadengesäumten Zokalo, dem Hauptplatz mit der goldschweren Kathedrale, die mit einem freistehenden zentralen Altar der Könige den 14 Seitenkapellen und einer gigantischen Orgel ein sehr originelles Kirchenschiff zeichnet. Die Basilika ist so angefüllt mit christlichen Kultgegenständen, dass es schon fast an eine Rumpelkammer erinnert.

Puebla ist faszinierend. Und ihre Umgebung genauso. Eine halben Fahrtstunde entfernt liegt Cholula, es ist mit Puebla zusammengewachsen und verspricht ein besonderes Erlebnis – die unsichtbare Pyramide von Cholula. Im Laufe der Jahrhunderte verbarg sie sich unter einer grünen Ummantelung und bereits Cortez hat nichts als einen bewachsenen Hügel vorgefunden, auf dem er, ohne zu ahnen, dass sich darunter eine heidnische Kultstätte befand, eine Kirche errichten ließ, die schönste und größte von etwa 30 anderen, die er aus Dankbarkeit für den errungenen Sieg gestiftet hat – er war aus den Reihen des Feindes gewarnt worden.

Jetzt liegt sie unter uns, die größte Pyramide der Welt! Gerade eben sind wir durch ihr Inneres gekrochen, die Gänge entlang, die Archäologen angelegt haben, ganze 8 km – nur 800 m davon dem gewöhnlichen Volk zugänglich gemacht – aber genug, um einen unvergesslichen Eindruck zu hinterlassen. Schwach beleuchtet, nach links und rechts ausgegraben, manche Gänge führen über steile Stufen nach unten, andere nach oben, ohne das Ende ausmachen zu können, doch ist der Grundriss der Pyramide klar erkennbar. Man hat in ihrem Inneren Wandmalereien gefunden, die an die ägyptischen Fresken erinnern, in ihren Abstraktionen aber ebenso von Picasso stammen könnten, die Gesichter und Körper gleichsam nur angedeutet, wie die Geschichten, die sie erzählen.

Von dort oben, von der Ummauerung der gelben Basilika, blicke ich auf die Stadt Cholula, eingeschmiegt in die Ebene des Popocatepetl, und ich denke an all die Städte, auf die ich im vergangenen Jahr auf ähnliche Weise herabgeblickt habe – das biblische Jerusalem, das überraschend weiße Paris, das einem Märchen entstiegene Prag, das sich aus dem Nebel lösende Lissabon, das malerische San Miguel de Allende, Puerto Vallarta in der untergehende Sonne… Jede Stadt hat ihren einzigartigen Charme und Charakter, unverwechselbar und einzigartig in ihrer Bauart, mit ihren Wahrzeichen und Eigentümlichkeiten – sind sie nicht wie Frauen in ihren prächtigen Gewändern, mit einem ihre Persönlichkeit unterstreichendem Duft, sich stolz im Spiegel der Sonnenstrahlen betrachtend und ihre Pracht zu Schau tragend? Und will man etwas über ihre Seele und ihren Werdegang erfahren, muss man sich ganz auf sie einlassen. In meiner Erinnerung reihen sich die Bilder aneinander, überlagern sich, verbinden sich miteinander und bilden ein großes weites Netz – zwischen ihnen weitet sich mein Geist, als wollte er Welten umspannen, in ihre Vergangenheit dringen, den Geschichten lauschen, die sie erzählen und mit ihnen verschmelzen. In mir wird es weit und ich begreife, ich bin Teil davon, Teil einer lebendigen Welt, die auch Teil von mir ist und in mir lebt, durch mich hindurch in die Zukunft hinein.

Zurück kehrt mein Geist auf den Hügel von Cholula, wandert zwischen den bunt bemalten Häusern zu den feurig roten Blüten auf den kahlen Ästen des Korallen-Baums, ins Innere der Pyramide, versucht, das Leben, Denken und Fühlen der Menschen zu erahnen, die hier den Göttern gehuldigt haben, gegeneinander gekämpft und gesiegt haben, verraten, besiegt und ausgelöscht worden waren. Der immer noch aktive Popo, wie er liebevoll von den Einheimischen genannt wird, zeugt von Zeiten, in denen es noch keine Menschen, keine Tiere und keine Pflanzen gab. Vor gerade erst einer Woche ist er wieder ausgebrochen und hat für ein ungewöhnliches Erkalten des Klimas gesorgt, die Menschen sind immer noch in Alarmbereitschaft, sie leben mit ihm in einer Art symbiotischer Verbundenheit, horchend auf seine trügerische Stille wie auf sein Rumoren, das man unter den Füßen spürt, wenn er Funken, Feuer und Asche sprüht – was er in regelmäßigen Abständen immer noch tut. 

Den Abend lassen wir im Künstlerviertel von Puebla, in dem farbenprächtig bemalte Keramiktöpfe, -teller, -butterdosen, -vasen und -totenköpfe im Talaverastil ausgestellt und verkauft werden, Maler vor ihren Staffeleien sitzen und Gitarrenmusik aus den vielen Bars und Nachtlokalen dringt, bei feinem Tequila mit Salz und Limonen ausklingen.

Wir haben noch lange nicht alle Pyramiden gesehen, obwohl wir bei unserem ersten Besuch an die zwanzig verschiedene Stätten besucht haben. Jede ist anders, mal freistehend, auf hohen Plateaus gelegen, verborgen im Urwald, oder wie ein großer Park zu begehen. Cacaxtla und Xochitécatl wurden erst 1970 entdeckt. Hoch in die Berghänge gegraben, von drei Vulkanen umgeben liegen sie zwar nahe beieinander, doch zeugen sie von zwei verschiedenen Kulturen. Ursprünglich beide vor etwa 2000 Jahren von den Olteken errichtet, wurde Cacaxtla etwa 600 PD von den Mayas erobert. Von diesem Kampf zeugen in dieser Form einzigartige, flächendeckende Wandmalereien in intensiven Farben, die aus Kakteen, Blüten und Erden gewonnen und mit einem Kakteensaft- und Eiweißgemisch haltbar gemacht wurden, sodass sie an die 1200 Jahre überdauerten. An den Symbolen ist die Kultur der Maya zu erkennen, unter anderem an den charakteristischen Kopfdeformationen, die an Menschen in hochstehenden Positionen wie zum Beispiel Priestern vorgenommen wurden, um die beiden Gehirnhälften und die Gehirndrüsen einander anzunähern; auf diese Weise sollten sie Hellsichtigkeit erlangen. An den beiden Stätten wurde dem Regengott Tlaloc und dem Fruchtbarkeitskult gehuldigt; um ihn, Tlaloc, günstig zu stimmen, opferte man ihm das Beste, was der Mensch zu bieten hatte – Kleinkinder mit einem Haarwirbel am Kopf – ein Symbol der Fruchtbarkeit. Man hat an die 200 Skelette gefunden.

Beim Besteigen der Pyramide verletzt sich Herbert, eine kleine aber tiefe Wunde, unter seinem Hosenbein sickert Blut hervor – als würde Tlaloc heute noch sein Blutopfer fordern! Und so machen wir Bekanntschaft mit dem mexikanischen Gesundheitswesen. Vor allem eine Tetanusimpfung war wichtig, aber gar nicht so einfach zu bekommen. Erst das dritte Krankenhaus hatte den Impfstoff vorrätig – dafür ging es dann unbürokratisch, kostenfrei und schnell. Die Wunde versorgen konnten sie dort aber nicht – dazu musste Herbert erst in ein ‚medizinisches Zentrum‘ humpeln, und mangels Lokalanästhetikum in ein weiteres, denn die Ärztin hatte, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Wunde warf, entschieden – das muss genäht werden!

Diese ,medizinischen Zentren‘ sind großzügig mitten im Straßengewirr der Städte verteilt und stehen niederschwellig jedem zur Verfügung. Sie sind klein, mit nur einer Ärztin oder Arzt besetzt, die mit den verfügbaren Mitteln um die Erstversorgung bemüht sind. Der ganze Eingriff hat uns knapp 200 Pesos Konsultationsentgelt und 100 Pesos Trinkgeld gekostet, umgerechnet 10 € – doch die arme Bevölkerung kann sich oft nicht einmal diese leisten, und die Krankenversorgung bleibt ihnen nicht selten verwehrt. Wer hingegen Geld hat, hat Zugang zur erstklassigen Behandlung, die von den Amerikanern mit Vorliebe in Anspruch genommen wird.

Erst am  nächsten Tag können wir uns dem Charme des eher unscheinbaren Tlaxcala überlassen und genießen die entspannte Atmosphäre am Zocalo, der uns in mit seinen hohen schattenspendenden Bäumen und den flinken Eichhörnchen, wie sie mit dem Tauben um die Wette nach den Leckerbissen aus den am Baumstamm befestigten Blechdosen fischen, besonders gefällt.

Und schon ruft die Silberstadt Taxco nach uns, die für ihre Silberschmiedekunst weltberühmt ist.

Beeindruckende Landschaften brausen an uns vorbei – rote Erde, ausgetrocknete Flussbetten, windschiefe Indio-Raststätten, echte Westernreiter, riesige Kakteengebilde, steinige Graslandschaften und dunkles, bizarres vulkanisches Gebirge wechseln sich ab mit wie aus dem Nichts auftretenden tiefen Schlaglöchern und riesigen Lastwagenbrummern,  die mit ihren Rundungen und silberglänzenden Verzierungen wie Gesichter anmuten, Pritschenwagen, die so abenteuerlich beladen sind, dass man fürchten muss, unter halbherzig befestigten Möbeln, Blechwänden, Zuckerrohr, halbtoten Hühnern oder Obstbergen begraben zu werden. Zuckerrohrplantagen und hohe Temperaturen verraten, dass wir uns wieder tief in der Ebene nahe der Meereshöhe befinden, Taxco aber liegt hoch oben im Gebirge auf 1800m, zu dem wir uns gleich darauf über Serpentinen hochschwingen und mit grandiosen Talpanoramen belohnt werden. Plötzlich öffnet sich der Blick auf Taxco, die allesamt weiß getünchten Häuser, die etwas Verwittertes an sich haben, wirken wie an die Felswand geklebte Taubennester, durch enge steil ansteigende und abfallende Gassen schlängeln wir uns regelrecht bis zu unserem Hotel durch – ich klebe mit der Nase fast an der Windschutzscheibe, um ja nichts zu versäumen. Hier haben seit Jahrhunderten Minenarbeiter gelebt und gearbeitet und ich meine ihre Gegenwart zu spüren. Es stört mich nicht, dass jedes zweite Geschäft Silberschmuck verkauft, dass durch die verwinkelten Straßen unglaublich viele VW-Käfer-Taxis Einheimische und Touristen auf und ab befördern und in den unwegsamen Kurven reversieren müssen, um sie passieren zu können. Die Stadt lebt von Silberliebhabern und Touristen, aber die Preise sind günstig und die Menschen unaufdringlich. Für Stunden verfalle ich dem Bann des hellen Silberscheins und lasse mich einfach treiben. Der Abend taucht die Stadt in Gold.

Wehmut, Freude und Sehnsucht nach beiden Welten, in denen wir nun schon seit Jahren leben, begleiten uns auf dem Weg zurück – zurück wohin?

Tenacatita bis Mexico City – Saisonschluss
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zurück nach Mazatlan, Bootsarbeiten

Um diese Jahreszeit gibt es an der mexikanischen Pazifik-Küste überwiegend Nordwind. Er weht normalerweise genau so stark, dass er für ein komfortables Vorwind-Segeln zu schwach ist (Schaukelei am Weg nach Süden) und wenn man nach Norden zurück möchte, dann reicht er aus, um die Strecke gegen Wind und Welle richtig unangenehm zu machen. Dieser Teil Mexikos ist kein Revier für Segler die ohne Diesel auskommen wollen.  Maximal ein Drittel der Strecke schaffen wir es ohne Motor-Unterstützung, meistens läuft die Maschine mit geringer Drehzahl mit und hilft den Segeln.

Die Bosheit des Universums sorgt dafür, dass der Wind genau dann, wenn wir zurück nach Norden müssen, stärker wird und wir ohne „ein Wetterfenster“ festsitzen. Ungefähr alle zwei Wochen gibt es vom Tehuantepec herauf eine Front, die an der Küste für ein bis zwei Tage für einen Windwechsel sorgt, und eine solche nutzen wir aus. Die 300 Seemeilen nach Mazatlan fahren wir in einem durch und kommen vor der Rückkehr des  Nordwinds wohlbehalten in der Marina an.  

Wir starten sofort die Arbeiten zum „Einsommern“ um noch etwas Zeit für einen Landurlaub ins Hochland von Mexiko zu haben. Drei intensive Tage brauchen wir, um unsere Checkliste abzuarbeiten, dabei haben wir schon viel Routine und sind – im Vergleich zu früher – richtig schnell.

Für die Lagerperiode putzen wir die KALI MERA innen und außen, die Essens-Vorräte schenken wir her, an Lebensmitteln bleiben nur lang haltende Konservendosen an Board, Textilien kommen zur Wäscherei, und die ganze Technik wird serviciert.  

Kaum sind die letzten Handgriffe erledigt, sitzen wir auch schon im Taxi zum Flughafen, bevor wir wieder zurück in den Winter müssen haben wir zum Akklimatisieren noch einige Tage im Hochland von Mexiko vor uns (Tadeja wird dazu im letzten Blog-Beitrag dieser Saison berichten…).

Gut Fünf Wochen haben wir am Boot verbracht, es war eine wunderbare Zeit am Wasser, der Aufwand dafür ist aber auch enorm. Die KALI MERA aus dem Sommerschlaf wecken, alles herrichten, Reparaturen, Wartungsarbeiten, und wieder fürs Lager bereit machen, es gehört eine große Portion Liebe zum Schiff und diesem Lebensstil dazu, um sich das alles anzutun.

Als ich – vor vielen Jahren – mit der Idee einer langen Segelreise schwanger wurde, jedes mir in die Hände gefallene Buch über Weltumsegelungen gelesen und die Reiseblogs der Weltumsegler sehnsüchtig verfolgt habe, da bin ich mehrfach auf den Satz „Weltumsegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt zu reparieren“ gestoßen. 

Gottseidank macht es mir Freude am Boot herumzubasteln, Verbesserungen einzubauen, die Ausstattung zu optimieren, und im Laufe der Zeit hat sich auch so einiges an Boots-Know-How angesammelt um so gut wie alles selbst machen zu können. 

Diese Form des Reisens ist oft anstrengend und manchmal sogar ziemlich ungemütlich, es ist ein gelebter Traum, aber dieser hat seinen Preis. Die KALI MERA ist eine anspruchsvolle Geliebte, sie fordert und ist alles andere als bescheiden, und sie rächt sich, wenn sie vernachlässigt wird, man kann sie nicht einfach auf die Seite stellen wie ein Auto, sie benötigt kontinuierliche Aufmerksamkeit. Lebt man ganzjährig am Boot, dann ist es einfacher, weniger komprimiert, es ist dann mehr Zeit verfügbar um sich ihr gebührend zu widmen.  Eigentlich wollte ich hier auch noch auflisten,  was so an typischen Service-Arbeiten zu tun sind, aber Tadeja hat mir klar gemacht, dass das niemanden interessiert. Ich habs dann trotzdem geschrieben, aber hier abgelegt.

Ein Segelboot, auch wenn von einer Serie mehrere 1000 Stück gebaut werden, ist immer ein Prototyp, ist nie vergleichbar mit einem Auto, von dem Millionen an Einheiten gebaut werden und bei dem Kinderkrankheiten schon längst behoben sind, wenn es auf den Markt kommt. Boote sind unglaublich wartungsintensiv, und das liegt nicht nur am Salzwasser, jedes Boot hat seine Besonderheiten, hat etwas andere Komponenten, nur Baunummern, die unmittelbar aufeinander folgen, sind einigermaßen gleich. Unsere Amel Santorin mit der Baunummer 120, ein ausgereiftes Exemplar seiner Gattung, ca 150 wurden insgesamt gebaut, glänzt durch außerordentlich hohe Verarbeitungsqualität, und dennoch muss man ihre ganz besonderen Eigenheiten und Vorlieben erst einmal verstehen, um sie bei Stimmung halten zu können.  Im Gegenzug bekommt man die gute Pflege dann auch wieder abgegolten, durch Zuverlässigkeit bei unangenehmen Bedingungen, durch Sicherheit in sonst brenzligen Situationen, durch Komfort der uns das Leben auf so engem Raum oft leichter macht. 

Wer sich – wie wir das getan haben – auf das Abenteuer Blauwassersegeln einlässt, der muss damit rechnen, dass die Sonne nicht immer scheint, die Bilder aus den Segelmagazinen nur einen Teil der Wirklichkeit darstellen, der muss sich mit der Technik beschäftigen können und wollen, darf weder vor der Mechanik, den Motoren oder der Elektronik zuviel Scheu haben und muss sich hier selbst zu helfen wissen, mit Boardmitteln, weil die Dinge dazu neigen, vor allem dann nicht mehr zu funktionieren, wenn man irgendwo im Nirgendwo ist.

Wir haben durch dieses Abenteuer viel gelernt, nicht nur „Technik“, auch Selbstvertrauen und Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Optimismus, Vertrauen darauf, dass wir mit jeder Situation zurechtkommen, auch wenn man keinen Pannendienst rufen kann.  Es war eine Investition in uns selbst, keine Vergnügungsfahrt, sondern ein Weg zu einem neuen Lebenstil, ein Weg, bei dem wir bisher keinen Schritt bereut haben. 

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La Cruz nach Tenacatita

Logbuch-Auszüge:

La Cruz: rolliger Ankerplatz vor der Luxus-Marina, ehemaliger Fischerort, viele nette Lokale, gute Tacos. Marina Restaurant hervorragend (mit Sylvestermenü getestet).  Fest in amerikanischer Hand, überall Gringos.

  • Abenteuer: Fahrt mit dem lokalen Bus nach Puerto Vallarta.
  • Reinfall: Überteuerter Tauchausflug auf die Isla Marietas, einem Naturschutzgebiet mit fader grauer Unterwasserwelt.
  • Gefallen hat uns: entspannte Atmosphäre, gutes günstiges Essen, super Dinghi Dock.

Puerto Vallarta: Touristen und LGBT Hotspot Mexikos, Unmenge an Lokalen, Gringos wohin man auch immer schaut, Bankomate spucken hier Dollars statt Pesos aus. Zwei Besuche reichen uns, genug Tourismus für die nächsten Wochen. Pro: wunderbares Weihnachtsessen am Heiligen Abend.

Tenecatita: Paradies, schönster Ankerplatz der Westküste. Hier hält man es wochenlang aus. Türkises klares Wasser, ruhig, tolles Schnorchelrevier (ein Ankerplatz hat den passenden Namen „Aquarium“). Palapas am Strand, Mangroven-Dschungel-Tour mit dem Dinghi, Einfahrt in den Fluss vom Ankerplatz aus.   Treffen hier alte Bekannte, Lagerfeuer am Strand, Besuch einer Mescal-Distillery (Hicks).  Wollen nicht mehr weg, müssen dummerweise aber wieder zurück zur Arbeit. Verschieben die Rückfahrt nach Norden mit dem Scheinargument „Wetterfenster“.

Gefallen hat uns: alles!

La Manzanilla: netter sauberer Ort gegenüber von Tenecatita, mit dem Dinghi Full-Speed in 15 Minuten erreichbar. Ideal zum Frühstücken, Einkaufen, Müll entsorgen, bummeln.

Banderas Bay nach Tenacatita
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Mazatlan nach Banderas Bay, Sturm und Wale

Am frühen Nachmittag, wenn die Tide kentert und die täglichen Baggerarbeiten in der Marinausfahrt kurz pausieren, da darf die KALI MERA endlich wieder von der Leine und hinaus in den blauen Pazifik. Alle Systeme funktionieren einwandfrei, und zu meiner großen Erleichterung sind auch die Vibrationen vom Volvo verschwunden, die Ausrichte-Aktion war erfolgreich.  Der Anker fällt knapp nach der Ausfahrt vom Marina-District vor einer kleinen Insel, wir wollen erst am nächsten Tag in der Früh weiter nach Süden. Die Küste südlich von Mazatlan bietet keinen Schutz, an einer Nachtfahrt führt kein Weg vorbei, der nächste Ankerplatz ist ca 140 Seemeilen entfernt.

Ich habe diesmal ein mulmiges Gefühl, immer noch haben mich die Nachwehen der Grippe im Griff, das Wetter ist nicht ideal, ein Sturmtief im Norden der Sea of Cortez bringt unruhige See und der schwache achterliche Wind reicht nicht aus um das Schiff unter Segeln zu stabilisieren. Die erste Nacht wird lange und Tadeja übernimmt bis in die frühen Morgenstunden die Wache, der Kapitän ist nicht fit.

Mit der Morgendämmerung frischt dann auch der Wind auf, die Segel spielen mit ihm, fangen ihn ein, blähen sich auf und beginnen zu ziehen und ohne das Wummern der Maschine beginnt das Schiff seinen Segel-Zauber zu entfalten, die nächsten Stunden bis zum Ankerplatz sind reiner Genuss. Wie in einer Lagune liegt die KALI MERA dann völlig ruhig vor Anker, und wir haben Zeit zum Nichts-Tun, und als der glutrote Ball hinter den Palmen versinkt zieht es auch mich schon wieder in die Koje.

Ein Frühaufsteher ist auch der nächste Tag, kaum blinzelt die Morgensonne über die Reling lichten wir den Anker und weiter geht es zur Banderas Bay, unserem ersten Etappenziel für diese Reise, dort wollen wir einige Zeit bleiben und die Weihnachtsfeiertage verbringen. Die Banderas Bay ist die größte Tiefwasser-Bucht Mexikos, das Winterquartier der Buckelwale, und der Absprungort für die Segler, die den „Pacific Puddle Jump“, die Überfahrt in den Südpazifik, in Angriff nehmen.

Als wir unter Maschine bei Windstille aus der Lagune tuckern bereite ich schon den Parasailor, unser großes Leichtwindsegel, vor. Schwacher achterlicher Wind ist angesagt, ein weiterer Motor-Segel-Tag soll vor uns liegen. Nicht die geringste Vorstellung haben wir von dem, was uns in den nächsten Stunden erwarten soll.

Ein Wind-Dreher, ein Zupfen and den Leinen, plötzlich sind Wellen da, sie haben sogar lustige weiße Häubchen, dann plötzlich weiße Bärte, weiße Mäntel, und schon sind wir mitten drinnen im Getümmel. Was soll denn das? Motorsegeln war eingeplant, nicht Sturm abwettern gleich nach dem Aufstehen! Vielleicht hat Aeolus schlecht geschlafen, oder Poseidon war mit Amphitrites Frühstück unzufrieden, irgendwo muss es jedenfalls ordentlich Stunk gegeben haben. Konstant 30 Knoten Wind, in Böen bis zu 40 Knoten, Sturmfahrt gibt es, der Schleudergang ist eingeschaltet und auf der KALI MERA geht es rund. Wir ändern den Kurs und laufen für einige Stunden auf raumen Wind dem Sturm aufs offene Meer davon, ungemütlich ist es, wir tragen Schwimmwesten und hängen in den Lifebelts.  Wären wenigstens die Seebeine schon gewachsen, aber nein, die kommen erst nach einigen Tagen. Stattdessen ist leichte Übelkeit zu Gast.

Nach vier Stunden wird der Wind dann wieder ausgeschaltet, genug für heute, und eine halbe Stunde später benötigen wir schon wieder die Maschine, um der Flaute zu entkommen. Die Wettergötter müssen verrückt sein!

Der Sturm ist überstanden und schon kommt die nächste Überraschung: die Buckelwale sind da! Auf diesen Moment wartet Tadeja schon seit Jahren, Wale rund ums Schiff! Überall sehen wir sie blasen, in Fontänen schießt der weiße Dampf in die Luft, eine grandiose Show wird uns von den riesigen Akrobaten geboten. Sie kommen direkt auf uns zu, tauchen unter der KALI MERA durch und lassen uns mit offenen Mündern an der Reling stehen.  Wenn die Wale blasen, und sich danach die mächtigen Lungen mit Luft füllen, da zischt und braust und orgelt es als ob Riesenkinder ein Didgeridoo gefunden hätten. Es ist ein Schauspiel der Extraklasse, was für ein ereignisreicher Tag!

Die Buckelwale paaren sich hier in der Banderas Bay, bringen hier Ihre Jungen zur Welt, und verbringen den Winter hier im seichten warmen Wasser. Gefressen wird nur im Sommer, in den nährstoffreichen Fischgründen Alaskas, im Winter leben sie ausschließlich von ihren Fettreserven (so wie bei uns die weihnachtliche Kekszeit dazu dient, den dann folgenden langen Winter zu überstehen), eine lange Entschlackungskur. Interessant ist auch, dass sie den Äquator normalerweise nicht überqueren, die Population im Nordpazifik pendelt zwischen Panama und Alaska, die südlichen Kollegen schwimmen zum Fressen in das südpolare Meer.   

Die KALI MERA ist jetzt ein Walfänger geworden, statt der Harpune eine Kamera, Tadeja-Queequeq steht gestikulierend und schreiend am Bug und Herbert-Ahab steuert mit eiserner Hand, immer dem Blas hinterher. Aber irgendwann sind die Ölfässer voll und wir steuern den sicheren Hafen von St. Cruz an, der leichte Wind passt für unseren Parasailor und wir lassen uns vom bunten Riesenflügel zum Ankerplatz für die Feiertage ziehen. Die Weihnachtsgeschenke haben wir heute schon von Mutter Natur bekommen.

Mazatlan nach Banderas, Sturm und Wale from zbertl on Vimeo.

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Wieder zurück in Mazatlan

Die KALI MERA hat uns wieder, und wir endlich wieder schwankenden Boden unter den Füßen, auch ohne Adventpunch. Auf eine Beschreibung der Anreise verzichte ich, ist uns ja zwischenzeitlich schon peinlich dass wir überhaupt fliegen, und ich habe eine immer tiefere Abneigung gegen Flughäfen. Das ständige Schlange-stehen, Gewicht vom Gepäck optimieren und auf alle Stücke korrekt aufteilen (warum muss ich wegen 3 kg Übergewicht 40 euro zahlen und der Amerikaner neben mir, der gut 70kg schwerer ist als ich, nicht?) Und dann noch die Security, mein neues Feindbild. Für unseren Motor bringe ich eine Wasserpumpe als Ersatzteil mit, die alte ist immer wieder undicht. Um auf Nummer sicher zu gehen nehme ich sie im Handgepäck mit, wie alles was nicht verloren gehen darf. In Wien wird das Teil zwar gründlich inspiziert (könnte ja eine Bombe sein), nachdem aber kein Sprengstoff gefunden werden konnte darf ich sie mitnehmen. Beim Weiterflug von Mexico City nach Mazatlan schaltet die Security Dame inklusive ihrem Supervisor auf stur, keine Wasserpumpen im Handgepäck (viel zu gefährlich, zu schwer, falsches Material, – keine Ahnung was ich damit anrichten soll – den Piloten ersäufen?). Also wieder zurück und als zusätzliches Gepäcksstück (50 eur) aufgeben, und dann auf den Abflug warten. Flug hat 2 Stunden Verspätung, wir warten, und warten, und irgendwann muss ich aufs WC. Ich folge den Schildern, finde die Toilette, und als ich wieder zurück zum Gate möchte, da versperrt mir eine stämmige Dame den Weg, zurück darf ich nicht mehr. Ich muss hinaus in den Eingangsbereich, stehe wieder vor der Security (dem Himmel sei Dank habe ich Boarding- und Reisepass mit aufs WC genommen), und hier heißt es dann endgültig Stop. Mein Flug sei vor einer Stunde geflogen, ich dürfe nicht mehr hinein. Meine wortreichen und emotionalen Argumente verpuffen, Security Dame versteht nur Spanisch und spricht hauptsächlich das universal-sprachliche „No“. Dass mein Flug erst in einer Stunde geht, Tadeja am Gate auf mich wartet, ich schon längst beim Gate war und mich die heimtückische WC Beschilderung in die Irre geführt hat, tut nichts zur Sache. „No, too late“. Ich gehe aber nicht weg, die Schlange hinter mir wird länger, irgendwann geht der Dame dann doch das „No“ aus und sie winkt mich durch. Meine Nerven sind nicht mehr da. Fliegen gehört mitsamt Security abgeschafft.

Angenehm ist dann das Ankommen in Mazatlan, die KALI MERA ist blitzsauber, alles ist in bester Ordnung, und wir können sofort einziehen. Die neue Bootsabdeckung, die wir im Juni beauftragt haben, ist Gold wert. Die nächsten Tage sind nun schon Routine, alles wohnlich herrichten, Servicearbeiten mit den frischen Ersatzteilen (zb. die neue Wasserpumpe), ich verbringe ganze zwei Tage im Motorraum, hauptsächlich um Motor und Antrieb korrekt auszurichten. Dazu hebe ich den  Motor mit einem Kettenzug an, hämmere dann 6 Stunden auf die festgefressene Vetus Kupplung auf der Welle bis sie sich endlich lösen kann (die hatten 25 Jahre Zeit um sich ganz intensiv aneinander zu gewöhnen) und kann dann endlich Motorblock, Getriebe und Welle exakt ausrichten. Vibrationen ade, hoffentlich halt.

Vier Tage  nach der Ankunft sind wir bereit zum Lossegeln, aber vorher geht es noch ins Landesinnere, Tadeja hat kurzentschlossen Ballett-Tickets für den „Nussknacker“ gebucht, das Ensemble aus St. Petersburg ist auf Welttournee und gastiert im nur 500 km entfernten Guadalajara, also müssen wir da hin. Heute holen wir noch den Mietwagen und morgen sind wir dann schon wieder „on the road“. Bin schon gespannt wie das Ballett wird, mir tut von meinem Mechaniker-Einsatz jeder Teil meines Büro-gestählten Körpers weh, wahrscheinlich krieg ich Schmerzen vom Zuschauen…

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heimwärts

Es wird Sommer in Mexiko. Die Sonne glüht vom Himmel, die Wassertemperatur steigt. Die Hitze legt sich träge und schwer über die Baja California und verliert langsam die Angst vor der Nacht. Für uns ist die Zeit gekommen hier Abschied zu nehmen. Noch ein paar letzte gesellige Tage in La Paz, dann nutzen wir das erste Wetterfenster für die Querung der Sea of Cortez, zurück zum Main-Land. Der Südwind hat bereits eingesetzt, wir haben eine angenehme und schnelle Überfahrt, knapp 50 „schräge“ Stunden sind wir „Am Wind“ unterwegs.  Die Einfahrt in den Mazatlan Marina Disctrict wagen wir bei Niederwasser, laut Tidenkalender sind die Gezeiten schwach und wir wollen die Strömung und die Brandung vermeiden. Während ich die Einfahrtrinne suche und dann unter Vollgas durch-steuere hat Tadeja das Echolot im Auge und sagt laut die Tiefe an – bei der Ansage 1,8 Meter kommt ein Adrenalin Schub, immerhin haben wir knapp 2 Meter Tiefgang.  Dennoch, nicht aufgesessen, gut durchgekommen, ein wenig Puffer haben wir anscheinend doch.

In der Nautica Costa Bonita stellen wir die KALI MERA an „unseren Liegeplatz“, hier darf sie die nächsten 6 Monate auf uns warten. Wie immer sind es arbeitsreiche Tage, alles will serviciert, geputzt, fachgerecht stillgelegt und hurrican-sicher verstaut werden. Diesmal bleibt unser Boot im Wasser und kommt nicht an Land, das macht es bequemer für uns. Wir schlagen die Segel nicht ab, sie werden gewaschen und dann völlig eingerollt, die Genua und die Schothörner von Besan und Groß erhalten vom Segelmacher eine Sunbrella Schutzabdeckung. Wir beauftragen einiges an Canvas-Arbeiten, die KALI MERA erhält eine Abdeckung fürs gesamte Deck, Schutz vor Regen und Sonne, alle zehn Winchen bekommen ein Sunbrella Häubchen, unser Dinghi ein schönes Cover und neue bunte Sunbrella Chaps.  Was nach dem Einpacken von der KALI MERA noch an Kunststoffteilen der Sonne ausgesetzt ist, das wickle ich zum Schutz in Alu-Folie ein. Dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen, voller Vorfreude auf die anstehende Landreise durch Mexiko und auch schon auf die Heimat, aber auch traurig, dass wir nach sechs Monaten an Board unser schaukelndes Zuhause zurücklassen müssen, machen wir uns auf den Weg.

Unser Rückflug nach Wien startet in Mexiko City, und dorthin fliegen wir nicht sondern wir nehmen den Mietwagen, 1.300 km durch das Hochland von Mexiko, wir sind auf „Kolonialstadt-Tour“. Es geht nach Durango, Zacatecas, Guanajato und in das zauberhafte San Miguel de Allende, wunderschöne alte Städte mit kolonialem Flair, beindruckender Architektur, voller überschäumender Vitalität. Wir sind nur eine Nacht in jeder Stadt, viel zu kurz zum Kennenlernen, aber gerade ausreichend um einen ersten Eindruck zu gewinnen und uns fest vorzunehmen, wieder zu kommen, mit mehr Zeit im Gepäck. Besonders San Miguel hat es uns angetan, wir residieren wie die Könige in einem Prunkbau im Zentrum in der Fußgängerzone und genießen das komfortable Landleben.  In Guanajato besuchen wir das schaurige „Mumien-Museum“, die berühmten Toten von Guanajato wurden schon bei Werner Herzogs Nosferatu berühmt, und beide kämpfen wir nach dem Besuch mit leichter Übelkeit. Einen Abstecher machen wir zu einer Maja Kultstätte im Hochland, auf beinahe 3000 Meter Seehöhe, einer heiligen Stadt mit einer wunderbar erhaltenen großen Säulenhalle und den obligatorischen Pyramiden. Die letzte Etappe führt uns nach Mexiko City, dort retournieren wir den Mietwagen und schon geht’s wieder zurück nach Wien.

Die diesjährige 3.500 Meilen Etappe gehört wohl zu den schönsten Abschnitten unserer bisherigen Reise um die Welt. Es war zwar die schwierigste Segelstrecke der letzten 13.000 Meilen, nicht alles ist immer glatt gelaufen, unsere KALI MERA war ein wenig zickig, unsere Reisepläne mussten wir völlig umkrempeln (und ich hab die ganzen Reiseführer von Hawaii und Alaska umsonst studiert), wir hatten neben Hochs auch ausreichend Tiefs und, so zwischendurch, – ich gestehe es – hätte ich am liebsten eine Annonce unter „Schiff zu verkaufen“ aufgegeben. Die Unannehmlichkeiten – sobald ausgestanden – sind aber schnell vergessen, und die schönen Erinnerungen bleiben. Es war spannend, bereichernd, vielseitig, ob die beeindruckende Pazifik-Küste Panamas, oder die Nationalparks von Costa Rica, oder das vielseitige Guatemala, oder schließlich das wunderbare Mexiko, diesmal konnten wir bei unseren Landgängen aus dem Vollen schöpfen. Traumhafte Natur, alte Kulturen und neue Kultur, beeindruckende Architektur und kulinarische Highlights.  Technische Probleme, die mich so oft in den Motorraum verbannt haben, konnten wir letztendlich alle lösen, wir haben viel dazugelernt, und die KALI MERA ist wieder topfit, technisch und optisch 1A, sogar eingekleidet wurde sie neu. 

Mexiko wird noch einige Zeit unsere Basis bleiben, die nächste lange Überfahrt in die Südsee ist erst nach unserem neuen Arbeitsaufenthalt in Österreich geplant – und der wird diesmal wieder etwas länger ausfallen, bis dahin gibt es halt Arbeit daheim und Winterurlaub am Schiff…

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Baja California hinauf und hinunter

Zum Abschluss unserer Baja California Rundreise wollen wir diesmal nur einige Eindrücke teilen, auf die üblichen Reiseblog-Themen (zuerst waren wir da, und dann dort, und dann haben wir das gemacht, und dort musste ich dann dies und jenes reparieren…) verzichten wir dabei 😊:

Farben, Landschaft, Berge und Meer. Die Fotoausrüstung wird strapaziert, ein Motiv jagt das andere, wir starren den ganzen Tag in den Sucher, wie bringt man nur diese unglaubliche Szenerie in den kleinen Kasten hinein damit wir sie immer wieder zurückholen können, wenn uns die Sehnsucht packt? Trotz dem ganzen technischen Schnick-Schnack (Tele, Weitwinkel, Drohne, Gopro…) bleibt es nur ein Versuch. Also: Hinschauen, und nochmals hinschauen, und abspeichern im Kopf, und hoffen, dass die Festplatte dort oben niemals voll wird oder gar crasht.

Kakteen, Vögel, Wale, Rochen und das Aquarium unter uns. Am Land da herrschen die Stacheln. Wälder von Goliath-Kakteen, jeder einzelne mit mehr Biomasse als die Hundertschaften, die daheim an den Fensterbänken und in den Wintergärten ihr Dasein fristen. Die Fauna an Land ist nicht üppig – auf unseren Streifzügen durch die Wüste sehen wir ein paar Hasen, Eidechsen, Eichhörnchen, Mulis, Ziegen und Kühe. Richtig dicht besiedelt ist es nur im Meer, da ist von klein bis groß alles vertreten. Das viele Plankton beeinträchtigt die Sicht beim Schnorcheln, aber um das auszugleichen hat Mutter Natur einfach den Besatz erhöht. Riesige Barsche sind zum Angreifen nahe, metergroße Seenadeln, und natürlich die unzähligen üblichen bunten Riffbewohner. Für die Rochen, die sich in Hundertschaften herumtreiben, braucht man nicht zu schnorcheln, die zeigen sich praktischerweise auch über Wasser. Sie katapultieren sich meterhoch in die Luft, Salto rückwärts, dreifacher Rittberger, großer Platsch, nächster Versuch – für uns Naturkino live. Delphine tummeln sich um das Boot, einige Wale in KALI MERA Dimension kommen vorbei, auch wenn die Wal-Saison schon vorbei ist. Bei einer Seelöwen-Kolonie springt Tadeja mit Brille und Schnorchel ins Wasser und wird sogleich aus größter Nähe begutachtet, die freundlichen Tiere sind die Menschen gewohnt und kommen zum Spielen.

Fisch-Takos und andere Köstlichkeiten. Gutes Essen gehört zu Mexiko dazu, und die Baja California macht hier keine Ausnahme.  In den Städten wie La Paz und Loreto, da ist die Kulinarik ein Fest für Augen und Gaumen, und die Preise kommen dem immer knappen Segler-Budget sehr entgegen. Sogar weit abseits von der städtischen Zivilisation, in kleinen Fischerdörfern, da gibt es Palapas mit ausgezeichneten Fisch-Gerichten. Die Fisch-Takos haben hier die Rolle der Hamburger und Käsekrainer übernommen, ich bin daher zum hiesigen Junk-Food Anhänger geworden. Köstlich! Interessant ist auch, dass meine Hemden in den letzten Wochen etwas kleiner geworden sind, wird am Klimawandel liegen.

Klima. Die Nächte sind erstaunlich kühl, wir müssen uns zudecken, manchmal brauchen wir eine zweite Decke. Tagsüber wird es warm, in den letzten Tagen sogar heiß, und die Wassertemperatur steigt langsam, aktuell hat es 25 Grad.  Seit sechs Monaten hatten wir nun keinen Regen mehr, hin und wieder sieht man ein einsames kleines Wölkchen am Himmel. Die Sonne ist intensiv, ohne schützendes langärmliges Hemd und Hut gehe ich nicht mehr „hinaus“. Im August und September soll der Regen kommen, die Hitze und die Hurricans, aber da sind wir schon daheim, beim Schwammerlsuchen im kühlen Wald.

Baden. Tadeja schwimmt sowieso jeden Tag, aber in der Zwischenzeit ist es auch für mich warm genug, aber immer noch kein Vergleich zur karibischen Badewanne. In den flachen Lagunen, da ist es wunderbar, aber das tiefe Wasser ist noch kühl. In einer Bucht finden wir – nach einiger Suche – heiße Quellen, mitten am Riff da sprudelt es im See-Wasser, ich könnte stundenlang drinnen sitzen bis ich gar gekocht bin.

Seglergemeinde. Hier treiben sich fast nur Gringos herum, die europäischen Schiffe kann man an einer Hand abzählen, und selbst die nützt man lange nicht aus. Wir verbringen viel Zeit mit Mary und Richard von der CHATELAINE, machen gemeinsam Ausflüge, spielen Karten, sehr nettes Buddy-Boating. Für die Kalifornier ist das hier so eine Art Mittelmeer, sie haben es nicht weit, die Anreise ist unspektakulär, und das Preisniveau ist – im Vergleich zu den Staaten – sehr sehr niedrig. Ein US-Pensionist lebt hier wie Gott in Frankreich, die medizinische Versorgung ist hervorragend, und viele wollen dann nicht mehr zurück in das Trump‘sche Amerika. Kein einziger Segler hat eine Freude mit ihm, manche entschuldigen sich bei uns für „ihren president“.

Infrastruktur und Kultur. Nicht nur der Gaumen, auch alle anderen Sinne werden verwöhnt. Schönheit wird geschätzt, geschmackvolle Architektur, großzügig und kunstvoll gestalteter öffentlicher Raum, Bilder, Skulpturen, Museen. La Paz ist meine bisherige Lieblings-Stadt, so lebendig, sauber, gepflegt und voller Energie. Open Air Konzerte, Beach-Volley-Ball Turnier, immer ist am Malecon etwas los. Auf unserer „würden wir hier wirklich auch einmal längere Zeit leben wollen Skala“ ist La Paz ganz weit oben.

Felsmalereien. Dass auch schon vor vielen 1000 Jahren die Leutchen gerne gezeichnet haben, das kann man in mehreren Höhlen bewundern. Von Agua Verde aus machen wir uns per pedes auf, eine solche Stätte zu suchen, beim zweiten Anlauf, tatkräftig unterstützt von unserem Leih-Hund Lola, finden wir sie sogar und sind ordentlich beeindruckt. Mit dem Mietauto machen wir dann, gemeinsam mit der CHATELAIN Crew, von Puerto Escondido aus eine mehrtägige Exkursion ins Landesinnere, um weitere solche Kunstwerke aufzuspüren. Fast 11000 Jahre alt sind die beeindruckenden Felsmalereien im Canyon von San Francisco, als bequeme Auto-Reisende sehen wir nur eine Stätte, für mehr müssten wir eine dreitägige Muli-Tour machen, das geht sich diesmal nicht aus, aber reizen würde es uns.

Segeln. Der Segelenthusiast, bei dem der Motor nach dem Ankerholen schon automatisch ausgeht, der wird hier nicht sonderlich glücklich werden. Es ist nicht allzu viel Wind zu dieser Jahreszeit (im Winter ist es dafür hauptsächlich stürmisch), und wie üblich bläst er von der falschen Seite. Dazu wechselt er auch noch oft in der Nacht die Richtung, kann ganz plötzlich kräftig werden, und der gerade noch wunderschön ruhige Ankerplatz wird zur Hochschaubahn.  Einige malerische Plätze haben jedoch so hervorragenden Schutz, dass fast jede Windrichtung abgedeckt ist, beispielsweise Agua Verde, wo wir zwei Wochen beinahe angewachsen sind. Es sind aber nur kurze Distanzen zwischen den Stopps, also brauchen wir auch nicht allzu viel motoren. Es ist ein Revier für Bootscamper wie uns, nicht für Regattasegler.

Mexikaner. Wir haben hier nun schon seit vielen Wochen keinen unfreundlichen Menschen gesehen. Hoffentlich bekommen wir keinen Schock, wenn wir wieder in Wien in der U-Bahn sind. Es gibt hier eine völlig entspannte Atmosphäre, liebenswürdig, aufmerksam, höflich.  Tadeja wird immer wieder für eine Einheimische gehalten, ihr Spanisch ist großartig (anscheinend ist das Dolmetsch-Studium doch für was gut), aber ich werde sofort als Tourist erkannt, obwohl ich mit Sonnenbrille und Panama Hut wie ein echter Mexikaner aussehe. Vielleicht liegt es am Fotoapparat, oder am Segleroutfit mit Flip-Flops und Dry-Bag, oder man hört bei meinen beinahe 15 Worten Spanisch einen leichten Akzent heraus.  Ich nehme mir fest vor, bis zur nächsten Saison daheim Spanisch zu büffeln. Ich will auch zu Wort kommen.

Sicherheit. Wir lassen das Boot meistens offen, das Dinghi wird nie abgesperrt, seit den Kanaren haben wir uns nicht mehr so „sicher“ gefühlt. An die verschiedenen schwerbewaffneten Polizei- und Armee-Patrouillen, die ständig unterwegs sind, haben wir uns gewöhnt, die gehören irgendwie dazu. Sollen ruhig auf uns aufpassen, damit uns niemand stiehlt.

Wiederholungstäter. In den nächsten Tagen, da geht es zwar zurück zum „Main-Land“, nach Mazatlan, das Boot einsommern, aber hierher wollen wir wieder zurückkommen, soviel steht fest. Wir haben schon einige Geschichten gehört, bei denen manche nur eine kurze Saison eingeplant haben und es erst viele Jahre später geschafft haben, den Anker zu lichten, so wie der Odysseus bei seiner Kalypso. Jetzt ist uns klar warum. 

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Baja California

Eine ganze Arbeits-Woche lang schuf Gott die Welt mit all den Pflanzen, Tieren, Meeren, Bergen, Tälern und schließlich auch den Menschen. Am Schluss da war er wohl schon ein bisschen müde und nicht mehr ganz bei der Sache, daher ruhte er am siebten Tag und erfreute sich an seiner Schöpfung. Und am achten Tag, frisch ausgeruht und wieder voller kreativer Energie, da war ihm nach Spielen und Spaß haben, also setzte er sich nochmals in den Sandkasten, tobte sich so richtig aus, und schuf die Baja California. Und als er damit fertig war, da war er vollends zufrieden – und ging segeln.

Sprachlos, was der große Baumeister hier geschaffen hat, versuchen wir es mit ein paar Bildern…

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