Bahia de los Muertos bis Mulege

Nur 190 Seemeilen sind es von Mazatlan bis zur Bahia de los Muertos, der stillen Bucht im Südosten der  Baja California, doch die eineinhalb Segeltage sind wie eine Reise zu einem anderen Kontinent.  Nach dem immer noch trüben, von Pamela aufgewühlten Meer vor der Festlandküste segeln wir nun in kristallklarem ruhigen Wasser. Tiefblau ist es auf Hoher See, wo die Delphine am Bug spielen, türkis in den Buchten, wo wir den Anker am Grund liegen sehen. Wir tauschen Palmenhaine und schwüles Tropenklima gegen Felsenwüste mit riesigen Kakteen, gut ausgebaute touristische Infrastruktur gegen einsame Buchten, und wir tauschen Supermärkte und Restaurants gegen unsere Angeln und gelegentlich gegen eine Palapa am Strand. Board-Alltag stellt sich wieder ein, Fischen, Schnorcheln, Lesen, Wandern, kleine Boardarbeiten, und unser innerer Rhythmus beginnt wieder im Einklang mit unserer Umgebung, mit den Gezeiten zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zu schwingen. Hier im Golf von Kalifornien ist die Zeit eine andere, alles wird langsamer und nach einigen Tagen ist unser Blick nicht mehr auf „vorne“ fixiert, er wird weit und wendet sich schließlich nach Innen. 

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Hitze, Höhen und Hurrikan

Sonne auf der Haut, Salz in der Nase, das leise Pfeifen des Windes – lautlos gleitet unser Schiff durchs Wasser. Ich überlasse mich dem Wind, den Wellen und dem Fluss meiner Gedanken, die Eindrücke der letzten Tage wechseln sich ab mit den Erinnerungen an zu Hause.

Sonne auf der Haut, Salz in der Nase, das leise Pfeifen des Windes – lautlos streicht unser Schiff durchs Wasser. Ich überlasse mich dem Wind, den Wellen und dem Fluss meiner Gedanken, die Eindrücke der letzten Tage wechseln sich ab mit den Erinnerungen an zu Hause.

Abends waren Delfine da, hunderte, von allen Seiten, im Spiel mit der Bugwelle, springend, Pirouetten schlagend, zu dritt, zu viert im perfekten Gleichklang.

Ankommen.

Zehn intensive Tage liegen hinter uns, zwischen extremer Hitze und kühler Bergluft, zwischen null und dreitausend Metern Seehöhe.

Es gibt Schöneres als das Schiff bei 40 Grad Celsius startklar zu machen! Es ist drückend heiß, die Nacht bringt keine Erleichterung, der Jet-Lag tut sein Übriges. Wir sehnen uns nach dem goldenen Herbst zu Hause, wären wir doch dortgeblieben und könnten uns nachts wohlig in Daunendecken kuscheln!

Nach zwei unerträglichen Nächten flüchten wir! Die gewaltige Sierra Madre lockt mit ihrer klaren frischen Luft und mit angenehmen Temperaturen. Die Straße nach Durango führt ins schroffe Bergland, über die spektakuläre höchste Brücke des amerikanischen Kontinents, über tiefe Canyons, entlang der „Wirbelsäule des Teufels“ – angeblich die gefährlichste Hochstraße der Welt.  Schlammlawinen und gewaltige Steinschläge zeugen von den hier herrschenden Unwettern – man möchte nicht gerade zur Stelle sein, wenn sich ein Felsbrocken von mehreren Metern Durchmesser aus den überhängenden Wänden löst!

Noch nie haben wir México zu dieser Jahreszeit besucht, die Regenzeit ist gerade zu Ende gegangen. Die Natur ist ein einziges Blumenmeer in Gelb, Orange, Violett, Weiß und Grün. Wir reisen in ein Hochgebirge, das sich in einen riesigen Garten verwandelt hat.

Wie Bilder einer Ausstellung reihen sich die Ereignisse in meiner Erinnerung auf. Freundliche Menschen, die sich auch unter schwierigsten Verhältnissen in den Bergen eine einfache Existenz aufgebaut haben, lachende Kinder mit schwarzem Haarschopf, Pferde, Kühe, Esel und Geier, die sich mit uns die Straße teilen. Die schöne koloniale Altstadt von Durango. Die halb zerfallene Felsenkirche in Nombre de Dios, die älteste Méxicos, in deren unterirdischen Gängen sich laut den Einheimischen unermessliche Goldschätze befinden, die aber – jammerschade – nicht geborgen werden dürfen, um die Kirche nicht zu gefährden. Ein atemberaubender Wasserfall in einer Landschaft wie aus einem alten Western.

Und dann Molinillo. Mit unserem Kia Rio biegen wir, dem Schild Richtung „Mountain Resort“ folgend, vom Highway ab. Schon nach wenigen Metern kann man eigentlich nicht mehr von Straße sprechen. Und es kommt schlimmer. Denn Herbert entscheidet sich, seiner von google maps gesteuerten Intuition und nicht dem Wegweiser zu folgen. Es wird steiler. Tiefe Gräben, Löcher, Steine, Wurzeln. Umkehren nicht möglich. Nach dem letzten Dorf, das eine halbe Stunde zurückliegt, keine Menschenseele mehr. Blick starr nach vorn gerichtet, Anspannung, kein Wortwechsel. Schaffen wir es über den nächsten Steinhaufen? Und zurück müssten wir dann auch wieder…

Belohnt wurden wir mit idyllischen Bergseen und einem Wasserfall, der hundert Meter steil nach unten – fast könnte man sagen – fliegt. Ich jedenfalls bin mit der Zip-Line und den bunten Papageien, die dort leben, drüber hinweg geflogen!

Die Rückfahrt erwies sich in der Tat einfacher– natürlich gab es eine etwas bessere und kürzere Straße, von der „maps“ eben noch nicht wusste.

Inzwischen ist Hurricane Pamela im Anflug. Pam sollte direkt in Mazatlan, wo unser Schiff liegt, an Land treffen. Vorher ist an ein Ablegen nicht zu denken. Bis dahin haben wir noch zwei Tage Zeit. Da geht sich noch ein Besuch der Steingärten von Mexiquillo auf 3200 Meter Seehöhe aus. Wir mieten uns eine Cabana (eine Art Selbstversorger-Almhütte), bekommen ein großes Bündel Holz auf die Terrasse gelegt, fürs Wasser Aufwärmen und gegen die Kälte der Nacht. Wir genießen das knisternde Feuer am offenen Kamin.

Ohne große Erwartungen hängen wir uns die Kameras um und starten unsere Expedition in den großen Abenteuerspielplatz der Mexikaner. Wir schlendern einem Bach entlang über grüne Wiesen, um uns unvermittelt inmitten skurriler Steinformationen einer Mondlandschaft gleich wiederzufinden, die uns in Ihren Bann ziehen. Stundenlang laufen wir wie Kinder umher, staunen, spielen Verstecken und klettern auf jeden Steinpilz den wir erklimmen können. Ist Pamela doch zu etwas gut! 

Zurück in Mazatlan heißt es die Kali Mera auf den herannahenden Sturm vorzubereiten. Im Yacht Club herrscht hektische Betriebsamkeit, fast alle Boote werden an Land gebracht, wir bauen Sprayhood und Bimini ab, kaufen zusätzliche Fender, bringen extra Festmacher an und verstauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, unter Deck. Pamela soll erst kurz nach Mitternacht eintreffen und wir wollen noch, nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, mit unserm Mietwagen zum Abendessen fahren. Eine grauschwarze Wolken-Walze hat sich über dem Meer aufgebaut, es herrscht Weltuntergangs-Stimmung und dann beginnt es zu regnen, nein, es schüttet wie aus Eimern. Binnen Minuten sind die Straßen überschwemmt und wir können von Glück reden, dass wir noch rechtzeitig umkehren können, bevor unser Kia, der Held von Molinillo, elendiglich in Mazatlan ersäuft. Wir nehmen die Henkersmahlzeit also an Board der Kali Mera ein und gehen mit einem mulmigen Gefühl schlafen. Pamela ist zwar kein willkommener Gast, aber pünktlich ist sie. Nach Mitternacht öffnet der Himmel nochmals seine Schleusen und ganz plötzlich ist der Sturm im Yacht Club angekommen. Kali Mera legt sich immer wieder schwer auf die Seite, ächzt und stöhnt, aber letztendlich geht für uns alles gut aus. Aber in der Nachbar-Marina sind Boote gesunken, die Einfahrt in den Marina District bleibt noch zwei Tage blockiert, und viele Straßen bleiben längere Zeit unpassierbar, unsere Fahrt nach Durango wäre nun nicht mehr möglich.

Nach dem Sturm heißt es nochmals putzen, das Deck von abgerissenen Blättern und Zweigen befreien und unser Boot zum Auslaufen bereit machen. Zwei Tage später hat sich der Seegang beruhigt und wir können endlich auslaufen, Segel setzen, den Bug Richtung Baja California richten und wieder freie Seeluft atmen.

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homeward bound

„Aus is und gar is, a Schmarrn is, dass’s wahr is!“ Frei nach dem Monaco Franze, Winter in der Sonne, ohne Lockdown und mit viel Salzwasser, vorbei!

Die KALI MERA liegt fest vertäut in Mazatlan und wir sind wieder in Österreich, ebenso fest angebunden, aber halt im Homeoffice mit „Ausgangssperre light“. Wir hatten eine angenehme Rückreise und einen leidlichen Kulturschock bei unseren Ankunft, nach drei Monaten in Land der fröhlichen Menschen sind die ersten Stunden im Pandemie-geplagten Wien eine Rosskur gegen zuviel gute Laune.  Aber es kann sich kein Heimkehr-Blues breit machen, wir sehen endlich Familie und Freunde wieder, das weltbeste Gegenmittel, und dann erwacht auch noch der heimatliche Frühling und wir freuen uns wieder daheim zu sein.

Die Tage in Mexiko hatten dieses Jahr etwas ganz Besonderes, nicht nur weil wir diesmal „fulltime“ gearbeitet haben, ein etwas anderes Homeoffice, es war kein richtiger Urlaub aber sehr wohl eine „Auszeit“, ein Luftholen und Energie-Tanken. Es war eine ruhige, aufmerksame und vorsichtige Zeit, weit entfernt von Influencern und Party-Touristen, eine Zeit in der wir erfahren konnten, wie Menschen ohne enges soziales Netz mit dieser weltweit so schwierigen Situation zurechtkommen, eine lehrreiche und bereichernde Zeit, für die wir sehr dankbar sind.

Und nun freuen wir uns voll Optimismus auf Frühling und Sommer hier in Österreich, unsere KALI MERA wissen wir in guten Händen, und im Herbst schon werden wir sie wieder besuchen…

die Highlights des Winters
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work sail balance

Ständig kommt mir der Begriff „Work Life Balance“ unter. Muss eine unglaublich wichtige Sache sein, googled man das kommt man auf ca. 1.440.000.000 Ergebnisse. Für mich ist schon der Begriff ein ausgemachter Unsinn. Als ob es eine Trennung zwischen Leben und Arbeit gäbe. Lebt man bei der Arbeit nicht? Immer wieder muss ich erkennen, dass es bei manchen eine strikte Trennung zwischen Arbeit und Verstand gibt, aber lebendig waren dabei bisher noch alle. „Work Brain Balance“ wäre also ein viel besseres Thema, oder die „Work Sleep Balance“, die macht auch mehr Sinn, da gibt es sogar ganz besondere Synergien, der überaus gesunde Büroschlaf ist hier zu nennen, oder auch der ehrenwerte Beruf des Matratzentesters, den unser mittlerer Sohn im Kindesalter auf neugierige Fragen von Bekannten „was willst Du denn einmal werden?“ als sein Ziel angegeben hat. Oder eben auch Work-Sail-Balance. Dieser Ausgleich beschäftigt uns derzeit intensiv, sind wir doch dem Lockdown, der Kälte, den geschlossenen Restaurants, den ununterbrochenen Virusbotschaften und den langen dunklen Winternächten Richtung Mexiko entflohen, ohne einen Urlaub fern von allen beruflichen Verpflichtungen anzutreten.

Corona hat auch seine Vorteile, für uns ist es die kompromisslose Umstellung unserer Arbeitsumgebung auf Remote-Work, die unsere KALI MERA ins Homeoffice verwandelt. Wir haben sogar den Luxus eines eigenen Arbeitsraums (kombinierte Gästekabine, Fernsehzimmer und Arbeitszimmer), und das gibt mit der Salon-Küche-Navigations-Esszimmer-Arbeitskombination komfortablen Platz für zwei im Homeoffice. Internet gibt es aus der Handy Wertkarte, 8GB kosten 25 Euro, 5GB benötige ich pro Tag, die Datenübertragung ist ausgezeichnet, webex und Zoom funktionieren besser als bei manchen Kollegen im Büro im guten alten Europa. Wir haben hier anscheinend Heimvorteil im Land des Herrn Slim, Telcel sticht Telekom.

Gewöhnungsbedürftig ist der Zeitunterschied, 7 Stunden früher ist es hier, das Daily Meeting, der Startschuss zum Bürotag, das in Wien erst zur Developer-freundlich-späten Stunde von 09:30 beginnt, wirft mich hier schon um 02:00 früh aus den Federn, um spätestens um 02:15 zur Arbeit adjustiert und auf den Tag vorbereitet zu sein. Muss ein Termin schon vor 09:00 stattfinden, dann heißt es kurz nach Mitternacht aus der Koje zu kriechen. Dafür ist das Tagwerk schon spätestens zu Mittag erledigt und der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Gibt es zwischen den Video-Konferenzen eine kurze Pause dann nutze ich die Zeit manchmal zum Brot backen, dann gibt es zum Frühstück warmes Brot direkt aus dem Backofen. Der Nachteil der Schichtarbeit ist chronischer Schlafmangel, mein einziges Rezept dagegen: früh Schlafen gehen und einen „nap“ am Nachmittag.

Tadeja teilt sich Ihre Arbeit besser ein und kann ihre Termine ganz gut auf unseren Vormittag legen, sogar Ihre gewohnte Yoga Stunde über Zoom geht sich dabei aus.

Noch vor einem Jahr war es völlig unvorstellbar, dass für uns beide ein Fullltime Job am Boot ohne Einschränkungen von Arbeitsqualität oder Leistung möglich wäre. Während sich die Welt nur einmal um die Sonne drehte ist ein neues Segler-Arbeitsleben möglich geworden. Wo es (Corona) Schatten gibt, da gibt es – Gottseidank – auch Licht!

Und so genießen wir dieses besondere Geschenk, ohne jeden Urlaubsverbrauch hier auf der KALI MERA zu sitzen, uns auf Ihr mit dem langsamen Walzer, den Sie vor Anker täglich mit den Gezeiten tanzt, mitzudrehen, Sonne und Salz auf der Haut und den Wind in den Haaren (Tadeja mehr und ich weniger) zu spüren und den Arbeitstag mit langen Strandspaziergängen auf dem goldenen Korallensand zu beschließen. Dafür nehmen wir gerne die Nachtarbeit und das weniger gut ausgestattete Büro in Kauf.

Arbeiten und Segeln als Teil unseres Lebens kombinierbar, was für ein Genuss!

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Blutendes Meer

Das Meer ist rot! Es sieht unheimlich und gar nicht einladend aus. Unter unser Schiff schieben sich dunkelrot gefärbte Wasserstreifen, als würde das Meer von tief unten bluten. Das Rot breitet sich innerhalb kürzester Zeit in alle Richtungen aus, und unvermittelt steht die ganze Bucht in rotem Wasser, blutrote Wellen streichen in langen Zungen über den Strand, die Gischt ist nicht mehr weiß, sondern rotbraun, auch unser Dingy zieht eine schmutzig rötliche Schaumspur hinter sich nach. Beugt man sich über die Reling, sieht man dichte Wolken faseriger Schwebstoffe, die das Wasser trüb und undurchsichtig machen, während grelle rote und orange Schlieren bewegte Muster auf die Oberfläche zeichnen, ähnlich wie bei uns daheim zur Zeit des Pollenflugs, wenn alles, auch der See, mit einem feinen gelben Puder überzogen ist.

Schuld daran ist die Algenblüte. So schön es klingen mag, aber die Luft ist nicht von süßem Blumenduft erfüllt – nein, es stinkt! Und sie birgt eine tödliche Gefahr. Winzige Augentierchen, Dinoflagellaten, finden im Zusammenspiel mit den veränderten Wetterbedingungen, Wassertemperaturen und den Tonnen an Düngemittel, die durch die Böden ins Meer gelangen, optimale Bedingungen vor. Dauert die rote Flut lange und setzt sie Toxine frei, die die Nerven und Schleimhäute angreifen, bedeutet es für viele Meeresbewohner den Tod. Letztes Jahr fand man 136 tote Robben an den Stränden der Baja California, an der mexikanischen Pazifikküste verendeten über dreihundert Schildkröten, die zu den bedrohten Tierarten gehören, Fische werden vergiftet, in der Folge sterben auch die Vögel, die sich von ihnen ernähren und der Fischfang kommt zum Erliegen, womit wiederum die Lebensgrundlage vieler Menschen zunichte gemacht wird. Das Phänomen wird weltweit beobachtet, von der Arktis bis nach Australien, vom persischen Golf bis zum Atlantik.

Im Vergleich dazu haben wir mit kleineren Problemen zu kämpfen. Schwimmen entfällt. Und das Trinkwasser geht uns aus. Wir sollten unseren Wassermacher wieder in Betrieb nehmen, doch das wollen wir den Filtern und Membranen, die an sich sogar Viren und Bakterien herausfiltern, nicht zumuten.

Das rote blutende Meer drückt auf die Psyche, jeden Tag ein paar tote Fische am Strand, eine riesige Schildkröte, die am Rücken liegend leblos in den Wellen schaukelt, und kein Ende vorherzusagen. Es kann Wochen oder Monate dauern.

Eigentlich wollten wir nicht weiter in den Süden, wir scheuen die Rückfahrt, da meist mit Gegenwind und Welle von vorne zu rechnen ist. Doch der Entschluss ist schon gefallen – solche Planänderungen sind inzwischen Teil unseres Lebens geworden!  

Zwei Zwischenstopps und ein paar Tage später wissen wir, es hat sich ausgezahlt. Türkisblaues Wasser, eine traumhafte Bucht vor der Isla Grande, wir können wieder Wasser machen, schwimmen, über den Korallenfeldern mit bunten Fischen und weiß gepunkteten Adlerrochen um die Riffs schnorcheln, die Insel erkunden, den Kontrast der schroffen Felsen und Riesenkakteen im Sonnenuntergang wirken lassen. Wenn es dunkel geworden ist, liege ich auf dem Rücken und blicke ins Sternenmeer über uns – unendliche Weite und ein tiefes Gefühl der Verbundenheit.

Soziale Kontakte pflegen wir nur vereinzelt und selten. Lediglich um Besorgungen zu erledigen, mischen wir uns mit Vorsicht und gut geschützt unter die Leute. Mit dem Taxiboot fahren wir an Land in den kleinen Touristenort Ixtapa, wo wir es für ein Taxi auf vier Rädern eintauschen. So eine Einkaufstour ist immer abenteuerlich! Zum Füllen unserer Gasflasche werden wir zum „Jefe de gas“ gebracht, der irgendwo am Straßenrand einen rostigen Tank bedient, der noch aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen scheint, für den Duschschlauch – unserer ist plötzlich geplatzt – in ein Schrauben-Macheten-Seil-und alles andere Geschäft, das zur Straße hin an eine Schießbude erinnert und weiter hinten unter einem Wellblechdach ein Lager voller Geheimfächer beherbergt, die Herberts Herz schneller schlagen lassen und die er sogar selbst durchstöbern darf,  dann weiter zu den „Fruteras“, kleinere und größere offene Straßenläden, deren Marktstände mit duftenden Obst und Gemüse in leuchtenden Farben beladen sind, und für den Rest zu den Supermärkten, deren Eingänge vorbildlich mit automatischer Fiebermessanlage, einer alkoholgetränkten Fußmatte, einem mit dem Fuß zu bedienenden Desinfektionsmittelbehälter und einer Kontrollperson bewacht werden. Nun steht der Kreativität beim Kochen, Brownies eingeschlossen, nichts mehr im Wege!

Zu den schönsten Reiseerlebnissen gehören für mich Begegnungen mit der Tierwelt, meine Augen sind immer wachsam, versuchen im Gestrüpp verborgenes Leben aufzuspüren, in den Lüften den Vogelflug aufzuhalten und im Wasser keine noch so flüchtige Flosse zu übersehen. So kommt es, dass wir voll beladen mit unseren Einkaufstaschen die Straße queren und ich aus dem Augenwinkel den Flügelschlag eines riesigen rosaroten Vogels einfange. Wo ist er hin verschwunden? Mein Blick durchsucht die Baumkronen, bis ich ihn entdecke – beim Füttern seiner winzigen Vogeljungen, die ihm aus dem breiten Löffelschnabel fressen. Es ist eine ganze Kolonie! Ich vergesse alles rund um mich, vergesse die Zeit, vergesse Herbert, der von kichernden Kindern umrundet wird und denen er wegen der Einkaufstaschen, die er bewachen muss, nicht entkommen kann, während ich in der rosaroten Traumwelt des rosa Löfflers verloren gehe…

Irgendwann kommen wir dann doch noch heim. Und schnorcheln auch manchmal. Dass ich dabei meinen ersten Riesenmantarochen begegnet bin, war schon sehr beeindruckend – aber was mir da im Wasser gerade weit entfernt vom Ufer entgegengeschwommen kam, geht als ultimatives Erlebnis in meine Schnorchelkarriere ein – die zwei langen Ohren gehörten zu einem Reh! Zielstrebig nahm es Kurs auf mich zu – ich muss zugeben, ganz geheuer war mir das nicht – und erkannte erst wenige Meter vor mir, dass meine hochgeklappte Maske mit dem aufragenden Schnorchel doch nicht seine Gefährtin war!

Nach zwei Wochen wird es Zeit für uns, an das Zurückkehren zu denken. Wir wollen nicht unter Druck geraten und nutzen das erste günstige Wetterfenster.

Am Rückweg zeigt sich das Meer in seinem schönsten Gewand, es hat die rote Algenflut besiegt und ist so klar und glatt, dass es zwischen uns und den Delphinen kein Wasser, sondern nur eine spiegelnde Glaswand zu geben scheint. Zahlreiche Schildkröten schwimmen zu beiden Seiten an uns vorbei, strecken neugierig ihr Köpfchen aus dem Wasser und kaum haben sie uns erblickt, tauchen sie mit einem Fußflossengruß auch schon unter.

Es ist schön zu wissen, das Meer lebt!

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Tenacatita Reloaded

Die mexikanische Pazifik-Küste ist eher ein Revier für Big-Game-Fischer, Power-Boat-Machos, Shrimps-Trawler und pensionierte Boots-Camper, aber nicht für Segler. Der Nordwest Wind weht praktisch ausschließlich parallel zur Küste, damit gibt es nur Vorwind oder direkt-auf-die Nase-Kurse, eine Strömung von 1-2 Knoten hat man immer gegen sich, ganz egal in welche Richtung man will, das ist wohl ein von Murhpy erfundenes Naturgesetz (wie der Gegenwind beim Radfahren). Windstärke üblicherweise 6 – 15 Knoten, die 6 Knoten natürlich dann, wenn man nach Süden unterwegs ist, die 15 Knoten von vorne, wenn man wieder zurück will. In drei Worten: nix zum Segeln! Daher verwenden die Mexiko-Segler keine Segel sondern den Motor, oder es wird gleich über Wochen oder Monate in einer Bucht geankert um jede Schiffs-Bewegung zu vermeiden.

Wir dagegen wollen segeln, müde des „motorens“ haben wir in Punta Mita auf eine durchziehende Front gewartet, die uns dann mit Starkwind bis zu 30 Knoten und einer ekelhaft steilen kurzen Welle die 130 Meilen nach Tenacatita unter Segel heruntergeschüttelt hat. Knapp sieben Knoten Fahrt durchs Wasser und dennoch nicht einmal fünf Knoten über Grund, natürlich Strömung gegen Wind und uns. Aber immerhin – ohne Diesel. Und belohnt werden wir dann wieder durch die Schönheit der Bucht Tenacatita, den friedlichen und ruhigen Ankerplatz, die Buckelwale, die uns am Eingang der Bucht erwarten, die Delphinfamilie, die jeden Vormittag um die ankernden Boote spielt, die Rochen mit ihren Luftsprüngen, den traumhaften Sandstrand, und endlich die Möglichkeit wieder die Seele baumeln zu lassen und unsere inneren Batterien, denen das Jahr 2020 wie so vielen auch ordentlich zugesetzt hatte, wieder einmal richtig aufzuladen.

Wir sind hier das einzige europäische Boot, alles ist fest in nordamerikanischer Hand. Die kanadischen „Snowbirds“, so werden die Pensionisten genannt, die aus dem Winter nach Mexiko in die Sonne fliegen und Rentner aus den USA verbringen hier die „kalte Jahreszeit“, der Altersdurchschnitt der Crews muss auf die 70 zugehen, eine ganz eigene Community hat sich hier entwickelt. In den wenigen geschützten Ankerplätzen sind nautische Schrebergärten entstanden, in der Früh wird mit der täglichen Funkrunde der Tag gestartet, Neuankömmlinge werden begrüßt, der Wetterbericht ausgetauscht, seine „Treasures of the Bilge“ versucht man zu verramschen, und dann werden gemeinsame Ausflüge mit dem Dinghi zum Strand organisiert, um bei Risikosportarten wie Boccia nervenzerfetzende Tourniere abzuhalten. Dinghis flitzen zwischen den Booten hin und her, American-Coffe-Kränzchen finden statt, und in diesem Schrebergarten Tenacatita, mitten drinnen in dem Abenteuerspielplatz der Snowbirds, da schwimmt auch die KALI MERA gut gelaunt und dreht sich zwei mal am Tag mit den Gezeiten langsam um ihren Anker, und wir auf ihr (und nicht am Strand beim „boccie ball“, weil unser tägliches familiäres „Schnapsen-Tournier“ ist uns schon genügend Aufregung und Social Activity).

Die Zeit vergeht schnell, ich habe ausreichend Material für „Boots-Projekte“ mitgenommen und so wird nun gesägt und gebohrt, verkabelt, geschraubt, installiert und konfiguriert, und auch ein wenig repariert. Neue Instrumente, raffinierte indirekte Beleuchtung im Salon, Umbau der Installation des Wassermachers, neue schwarz glänzende Acrylplatten hinter den Navigationsgeräten, viele kleine Verbesserungen und „Verschönerungen“. Unsere nun schon 26 Jahre alte Dame hat die 11 Monate Stehzeit gut überstanden, es hat auf Anhieb fast alles funktioniert, nur die Frischwasser-Pumpe und ein Motorlüfter haben den Geist aufgegeben, Ersatzteile waren aber Gottseidank an Board, jetzt läuft wieder alles, – oder fast alles: Das AIS hat sich in der langen Stehzeit so ans alleine sein gewöhnt, – es sendet zwar, sobald man es aber ins Netzwerk hängt sind alle Raymarine Geräte nicht mehr erreichbar. Vielleicht übt es „Social Distancing“? Soll es halt alleine bleiben, wir haben eine Ersatzlösung über das Funkgerät. Mir macht das „Herumwerkeln“ am Boot ungeheure Freude, schon das Organisieren der ganzen Teile daheim, das Planen und dann auch die Einbauten, die handwerkliche Arbeit, die Erfolgserlebnisse wenn etwas funktioniert und besser oder schöner wurde, ein wunderbarer Ausgleich zur ständigen Bildschirmarbeit daheim. Apropos Arbeit: Auch unser Job hat uns nun wieder, die nächsten vier Wochen sind wir webex-, zoom- und whatsapp-sei-Dank beide wieder halbtags im Dienst, die Zeitdifferenz ist da eine gewisse Herausforderung, aber an Nachtwachen sind wir ja gewöhnt, und unsere Arbeit mögen wir!

Die restliche Zeit verbringen wir mit Spazieren gehen, Kochen, und vor allem Lesen. Ich trau es mich fast nicht sagen, aber ich habe mich nach nunmehr 40 Jahren Abstinenz wieder auf die dicken Perry Rhodan Sammelbände gestürzt (in einem Anfall von „Gehirnfasten“) und in den letzten Tagen die ersten sechs davon gelesen (ca 20 habe ich noch vor mir…). Großartig, am meisten Freude machen mir die Stellen, in denen die nur Armbanduhr-großen Mikro-Funkgeräte verwendet werden (Wunderdinge der extraterranischen Mikromechaniker), oder wenn das allmächtige Positronen-Gehirn auf der Venus mit Informationen auf Plastikkarten gefüttert wird, oder wenn die Videophon-Konversationen auf Bänder aufgezeichnet werden um dann mit Funk in den Hyperraum übermittelt zu werden, vorher müssen jedoch die Röhren der Verstärker warm laufen…

Im Gegensatz zum letzten Jahr ist das Meer heuer kalt, knapp über 20 Grad hat es nur, und durch eine Algenblüte ist es auch trüb, also kein Schnorcheln oder Tauchen, leider. An manchen Tagen haben wir sogar eine sogenannte „Red-Tide“, da nehmen die Algen so überhand, dass sich das Meer blutrot färbt, keine Einladung zum Schwimmen! Dafür ist die Szenerie in der Nacht umso eindrucksvoller, fluoreszierende Delphine leuchten im dunklen Wasser und ziehen eine langen funkelnden Kometenschweif hinter sich her wenn sie in der Nacht um das Boot zischen, leuchtende Spiralen im Wasser, ein unwirklicher Anblick, könnte auch in einer von Perry Rhodans fremden Welt spielen.

In der Hoffnung auf ein Meer ohne Algen machen wir einen Abstecher in die 30 Meilen nördlich gelegene Bucht Chamela, dort ist das Wasser aber so intensiv rot, als ob Familie „Weißer Hai“ gerade gemeinsam mit den vielen Badegästen einen weihnachtlichen Festschmaus abgehalten hätte, wir ziehen den Parasailer hoch und lassen uns von dem riesigen Leichtwindsegel und der sanften Brise wieder zurück in die Tenacatita schieben. Hier bleiben wir nun, die paar Algen hin oder her, es ist wunderschön.

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Mexiko hat uns wieder

Das Flugzeug berührt mexikanischen Boden. Ein bisschen fühlt es sich als wären wir aus dem Gefängnis in die Freiheit entkommen. Und irgendwie auch, als wären wir wieder nach Hause gekommen. Wir wissen sofort, wo wir Geld abheben können, wie wir zum Mietauto kommen und unsere Telefonkarten aktivieren können.

Wieder da. Mein Herz weitet sich vor Freude, die Intensität der Farbkontraste beflügelt mich, die Klänge des ‚Español‘ fangen mich ein, und wieder einmal tauche ich ein in dieses Land, deren Menschen, Kulturen, Natur mich über und unter Wasser immer wieder fasziniert, mir in ihrer Fremdheit irgendwie auch vertraut ist.

Corona hat auch vor México nicht Halt gemacht. Doch geht man hier ganz anders damit um und – und wie wir bald feststellen werden – keinesfalls überall im Land gleich. Wären nicht auch hier die Krankenhäuser am Rande ihrer Kapazitäten, könnte man stellenweise meinen, es ist alles wie immer.

Es gibt hier keinen Lock Down, es scheint auch keine strikten Vorschriften zu geben, aber schon an unserer ersten Zwischenstation sind wir nicht nur wegen der Schmetterlinge angenehm überrascht – von nahezu allen werden ganz selbstverständlich Masken getragen und verstärkte Hygienemaßnahmen eingehalten.

Wir befinden uns auf 3000 m Seehöhe, in der Heimat der Monarchfalter. Jahr für Jahr kehren sie hierher zurück, um sich zu versammeln, zu paaren und eine neue Generation ins Leben zu rufen. Deren Kinder und danach ihre Enkel werden in zwei Etappen zurück bis nach Canada fliegen, wo sie noch nie gewesen waren. Von dort aus bricht die dritte Generation wieder auf in den Süden, die ganze lange Strecke ohne Unterbrechung, weshalb sie die Methusalems genannt werden – so weit fliegen nur sie und haben auch die längste Lebenszeit. Das einzige, wonach sie sich orientieren, ist der Geruch der Pheromone, die ihre Urururahnen versprüht haben, und die ihnen untrüglich den Weg in die Zypressenzweige des mexikanischen Hochlandes weisen. Dort lassen sie sich millionenfach nieder, beschweren die nackten Zweige mit den spärlichen Nadeln, an denen sie sich in dicken Trauben festklammern, nach der langen Reise die bunten Flügel schließen und Blättern gleich in Schlaf versinken. So warten sie darauf, dass die Sonne die Nebelwolken vertreibt, ihre Körper erwärmt und sie aus ihren Träumen erweckt. Dann erheben sie sich in Scharen zum werbenden Flug und verwandeln das mehrere Hektar umfassende Gebiet durch ihr orange flimmerndes Flattern in einen märchenhaften Zauberwald.

Die bunten Falter bedeuten für viele Menschen während der Monate November bis April ein gutes Zusatzeinkommen. „Wir sind ‚obreros‘, Arbeiter aus den umliegenden Dörfern, und führen in unserer Freizeit die Besucher zu Fuß oder zu Pferd steil den Berg hinauf, um sie an diesem Naturwunder teilhaben zu lassen“, erzählt mir mein Pferdeführer. Diesmal bekamen sie wegen Corona erst spät grünes Licht von der Regierung. Vorher mussten alle Maßnahmen getroffen werden – im gesamten Besucherbereich Maskenpflicht, getrennte Wege beim Auf- und Abstieg, am Eingang wird Fieber gemessen und Desinfektionsmittel gereicht. Doch anders als bei uns verschwinden die Menschen nicht angstvoll und misstrauisch hinter ihrem bedeckten Gesicht, im Gegenteil, sie scheinen ihre Fröhlichkeit und Freimütigkeit nicht verloren zu haben und so werden sogar die notwendigen Hygienemaßnahmen zu einer persönlichen Interaktion, die sich weniger isolierend und entmenschlicht, dennoch aber sicher anfühlt. Die Krise hat die Mexikaner erfinderisch gemacht.

All das hilft schnell in der Gegenwart anzukommen und die Enge der letzten Monate abzuschütteln.

Doch schon bald sollten wir erneut überrascht werden. Um Patzquaro, eine alte Kolonialstadt im Hochland zu besuchen, entscheiden wir uns für die Route abseits der ‚cuota‘, der mautpflichtigen Autostrada. Dadurch sehen wir mehr von der Gegend und sind mehr auf Tuchfühlung mit dem Land. Farben, Stimmungen und Landschaften, dazwischen eingestreut die indigen geprägten verwinkelten Dörfer, durch die wir uns kreuz und quer den Weg suchen, hinterlassen unauslöschliche Bilder. Die Gegensätzlichkeiten könnten größer nicht sein – halbfertige Häuser, der Putz verblichen und abgefallen oder gar nicht erst vorhanden, fehlende Dächer, große Sandberge, die die halbe Fahrbahn versperren und in die Männer ihre Schaufeln treiben, kleine Läden ohne Tür, vereinzelte Marktstände am Gehsteig, alte Frauen, die nur zwei oder drei Gemüsesorten darbieten, Mopeds, die sich zwischen den Menschen hindurchschlängeln, Reiter im Arbeitssattel, Hühner hinter schiefen Bretterzäunen, Jugendliche, die trotz Verkehr sorglos mitten auf der Straße gehen, mittendrin eine überdimensional erscheinende, festlich geschmückte Kirche – eine Mischung aus christlichen Symbolen, Kitsch und den Überbleibseln der indigenen Kultur – Lebendigkeit und Geschäftigkeit beherrschen das Straßenbild. Alles wirkt selbstverständlich und irgendwie normal. Und dann fällt es uns auf – niemand, wirklich niemand trägt hier eine Maske! Es bleibt uns verborgen, warum manche Ortschaften keine Vorkehrungen gegen das Virus treffen und manche penibel darauf achten, dass sie eingehalten werden. Mehrfach versuche ich die Eindrücke fotografisch festzuhalten, doch letztendlich lasse ich den Wunsch, alles vermitteln und teilen zu wollen, fallen – das Erleben bleibt nun einmal uns allein.

In Patzquaro setzt man wieder auf Maskenpflicht, und beim Eingang ins Hotel müssen wir sogar unsere Schuhe über einen speziell präparierten und in den Boden eingelassenen Fußabstreifer desinfizieren. Vom kleinen Balkon unseres Zimmers, das originalgetreu im alten Kolonialstil gestaltet ist, überblicken wir den großen Zokalo, den quadratischen Hauptplatz, der wie alle ihn umgebenden Gebäude über 500 Jahre zählt. Er ist aufwendig weihnachtlich gestaltet, und um ihn besichtigen zu können, wurde eine Art Einbahnsystem errichtet, mit Eingang (Desinfektionsgel inklusive), Ausgang und Absperrungen – und dennoch schien es der Stimmung keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil, Familien, Paare, kleinere Grüppchen und Einzelgänger spazieren im friedlichen Müßiggang durch den überlebensgroßen Figurenwald, der gleichzeitig von der Geburt Jesu, der Geschichte der Stadt und den alten Traditionen erzählt, ein wunderbares Spiegelbild dafür, wie sich Kulturen, Religionen und Traditionen zu etwas Neuem vermengt haben. Zwei Lichtertunnel zeugen davon, dass man auch durch Einsatz moderner Technik für Stimmung zu sorgen weiß.  Alles, um wieder wie als Kind das Land der Phantasie betreten zu können, große Augen zu machen und sich zu freuen! Einzigartiges Mexico!

Es liegen immer noch 800 km zwischen uns und unserem Schiff. Um die Reise angenehm zu gestalten, wollen wir auf halber Strecke eine Pyramidenstätte besuchen, die wegen Montag dann leider geschlossen war. Solche Stätten liegen meist weit abseits der Zivilisation, und es ist schwer, eine Unterkunft in der Nähe zu finden. Nachdem Herbert schon aufgegeben hatte, wurde ich fündig – nicht ohne einen Beigeschmack von ungläubigem Zweifel (ich bin für Fehlgriffe bei der Herbergssuche bekannt…)! Ja, irgendwann endete die Straße, wir waren da, irgendwo zwischen grauen Häuserfassaden, die vielleicht einmal ein nettes buntes Städtchen gewesen waren – aber wo konnte das so prächtig beworbene Hotel an diesem Ende der Welt sein?! Aussteigen, suchen gehen. Ich biege um die Ecke und stehe plötzlich auf einem reizenden Platz, mit Springbrunnen in der Mitte, einer Kirche mit breit gestalteter Front und einer uralten herrschaftlichen Finca – unserem Hotel! Ich atme auf! Um ein weiteres Eck finden wir noch herrliche Tacos – sonst gibt es dort nichts – und nachdem wir uns eine Nacht und einen Morgen lang als scheinbar einzige Gäste wie Großgrundbesitzer fühlen dürfen, geht es auf direktem Weg zur Kali Mera.

Wir finden sie vor wie wir sie verlassen haben, machen sie in drei Tagen flott zum Ablegen, verbringen nach einem negativen Corona Selbsttest noch Weihnachten mit Freunden und Thunfisch an Bord, warten auf die richtige Tide und bis der Seegang nachlässt, einen Tag ist die Ausfahrt durch die hohen Wellen nicht passierbar, doch dann steht unserem Ablegen nichts mehr im Wege.

Unter mir schaukelt sanft die Kalimera und schon halte ich Ausschau nach den Walen … wir werden sie auf Ihrer Wanderroute  300 sm weiter in den Süden begleiten. Um diese Zeit kommen sie aus Alaska hierher, um ihre gewaltigen Paarungsrituale zu vollführen und ihre Jungen zur Welt zu bringen.

Ich kenne ihren Blas schon, und mehrmals erblicken wir ihre schwarzen Buckel, wenn sie sich geräuschvoll aus dem Meer wälzen um Luft auszublasen und einzuatmen. Mal weiter weg, mal näher, mal mehrere, dann wieder vereinzelt. Delphine kommen in großen Schulen, um mit der Kali Mera zu spielen, auf der Bugwelle zu reiten und unter dem Schiff hindurchzutauchen, ihre Jungen springen in hohen kurzen Bögen ganz aus dem Wasser – das müssen sie noch üben! Für uns willkommene Abwechslung und Vergnügen!

Auf halber Strecke liegt die Bucht Banderas Bay mit den ihr vorgelagerten Islas Mariettas. Das ist DER Hotspot für Wale! Sie sind rund um uns! Wie wundervoll! Doch da – hier vorne – da hat sich doch einer in den Netzen verfangen! Wir fahren näher heran. Zwei Bojen schwimmen über ihm, Leinen umwickeln seinen Körper und mühsam stößt er alle paar Minuten die Luft aus. Zwei andere Wale schwimmen um ihn herum und wirken aufgeregt. Schnell verständigen wir über Funk die zuständige Stelle, die sich erst nach mehrmaligem Versuchen meldet. Entsetzt müssen wir hören, dass das Walrettungsboot erst am nächsten Morgen losfahren kann, denn es ist schon Abend und Puerto Vallarta zu weit weg. Aus Angst, er könnte unter der Last der um ihn umwickelten und nachgeschleppten Netze ertrinken, winken wir Walbeobachtungsboote heran, und erfahren dann, dass der Wal schon seit einem Monat gesucht wird und von Parasiten befallen ist – er wurde damals bei Cabo San Luca, der Südspitze der Baja California gesichtet – das ist 1000 sm weiter nördlich! Der Ärmste ist schon seit mindestens einem Monat gefangen – unser Positionsbericht dürfte geholfen haben, denn am nächsten Morgen hören wir über das HVF die Nachricht, dass der Wal von den Netzen befreit werden konnte! Wir sind sehr erleichtert!

Sobald wir nach der langen Überfahrt – Tag-Nacht-Tag – wieder ausgeschlafen sind, statten wir den Walen einen neuen Besuch ab. Wir müssen auch gar nicht weit fahren – unter ihrem Blasen und Fauchen recken sie ihre warzigen Köpfe aus dem Wasser, riesige Rücken rollen durch die Gischt, die sie aufwirbeln, schlagen elegant mit der Schwanzflosse auf und wenn sie untertauchen, bleibt eine große runde völlig glatte Fläche zurück. Unser Adrenalinspiegel schlägt kurz einen Purzelbaum, als einer direkt auf uns zu schwimmt, sich direkt vor unserem Bug hoch aufwölbt um im nächsten Augenblick unter unserem Schiff in der Tiefe zu verschwinden! Wie aufregend! Die drei Tiere entscheiden sich, eine große Runde durch die ganze Bucht zu drehen und wir können ihnen über zwei Stunden bis zur Dämmerung aus nächster Nähe zuschauen. Ein letztes synchrones Abschiedswinken mit ihrer schwingenden Schwanzflosse, über die sich das Wasser wie ein glitzernder Wasserfall zurück ins Meer ergießt, und sie ziehen ihrer Wege. Diese intensiven Eindrücke werden sich für immer in uns einprägen.

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EIN NEUES STÜCK MEXIKO

Ein paar Tage bleiben uns noch. Ein schneller Wechsel der Elemente, vom Wasser in die Lüfte und schon wieder festen Boden unter den Füßen. Vom Flughafen Mexiko Citys schlängeln wir uns mit dem Mietauto durch den Verkehr und über Kreuzungen, von denen man glauben könnte, sie niemals heil überqueren zu können, auf die Schnellstraße nach Puebla, einer den schönsten Kolonialstädte Mexikos.

Da waren wir schon mal, vor fast genau neun Jahren. Damals haben wir die Route über den Vulkan Popocatepetl genommen, bis hinauf auf 3600 Meter, sein majestätisches Haupt trägt er fast 5500 m hoch, nebelverschleiert und von eisigem Wind umweht. Etwas von seiner Vulkanasche habe ich zu Hause in einem Glas verwahrt. Eigentlich gab es damals auf der anderen Seite keinen Weg hinunter, ja, eine holprigen Staubstraße würde es schon geben, da hinten vorbei, die Bodenplatte müsste hoch genug sein, meinte ein Stationswärter, nachdem er unser Auto gemustert hatte. Vom Umkehren halten wir ja nicht viel … hätten wir gewusst, wie der Weg aussieht, hätten wir es wahrscheinlich getan. So ist er uns in waghalsigen Kurven, steil abfallend, mit seinen Steinen, riesigen Schlaglöchern, Furchen und schlammigen Wasserbetten und einem Schmunzeln auf den Lippen unvergesslich in Erinnerung geblieben. Und so hat die Liebe zu diesem Land begonnen.

Heute, 9 Jahre später, lassen wir uns wieder von den warmen Farben in rot, grün, blau, lila, gelb, orange und allen Tönen dazwischen verzaubern, uns durch die Gassen von Puebla treiben, in denen es nach kalter Luft und Rauch, nach Churros und Tacos riecht, wo die Fassaden mit Talavera-Fliesen und schmiedeeisernen Fenstersimsen verziert sind und urige Kaffeehäuser ihre duftenden Fangarme nach uns austrecken.  Wir schlafen in einem Haus, das 1640 zu einem Nonnenkloster gehörte und vor vier Jahren von seinem neuen Besitzer, einem Architekten, zum Hotel umgewidmet wurde – ein Kleinod voller Sammlerstücke, mit Holztramdecken, verzierten Bodenfliesen, einer alten Holzbar in graublau, an den Wänden alte Werbeschilder und Tabletts aus Metall, verbeulte Blasinstrumente und bunte Flaschen. Zum Sonnenaufgang klettere ich zitternd vor Kälte auf die Terrasse, ich will den Popokatepetl in der Morgensonne sehen – vor zwei Wochen hat er Feuer gespien, jetzt sieht man ab und zu noch Rauchsäulen aufsteigen! Wir sind nicht weit vom arkadengesäumten Zokalo, dem Hauptplatz mit der goldschweren Kathedrale, die mit einem freistehenden zentralen Altar der Könige den 14 Seitenkapellen und einer gigantischen Orgel ein sehr originelles Kirchenschiff zeichnet. Die Basilika ist so angefüllt mit christlichen Kultgegenständen, dass es schon fast an eine Rumpelkammer erinnert.

Puebla ist faszinierend. Und ihre Umgebung genauso. Eine halben Fahrtstunde entfernt liegt Cholula, es ist mit Puebla zusammengewachsen und verspricht ein besonderes Erlebnis – die unsichtbare Pyramide von Cholula. Im Laufe der Jahrhunderte verbarg sie sich unter einer grünen Ummantelung und bereits Cortez hat nichts als einen bewachsenen Hügel vorgefunden, auf dem er, ohne zu ahnen, dass sich darunter eine heidnische Kultstätte befand, eine Kirche errichten ließ, die schönste und größte von etwa 30 anderen, die er aus Dankbarkeit für den errungenen Sieg gestiftet hat – er war aus den Reihen des Feindes gewarnt worden.

Jetzt liegt sie unter uns, die größte Pyramide der Welt! Gerade eben sind wir durch ihr Inneres gekrochen, die Gänge entlang, die Archäologen angelegt haben, ganze 8 km – nur 800 m davon dem gewöhnlichen Volk zugänglich gemacht – aber genug, um einen unvergesslichen Eindruck zu hinterlassen. Schwach beleuchtet, nach links und rechts ausgegraben, manche Gänge führen über steile Stufen nach unten, andere nach oben, ohne das Ende ausmachen zu können, doch ist der Grundriss der Pyramide klar erkennbar. Man hat in ihrem Inneren Wandmalereien gefunden, die an die ägyptischen Fresken erinnern, in ihren Abstraktionen aber ebenso von Picasso stammen könnten, die Gesichter und Körper gleichsam nur angedeutet, wie die Geschichten, die sie erzählen.

Von dort oben, von der Ummauerung der gelben Basilika, blicke ich auf die Stadt Cholula, eingeschmiegt in die Ebene des Popocatepetl, und ich denke an all die Städte, auf die ich im vergangenen Jahr auf ähnliche Weise herabgeblickt habe – das biblische Jerusalem, das überraschend weiße Paris, das einem Märchen entstiegene Prag, das sich aus dem Nebel lösende Lissabon, das malerische San Miguel de Allende, Puerto Vallarta in der untergehende Sonne… Jede Stadt hat ihren einzigartigen Charme und Charakter, unverwechselbar und einzigartig in ihrer Bauart, mit ihren Wahrzeichen und Eigentümlichkeiten – sind sie nicht wie Frauen in ihren prächtigen Gewändern, mit einem ihre Persönlichkeit unterstreichendem Duft, sich stolz im Spiegel der Sonnenstrahlen betrachtend und ihre Pracht zu Schau tragend? Und will man etwas über ihre Seele und ihren Werdegang erfahren, muss man sich ganz auf sie einlassen. In meiner Erinnerung reihen sich die Bilder aneinander, überlagern sich, verbinden sich miteinander und bilden ein großes weites Netz – zwischen ihnen weitet sich mein Geist, als wollte er Welten umspannen, in ihre Vergangenheit dringen, den Geschichten lauschen, die sie erzählen und mit ihnen verschmelzen. In mir wird es weit und ich begreife, ich bin Teil davon, Teil einer lebendigen Welt, die auch Teil von mir ist und in mir lebt, durch mich hindurch in die Zukunft hinein.

Zurück kehrt mein Geist auf den Hügel von Cholula, wandert zwischen den bunt bemalten Häusern zu den feurig roten Blüten auf den kahlen Ästen des Korallen-Baums, ins Innere der Pyramide, versucht, das Leben, Denken und Fühlen der Menschen zu erahnen, die hier den Göttern gehuldigt haben, gegeneinander gekämpft und gesiegt haben, verraten, besiegt und ausgelöscht worden waren. Der immer noch aktive Popo, wie er liebevoll von den Einheimischen genannt wird, zeugt von Zeiten, in denen es noch keine Menschen, keine Tiere und keine Pflanzen gab. Vor gerade erst einer Woche ist er wieder ausgebrochen und hat für ein ungewöhnliches Erkalten des Klimas gesorgt, die Menschen sind immer noch in Alarmbereitschaft, sie leben mit ihm in einer Art symbiotischer Verbundenheit, horchend auf seine trügerische Stille wie auf sein Rumoren, das man unter den Füßen spürt, wenn er Funken, Feuer und Asche sprüht – was er in regelmäßigen Abständen immer noch tut. 

Den Abend lassen wir im Künstlerviertel von Puebla, in dem farbenprächtig bemalte Keramiktöpfe, -teller, -butterdosen, -vasen und -totenköpfe im Talaverastil ausgestellt und verkauft werden, Maler vor ihren Staffeleien sitzen und Gitarrenmusik aus den vielen Bars und Nachtlokalen dringt, bei feinem Tequila mit Salz und Limonen ausklingen.

Wir haben noch lange nicht alle Pyramiden gesehen, obwohl wir bei unserem ersten Besuch an die zwanzig verschiedene Stätten besucht haben. Jede ist anders, mal freistehend, auf hohen Plateaus gelegen, verborgen im Urwald, oder wie ein großer Park zu begehen. Cacaxtla und Xochitécatl wurden erst 1970 entdeckt. Hoch in die Berghänge gegraben, von drei Vulkanen umgeben liegen sie zwar nahe beieinander, doch zeugen sie von zwei verschiedenen Kulturen. Ursprünglich beide vor etwa 2000 Jahren von den Olteken errichtet, wurde Cacaxtla etwa 600 PD von den Mayas erobert. Von diesem Kampf zeugen in dieser Form einzigartige, flächendeckende Wandmalereien in intensiven Farben, die aus Kakteen, Blüten und Erden gewonnen und mit einem Kakteensaft- und Eiweißgemisch haltbar gemacht wurden, sodass sie an die 1200 Jahre überdauerten. An den Symbolen ist die Kultur der Maya zu erkennen, unter anderem an den charakteristischen Kopfdeformationen, die an Menschen in hochstehenden Positionen wie zum Beispiel Priestern vorgenommen wurden, um die beiden Gehirnhälften und die Gehirndrüsen einander anzunähern; auf diese Weise sollten sie Hellsichtigkeit erlangen. An den beiden Stätten wurde dem Regengott Tlaloc und dem Fruchtbarkeitskult gehuldigt; um ihn, Tlaloc, günstig zu stimmen, opferte man ihm das Beste, was der Mensch zu bieten hatte – Kleinkinder mit einem Haarwirbel am Kopf – ein Symbol der Fruchtbarkeit. Man hat an die 200 Skelette gefunden.

Beim Besteigen der Pyramide verletzt sich Herbert, eine kleine aber tiefe Wunde, unter seinem Hosenbein sickert Blut hervor – als würde Tlaloc heute noch sein Blutopfer fordern! Und so machen wir Bekanntschaft mit dem mexikanischen Gesundheitswesen. Vor allem eine Tetanusimpfung war wichtig, aber gar nicht so einfach zu bekommen. Erst das dritte Krankenhaus hatte den Impfstoff vorrätig – dafür ging es dann unbürokratisch, kostenfrei und schnell. Die Wunde versorgen konnten sie dort aber nicht – dazu musste Herbert erst in ein ‚medizinisches Zentrum‘ humpeln, und mangels Lokalanästhetikum in ein weiteres, denn die Ärztin hatte, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Wunde warf, entschieden – das muss genäht werden!

Diese ,medizinischen Zentren‘ sind großzügig mitten im Straßengewirr der Städte verteilt und stehen niederschwellig jedem zur Verfügung. Sie sind klein, mit nur einer Ärztin oder Arzt besetzt, die mit den verfügbaren Mitteln um die Erstversorgung bemüht sind. Der ganze Eingriff hat uns knapp 200 Pesos Konsultationsentgelt und 100 Pesos Trinkgeld gekostet, umgerechnet 10 € – doch die arme Bevölkerung kann sich oft nicht einmal diese leisten, und die Krankenversorgung bleibt ihnen nicht selten verwehrt. Wer hingegen Geld hat, hat Zugang zur erstklassigen Behandlung, die von den Amerikanern mit Vorliebe in Anspruch genommen wird.

Erst am  nächsten Tag können wir uns dem Charme des eher unscheinbaren Tlaxcala überlassen und genießen die entspannte Atmosphäre am Zocalo, der uns in mit seinen hohen schattenspendenden Bäumen und den flinken Eichhörnchen, wie sie mit dem Tauben um die Wette nach den Leckerbissen aus den am Baumstamm befestigten Blechdosen fischen, besonders gefällt.

Und schon ruft die Silberstadt Taxco nach uns, die für ihre Silberschmiedekunst weltberühmt ist.

Beeindruckende Landschaften brausen an uns vorbei – rote Erde, ausgetrocknete Flussbetten, windschiefe Indio-Raststätten, echte Westernreiter, riesige Kakteengebilde, steinige Graslandschaften und dunkles, bizarres vulkanisches Gebirge wechseln sich ab mit wie aus dem Nichts auftretenden tiefen Schlaglöchern und riesigen Lastwagenbrummern,  die mit ihren Rundungen und silberglänzenden Verzierungen wie Gesichter anmuten, Pritschenwagen, die so abenteuerlich beladen sind, dass man fürchten muss, unter halbherzig befestigten Möbeln, Blechwänden, Zuckerrohr, halbtoten Hühnern oder Obstbergen begraben zu werden. Zuckerrohrplantagen und hohe Temperaturen verraten, dass wir uns wieder tief in der Ebene nahe der Meereshöhe befinden, Taxco aber liegt hoch oben im Gebirge auf 1800m, zu dem wir uns gleich darauf über Serpentinen hochschwingen und mit grandiosen Talpanoramen belohnt werden. Plötzlich öffnet sich der Blick auf Taxco, die allesamt weiß getünchten Häuser, die etwas Verwittertes an sich haben, wirken wie an die Felswand geklebte Taubennester, durch enge steil ansteigende und abfallende Gassen schlängeln wir uns regelrecht bis zu unserem Hotel durch – ich klebe mit der Nase fast an der Windschutzscheibe, um ja nichts zu versäumen. Hier haben seit Jahrhunderten Minenarbeiter gelebt und gearbeitet und ich meine ihre Gegenwart zu spüren. Es stört mich nicht, dass jedes zweite Geschäft Silberschmuck verkauft, dass durch die verwinkelten Straßen unglaublich viele VW-Käfer-Taxis Einheimische und Touristen auf und ab befördern und in den unwegsamen Kurven reversieren müssen, um sie passieren zu können. Die Stadt lebt von Silberliebhabern und Touristen, aber die Preise sind günstig und die Menschen unaufdringlich. Für Stunden verfalle ich dem Bann des hellen Silberscheins und lasse mich einfach treiben. Der Abend taucht die Stadt in Gold.

Wehmut, Freude und Sehnsucht nach beiden Welten, in denen wir nun schon seit Jahren leben, begleiten uns auf dem Weg zurück – zurück wohin?

Tenacatita bis Mexico City – Saisonschluss
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zurück nach Mazatlan, Bootsarbeiten

Um diese Jahreszeit gibt es an der mexikanischen Pazifik-Küste überwiegend Nordwind. Er weht normalerweise genau so stark, dass er für ein komfortables Vorwind-Segeln zu schwach ist (Schaukelei am Weg nach Süden) und wenn man nach Norden zurück möchte, dann reicht er aus, um die Strecke gegen Wind und Welle richtig unangenehm zu machen. Dieser Teil Mexikos ist kein Revier für Segler die ohne Diesel auskommen wollen.  Maximal ein Drittel der Strecke schaffen wir es ohne Motor-Unterstützung, meistens läuft die Maschine mit geringer Drehzahl mit und hilft den Segeln.

Die Bosheit des Universums sorgt dafür, dass der Wind genau dann, wenn wir zurück nach Norden müssen, stärker wird und wir ohne „ein Wetterfenster“ festsitzen. Ungefähr alle zwei Wochen gibt es vom Tehuantepec herauf eine Front, die an der Küste für ein bis zwei Tage für einen Windwechsel sorgt, und eine solche nutzen wir aus. Die 300 Seemeilen nach Mazatlan fahren wir in einem durch und kommen vor der Rückkehr des  Nordwinds wohlbehalten in der Marina an.  

Wir starten sofort die Arbeiten zum „Einsommern“ um noch etwas Zeit für einen Landurlaub ins Hochland von Mexiko zu haben. Drei intensive Tage brauchen wir, um unsere Checkliste abzuarbeiten, dabei haben wir schon viel Routine und sind – im Vergleich zu früher – richtig schnell.

Für die Lagerperiode putzen wir die KALI MERA innen und außen, die Essens-Vorräte schenken wir her, an Lebensmitteln bleiben nur lang haltende Konservendosen an Board, Textilien kommen zur Wäscherei, und die ganze Technik wird serviciert.  

Kaum sind die letzten Handgriffe erledigt, sitzen wir auch schon im Taxi zum Flughafen, bevor wir wieder zurück in den Winter müssen haben wir zum Akklimatisieren noch einige Tage im Hochland von Mexiko vor uns (Tadeja wird dazu im letzten Blog-Beitrag dieser Saison berichten…).

Gut Fünf Wochen haben wir am Boot verbracht, es war eine wunderbare Zeit am Wasser, der Aufwand dafür ist aber auch enorm. Die KALI MERA aus dem Sommerschlaf wecken, alles herrichten, Reparaturen, Wartungsarbeiten, und wieder fürs Lager bereit machen, es gehört eine große Portion Liebe zum Schiff und diesem Lebensstil dazu, um sich das alles anzutun.

Als ich – vor vielen Jahren – mit der Idee einer langen Segelreise schwanger wurde, jedes mir in die Hände gefallene Buch über Weltumsegelungen gelesen und die Reiseblogs der Weltumsegler sehnsüchtig verfolgt habe, da bin ich mehrfach auf den Satz „Weltumsegeln heißt, sein Boot an den schönsten Plätzen der Welt zu reparieren“ gestoßen. 

Gottseidank macht es mir Freude am Boot herumzubasteln, Verbesserungen einzubauen, die Ausstattung zu optimieren, und im Laufe der Zeit hat sich auch so einiges an Boots-Know-How angesammelt um so gut wie alles selbst machen zu können. 

Diese Form des Reisens ist oft anstrengend und manchmal sogar ziemlich ungemütlich, es ist ein gelebter Traum, aber dieser hat seinen Preis. Die KALI MERA ist eine anspruchsvolle Geliebte, sie fordert und ist alles andere als bescheiden, und sie rächt sich, wenn sie vernachlässigt wird, man kann sie nicht einfach auf die Seite stellen wie ein Auto, sie benötigt kontinuierliche Aufmerksamkeit. Lebt man ganzjährig am Boot, dann ist es einfacher, weniger komprimiert, es ist dann mehr Zeit verfügbar um sich ihr gebührend zu widmen.  Eigentlich wollte ich hier auch noch auflisten,  was so an typischen Service-Arbeiten zu tun sind, aber Tadeja hat mir klar gemacht, dass das niemanden interessiert. Ich habs dann trotzdem geschrieben, aber hier abgelegt.

Ein Segelboot, auch wenn von einer Serie mehrere 1000 Stück gebaut werden, ist immer ein Prototyp, ist nie vergleichbar mit einem Auto, von dem Millionen an Einheiten gebaut werden und bei dem Kinderkrankheiten schon längst behoben sind, wenn es auf den Markt kommt. Boote sind unglaublich wartungsintensiv, und das liegt nicht nur am Salzwasser, jedes Boot hat seine Besonderheiten, hat etwas andere Komponenten, nur Baunummern, die unmittelbar aufeinander folgen, sind einigermaßen gleich. Unsere Amel Santorin mit der Baunummer 120, ein ausgereiftes Exemplar seiner Gattung, ca 150 wurden insgesamt gebaut, glänzt durch außerordentlich hohe Verarbeitungsqualität, und dennoch muss man ihre ganz besonderen Eigenheiten und Vorlieben erst einmal verstehen, um sie bei Stimmung halten zu können.  Im Gegenzug bekommt man die gute Pflege dann auch wieder abgegolten, durch Zuverlässigkeit bei unangenehmen Bedingungen, durch Sicherheit in sonst brenzligen Situationen, durch Komfort der uns das Leben auf so engem Raum oft leichter macht. 

Wer sich – wie wir das getan haben – auf das Abenteuer Blauwassersegeln einlässt, der muss damit rechnen, dass die Sonne nicht immer scheint, die Bilder aus den Segelmagazinen nur einen Teil der Wirklichkeit darstellen, der muss sich mit der Technik beschäftigen können und wollen, darf weder vor der Mechanik, den Motoren oder der Elektronik zuviel Scheu haben und muss sich hier selbst zu helfen wissen, mit Boardmitteln, weil die Dinge dazu neigen, vor allem dann nicht mehr zu funktionieren, wenn man irgendwo im Nirgendwo ist.

Wir haben durch dieses Abenteuer viel gelernt, nicht nur „Technik“, auch Selbstvertrauen und Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Optimismus, Vertrauen darauf, dass wir mit jeder Situation zurechtkommen, auch wenn man keinen Pannendienst rufen kann.  Es war eine Investition in uns selbst, keine Vergnügungsfahrt, sondern ein Weg zu einem neuen Lebenstil, ein Weg, bei dem wir bisher keinen Schritt bereut haben. 

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La Cruz nach Tenacatita

Logbuch-Auszüge:

La Cruz: rolliger Ankerplatz vor der Luxus-Marina, ehemaliger Fischerort, viele nette Lokale, gute Tacos. Marina Restaurant hervorragend (mit Sylvestermenü getestet).  Fest in amerikanischer Hand, überall Gringos.

  • Abenteuer: Fahrt mit dem lokalen Bus nach Puerto Vallarta.
  • Reinfall: Überteuerter Tauchausflug auf die Isla Marietas, einem Naturschutzgebiet mit fader grauer Unterwasserwelt.
  • Gefallen hat uns: entspannte Atmosphäre, gutes günstiges Essen, super Dinghi Dock.

Puerto Vallarta: Touristen und LGBT Hotspot Mexikos, Unmenge an Lokalen, Gringos wohin man auch immer schaut, Bankomate spucken hier Dollars statt Pesos aus. Zwei Besuche reichen uns, genug Tourismus für die nächsten Wochen. Pro: wunderbares Weihnachtsessen am Heiligen Abend.

Tenecatita: Paradies, schönster Ankerplatz der Westküste. Hier hält man es wochenlang aus. Türkises klares Wasser, ruhig, tolles Schnorchelrevier (ein Ankerplatz hat den passenden Namen „Aquarium“). Palapas am Strand, Mangroven-Dschungel-Tour mit dem Dinghi, Einfahrt in den Fluss vom Ankerplatz aus.   Treffen hier alte Bekannte, Lagerfeuer am Strand, Besuch einer Mescal-Distillery (Hicks).  Wollen nicht mehr weg, müssen dummerweise aber wieder zurück zur Arbeit. Verschieben die Rückfahrt nach Norden mit dem Scheinargument „Wetterfenster“.

Gefallen hat uns: alles!

La Manzanilla: netter sauberer Ort gegenüber von Tenecatita, mit dem Dinghi Full-Speed in 15 Minuten erreichbar. Ideal zum Frühstücken, Einkaufen, Müll entsorgen, bummeln.

Banderas Bay nach Tenacatita
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